Die Stadt : Ein Muslim für Rotterdam

15 Jahre alt war Ahmed Aboutaleb, als er aus Marokko in die Niederlande kam. Heute ist er der erste muslimische Bürgermeister einer westeuropäischen Großstadt. Ein Porträt

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Sein Vater war Imam, in Marokko, in einem kleinen Dorf im Rif-Gebirge. Eine angesehene Position. Das Geld reichte trotzdem nicht. Also wanderte der Vater aus, um Geld zu verdienen. Er ging nach Algerien, nach Frankreich, nach Holland. Hier machte der Imam den Dreck der Einheimischen weg. Er arbeitete tagsüber, er arbeitete nachts und oft auch am Wochenende. Als die Großmutter in Marokko starb, holte er Frau und Kinder nach. Ahmed Aboutaleb, der Sohn, war 15 Jahre alt, als er in Den Haag aus dem Zug stieg. Das war 1976. Er hatte nichts, kein Geld, er konnte kein Holländisch, nicht mal Fahrrad fahren.

Heute empfängt Ahmed Aboutaleb, der Sohn des Imam, in einem gediegenen Büro im ehrwürdigsten Gebäude in Rotterdam. An den Wänden hängen Ölgemälde, im Erker steht eine Büste der Königin. Seit eineinhalb Jahren ist Ahmed Aboutaleb Bürgermeister von Rotterdam, der erste aus einer Einwandererfamilie und der erste Muslim in einem solchen Amt in ganz Westeuropa. Rotterdam hat 600 000 Einwohner. Jeder zweite hat ausländische Wurzeln, 2017 werden es zwei Drittel sein. Auch Berlin und andere Großstädte entwickeln sich in diese Richtung. In Niedersachsen wurde vor drei Wochen zum ersten Mal eine türkischstämmige Frau Ministerin, Aygül Özkan. Rotterdam ist deshalb mehr als Rotterdam. Rotterdam ist ein Labor für das neue Europa.

Ahmed Aboutaleb, 49 Jahre alt, nicht sehr groß, nicht ganz schlank, eilt die Rathausflure entlang. Ein Mitarbeiter reicht eine Tasse Kaffee, Aboutaleb setzt sich im weitläufigen Büro in die Sitzecke aus grauem Wildleder. Dieser Mann, der in einer Generation Grenzen überwunden hat, die andere Familien nicht in 100 Jahren überwinden, spricht ohne Scheu darüber, wie das war am Anfang mit ihm und Holland. Seine Stimme wird weich, er hat demütigende Erfahrungen gemacht. Gleichzeitig sind diese Erfahrungen sein Kapital. Sie haben ihn empfindsam werden lassen für das Leid anderer.

Holland war für ihn zuerst einmal: Kälte. „Ich habe viel geweint damals“, sagt Ahmed Aboutaleb, auch weil er schwer ertragen konnte, wie sein Vater litt mit seinen zwei, drei Jobs. „Ich wollte unbedingt raus aus dieser elenden Lage.“ Tagsüber jobbte er, abends lernte er Holländisch, besuchte nicht nur einen Kurs, sondern mehrere gleichzeitig. Er hatte keine Zeit zu verlieren, wollte den Schulabschluss nachholen, aber sein Vater sagte: „Tut mir leid, ich kann dir das nicht bezahlen.“ Das sei ein dramatisches Gespräch gewesen, Ahmed Aboutaleb setzt sich auf die Sesselkante und wiederholt: „Tut mir leid, ich kann dir das nicht bezahlen!“ Der Satz klingt ihm heute noch in den Ohren. Er wollte es schaffen, unbedingt. Er arbeitete, ging auf die Schule, man entdeckte seine mathematische Begabung, er wurde Ingenieur, Journalist, Ministeriumssprecher, Schuldezernent. Ging für die sozialdemokratische Arbeitspartei (PvdA) in die Politik und wurde Staatssekretär für Soziales. Und als der langjährige Rotterdamer Bürgermeister 2008 aufhörte, bewarb sich Ahmed Aboutaleb um das Amt.

Draußen vor dem Rathaus kreischen Möwen. Der Hafen ist nicht weit. Und auch nicht der Binnenweg, die längste Straße Rotterdams. Läuft man ihn vom Anfang bis zum Ende, merkt man, wie gespalten die Stadt ist. Hier im Stadtzentrum, wo die Straße „Oude“, „Alter“ Binnenweg heißt, bieten Schreibwarengeschäfte Montblanc-Füller an und Juweliere teure Uhren. Hier kaufen die alteingesessenen Holländer ein, die sie hier „Weiße“ nennen. Die meisten von ihnen haben Arbeit, gehören zur Mittelschicht. Weiter Richtung Westen, über Grachten hinweg, wird der „Oude“ zum „Nieuwe“ Binnenweg. Hier heißen die Frisörläden „Afro Queen“, nebenan gibt es Falafel, Kebap und Shisha-Pfeifen, die brasilianische Cocktail-Bar reiht sich an die Halal-Metzgerei, das Curry House an Telefonshops, in denen man billig in die Welt telefonieren kann. Etliche Läden stehen leer. „Weißen“ Holländern begegnet man hier kaum, wohl aber vielen „Schwarzen“. Das sind die neuen Holländer, sie stammen aus Marokko, der Türkei, aus Surinam, von den Antillen und den Kapverden. Sie haben überdurchschnittlich häufig keine oder schlechte Schulabschlüsse und wenig Chancen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Als Ahmed Aboutaleb Bürgermeister wurde, waren viele misstrauisch. Vier Jahre zuvor hatte ein fanatischer Muslim den Filmemacher Theo van Gogh getötet. Hatte man nicht genug von Muslimen? Und dann noch ein Marokkaner, ausgerechnet einer von denen, die die meisten Probleme machen! „Leefbar Rotterdam“, die Partei des 2002 ermordeten Rechtspopulisten Pim Fortuyn, überreichte ihm bei seiner Amtseinführung einen Umschlag, adressiert an den marokkanischen König. Aboutaleb solle erst mal seine Loyalität zu den Niederlanden beweisen und seinen marokkanischen Pass zurückschicken. Dass er niederländischer Staatsbürger ist, reichte nicht.

Doch auch unter den Einwanderern gab es Skeptiker. Nach der Ermordung van Goghs hatte Aboutaleb ihnen zugerufen: „Wer die Werte einer offenen Gesellschaft wie der niederländischen nicht teilt, täte gut daran, daraus die Konsequenzen zu ziehen und fortzugehen.“ Das ist keiner mehr von uns, hieß es danach.

Sein erstes Amtsjahr war hart. Den Rechten ist er nicht rechts genug, den Linken nicht links genug, den Muslimen nicht muslimisch genug. Dann war da diese Party von Hooligans, nachts am Strand, die völlig aus dem Ruder lief. Die Polizei erschoss einen Jugendlichen, während der Bürgermeister, für die Sicherheit zuständig, schlief. Aboutaleb wusste nicht, dass die Randale angekündigt war. Fast wäre seine Zeit als Bürgermeister zu Ende gewesen. Er setzte eine Untersuchungskommission ein, bat um Verzeihung. Fast hätte er aufgegeben, sagt jemand, der ihn lange kennt.

Ahmed Aboutaleb will Vertrauen schaffen, er will sie zusammenbringen, die Weißen und die Schwarzen, die Menschen vom alten und vom neuen Binnenweg. Damit sie sich nicht abschotten in Misstrauen und Hass. „Schauen Sie, beide Seiten haben ja die gleichen Ängste“, sagt Aboutaleb in seinem Wildledersessel im Rathausbüro. „Die Angst, ihre Identität zu verlieren.“ Die alteingesessenen Niederländer fragten sich, ob das noch ihre Stadt ist, mit den vielen Ausländern. Manche Viertel haben sich dramatisch verändert; die Kirche ist jetzt ein Kaufhaus oder eine Moschee. „Das macht Angst, das darf man nicht abtun, von wegen: So ist der Lauf der Welt“, sagt Aboutaleb. „Da hat meine Partei, da haben die Sozialdemokraten nicht genügend angemessene Antworten in den 80er und 90er Jahren gegeben.“

Aboutaleb weiß aber auch, wie hart es ist, sich auf ein neues Land einzulassen. Er weiß, dass es unter den Neuankömmlingen welche gibt, die das Ankommen verhindern wollen. So sei das mit den jüdischen Einwanderern im 16. Jahrhundert gewesen, als die Rabbis nicht wollten, dass sich die Leute von der Synagoge entfernen, weil sie Angst um ihren Einfluss hatten. So sei es jetzt mit den Muslimen. So ist es letztlich – das sagt Aboutaleb aber nicht – auch bei den Rechtspopulisten, die mit der Angst erfolgreich Politik machen. Aboutaleb fragt: „Ist unsere Gesellschaft eine Geisel der Angst?“ Er will die Debatte eröffnen: Wer hat Angst vor wem und warum? „Wenn man Spannung zwischen zwei Polen abbauen will“, sagt er, „braucht man ein Kabel.“ Das habe er im ersten Semester gelernt. Er will dieses Kabel finden, will eine neue Dynamik entfachen, will Rotterdam wieder zu einem Motor des Aufstiegs machen, wo jeder zeigen kann, was in ihm steckt, unabhängig von der Herkunft. So wie er selbst.

Ahmed Aboutaleb ist Bürgermeister von Rotterdam.
Ahmed Aboutaleb ist Bürgermeister von Rotterdam.Foto: Doomernik/Hollandse Hoogte/laif

Geht man die Rathausstraße ein Stück weiter, kommt man auf die Erasmusbrücke. Sie führt über die Maas auf die südliche Seite Rotterdams und trennt Reich von Arm. Dort auf der Rückseite der ehemaligen Docks reihen sich enge rote Backsteinhäuser aneinander. Die Stadt hat sich die Sanierung der Viertel viel kosten lassen, ganze Straßenzüge wurden abgerissen, um neue Spielplätze und Grünflächen anzulegen. Die Mieten sind billig geblieben, 100, 200 Euro für drei Zimmer. Wer Arbeit und Einkommen hat und hierherzieht, muss weniger Steuern zahlen. So will man die Mittelschicht locken, damit sich die Viertel mischen und nicht nur die sozial Schwachen hier leben, die Einwanderer. Früher kamen sie aus dem Süden Hollands und schufteten im Hafen, er war der wichtigste der Welt. Rotterdam ist immer noch wichtig, auch wenn jetzt Schanghai, Singapur, Dubai vorne liegen. Aber um Containerschiffe zu beladen, muss man Computeranlagen bedienen. Die wenigsten, die heute in der Hafengegend wohnen, können das.

„Früher lebten die Rotterdamer vom Hafen“, sagt Paul van de Laar, „heute ist der Hafen abgekoppelt von der Stadt.“ Er ist Professor für Stadtentwicklung und Direktor des Historischen Museums. „Die Millionen, die mit den riesigen Terminals und Frachtschiffen erwirtschaftet werden, kommen den globalen Finanzeliten zugute, nicht den Einwohnern.“ Aus der Hafen- und Arbeiterstadt Rotterdam sei eine „Stadt des Zweifels“ geworden, eine Stadt, die nicht mehr wisse, was sie sei. „Wir brauchen ein neues soziales Konzept, einen neuen Arbeitsmarkt, neue Branchen“, sagt van de Laar. Und dass Ahmed Aboutaleb das Beste sei, was Rotterdam passieren konnte, einer von außen, der die sozialen und ethnischen Probleme angehe, eine Vision habe. Endlich einer, der nicht nur auf den Hafen starre.

Aboutalebs Lebensthema ist Bildung, auch politisch. „Jeder hat ein Talent, also leg los, statt zu jammern“, sagt Aboutaleb, seine Stimme ist nun nicht mehr so weich wie vorhin. Ein Sechstel der Rotterdamer ist jünger als 25, die meisten stammen aus Einwandererfamilien. „Sie werden die Zukunft sein. Sie werden die Politiker stellen, die Mathematiker, die Polizisten. Also erzähl mir nicht, du seist ein Opfer!“ Das schärft er den Jugendlichen ein, wo immer er sie trifft, in Schulen, im Fußballclub, in Moscheen. Es müsse nicht jeder Terminalanlagen bedienen, es würden auch Klempner gebraucht. „Ich will von jedem einen Beitrag, sei er noch so klein.“

Wer sich nicht bewegen will, dem wird nachgeholfen. Eltern von Schulschwänzern wird das Kindergeld gestrichen. Wer zwischen 18 und 27 Jahren alt ist, keinen Ausbildungs-, Studien- oder Arbeitsplatz hat, muss den Job annehmen, den ihm das Arbeitsamt anbietet. Auch wenn es Straßenkehren ist. Wer sich weigert, verliert den Anspruch auf Arbeitslosengeld. „Keiner muss den Anfangsjob ewig machen. Jeder kann aufsteigen, wenn er sich anstrengt“, sagt Aboutaleb. Auch das Arbeitsamt hat Druck und muss dem Arbeitslosen innerhalb von acht Wochen einen Job besorgen. Sonst muss es zahlen, was dann eine Strafe ist für die Stadt. So haben sie in fünf Jahren die Arbeitslosenzahlen von 50 000 auf 40 000 gedrückt. „Ich bin sehr glücklich mit diesem Gesetz“, sagt der Bürgermeister, der kein religiöser Führer ist wie sein Vater, sondern ein weltlicher Macher. Der lenken und gestalten will, pragmatisch und, wenn nötig, mit Härte. Nun muss er los, mit einem Blick streift er den Fernsehbildschirm neben seinem Schreibtisch, auf dem die Nachrichten zu sehen sind. Dann eilt er wieder die Rathausflure entlang.

Ende des Jahres wollen Marokkaner im Süden der Stadt eine Moschee einweihen, es soll die größte Europas werden. Anfangs wehrten sich die Nachbarn gegen den Bau, mittlerweile ist die Sorge größer, dass das Gebäude ewig im halbfertigen Zustand bleibt und Zäune das Gelände verschandeln. Angst ist Pragmatismus gewichen. Auch in den Moscheen selbst ist Pragmatismus zu Hause. Hier wird nicht gejammert. Yusuf Duran, 44, von der türkischen Aya-Sofya-Moschee, die in einem Hinterhof liegt, gefallen die Ansagen des Bürgermeisters. Dass sie von ihm nicht die Lösung ihrer Probleme zu erwarten hätten, nur weil er auch Muslim sei. Jeder müsse seine Probleme selbst lösen. „Aboutaleb ist pragmatisch, er macht einen ehrlichen Eindruck“, sagt Duran.

Aboutaleb möchte auch auf keinen Fall als „muslimischer“ Bürgermeister gelten. Er will für alle da sein. Er streitet nicht für den Islam, und wenn es um ein Burka-Verbot geht, hat er die gleiche Haltung wie andere Politiker: Beim Autofahren, im Gericht, in der Schule, überall da, wo es wichtig ist, dass man das Gesicht sieht, ist kein Platz für eine Burka. Ansonsten ist sie Privatsache, wie Religion überhaupt. „Aber Frauen, die sich für die Burka entscheiden, haben es schwerer, Arbeit zu finden. Sie sollten dann nicht automatisch finanzielle Unterstützung vom Staat erwarten. Die Burka zu tragen, ist schließlich ihre private Entscheidung.“

Freitagnachmittag, Ahmed Aboutaleb tritt auf einem roten Damenrad kräftig in die Pedale. Im Juli beginnt die Tour de France in Rotterdam, hinter ihm radeln ein paar Dutzend Jungs und Mädchen von örtlichen Radsportclubs. Sie rufen ihn „Appie“, die holländische Abkürzung für Namen wie Albert, Albrecht. Es ist ihre Form, Aboutaleb einzugemeinden. Der Bürgermeister wirkt gelöst, macht Witze. „Das erste Jahr hat er gebraucht, um im Amt anzukommen“, sagt ein Journalist, „jetzt kann er loslegen.“ Ahmed Aboutaleb ist ehrgeizig, er will etwas bewirken. Er war immer der Erste bei allem. Der Erste muss kämpfen können, mehr als die, die nachkommen. Das tut auch weh. „Wer die gläserne Decke durchstößt, verletzt sich“, sagt er.

Aber manchmal will er einfach nur so sein wie die anderen. Sich nicht auf Berater und Experten verlassen, sondern selbst erleben, wie es ist da draußen, wie es sich anfühlt, nachts in Rotterdam unterwegs zu sein. Wird man schief angeguckt mit braunen Augen und schwarzen Haaren? Ist es sicher auf den Straßen? Freitagabends zieht Ahmed Aboutaleb, der Bürgermeister, dann manchmal den Anzug aus und eine Jeans an und geht in die Nacht hinaus. Inkognito.

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