Die Stadt : Minsk tickt anders

Die Sowjetunion ist untergegangen – beinahe wenigstens. In der Hauptstadt Weißrusslands ist die Vergangenheit präsent wie nirgends sonst.

Blick auf den Minsker Regierungssitz.
Blick auf den Minsker Regierungssitz.Matthias Schumann

Man weiß nicht, ob die Zeit schon abgelaufen ist für Dmitrij Konowalow und Wladislaw Kowaljow. Am Mittwoch dieser Woche hat ein Minsker Gericht gegen beide Männer die Höchststrafe verhängt. Es gab Ungereimtheiten im Prozess, es blieb unklar, ob die beiden Mittzwanziger tatsächlich die Schuld an den Terroranschlägen tragen, bei denen im vergangenen April in Minsk 15 Menschen starben. Es wäre ein Verbrechen, das auch in jedem anderen Land schwer bestraft würde. In Europa aber ist Weißrussland das einzige Land, das als Höchststrafe noch den Tod verhängt, vollstreckt durch Genickschuss. Etwa 400 Verurteilte, schätzen Menschenrechtler, sind hier in den vergangenen 20 Jahren hingerichtet worden. Ob Konowalow und Kowaljow bereits Teil dieser Statistik sind, wissen derzeit nicht einmal ihre Angehörigen.

Minsk im Jahr 2011. Am Zentralboulevard, dem Prospekt der Unabhängigkeit, reihen sich die alten Paläste der Sowjetära ehrfurchtgebietend wie Pharaonengräber. Ornamente aus 5000 Jahren Machtarchitektur zieren ihre Fassaden, vom alten Ägypten bis zum europäischen Barock. Stalin-Empire nennt sich der eklektische Stil, Erbe eines Imperiums, dessen Untergang 20 Jahre zurückliegt.

Ihar Matawilau, Mitte fünfzig, wasserblaue Augen, erinnert sich gut an diesen Untergang. Als der große Zeitenwechsel seinen Lauf nahm, arbeitete er in einer Uhrenfabrik. Nicht in irgendeiner, sondern im berühmten Minsker Uhrenwerk „Lutsch“, dessen Hauptgebäude mit der charakteristischen Uhr auf dem Dach Teil des sowjetischen Architekturensembles im Stadtzentrum ist. Jahr für Jahr produzierte das Werk eine gute Million Armbanduhren und neun Millionen Uhrwerke für andere Hersteller – die halbe Union tickte im Minsker Takt. Für einen Ingenieur der Sowjetrepublik Weißrussland war eine Stelle im „Lutsch“ ein Traumjob.

Als Matawilau sie antrat, im Oktober 1988, war er Anfang 30. Das Werk war damals ein eigener Planet. Die 9000 Menschen, die hier arbeiteten, mussten das Fabrikgelände praktisch nie verlassen, für alles war gesorgt: Es gab eine integrierte Poliklinik, eigene Sporthallen, Bibliotheken, Wohnheime, Lebensmittelläden, Kindergärten, Pioniertreffs und Komsomolabteilungen, eine ganze Etage für die Gewerkschaft, eine andere für den betriebsinternen KGB.

Während Matawilau begann, an neuen Uhrmechanismen zu feilen, geriet ringsum die Zeit aus den Fugen. Das Sowjetimperium fiel aus dem Takt, man spürte es, auch in der Uhrenfabrik. Matawilau gehörte zu den Ersten, die sich in einer neuen werksinternen Arbeitervertretung engagierten, gegründet nach dem Vorbild der polnischen Solidarnosc. Während sie einen jahrelangen Machtkampf mit der Unternehmensleitung ausfocht, veränderte sich die Welt außerhalb des Werks immer rasanter. Ungekannte Möglichkeiten taten sich auf. Die ersten Kapitalisten traten auf den Plan, man hörte von findigen Menschen, die Lutsch-Uhren im Ausland verhökerten und mit dem Jahresgehalt eines Ingenieurs nach Minsk zurückkehrten. Man hörte von sozialistischen Planwirtschaftlern, die die neuen Kapitalströme skrupellos in die eigenen Taschen umleiteten. Nur bei den Arbeitern kam nichts von diesem Reichtum an. Im Gegenteil, die Menschen wurden ärmer, eine Inflation fraß ihre Spareinlagen auf, während die Preise für Lebensmittel und Konsumgüter stiegen. In der Fabrik gärte es.

Das Minsker Uhrenwerk "Lutsch".
Das Minsker Uhrenwerk "Lutsch".Jens Mühling

Etwa zu diesem Zeitpunkt, erinnert sich Matawilau, sei die weißrussische Gesellschaft in zwei Teile zerfallen, nicht nur im Uhrenwerk. Die einen, zu denen er selbst gehörte, wollten vorwärts. Sie glaubten an die Möglichkeiten des Markts, sie sahen eine Zukunft, die ihnen lebenswerter vorkam als die sowjetische Vergangenheit. Vor genau dieser Zukunft hatten die anderen Angst. Sie wollten zurück. Wo Matawilau Freiheit sah, sahen sie nur Chaos und Armut. Dieser Teil der Gesellschaft war es, glaubt Matawilau, der 1994, bei den ersten und letzten freien Wahlen in Weißrussland, Alexander Lukaschenko ans Ruder brachte: den Präsidenten, der die Uhren zurückdrehte.

Matawilaus Leben hat seitdem ein paar Haken geschlagen, über die der Mittfünfziger nur in verschleierten Andeutungen spricht – nicht weil er Angst hätte, eher weil nicht alles so gelaufen ist, wie er es sich damals erträumte, in den Neunzigern, als er seine Stelle im Uhrenwerk aufgab. Er wollte sich als Kapitalist ausprobieren. Eine Zeitlang arbeitete er im Import-Export-Business, er verkaufte weißrussische Waren ins Baltikum, auch Armbanduhren. Zunächst liefen seine Geschäfte gut, auch wenn er ihren Umfang lieber im Vagen lässt. Dann aber, als Präsident Lukaschenko den Staatsunternehmen die Macht zurückgab, die sie nach der Wende eingebüßt hatten, wurde es zunehmend eng für Privatunternehmer wie Matawilau. Längst hat er sein Geschäft an den Nagel gehängt, um stattdessen Geschichte zu studieren. Ein Buch würde er jetzt gerne schreiben, sagt er. Ein Buch über die Perestroika, die Zeit des Umbaus, die Weißrussland aus der Vergangenheit riss, ohne in eine Zukunft zu münden.

Der Bahnhof von Minsk.
Der Bahnhof von Minsk.Jens Mühling

Wer sich in den Straßen von Minsk mit den Stadtbewohnern unterhält, hört Widersprüchliches über Weißrusslands Schwanken zwischen den Zeiten. Es gibt Menschen, die Lukaschenko schätzen, weil er sie vor dem postsowjetischen Chaos bewahrt, das ihnen täglich im Staatsfernsehen gezeigt wird. „Wir wollen doch nicht leben wie die Ukrainer!“, sagen sie. Dann gibt es Leute, nicht viele, die unverhohlen auf Lukaschenko schimpfen, weil er ihr Land in einen autoritären Polizeistaat verwandelt hat. Man trifft auch Menschen, gar nicht wenige, die sehr ausführlich über Lukaschenko klagen, um am Ende einzuräumen, dass sie ihn gewählt haben – nicht aus Angst vor Repressionen, sondern aus Angst vor dem Chaos, das viele hier immer noch für unausweichlich halten, sollte der hinausgezögerte Abschied von der Sowjetunion eines Tages stattfinden.

„Die kommunistische Idee war ein Projekt zur Errichtung des allgemeinen Glücks“, schreibt der weißrussische Schriftsteller Artur Klinau in seinem Buch „Minsk – Sonnenstadt der Träume“. Nur halb ironisch bezeichnet Klinau darin Minsk als „das Paradies auf Erden, einen Ort, den es nicht gibt, Utopia“.

Utopia: der Name einer fiktiven Insel, erdacht von Thomas Morus, dem Engländer, der im frühen 16. Jahrhundert die Blaupause des kommunistischen Traums entwarf. Dass Minsk eines Tages zum Modell-Utopia werden würde, war zu Morus’ Zeiten kaum zu vermuten. Verheerende Kriege verwüsteten damals die Gebiete, die heute Weißrussland heißen und im 16. Jahrhundert zum Großfürstentum Litauen gehörten. Jeder zweite Einwohner der Region war tot, als um die Mitte des 17. Jahrhunderts vorläufig Frieden einkehrte. Wenig später, Anfang des 18. Jahrhunderts, kam erneut ein Drittel der Bevölkerung im Krieg gegen die Schweden um. Noch einmal ein Viertel starb Anfang des 19. Jahrhunderts in den napoleonischen Kriegen. Es folgten der Erste Weltkrieg, der Russische Bürgerkrieg, der Sowjetisch-Polnische Krieg und der Stalin-Terror, bis ganz zuletzt die Deutschen kamen und einen Krieg brachten, der das Land noch einmal ein Viertel seiner Einwohner kostete. Ein Historiker hat ausgerechnet, dass in den vergangenen acht Jahrhunderten etwa alle zehn Jahre Krieg geführt wurde in Weißrussland.

Aus den Trümmern des letzten Kriegs, des ZweitenWeltkriegs, erhob sich Minsk wie ein steinerner Traum. Unter anderem von deutschen Kriegsgefangenen wurde die zerstörte Stadt als stalinistische Mustermetropole wiederaufgebaut, mit einem Zentralboulevard, wie es ihn in dieser architektonischen Geschlossenheit selbst in Moskau nie gab. Auch wenn der Boulevard heute „Prospekt der Unabhängigkeit“ heißt, auch wenn ihn inzwischen ein paar Werbetafeln flankieren, sieht er immer noch aus wie eine Schneise, die schnurstracks in die sowjetische Vergangenheit führt, ins Reich des allgemeinen Glücks. Utopia: ein Ort, den es nicht gibt.

Einst versprach die Glücksstadt Minsk allen Menschen die gleiche Art von Glück. Heute macht sie verschiedene Menschen auf verschiedene Arten unglücklich. Matawilau, den Uhreningenieur, stört an Minsk vor allem, dass es mit der Stadt nicht vorwärtsgeht. Den oppositionellen Historiker Ihar Kusniazau stört eher, dass rückwärts Unordnung herrscht. Kusniazau erforscht die Geschichte von Kurapaty, einem Erschießungsort am Minsker Stadtrand, wo unter Stalin bis zu 250 000 Menschen ermordet wurden. Genau kann man es leider nicht mehr herausfinden, weil beim Bau der benachbarten Autobahn ein Teil des Massengrabs verschwunden ist. Man könnte jetzt sagen, dass ja irgendwo Autobahnen gebaut werden müssen in einem Land, das mit Knochen gesät und mit Blut gedüngt ist. Aber genau dieses Wegplanieren der Vergangenheit ist es, das Kusniazau so wütend macht.

Der weißrusssiche Schriftsteller Artur Klinau auf dem Oktoberplatz.
Der weißrusssiche Schriftsteller Artur Klinau auf dem Oktoberplatz.Matthias Schumann

Die Gedenkstätte, die er und seine Mitstreiter in Kurapaty eingerichtet haben, hat kein Vertreter des Regimes je besucht. Generell verliert Lukaschenko selten ein Wort über die Schattenseiten der Sowjetära, deren Errungenschaften er umso öfter betont. Kusniazau, der Historiker, verfällt in seinem Ärger manchmal ins gegenteilige Extrem. „Lukaschenko“, sagt er, „wälzt die Verantwortung für die Toten von Stalin auf Hitler ab.“ Nach offiziellen Angaben seien in Weißrussland 600 000 Menschen unter Stalin erschossen worden. „Nach meinen Berechnungen waren es anderthalb Millionen“, sagt Kusniazau. Während Hitlers Krieg offiziell jedem vierten Weißrussen das Leben gekostet habe, behaupte Lukaschenko in letzter Zeit gerne, es sei jeder dritte gewesen. „Nach meinen Berechnungen“, sagt Kusniazau, „war es aber nur jeder siebte!“

Es ist unsäglich traurig, wenn Oppositionsarbeit bedeutet, Leichen umzuschichten.

Am selben Tag wird Frank Baumann, Leiter des Minsker Goethe-Instituts, von Gästen aus Deutschland gefragt, ob denn nun Weißrussland eine Diktatur sei oder nicht. Baumann, ein kluger, um Ausgewogenheit bemühter Mann, zögert, wie ein Mensch, der weiß, dass er sich auf Glatteis begibt. „Nun ja“, sagt er. „Diktatur, der Begriff ist in Deutschland ziemlich fest besetzt. Da denkt man an ein Land, wo die Leute morgens schon geknechtet an der Bushaltestelle stehen. Und wo es immer regnet. So ist es nicht.“

Baumanns weißrussische Projektassistentin nickt. Nach ein paar Sekunden fügt sie hinzu: „Obwohl es schon oft regnet.“

Der nächste Tag ist in diesem Sinne ein diktatorischer. Es regnet, und an den Bushaltestellen rund um den Bangalore-Platz stehen Menschen, die geknechteter nicht aussehen könnten. Es sind Geheimpolizisten. Sie tragen Trainingsanzüge, trotzdem erkennt man sie sofort, weil sie abseits stehen und in Headsets flüstern und mit Videokameras Demonstranten filmen. Was hier heute stattfindet, ist die erste Oppositionskundgebung seit den Präsidentschaftswahlen im Dezember.

Es wird eine traurige Veranstaltung. Man weiß nicht recht, ob unter den paar Hundert Anwesenden mehr Demonstranten sind oder mehr Geheimdienstler. Der Platz, auf dem die Kundgebung stattfinden soll, ist polizeilich gesperrt, die Demonstranten weichen auf eine sumpfige Wiese aus. Ihr Megafon hat eine sehr begrenzte Reichweite, was leider viel über die weißrussische Opposition aussagt. Wer mehr als zehn Meter entfernt steht, hört nur verregnetes Rauschen. Die Polizei greift nicht ein. Es gibt ja auch kaum was zum Eingreifen.

Das Minsker Uhrenwerk soll demnächst an einen Schweizer Investor verkauft werden. Es heißt, er wolle die Produktion an den Stadtrand verlagern und das alte Firmengebäude weitervermieten. Übrig bliebe dann nur eine große Uhr über dem Prospekt der Unabhängigkeit.

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