Die Stadt : Gran Torino

Paolo Giordano ist ein italienisches Wunderkind: Abitur machte er mit 100 von 100 Punkten, und neben dem Studium der Physik schrieb er einen Roman, der zum Bestseller wurde. Ein Treffen in seiner Heimatstadt

Panoramablick auf das Zentrum Turins.
Panoramablick auf das Zentrum Turins.Foto: Laif

Klare Strukturen haben Paolo Giordano von Kindesbeinen an fasziniert. Er saß mit sieben Jahren in seinem Kinderzimmer in San Mauro, einem bürgerlichen Vorort von Turin, betrachtete die riesige Weltkarte an der Wand, fuhr die Grenzen mit den Fingern ab und versuchte die Ordnung der Dinge zu verstehen. Daraus ist im Gymnasium eine Liebe erwachsen, die manche Teenager ebenso wie Erwachsene irritiert: die Liebe zur Mathematik. Und aus der Mathematik erwuchs eine klare, beinahe sezierende Sprache – die Voraussetzung für seinen überraschend erfolgreichen Roman „Die Einsamkeit der Primzahlen“.

Zwei Jahre nach Veröffentlichung sitzt der 27-Jährige in einem Café an der Piazza Carlo Emanuele II. in Turin, einem quadratischen Platz mit einem Kreisverkehr als Zentrum, es ist zehn Uhr morgens, der Verkehr knattert über das Kopfsteinpflaster – und Giordano erklärt seine Heimatstadt, die größte Stadt im Piemont. Sie taucht auch in seinem Roman auf, als namenloser Ort in Norditalien, ohne genaue Straßen- oder Platzangaben. Er nennt sie im Gespräch die „vielleicht mitteleuropäischste Stadt Italiens, bürgerlich, reich, grün“. Sie ist eben nicht so grau, wie man sie als Fiat-Metropole in Deutschland assoziiert.

Giordano beschreibt sie so: „Links des Flusses Po die flache Altstadt, rechts der hügelige neue Teil, und drumherum hängen die Berge wie eine Krone über der Stadt.“ Er liebt diese Stadt wie er sonst nur Berlin liebt, das er kennengelernt hat, als seine Schwester vor drei Jahren ein Studienaustauschjahr an der Spree verbrachte – und er glaubt, dass beide Städte etwas gemeinsam haben: die Einwohner sind „strukturiert“. Und dann fügt er hinzu: „Strukturierter als im restlichen Italien.“

Klar und übersichtlich ist auch die Piazza. Sie ist eine Augenweide für Geometriefans (Ein Kreis! Ein Quadrat! Ein Kreis im Quadrat!), ein Spiel mit klaren Linien, wie das gesamte Zentrum, das ein rechtwinkliges Straßennetz besitzt und nicht die verwinkelte Irrgartenstruktur vieler italienischer Städte. Die Häuser am Platz sind meist viergeschossige Bauten aus dem 19. und 20. Jahrhundert, oben hängen Blumenkästen am Fenster, unten warten zwei Bars und ein Zeitungskiosk auf Passanten. Ob es an den exakten Linien liegt, dass Paolo Giordano diesen Ort so schätzt? Er schüttelt den Kopf. „Ich mag den Platz, weil er so zentral ist, aber gleichzeitig abgelegen wirkt“, sagt er. „Gerne würde ich hier wohnen, aber das kann ich mir nicht leisten.“

Das klingt nach Koketterie, wenn man nur den bisherigen Lebenslauf von Giordano und nicht die Immobilienpreise in Turin kennt. Sein Buch war 2008 der meistverkaufte Roman Italiens, über eine Million Exemplare gingen über den Ladentisch. Die Kritiker lobten die Geschichte über zwei Menschen, die nicht so recht zueinanderfinden – und so gewann Giordano im selben Jahr als bisher jüngster Schriftsteller den italienischen Premio Strega (vergleichbar mit dem Deutschen Buchpreis), ein Jahr darauf verkaufte der Blessing-Verlag 70 000 Bücher in der deutschen Übersetzung, und in zwei Wochen, Anfang September, feiert die Verfilmung mit Isabella Rossellini ihre Premiere auf dem Filmfestival in Venedig.

Paolo Giordano schaut auf den Platz, als hätte das wenig mit ihm zu tun. Oder man nimmt an, er schaut darauf, denn er trägt eine eckige Sonnenbrille. Er versteckt sich dahinter, erst später wird er die Brille abnehmen, vielleicht weil die Sonne gar nicht richtig scheint, die grundsätzliche Zurückhaltung legt er nicht ab. Er will kein literarisches Sexsymbol sein, als das ihn manche einheimische Klatschzeitungen hochschreiben, ihn ausfragen, mit wem er den Urlaub verbringt und ob er eine Freundin hat. Ja, hat er, das erzählt er später, in einem anderen Zusammenhang.

Paolo Giordano möchte so sein wie viele junge Torinesi um ihn herum: in Jeans, T-Shirt und leichter Windjacke, mit einem modisch fusselnden Bart und einem leicht schlurfenden Gang, mit einem kleinen viertürigen Auto und einem iPhone. Der an einer Piazza Cappuccino trinkt und die ruckelnde Straßenbahn beobachtet. Bevor er vor zwölf Jahren den Platz entdeckte, musste er eine Schwellenangst überwinden: „vor diesem Ding genannt Stadt“. Paolo Giordano wuchs als Sohn einer Lehrerin und eines Arztes in einem Einfamilienhaus auf, am Nordrand von Turin, „einem Schlafplatz für Städter“. Und das „in den glorreichen 80er Jahren“, wie er sagt, als die Patienten jedes Jahr zu Weihnachten das Haus mit Geschenken überschwemmten – oft Alkoholika, die keiner im Haus gerne trank. „Es passiert noch heute, dass mein Vater in den Keller geht und einen Cognac von 1985 findet.“

Der kleine Paolo träumte sich mit der Weltkarte auf die Chinesische Mauer, aber nicht auf die Via Roma im Zentrum Turins. „Mir gefielen menschenleere Landschaften“, sagt Giordano. „Und ich vermutete, von der Mauer hätte man den besten Blick auf eine majestätische Weite bis zum Horizont.“ Diese Weite fand er nicht in der nahen Stadt. Und so zog es ihn erst dorthin, als er sich ihr nicht mehr verweigern konnte: mit 15 Jahren, als er auf das wissenschaftliche Gymnasium „Gino Segré“ wechselte. Giordano mochte bereits als Teenager keine Überraschungen, nur kalkulierbare Unbekannte. Er bereitete den neuen Schulweg in die Stadt gründlich vor, probierte die neue Busstrecke einige Tage vorher aus. „Ich war eingeschüchtert bei dem Gedanken, allein mit dem Bus zu fahren. Und natürlich verirrte ich mich das erste Mal, weil ich an einer falschen Haltestelle ausgestiegen war.“ Als er doch ankam, war er so froh, dass er sich ein Eis gönnte.

Die ersten Eindrücke schreckten ihn ab, „so viele Straßen und Ablenkungen“, erinnert er sich. Die Struktur fehlte noch, die Ordnung, die er der Stadt aufdrücken konnte. Das gelang ihm, als er Turin nach der Schule erkundete, zu Fuß von den Hügeln des Borgo Po, wo das Gymnasium lag, hinunter zum Fluss, hinüber in die Altstadt, auf die geräumige Piazza Vittorio, die wegen des ovalen Grundrisses an ein antikes Stadion erinnert. Er bewunderte den Palazzo Carignano, für ihn das schönste Bauwerk der Stadt. Nicht weil das erste italienische Parlament 1861 in dem barocken Palast tagte, sondern weil die Fassade in braunem Backstein relativ schlicht wirkte – und die wellenförmige Form ihn faszinierte. Ein paar Blöcke weiter entdeckte er die Symmetrie der Zwillingskirchen Santa Cristina an der Piazza San Carlo, gebaut vom großen Gian Lorenzo Bernini, dem Architekten der Kolonnaden des römischen Petersplatzes.

„Nur die Via Garibaldi blieb mir bis heute fremd“, sagt er. Auf der Shoppingmeile reihen sich Modeketten aneinander. „Das ist genau die Straße, auf der ich enden würde, wenn ich die Stadt nicht kennen und hier das Zentrum vermuten würde.“ Es ist die Straße der Ortsunkundigen, auf der Turiner in der Minderzahl sind. Wenn schon Einkaufsstraße, dann lieber die Via Po, die von der Piazza Vittorio abgeht. Auf seinen jugendlichen Erkundungen fand Giordano hier ein Musikgeschäft, so groß wie ein Wohnzimmer, das CDs an- und verkaufte. „Mit meinem riesengroßen Rucksack ging ich einmal pro Woche nach der Schule in den Laden“, erzählt Giordano. „Ich verkaufte meine Bon-Jovi-CDs und tauschte sie gegen Pearl-Jam-Alben. Das war mein Erwachsenwerden: weg vom seichten Rock, hin zum Soundtrack der gehobenen Depression.“

Zur selben Zeit brodelte die Musikkultur der Stadt. Um 2000 herum entwickelte sich eine Alternativszene, die Einflüsse aus Rock- und Elektromusik vermischte. Die Speerspitze bildete die Band Subsonica, ein Quintett, das landesweit Erfolge feierte und das Image vom verschlafenen Piemont veränderte. Die Geburt des „coolen Turins“ fiel in die Jahre des Übergangs – von Giordanos Gymnasiums- in seine Universitätszeit. Er schloss im Sommer 2001 die Schule mit der Höchstzahl von 100 Punkten ab, schrieb sich an der Universität für Physik ein und holte sich die obligatorische Arci-Tessera, eine Art Vereinsausweis für kleine kulturelle Einrichtungen, mit dem man in Italien Zutritt in viele Bars und Clubs aus dem Studentenmilieu erhält. „Abends trafen wir uns auf der Piazza Vittorio, tranken Bier in einer der Kneipen, dann gingen wir um die Ecke in die Via Murazzi, dort ist ein Studentenclub neben dem anderen – und wir tanzten, tranken, was man als Student eben so macht.“

Heute geht er seltener dorthin, vielleicht lässt er die Clubs an der Murazzi aus, aber bestimmt nicht die Sushi-Bars an der Piazza Vittorio. „Ich weiß, dass ich dort immer Freunde treffe“, sagt er. Paolo Giordano könnte in teuren Restaurants speisen, aber er will nicht. Er wäre so einsam wie die beiden Protagonisten seines Bestsellers, während seine Freunde auf der Piazza palavern.

Überhaupt, das Essen. Für einen Italiener legt er eine geradezu schockierende Ignoranz an den Tag, wenn es um das Thema geht. Hätte er seine Freundin nicht, würde er weiterhin Tiefkühlkost essen. Er erzählt, wie er vor kurzem in das Viertel La Crocetta umgezogen ist, „breite Straßen, begrünt, ein bisschen wie Berlin“. Und dass es unweit seiner Wohnung einen Markt gibt. Dort kauft die Freundin gerne ein. „In meiner Familie hatte Kochen keine Tradition“, sagt Giordano. „Ich bin mit der Idee des Supermarktes und des abgepackten Essens aufgewachsen. Meine Freundin hingegen sucht auf Märkten nach Bioprodukten, besonderen Gemüsesorten. Dank ihr habe ich erst Tomaten für mich entdeckt. Vorher wusste ich gar nicht, wie süß sie schmecken können.“

Giordano schwärmt nun richtig, die Sonnenbrille liegt auf dem Tisch, gleich neben der Cappuccino-Tasse. Er erzählt, dass er kürzlich Brot gegessen habe, frisch gebackenes, „großartig“. An den Herd stellt er sich demnächst trotzdem nicht, das Auswählen auf dem Markt findet er „ermüdend“, ihm gefällt es aber, dass seine Freundin das mit einer gewissen Hingabe erledigt.

So kann er in Ruhe am großen Holzschreibtisch arbeiten, auf dem sich die Unterlagen stapeln, sortiert nach Prioritäten, links wichtige, rechts unwichtige. „Ich brauche die Ordnung“, sagt er. Und er bringt sein Verhältnis zur Stadt so auf den Punkt, wie vielleicht nur ein Physiker eine Liebeserklärung formulieren kann: „Nehmen wir Rom, die Stadt ist so expressiv, dass ich die ganze Zeit abgelenkt bin, wenn ich da bin. Aber Turin hilft mir, mich zu konzentrieren. Hier ist es für mich einfacher, ein strukturiertes Leben zu führen – und das brauche ich.“

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