Die Stadt : Mein wunderbarer Buchsalon

Sie sind nicht die größten, oft nicht einmal die schönsten, aber sie werden geliebt: die kleinen Buchläden, in denen der Inhaber genau weiß, was seine Kunden lesen. Vier Liebeserklärungen zur Buchmesse

Pascale Hugues
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Inhaberin Christiane Fritsch-Weith im Buchladen Bayerischer Platz.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Buchhandlung Bayerischer Platz

Alle Klappstühle sind besetzt, bis in den letzten Winkel. Heute Abend hängt der halbe Kiez an den Lippen von Christiane Fritsch-Weith. Die Buchhändlerin stellt neue Bücher vor. Sie sitzt an einem kleinen weißen Holztisch. Zu ihren Füßen kniet ihr Mann und stellt das Mikrofon ein. Ihr Bruder macht Fotos. An der Tür lässt ihr Sohn Kunden ein, die sich die Nase am Schaufenster plattgedrückt haben. Wenn alle ein bisschen zusammenrücken, passen ein oder zwei mehr in die vollgestopfte Buchhandlung.

Christiane Fritsch-Weith greift ein Buch nach dem anderen vom Stapel neben sich. Sie schwenkt sie wie Trophäen. Ein guter Krimi! Ein faszinierendes Sachbuch! Ein unbekannter junger Autor! „Dieses Buch hier ist etwas für Sie und für Sie!“ Sie deutet auf zwei Stammkunden in der ersten Reihe. Christiane Fritsch-Weith ist so leidenschaftlich, so überzeugend, dass man von einer wilden Lust ergriffen wird, einen Bücherstapel zu schnappen und in die schwarze Nacht der Grunewaldstraße zu fliehen, um sich ins Bett zu legen und bis zum Morgengrauen die Seiten zu verschlingen.

Der Buchladen Bayerischer Platz feiert in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag. Benedikt Lachmann, ein jüdischer Intellektueller, gründete ihn 1919. Für ihn war Bildung ein Grundrecht, sein Buchladen führte auch eine Leihbibliothek. 1937 trat Lachmann seine Buchhandlung an einen arischen Angestellten ab. War er gezwungen worden, das Geschäft unter Wert zu verkaufen? Die dunkle Geschichte dieser Übergabe bleibt ein Geheimnis. Lachmann wird nach Lodz deportiert, wo er stirbt. Im Jahr 1975 übernimmt Christiane Fritsch-Weith die Buchhandlung. Sie ist 25 Jahre alt, hat zwei kleine Kinder und eine Menge Ideen im Kopf.

34 Jahre später ist der Buchladen Bayerischer Platz immer noch da, unverrückbare Säule zwischen Apotheke und Berliner Volksbank. Ein kleiner Laden, der auf den ersten Blick nach nichts aussieht. Keine Liliensträuße auf edler Theke. Keine tiefen Lederfauteuils, in die man mit einem Latte Macchiato und einem Bestseller versinken kann. Stattdessen willkürlich angebrachte Neonlampen an der Decke, ein abgenutzter Teppichboden mit den Spuren der Jahre und der umgekippten Prosecco-Gläser. Christiane Fritsch-Weith gibt nicht viel auf die Innenausstattung: „Die Kunden sind konservativ. Man will nicht in seine Kneipe kommen und jemand hat alles verändert.“ Einziges Zugeständnis: die knallrote Espressomaschine, die ein Lieferant der Buchhandlung zum Jubiläum geschenkt hat. Sie thront neben den Wörterbüchern.

Der Buchladen Bayerischer Platz ist eine der kleinen Buchhandlungen, die den gefräßigen Ketten widerstanden haben, den Supermärkten, in denen man Bücher verkauft, die man nicht gelesen hat und nicht wirklich liebt. Die Verlagsvertreter beklagen sich seit Jahren, dass die Buchhändler nicht mehr lesen, dass sie häufig nicht wissen, was sie ihren Kunden da eigentlich verkaufen. Socken oder Gedichte, das ist Jacke wie Hose. Nicht so bei Christiane Fritsch-Weith. Man fragt sich, woher diese kleine schlanke Frau ihre überbordende Energie nimmt – immer gut gelaunt, immer bereit, ihre kleine Holzleiter hochzuspringen, um auf dem obersten Regalbrett einen Schatz zu heben, immer hat sie Geduld mit Kindern, die sich nicht entscheiden können, und mit alten Damen, die ihr tausend Fragen stellen.

Wenn ein Kunde sie um Rat fragt, horcht Christiane Fritsch-Weith ihn von Kopf bis Fuß ab, versucht, sich in sein Leben zu versetzen, seine Gedanken zu lesen. Ein Teenager mit Beatlesfrisur, hängenden Schultern und einem Ausdruck von „kein Bock“ stößt die Ladentür auf. Er wird von seinem Vater begleitet. Der Vater findet, dass es an der Zeit ist, die Comics aufzugeben, um sich endlich bildungsbürgerlicher Lektüre zu widmen. Salinger, Conrad, warum nicht Thomas Mann! Der Junge duckt sich und wirft einen freudlosen Blick auf die Lieblinge des Hauses, wie sie in ihren farbigen Umschlägen die Regale bevölkern. Mit einem Blick hat Christiane Fritsch-Weith die Bedrohlichkeit der Lage erfasst: Ein potenzieller Leser muss gerettet werden. Sie ignoriert das Plädoyer des Vaters. Sie nimmt den Sohn mit in die hinterste Ecke des Ladens. Sie nimmt ihn ernst. Und in zehn Minuten ist alles gelaufen: Mit einem Comic und drei für sein Alter geeigneten Romanen zieht er ab. Joseph Conrad wird erscheinen, wenn die Zeit dafür reif ist, verspricht Christiane Fritsch-Weith. Da ist sie sich ganz sicher. Das Lesen ist wie die Liebe, man darf nichts erzwingen.

Schon immer war Christiane Fritsch-Weith eine begeisterte Leserin. Ihr Vater war Vertreter für den Fischer Verlag. Und er war sparsam: Er zerschnitt die Prospekte der Verlagshäuser zu Toilettenpapier. Im Bad setzte das kleine Mädchen das Puzzle zusammen und entdeckte die Welt der Schriftsteller. Seitdem liest sie ständig. Abends mindestens eine Dreiviertelstunde, im Bett vor dem Einschlafen. Morgens am Frühstückstisch. Sonntags ebenfalls. Aber die schönste Zeit des Jahres sind für sie die Sommerferien, vier Wochen unter einem Lindenbaum im Garten eines großen Hauses in Frankreich. „Wegen der 50 Bücher, die ich mitnehme, muss ich mit dem Auto fahren. Im Flugzeug müsste ich zu viel für das Übergepäck bezahlen. Was ich zum Anziehen mitnehme, ist mir nicht so wichtig.“

Im Buchladen Bayerischer Platz bestehen die Käufer zu 90 Prozent aus Stammkunden. Und wenn Frau Bayer sich wochenlang nicht blicken lässt, ist ihre Buchhändlerin die Erste, die sich deshalb Sorgen macht. Viele kommen vorbei, um sich ein wenig zu unterhalten, wenn sie Sorgen haben. Die Buchhändlerin hat im Viertel eine soziale Funktion. Und Christiane Fritsch-Weith kümmert sich um ihre Kunden. Sie begrüßt sie mit Namen, wenn sie die Ladentür öffnen. Für die Ältesten ist bei Lesungen immer ein Platz in der ersten Reihe reserviert. Jeden Donnerstag erhalten 900 Abonnenten pünktlich um 7:06 Uhr den illustrierten Literaturkurier als Mail. Lesetipps, Ankündigungen von Lesungen, Hinweise auf Literatursendungen und als Bonbon eine hübsche Anekdote aus dem Buchladen.

Im Lauf der Jahre haben die Berliner Autoren ein enges Band zu dem Buchladen geknüpft. Sie bilden einen liebevoll umsorgten Hof. Monika Maron ist Stammgast, Nachbarin und Favoritin. Zu den Protegés zählt Jakob Hein ebenso wie Eva Menasse, Katia Lange-Müller und Michael Kumpfmüller. Karl Schlögel zelebriert hier die Premiere jedes seiner Bücher. Die Schriftsteller wissen, dass sie in diesen exklusiven Zirkel aufgestiegen sind, wenn ihr Buch mehrere Wochen auf der Theke ausgestellt wird, da, wo die Kunden ihr Portemonnaie zücken.

Nur eine Sache bedauert Christiane Fritsch-Weith. Und zum ersten Mal verdüstert sich ihr Gesicht: „Es gibt Engel in meinen Regalen, Bücher, die ich nicht wahrnehme. Das ist das riesige Drama. Und ich empfinde Schuld gegenüber diesen wunderbaren Autoren.“ Die Buchhändlerin von Schöneberg senkt den Kopf und man glaubt sie erröten zu sehen.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

Buchhandlung am Fellbacher Platz

Über das Ladenschild haben Gabriele Nöldner und Dieter Hombach lange nachgedacht, als sie ihre Buchhandlung im Norden Berlins planten. Nicht angepasst, aber eingepasst in die kleinstädtische Umgebung in Hermsdorf sollte es sein. Dabei und überhaupt haben die beiden offenbar alles richtig gemacht: Ihre Bücherstube am Fellbacher Platz hat sich zum Anlaufpunkt der Generationen entwickelt. Alteingesessene Hermsdorfer stöbern in der gut sortierten Regionalliteratur, aber auch Zugezogene wollen mehr über die neue Heimat wissen, wie die vielen jungen Familien, die nach der Wende nach Hermsdorf, Waidmannslust und Frohnau zogen. Kinder lesen sich fest, weil von den Jugendklassikern bis zu Neuerscheinungen immer was zum Schmökern bereitliegt. Eltern schätzen die aus der Hektik der Zeit genommene, ruhige Atmosphäre. Eine Besonderheit sind die Geschenkregale, in denen sich Hochzeitspaare und Geburtstagskinder ihre Buchwünsche zusammenstellen. Dieter Hombach lebt mit Büchern – und schreibt selbst welche. „Die zersägte Frau“, sein letzter Krimi, ist nichts für zartbesaitete Gemüter. Zu Hause aber, sagt Gabriele Nöldner lachend über ihren Mann, sei er ganz friedlich. Im Laden auch. apz

Hermsdorf, Fellbacher Straße 30, Telefon: 40 00 91 78

Buchhandlung Ludwig Wilde

Die Buchhandlung rsp. Bibliothek ist von Natur aus: glasklare Ordnung, sprich: von A bis Z oder Diogenes, Fischer, Rowohlt … oder Roman, Krimi, Politik … Übersichtlichkeit wird hergestellt durch Alphabet, Verlage, Genre usw. usf. Diese liebenswerte Buchhandlung hingegen ist: Chaos. Bücher stapeln sich in Haufen liegend aufeinander, hintereinander, durcheinander. Walser auf Roche hinter Larssen auf Hirschhausen auf Willemsen hinter Wallander … Statiker könnten interessante Studien durchführen, welch gewagte Konstruktionen sich aus Büchern bilden lassen, ohne dass die papierenen Gebilde einstürzen. Hinterm Tresen vollgestopfte Regale, links vom Eingang Drehständer mit Taschenbüchern. Etwa 20 Quadratmeter misst das Reich von Harald Kirchner, dem ausgebildeten Buchhändler, der den 1909 gegründeten Laden von den Eltern übernommen hat, ein enthusiastischer Liebhaber der Bücher, immer für einen Tipp gut, immer mit der Frage, wie denn das zuletzt gekaufte Buch gefallen habe. Er weiß so vieles, aber wie viele Bücher er in diesem Raum habe? – Nicht die geringste Ahnung. Doch er findet das Erwünschte, wie ein Wünschelrutengänger die Wasserader findet. Hier muss es sein!! Ein Buchladen als Zauberladen.not

Kreuzberg, Körtestr. 24, Telefon: 6 91 94 08


Hundt Hammer Stein

Ist das ein Keller? Oder ein Souterrain? Nicht so wichtig. Entscheidend ist ganz allein, dass Hundt Hammer Stein eine Rosamunde-Pilcher- und Beckenbodengymnastik-Ratgeber-freie Zone ist. Ein Geschäft, das Amazon endlich überflüssig macht. Es ist einladend und doch zum Glück nicht gemütlich. Es verfügt über ein großartiges Sortiment, ist aber trotzdem klar strukturiert. Kurz: Hundt Hammer Stein ist ein Ort für alle, die nur begrenzt Lust auf Stöbern haben, weil sie sowieso genau wissen, was sie wollen. Amerikanische Originale. Den neuen David Foster Wallace. Einen Bildband übers Scheunenviertel für Tante Uschi … Leseempfehlungen gibt es vom Inhaber Kurt von Hammerstein, einem echten Freiherrn im Kapuzenpullover, stets mit einem Hauch von Ironie: „Kurts Lieblingsbuch“ steht auf einem Schild über dem jeweiligen Bücherstapel – vergangenen Freitag war es noch „Senyoria“ von Jaume Cabré. „Das ist keine abgehobene philosophische Buchhandlung, sondern eine für anspruchsvolle Belletristik“, sagt von Hammerstein. So ist es. Und wenn man unbedingt ein Kochbuch braucht, wechselt man einfach die Straßenseite und schaut bei Kochlust vorbei. oom

Mitte, Alte Schönhauser Str. 23/24, Telefon: 23 45 76 69


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