Die Stadt : Es geht wieder bergauf

Berlin hat große Parks, viel Wasser, coole Clubs. Nur eines fehlt: ein richtig hoher Gipfel. Aber auch der ist schon in Planung.

Sebastian Leber
Tempelhof
Der Berg in Tempelhof.Illustration: Jakob Tigges, Malte Kloes

Überraschen ihn die Anrufe, die Mails, die Glückwünsche von Fremden? „Naja“, sagt Jakob Tigges. „Diese Sehnsucht steckt halt in vielen von uns.“ Und: „Es ist schwer, den Berg nicht gut zu finden.“

Über tausend Meter soll er hoch sein. 1071 ganz genau. Er hat zwei Spitzen, den Rosinengipfel im Osten und den etwas flacheren Bombergipfel, auf dem kann man wandern, im Winter Ski fahren. Platz für Almhütten ist auch. Und für wilde Bergziegen.

Jakob Tigges will etwas Großes schaffen: einen Berg mitten in Berlin, auf dem Gelände des stillgelegten Flughafens Tempelhof. Mehr als 300 Hektar liegen dort brach, seit Ende Oktober die letzte Maschine abhob. Der Terminal an der Nordwestseite kann ruhig stehen bleiben, findet Tigges. Die Seilbahn brauche schließlich eine Talstation.

Erzählt er einem Bekannten von seiner Idee, gibt es zwei mögliche Reaktionen. Die einen sind sofort begeistert, die anderen denken: Wie bitte soll das denn gehen? Tigges ist 36 und Architekt, er arbeitet an der TU und leitet ein Architekturbüro in Mitte. Modelle von Wohnungen stehen dort rum, auch ein kleiner Berg, den Tigges aus Knete modelliert hat, um die perfekte Form zu finden. Seine Idee kam ihm, als er ein Luftbild vom Flughafen sah und dachte: Da könnte man jetzt viel Unsinn hinbauen – oder einen Berg! Wenn Berlin etwas fehle, dann sei das ja wohl eine ordentliche Erhebung. Jakob Tigges kann das beurteilen. Er kommt aus Wuppertal im Bergischen Land.

Er hat seine Idee eingereicht, beim Senatswettbewerb für die Bebauung des nördlichen Flugfeldes. Von 80 Beiträgen kam Tigges’ unter die besten 16, dann stellte die Jury fest, dass der Berg alle „gängigen Vorstellungen von Maßstäblichkeiten in Berlin“ sprenge. „Eine konkrete Umsetzung dieser Idee ist nicht möglich“, hieß es.

The Berg - ein Riese für Tempelhof
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1 von 15Illustration: Jakob Tigges, Malte Kloes
18.04.2011 06:46Mitten auf dem Flugfeld des stillgelegten Flughafens Tempelhof soll der Eintausender stehen, den die Anhänger des Projekts "The...


Unterhält man sich mit Tigges in seinem Büro, wird schnell klar, dass sich der Fall damit noch nicht erledigt hat. Der Architekt erklärt, dass sein Wettbewerbsbeitrag ein subversiver Protest war – gegen die Einfältigkeit des Senats, der das Gelände kleinteilig zubauen wolle, ohne eine wirkliche Idee zu haben. „Aber daraus ist jetzt eine Art Bewegung entstanden, deren Dynamik mich staunen lässt“, sagt er. Eine Bewegung von Menschen, die spüren: Berlin hat diesen Berg verdient. Bloß 1,6 Milliarden Kubikmeter Erde müsse man aufschütten, hat der niederländische Architekt Michiel van Raaij berechnet. Das sei machbar, nur eine Frage der Logistik. Die Bergfans finden sich im Internet, auf www.the-berg.de und in zig anderen Blogs und Foren.

Da ist etwa Moritz Schieder, ein promovierter Physiker. Er hat herausgefunden, dass man Tigges’ Berg bei klarem Himmel noch aus 112 Kilometer Entfernung erkennen könnte, also noch jenseits der polnischen Grenze, in Rzepin, Chojna, Radostow. Weiter nicht, das habe mit der Erdkrümmung zu tun. Sollte der Berg gebaut werden, will Schieder bei der Planung helfen. Und Anwohner über „mögliche Nebeneffekte aufklären“.

Zum Beispiel den Schattenwurf. Der variiert je nach Jahres- und Tageszeit: Im Juni spendet der Berg zwischen 10 und 16 Uhr gar keinen Schatten, weil die Sonne hoch genug am Himmel steht, hat Moritz Schieder berechnet. Selbst am späten Nachmittag verdunkle er nur die ersten 350 Meter des angrenzenden Neuköllner Schillerkiezes. Ungünstiger sei es im Winter: Kurz vor Weihnachten reiche der Schatten mittags gut 2,7 Kilometer weit bis in die Friedrichstraße, Höhe Checkpoint Charlie. Aber daran werde man sich gewöhnen, glaubt Schieder. „In Manhattan ist auch überall Schatten.“

Zweifler befürchteten zunächst, die Grundfläche des Flughafens reiche womöglich nicht aus für einen Berg dieser Dimension. Doch dann bekam Tigges den Tipp einer New Yorker Bekannten: Schau dir mal Kapstadt an! Dort steht der Devil’s Peak, zu Deutsch Teufelsgipfel. 1002 Meter ist er hoch, und von der Fläche würde er nach Tempelhof passen.

Der Devil’s Peak ist aus massivem Fels. Aber woraus soll der Berliner Berg bestehen? Michiel van Raaij, der Architekt aus den Niederlanden, schlägt vor, massenhaft Müll und Trümmer zu verwenden – so entstanden schließlich auch die anderen künstlichen Berge Berlins. Die sind jedoch deutlich niedriger, der Teufelsberg misst bloß 114,70 Meter. Jämmerlich.

Genug Material gäbe es: 280 Millionen Tonnen Bauschutt fallen in Deutschland jedes Jahr an. In fünfeinhalb Jahren hätte Berlin seinen Berg. Problematisch wäre allein der Transport: Setzt man Lastwagen mit der üblichen Kapazität von 20 Tonnen ein und beachtet man das Sonntagsfahrverbot, wären 47 000 Fahrten pro Tag nötig. Rückwege nicht mitgezählt. Die Strecken müssten also sehr kurz sein, sagt Physiker Moritz Schieder. Deshalb solle man nicht den Schutt aus dem ganzen Bundesgebiet sammeln, sondern Erde aus unmittelbarer Nähe. Die nächstgelegene größere Fläche ohne Bebauung ist der Grunewald, gerade elf Kilometer entfernt. Aber man müsse „auch realistisch bleiben“, sagt Schieder. Ein Abtragen des Grunewalds sei politisch kaum durchsetzbar.

Wahrscheinlicher sei es, die Erde im südlichen Umland zu gewinnen, möglichst direkt an der A13. Ein anderer Bergfan hat bereits ein geeignetes Areal ausgemacht: mehrere freie Felder nördlich von Mittenwalde, nur 30 Kilometer von Tempelhof entfernt. Dort könne man mit Schaufelradbaggern tiefe Löcher graben. „Hinterher werden die geflutet, bis ein riesiger See entsteht“, schlägt er vor. „Davon profitieren auch die umliegenden Ortschaften.“ Ob der Plan mehrheitsfähig ist?

Anruf beim Bürgermeister von Mittenwalde. Uwe Pfeiffer (CDU) ist nicht begeistert. „Wir haben genügend Seen“, sagt er. Zwar keinen so großen, aber trotzdem. Auch das Argument, die Abbau- und Flutungskosten würden ausschließlich den Berliner Landeshaushalt belasten, stimmt Pfeiffer nicht um.

Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit. Vor kurzem hat sich bei Jakob Tigges der Chef eines Ingenieurbüros gemeldet. Der Mann behauptet, es sei möglich, das benötigte Schüttmaterial zum Flughafen zu transportieren. Nicht mit Lkws, sondern mit speziell angefertigten Förderbändern. Die sind nur 1,80 Meter breit, können aber 12 000 Tonnen pro Stunde bewegen. Bei der Aufschüttung müssten an den steilen Stellen Stützwände aus Stahlbeton errichtet werden, gesichert mit Widerhaken im Berginneren, damit es keinen Hangabrutsch gibt. Mehr Details will der Ingenieur nicht verraten. Doch er sagt auch: Sollte es zum Bau kommen, bewerbe er sich gemeinsam mit einem Industriekonsortium um die Umsetzung.

Der Ingenieur hat Zweifel, ob sich Berlin den Bau leisten kann. Rund fünf Milliarden Euro würde eine Aufschüttung nämlich kosten. Vielleicht auch nur viereinhalb. Ein weiterer Punkt, den es vorher zu klären gelte: ob der Boden den Druck eines Berges aushalte. Er empfiehlt Probebohrungen in bis zu 400 Meter Tiefe.

Entwarnung gibt einer, der es wissen muss. Hubert Quick ist Diplomingenieur aus Darmstadt, er erstellt weltweit Gutachten über die Beschaffenheit von Böden und die Stabilität möglicher Bauten. In Berlin hat Quick damals errechnet, wie viele Pfähle und Platten am Potsdamer Platz in den Boden müssen, bevor das Sony Center gebaut werden kann. Der Boden unter Tempelhof würde den Berg aushalten, sagt Quick. Und das Sand- Kies-Gemisch im Umland eigne sich hervorragend, um es abzutragen, in Berlin lagenweise aufzuschütten und mit Planierraupen platt zu drücken. „Verdichten“ heißt das in der Fachsprache. Quick weiß von Plänen für ein ähnliches Vorhaben auf der arabischen Halbinsel, um den lokalen Niederschlag zu erhöhen. Der dortige Berg soll doppelt so hoch werden wie der von Tigges.

Hubert Quick ist sich sicher: Der Bau wäre eine Bereicherung für Berlin. Nur auf die hohe Spitze würde er verzichten. Ihm schwebt eine Hochebene vor, auf der man spazieren, picknicken, grillen könnte. „Eine Begegnungsstätte.“ Das verbrauche aber viel Fläche, die dann für die Steigung fehle. Hubert Quicks Berg hat nur eine Höhe von 300 Metern.

Jakob Tigges stört es nicht, wenn andere seine Pläne kritisieren, Gegenvorschläge machen. „Ich bin da kein Diktator“, sagt er. Sein Berg sei ein „Mitmachprojekt“. Er geht noch weiter: Man müsse den Berg gar nicht unbedingt bauen, um ihn zu besitzen. Die Berliner sollten einfach behaupten, dass es ihn gebe, kaltschnäuzig genug seien sie ja. „Die Hamburger würden vor Neid erblassen.“ In seinem Büro stapeln sich Bilder vom Berg, die wird er verschenken. Einige hängen schon in Cafés und Kneipen. Er plant Postkarten mit Bergmotiv – und Schneekugeln.

Eine wird sich nicht mit Schneekugeln zufriedengeben. Regine Heidorn, IT-Expertin und Wanderin. Sie hat soeben „The Frühtau“ gegründet, einen Wanderverein nur für Tigges’ Berg. Sobald es ihn gibt, will sie oben Touren anbieten, um gemeinsam die Aussicht zu genießen. Das Winzige da unten, das ist der Fernsehturm! Wichtig sei nur, rechtzeitig die Mountainbiker in ihre Schranken zu weisen. Die zeigten sonst zu wenig Respekt vor den Wanderern. Eine andere wichtige Frage, die vorab zu klären sei: Leinenzwang für Hunde – ja oder nein?

Weitere Bilder vom Berg finden Sie in unserer Fotostrecke. Weiteres unter www.the-berg.de.

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