Die Stadt : Meine ewige Stadt

Walter Veltroni wuchs in Rom auf, er war Bürgermeister und kandidierte 2008 gegen Berlusconi. Hier erzählt Veltroni, wie er Rudi Dutschke durch die Stadt fuhr und wo es die beste Carbonara gibt

Walter Veltroni
330447_0_db3a2bc0.jpg
Walter Veltroni.Foto: Laif

Walter Veltroni ist einer der bekanntesten Politiker und Journalisten Italiens, der 54-Jährige sitzt heute für die Partito Democratico im Parlament. Gerade erschien sein erster Roman auf Deutsch: „Die Entdeckung des Sonnenaufgangs“ (Klett-Cotta Verlag) erzählt von der Suche eines Sohnes nach seinem Vater, der in den 70er Jahren verschwand – zur Zeit des Terrors im Land. Das Buch ist in Italien ein Bestseller und verkaufte sich 225 000 Mal.





Wenn ich einem Besucher Rom zeigen möchte, das schönste Panorama der Stadt, dann gehe ich mit ihm zum Pincio. Das ist ein Hügel am südlichen Ende der Villa Borghese. Von dort hat man einen wunderbaren Blick über die Piazza del Popolo und den Tiber bis hin zum Vatikan. Ich bin nicht weit weg von dem Park der Villa Borghese aufgewachsen, an der Piazza Fiume, noch heute wohne ich im selben Viertel. Wenn ich Zeit für mich haben will, um über Ideen nachzudenken, gehe ich in dem Park spazieren, die Pferderennbahn entlang, hinüber zum kleinen See mit den Leihbooten und komme irgendwann auch am Pincio vorbei.

Vom Hügel sieht man die Piazza Fiume nicht, sie liegt auf der anderen Seite des Parks. In unserer Wohnung, in der ich mit meiner Mutter und meinem Bruder damals lebte, mein Vater war bereits gestorben, begann meine zaghafte Heranbildung zum politischen Menschen. Ich erinnere mich genau an meine erste Begegnung mit der politischen Welt. Es war der 22. November 1963, ich war acht Jahre alt, spielte im Flur mit dem Ball, als aus dem Radio die Nachricht kam, dass John F. Kennedy ermordet worden war. Ich weiß noch bis heute, wie mich das bewegte.

Warum? Selbst mit acht Jahren nahm ich wahr, dass man in Rom gut lebte und die Menschen 18 Jahre nach dem Krieg keine Angst mehr hatten, in den Himmel zu schauen. Sie fürchteten sich nicht mehr vor Bomben. Das Fernsehen kam in die Wohnzimmer, die Beatles sangen aus dem Radio, Kennedy sprach von Hoffnung – es war, als würde sich die Welt mit einem Mal öffnen, als würden die Menschen näher zusammenrücken. Als Kennedy starb, gab es das Gefühl, diese Ära des Hoffens sei vorüber, die Zeit der Unschuld nach dem Zweiten Weltkrieg ginge zu Ende.

Zum Glück irrte ich mich. In den 60er Jahren passierte noch sehr viel Hoffnungsvolles in Rom. Die Jugend forderte mehr Freiheiten, mehr Bürgerrechte, veränderte ihr Aussehen – gerade unter dem Einfluss der Beatles. Sehen Sie sich mal Fotos von Jugendlichen von 1958 und 1968 an. Das gleicht dem Übergang von der Schwarz-Weiß- zur Farbfotografie. Wir Jungs trugen längere Haare und Jeans, die Mädchen Miniröcke. Wir kamen nicht mehr mit Jackett und Krawatte oder Rock zur Schule. Am Nachmittag gingen wir ins Kino, ins Cineforum an der Piazza Farnese, mitten im historischen Zentrum, sahen brasilianische Filme wie „Gott und der Teufel im Land der Sonne“ von Glauber Rocha oder italienische wie „Verliebt in scharfe Kurven“ von Dino Risi. Der Film kam 1962 in die Kinos, er erzählte in Form einer Komödie, wie ein Student und ein Geschäftsmann entlang der Küste fahren und den Wandel Italiens beobachten.

Ja, Rom war damals eine Stadt, in der ein Fieber grassierte: das Fieber der Jugend, der Politik. Jeden Tag flatterten Flugblätter von Demonstrationen auf den Schulhof, man hatte das Gefühl, die Welt müsse bis morgen früh verändert werden. Ich war ab 1968 auf einem angesehenen klassischen Gymnasium zwischen Piazza Fiume und der Via Veneto. Dort sammelte ich Geld für Vietnam, das war wahrscheinlich meine erste eigenständige politische Aktion. Ich lief bei Demonstrationen gegen die Bildungspolitik mit und stand mit tausenden Jugendlichen vor dem Ministerio della Pubblica Istruzione, dem Erziehungsministerium, in Trastevere. Es herrschte eine Atmosphäre von Freiheit, Emanzipation und Unabhängigkeit. Wenn ich an die 60er Jahre denke, habe ich einen ewigen Sommer vor Augen, Sonne und optimistische Menschen.

Dann kam der Moment, als die Stimmung kippte. Am 12. Dezember 1969 explodierte in Mailand eine Bombe, wenig später eine weitere vor dem Gebäude der Banca Nazionale del Lavoro in Rom. An jenem Tag verlor Italien seine Unschuld. Die Zeit des Terrors begann. Auf einmal waren Überfälle an der Tagesordnung, zog sich eine blutige Spur durch die Stadt. Rom wurde düster und gefährlich.

Das Leben änderte sich radikal. Margarete von Trotta hat das treffend als „bleierne Zeit“ beschrieben. So sehe ich sie in der Erinnerung: als ein herbstliches Jahrzehnt, in dem es kalt und düster war. Ich sehe die Kreidezeichnungen auf dem Kopfsteinpflaster, die Umrisse der getöteten Personen, als ich mit dem Motorroller ins Zentrum fahre. Ich höre die Nachrichten von ermordeten Linken, Rechten, Stadträten, Journalisten und Politikern. Ich weiß noch, wie mir das Blut in den Adern gefriert, als im Jahr 1973 zwei Söhne eines Kultursekretärs sterben, einer erst neun Jahre alt, verbrannt bei lebendigem Leib. Ich erinnere mich, wie ein Linksextremer zu Hause erschossen wird, vor den Augen seiner Eltern, die gefesselt zuschauen müssen.

In dieser Zeit teilte sich Rom in linke und rechte Sympathisanten auf. Ich trat 1970 in die Jugendgruppe der Kommunisten ein. Weil ich den Vorsitzenden Enrico Berlinguer verehrte, der wie ich gegen die Gewalt war, die Schwächsten der Gesellschaft unterstützte und auch mal dem großen Bruder, der Sowjetunion, widersprach. Das machte ihn in meinen Augen zu einem Giganten, der Moral besaß. Ideologisch war ich nicht auf der Linie der Kommunisten. Ich glaubte nie an die Diktatur des Proletariats oder an die Enteignung der Produktionsmittel. Für mich war Breschnew ein Dinosaurier.

Ich wollte die Welt verändern, da war die Schule fast das letzte meiner Probleme. Meine Leistungen wurden schlechter, 1970 musste ich das Gymnasium verlassen. Ich wechselte auf die Scuola Cinematografia, eine Filmschule mit Abitur-Abschluss, im Süden Roms. Dort konnte ich meinen Leidenschaften Kino und Politik ungehindert nachgehen. Ich legte mir ein Büchlein an, in das ich alle Filme auflistete, die ich sah, und vergab Sterne für Kamera, Drehbuch, Regie. Fünf Sterne waren das Maximum, mein akademischer Ritterschlag. Ein Film wie „Blow Up“ bekam eine ganze Lawine an Sternen, „Yellow Submarine“ oder „Die Reifeprüfung“ auch.

Rom teilte sich immer mehr. Die Rechten wagten sich nicht mehr nach San Lorenzo oder auf die Via Tiburtina, die Linken mieden das Viertel Trieste oder einige Straßenzüge in Parioli. Einmal bin ich zu einer Versammlung zum Circolo Alberone auf der Appia Nuova gefahren, eigentlich eine neutrale Zone, ich wartete mit meinem Roller an einer Ampel, als neben mir ein Mini hielt, und der Beifahrer presste mir die Pistole ans Bein. Als die Ampel grün schaltete, habe ich Vollgas gegeben. Zum Glück verfolgten sie mich nicht, aber ich kam weiß wie ein Bettlaken zur Versammlung.

Ein Mini gehörte zur Ästhetik der Rechten, so wie der Renault 4 und der Citroën zu den Linken. Es war ein Renault, in dem man 1978 die Leiche des entführten Ministerpräsidenten Aldo Moro fand. Die Linken trugen lange Haare, einen Che-Guevara-Bart und lange Montgomery-Mäntel, die Rechten kurze Haare, einen pizzetto, einen Kinnbart und gefütterte Eskimo-Jacken. Die Linken trafen sich in der Gelateria Fassi an der Piazza Fiume, die Rechten in den Cafés an der Piazza Euclide. Es gab eine Aufteilung in Zonen, wie man sie nur aus Beirut kennt.

Ich besaß Mitte der 70er Jahre selbst einen Renault 5. Damit habe ich Rudi Dutschke im September 1976 durch Rom gefahren. Wir Kommunisten hatten auf dem Pincio das Festival dei Giovani, ein Jugendtreffen, organisiert. Ich traf ihn in der Via Bergamo, wir gingen Mittagessen, danach fuhr ich ihn ins Hotel. Bis heute erinnere ich mich daran. wie Dutschke ins Auto steigen wollte, aber weil er nach dem Attentat schlecht sah, stieß er sich den Kopf am Rahmen. Abends redeten wir auf der Podiumsdiskussion über Gewalt, er war genau wie ich dagegen. Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht, seinen Ausführungen zuzuhören und denen der Extremisten.

Die Gewalt ging weiter. Jeden Samstag gab es Ende der 70er Jahre Demonstrationen in Rom, regelmäßig kam es zu Prügeleien. Die Menschen ließen ihre Kinder nicht mehr draußen spielen, man blieb zu Hause und verschloss die Türen. Als Moro im Mai 1978 tot aufgefunden wurde, fühlte ich etwas zwischen Erstaunen und Normalität. In dem Wahnsinn jener Jahre schien so ein Verbrechen tragischerweise möglich. Die Menschen waren zu Symbolen geworden, die man entweder unterstützte oder umbrachte.

Nach dem Mord an Moro begann die Ära der Democrazia Cristiana. Rom, ach was, ganz Italien wollte den Terrorismus abschütteln, die Menschen gingen tanzen, wollten von Ideologien nichts mehr wissen. Es waren, seien wir ehrlich, eher dümmliche Jahre. Es passierte nichts Kreatives, der Hedonismus regierte. Aber langsam fand Rom sein Gleichgewicht wieder und wurde sicherer.

Dann, endlich, im Sommer 1982, konnte die Stadt sich wieder freuen. Italien gewann die Fußball-WM, es war der erste Moment seit langem, an dem die Römer keine Angst hatten, nachts auf die Straße zu gehen. Nach dem Spiel fuhren meine Frau und ich mit dem Auto ins Zentrum, am Ufer des Tibers entlang, wir schwenkten Fahnen, lachten, feierten die ganze Nacht. Es war, als wäre mit einem Mal der Knoten geplatzt, als sei es plötzlich egal, ob man links oder rechts war, wir waren alle Gewinner.

Ich bin der Überzeugung, wer Politik machen will, muss das Leben der Menschen kennen und deshalb eine Ahnung von Fußball haben. Ich verstehe Politiker nicht, die Sitzungen auf die Uhrzeit eines Fußball-Länderspiels legen. Die sind doch verrückt! Rom hat zwei Fußballvereine, AS Roma und Lazio. In der Vergangenheit war der AS Roma ein Verein der Linken und Lazio einer der Rechten. Aber die Grenzen sind heute verwischt. Ich bin seit 1961, seit ich ein Spiel von Juventus Turin gesehen habe, mit dem unglaublichen Omar Silvori, ein Fan von Juve. Tut mir leid, da bin ich nicht Lokalpatriot.

Aber kehren wir zu Rom zurück, in die 90er Jahre. Die Stadtviertel öffneten sich wieder, die Lebensqualität stieg. Ich wurde 1992 Redaktionsleiter der kommunistischen Zeitung „L''Unitá“. Es waren aufregende Jahre, denn es war die Zeit des Tangentopoli, einem Skandal um Schmiergelder und die Geheimloge P2, der die politische Landschaft bis heute zeichnet. Das System des Bipolarismus entstand: die großen Bündnisse von Mitte-links und Mitte-rechts. Ich wurde für das Mitte-links-Bündnis 2001 Bürgermeister von Rom, bis ich das Amt 2008 aufgab, um gegen Berlusconi zu kandidieren.

In dieser Zeit war mir wichtig, den Bau der dritten U-Bahn-Linie vorwärtszutreiben. Ich wollte die Kultur wieder in den Mittelpunkt rücken, mit dem Neubau der Ara Pacis von Meyer oder der Planung des Museum Maxxi, für zeitgenössische Kunst, entworfen von Zaha Hadid, das bald die Türen öffnet. Wir riefen die „Notte bianca“ ins Leben, die Lange Nacht der Museen. Mit den Billigfliegern kamen immer mehr Touristen, während meiner Amtszeit als Bürgermeister erlebten wir jährliche Zuwachsraten um die zehn Prozent. Manche mögen das problematisch finden, ich bin der Meinung, dass die Besucher Rom bereichern.

Eine meiner schönsten Erinnerungen als Bürgermeister war das Konzert von Paul McCartney vor dem Kolosseum 2002. Es war überwältigend, über eine Million Menschen kamen und nichts passierte. Wenn es noch einen Beweis brauchte, dann war es jener Abend: Rom war wieder eine offene Stadt.

Ich liebe die Römer für ihre Unverwüstlichkeit, die sich auch in ihrem zynischen Humor ausdrückt: Römern ist nichts heilig, man kann sie nicht mehr verblüffen. Sie haben Päpste, Invasoren und Könige kommen und gehen sehen und betrachten deshalb alles mit einer gewissen Distanz.

Wenn Sie die Chance haben, laufen Sie durch Viertel wie Testaccio und Garbatella. Sie sind noch recht urtümlich, auf der Straße grüßt man sich mit Namen und ist offen gegenüber Fremden. Garbatella ist eine Wohngegend ohne fichetti, wie wir in Rom sagen, ohne Schnösel, mit Restaurants, wo man typische Gerichte wie Kutteln, die trippa alla romana essen kann. Ich mag lieber eine römische Spaghetti alla Carbonara. Am besten isst man die im Pommidoro an der Piazza Sanniti.

Mich stört an Rom nur der Autolärm. Seit Jahren bauen wir an der dritten U-Bahn-Linie, aber sobald man anfängt zu graben, findet man Überbleibsel aus der Römerzeit oder der Renaissance, und die kann man nicht einfach ignorieren. Das ist schließlich unser Erbe. Man muss die Autos vom Zentrum fernhalten, nicht die Geschichte aus dem Zentrum verbannen. Deshalb gehe ich bei schönem Wetter auch mal zu Fuß zur Arbeit. Wenn ich Zeit habe, nehme ich den Weg durch die Villa Borghese. Und denke, eigentlich lebe ich in einer der schönsten Städte der Welt.

aufgezeichnet von Ulf Lippitz

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben