Die Stadt : Klassenkampf in St. Pauli

Huren, Kneipen, Nachtschwärmer, Künstler und Studenten prägten lange das Viertel um die Reeperbahn. Durch schicke Neubauten und Hotels wandelt sich der Kiez

Carina Braun
Fans feiern 2010 den Aufstieg des FC St. Pauli in die Erste Liga.
Fans feiern 2010 den Aufstieg des FC St. Pauli in die Erste Liga.Foto: Imago

Es war 1987, da trug plötzlich ein junger Mann diese Flagge ins Stadion, weißer Totenkopf auf schwarzem Grund. Seither weht sie im ganzen Stadtteil, manchmal auch zu Auswärtsspielen in Berlin, München und Leverkusen, sie ist das Symbol eines widerständigen Ortes geworden – die Flagge von St. Pauli. „Doc Mabuse“ nannte sich der Fahnenträger, er war Fußballfan und Hausbesetzer, und er fand, dass beides gut zusammen passte, wenn man sich nur nicht mit dem konservativen HSV verbrüderte, sondern mit einem unbekannten Stadtteilclub.

Heute lebt Doc Mabuse in einem Bauwagen und bezieht Hartz IV. Hin und wieder kommen Menschen, wollen die Geschichte von der Flagge hören, und der Doc, der über seine Herkunft nicht reden will, über die Lage auf St. Pauli aber umso lieber, sagt dann, er hätte die Flagge damals woanders hin tragen sollen. Er sagt, dass die neue Glaskonstruktion der Südtribüne aussehe wie eine Filiale von Woolworth. Dass er jetzt lieber zum kleineren Hamburger Stadtteilclub Altona 93 gehe, fünfte Liga, um etwas von der alten Stimmung aufzufangen. Dass St. Pauli nicht mehr das sei, was es mal war. Er wünscht sich, dass Altona um Himmels willen nicht aufsteigt.

Der Aufstieg von St. Pauli macht vielen zu schaffen. Nicht nur der des Fußballclubs, den die Fans als Außenseiter lieben gelernt haben, der aber mittlerweile Erste Liga spielt. Auch der Aufschwung des Stadtteils scheint manchen unheimlich. Die Freiräume im Viertel sind knapp geworden, während auf der neuen Stadiontribüne erstmals VIPs vom Champagner kosten. Die Tickets werden teurer, die Mieten in den Häusern drum herum auch. Eine Sahnelage haben diese, so sagen Makler – und meinen: Elbblick. Früher war St. Pauli den Hamburgern zu schmutzig, heute gilt es als unkonventionell und populär.

Es gibt zwei St. Paulis, sagen die Leute, die hier wohnen. Zum einen das Rotlicht-St. Pauli, die Reeperbahn, mit Inkasso-Henry, den Besoffenen und der Drag-Queen Olivia Jones – das Motiv für Fernsehkameras und Touristen. Und dann gibt es noch das andere, das St. Pauli der Rentner, Studenten, Künstler und Hartz-IV-Empfänger. Als keiner hierher wollte, zogen sie in die Quer- und Parallelstraßen der Reeperbahn, weil die Wohnungen zwar heruntergekommen, aber billig waren. Jetzt sind sie saniert und teuer.

Gernot Krainer ist einer von denen, die schon länger hier leben. Der 42-Jährige kommt aus dem Süden der Republik, sieht aber aus, als sei er auf dem Kiez geboren, die Hosen aus schwarzem Leder und Ringe in den Ohren. Seit sieben Jahren betreibt er die „Kogge“, eine alte Seemannskneipe, die erst Hafenbar war und dann Hurenladen, die Matrosen haben den Wirten hier früher blind ihr Erspartes über die Theke geschoben. „Peep Show“ steht noch immer in roten Lettern über dem Kicker, an dem ein Langhaariger in zerrissenem T-Shirt gedankenverloren gegen sich selbst spielt.

Krainer ist nervös. Er sitzt an einem Tisch in der Ecke, raucht und rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Wieder gab es Ärger mit dem Vermieter. Ständig kommen Briefe, ständig muss Krainer vor Gericht, Ruhestörung, hieß es einmal, verzögerte Zahlungen, ein anderes Mal. Zwei Räumungsklagen gab es schon, eine erfolglos, eine läuft noch. „Der hört nicht auf, bis er uns hier raushat“, sagt Krainer.

Gernot Krainer in der Kogge.
Gernot Krainer in der Kogge.Foto: Volker Stahl

Der Vermieter möchte bauen. Die Kogge liegt zwischen Elbe und Reeperbahn in der Bernhard-Nocht-Straße, ruhig, weil ein bisschen abseits von der Rotlichtmeile, aber in verlockender Hafennähe und mit viel Aussicht. Das Haus steht auf der dem Wasser abgewandten Seite und ist niedrig, zwei Stockwerke nur. „Ein nicht lukrativer Flachbau“, sagt Krainer ironisch.

Ihm ist es egal, dass man von hier unten die Elbe kaum sieht. Dem Vermieter nicht. Man könnte, dachte der sich, noch ein paar Stockwerke draufsetzen, Wohnungen mit Elbblick bauen, dann hätte man einen höheren Quadratmeterpreis. Dafür müsste aber erst die Kogge aus dem Haus, die noch für acht Jahre einen Mietvertrag hat. „Er hat uns eine Mieterhöhung geschickt“, sagt Krainer, „um 100 Prozent.“ Mehr eine Drohung als eine Erhöhung.

Das ist die Hamburger Variante der Gentrifizierung. In allen großen Städten, in New York, in Amsterdam, in Berlin ist die Entwicklung zu beobachten: Ein eher vernachlässigtes Viertel wird entdeckt, die Mieten steigen, bis die Alteingesessenen sich die Wohnungen nicht mehr leisten können. Die einen nennen den Prozess Aufwertung, die anderen beschleunigten Bevölkerungsaustausch.

Jahrelang sammelten sich neben den Armen auch die Kreativen in St. Pauli, als sei es ihr letzter Zufluchtsort. Nun ziehen Stahl, Beton und verspiegelte Fassaden nach. Jetzt, sagt Krainer, fühle er sich in seiner Kogge wie in einem gallischen Dorf, auf das von allen Seiten eine monströse Glasstadt zuwachse.

Nur 200 Meter von der Kogge entfernt liegt das Gelände der ehemaligen Bavaria-Brauerei. Früher roch es hier nach Maische und Bier, jetzt schraubt sich ein verglaster Turm in den Himmel, 20 Etagen hoch, jede Etage drei Meter, Baujahr 2007, Hafenansicht bis zum Horizont. Wenn die Kogge das alte St. Pauli ist, dann ist der Turm des Empire Riverside Hotel das neue.

Von ganz oben, aus der Lounge, kann man durch bodentiefe Fenster hinunterschauen, auf das Wasser und auf den Kiez. „Wir spielen mit dem Stadtteil“, sagt Lutz Nicolaus, Direktor des Hotels, Anzug, Krawatte, freundlicher Auftritt. Es gibt kurvige Damen-Figürchen auf den Zimmern wie die, mit denen die Luden auf der Reeperbahn ihre Läden bewerben. Im Restaurant im Erdgeschoss können die Gäste ein „Kiez-Menü“ bestellen: Gänseleber zur Vorspeise und zweierlei von der Gans mit marinierten Birnen zum Hauptgang. Wenn die Gäste beim Essen durch das Fenster auf die andere Straßenseite schauen, sehen sie Besoffene, Huren und Junkies.

Das Hotel liegt an der Davidstraße, nur ein paar Meter von den Prostituierten der Herbertstraße entfernt. „Verrucht“ sei der Stadtteil, sagt Nicolaus. Den Touristen gefällt das. Sie wagen sich tagsüber ins Rotlichtmilieu, sehen sich die Original-Schauplätze der RTL-2-Reportagen an, den Reeperbahn-Penny, die Esso-Tankstelle und die Sex-Läden. „Und sie freuen sich, wenn sie abends wieder zurückkommen und alles hinter sich lassen können“, so der Hoteldirektor. Hamburg wirbt mit seinem einzigartigen Kiez. Wie der Totenkopf ist auch er zum Merchandising-Hit geworden.

Für viele alte Anwohner ist das Hotel ein Fremdkörper, genauso wie die restlichen Neubauten auf dem ehemaligen Brauereigelände. Da stehen rote Würfel mit Werbeagenturen und Kanzleien, die so gar nicht zu den Gründerzeitbauten und ihren Bewohnern passen wollen. Im Jargon der Stadtplaner heißt dieses Nebeneinander „soziale Durchmischung“, ein positives Konzept. Nur geht es nicht auf. Welcher Vermieter gibt sich mit einem Quadratmeterpreis von 6,50 Euro zufrieden, wenn nebenan fast das Doppelte verlangt wird? Und welcher Anwalt zieht zehn Meter weiter in eine der üblen Spelunken und trinkt Rotwein mit Cola, kurz „Kalte Muschi“ genannt.

Krainers Nachbarn haben in der Bernhard-Nocht-Straße Transparente aufgehängt. „Kogge bleibt!“, steht darauf und „No BNQ“ – eine Parole gegen das geplante Bernhard-Nocht-Quartier zwischen Kogge und Brauerei. Im Zuge der Projektplanung sollen die alten Häuser hübscher, teurer und höher werden, sechs Stockwerke, für wenigstens zwölf Euro pro Quadratmeter. Krainer schaudert, wenn er davon erzählt. Früher war St. Pauli zwar die Müllkippe Hamburgs – aber schön ruhig sei es gewesen. „Jetzt wird es immer enger“, sagt er.

In St. Pauli merken die Menschen besonders stark, wie eng es wird. In dem Bezirk steigen die Mieten am schnellsten im Stadtstaat. Hamburg wächst, doch seit Jahren werden zu wenige bezahlbare Wohnungen gebaut. 6000 bis 8000 jährlich, so schätzt der Mieterverein Hamburg, wären seit 2000 nötig gewesen, um den Bedarf aufzufangen. Gebaut wurde die Hälfte. Hinzu kommt: Die Stadtplanung konzentriert sich auf Prestige-Architektur. Entstanden ist so das Prunkviertel Hafen-City, bis zu 12 000 Euro soll der Quadratmeter für eine Eigentumswohnung im Marco-Polo-Turm kosten.

Das Empire Riverside Hotel.
Das Empire Riverside Hotel.Foto: Gunter Gluecklich/laif

Dem Wohnraummangel stehen 1,2 Millionen Quadratmeter leer stehende Büroflächen gegenüber – und ein Loch im Etat. Die Elbphilharmonie, die Hamburg zur Weltstadt und zum Touristenmagneten machen soll, thront bisher als Gerippe über dem Wasser und wird immer teurer. 294 Millionen waren zu Baubeginn 2007 kalkuliert, inzwischen liegen die Kosten bei 503 Millionen, 351 davon sollen durch Steuern finanziert werden. Geld, das viele Steuerzahler lieber in sozialem Wohnungsbau angelegt sähen.

Sie unterstützen sich deshalb gegenseitig: Krainer, die Nachbarn des zukünftigen Bernhard-Nocht-Quartiers und Betroffene aus anderen Hamburger Vierteln. Mehr als 20 Bürgerinitiativen haben sich dem Netzwerk „Recht auf Stadt“ angeschlossen, die in ihren konkreten Zielen sehr unterschiedlich, sich in einem Punkt aber einig sind: Sie fordern Mitspracherecht. Ehemalige Hausbesetzer sind ebenso dabei wie junge Familien oder Stadtgärtner mit ihrer Angst um den Apfelbaum. Sie treffen sich, diskutieren Gegenvorschläge, organisieren Demonstrationen – und beeinflussen so auch den Ausgang der Bürgerschaftswahl am Sonntag. Wenn die Hamburger Transparente für den Verbleib der Kogge malen, geht es um mehr als nur eine kleine Kneipe: Es geht um das Gefühl, Zaungast in der eigenen Stadt zu sein.

Hinter der Kogge liegt noch ein Haus, derselbe Vermieter, ähnlich hochgesteckte Pläne. „Einige Bewohner sind schon ausgezogen“, sagt Krainer. „Denen wurde systematisch Angst gemacht, sie könnten mit einem Mal auf der Straße stehen.“ Er zieht an seiner Zigarette und schaut aus dem Fenster. Die Elbe kann man nicht sehen von hier unten. Aber die Neubauten, die in den Himmel ragen.

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