Die Stadt : Mitten in Flossenbürg

Wo früher die Baracken des Konzentrationslagers standen, stehen heute Einfamilienhäuser: Wie sich die Bewohner eines Dorfs in der Oberpfalz mit der Vergangenheit schwertun.

Ute Zauft
Neue Ausstellung in KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
Vor zwei Jahren eröffnete die 1. Ausstellung auf dem ehemaligen KZ in Flossenbürg.dpa

Der Appellplatz des Konzentrationslagers liegt in der Sonne. Schüler in bunten T-Shirts laufen über den hellen Schotter, der das Licht reflektiert, sie folgen einem Mann, der sie durch das Gelände führt. „Hier standen die Baracken für die Häftlinge“, sagt er. Die Schüler schauen auf Einfamilienhäuser in Pastelltönen, die an den Appellplatz grenzen und genauso angeordnet sind wie früher die Baracken, in denen die Häftlinge untergebracht waren. „Hier könnte ich nicht wohnen“, flüstert ein Mädchen einem anderen zu.

Flossenbürg in der Oberpfalz: eine Burgruine, vier Rundwanderwege, fünf Sportvereine, am Ortseingang steht in Granit gehauen „staatlich anerkannter Erholungsort“. 1938 bauten die Nationalsozialisten in Flossenbürg ein Konzentrationslager. 2000 Einwohner zählte das Dorf zu Kriegsende, und 15 000 Häftlinge, in Baracken gepfercht.

Im angestrebten Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk werden auch Dokumente aus dem KZ-Archiv Flossenbürg eine Rolle spielen. Unter seinem ukrainischen Namen Iwan Demjanjuk taucht er ab Oktober 1943 als Wachmann im Flossenbürger KZ auf. Seine Dienstnummer 1393 ist dieselbe, unter der er zuvor im Vernichtungslager Sobibor geführt worden war. Die Dokumente sollen helfen, Demjanjuks Weg möglichst lückenlos nachzuweisen.

Das KZ-Archiv gibt es erst seit 1996. Dachau oder Buchenwald stehen seit langem für die Grausamkeit der Nazis, in Flossenbürg verschwanden die Reste des Lagers unter freundlichen Wohnhäusern, eine neue Fabrikhalle verdeckte den Appellplatz. Die Vergangenheit schien in Vergessenheit zu geraten. Vor zwei Jahren wurde in der früheren Häftlingswäscherei die Ausstellung „Das Konzentrationslager Flossenbürg 1938 – 1945“ eröffnet, die Fabrikhalle wurde abgerissen, der Appellplatz rekonstruiert.

Wie geht ein Dorf damit um, dass seine Vergangenheit, seine Geschichte wieder sichtbar ist?

Flossenbürg liegt nahe der tschechischen Grenze in den Hügeln des Oberpfälzer Waldes. Im Herbst hängen die Wolken hier tief, jetzt im Sommer ist der Blick frei auf das Grün der Wälder. Die Gegend ist reich an Granit, die Vorgärten mit ihren niedrigen Mauern aus dem grob gehauenen Stein zeugen davon, dass er hier abgebaut wird. Nicht ganz 2000 Menschen leben heute in Flossenbürg, es werden eher weniger als mehr.

Die Hauptstraße windet sich den Hügel hinauf, vorbei am Bäcker, an zwei Kirchen und dem Gasthof. Ganz oben am Hang stehen die Wohnhäuser, die ursprünglich für die SS-Führung gebaut wurden, sie haben die Zeit nach dem Krieg überdauert. Abends scheint die Sonne auf die dunklen Holzterrassen: sonnige Hanglage für die SS-Männer und ihre Familien.

Franz Krapf wohnt seit zehn Jahren hier, die Geschichte seines Hauses stört ihn nicht. Ihn stört aber, dass es jetzt unter Denkmalschutz steht, jede bauliche Veränderung muss er sich genehmigen lassen. „Zwangsenteignung“ nennt er das.

Franz Krapf ist in Flossenbürg aufgewachsen. Er ist Anfang 40, trägt Schnauzer und einen weiten Pullover. „Bestimmte Leute profitieren von der Gedenkstätte“, sagt er. Er meint den Leiter der KZ-Gedenkstätte, Jörg Skriebeleit, der vor 13 Jahren anfing, weltweit nach den ehemaligen Häftlingen aus dem Konzentrationslager zu suchen, und das Archiv aufbaute. Ohne ihn stünde Krapfs Haus sicher nicht unter Denkmalschutz.

Franz Krapf ist ein Hausbesitzer, der wütend darüber ist, dass er über sein Eigentum nicht frei verfügen kann. Er ist auch ein Mann, der sich nicht mit der Geschichte seines Hauses und seines Heimatortes auseinandersetzen will. „Sicher, in der Schule ist das KZ kurz Thema gewesen“, sagt er. „Die Burgruine aber auch.“ Mit verschränkten Armen blickt er ins Dorf hinab. An Details aus dem Unterricht könne er sich nicht erinnern.

Über die Vergangenheit wurde bei den Krapfs nicht viel geredet. Der Großvater war bei der NSDAP, musste nach dem Krieg auf Geheiß der Amerikaner mit anderen Männern des Dorfes Gräber für tote Häftlinge aus dem Lager graben. Er habe seinen Großvater aber nie danach gefragt, sagt der junge Krapf. „Das war halt so.“

Franz Krapfs Vater sitzt mit am Tisch. Er ist 1941 geboren, war Obergefreiter bei der Bundeswehr, bis er wegen eines Arbeitsunfalls in die Verwaltung wechselte. Krapf senior spricht laut, in militärischem Befehlston: „Jedes Häftlingsjäckchen von damals wird aufgehoben!“ Dass jetzt Demjanjuks Dienstnummer auf Flossenbürger Listen gefunden wurde, ist für ihn eine „neue Sau, die durchs Dorf gejagt wird“. Es habe sich seit der Eröffnung der Ausstellung schon lange nichts mehr getan, „man musste mal wieder irgendwas entdecken“, sagt er.

Seine Argumente hat Krapf senior sich gut überlegt: Jeder, der was gegen die Gedenkstätte sage, werde als Nazi dargestellt. Er hat Norman Finkelsteins Buch „Die Holocaust-Industrie“ gelesen und versucht sich an dessen Argumentation. Für ihn ist die Gedenkstätte Teil einer Industrie, die aus dem Erinnern an den Holocaust Profit schlägt. Der Sohn nickt. In der Ausstellung waren beide noch nie.

Vom Wohnzimmerfenster aus sehen die Krapfs, wie Kleinbusse durchs Dorf fahren, 70 Überlebende des KZ sind zu einem Treffen gekommen. Die meisten von ihnen waren jünger als 18, als sie nach Flossenbürg deportiert wurden, meist aus den besetzten Gebieten in Osteuropa. Im Steinbruch mussten sie Granit für Hitlers Monumentalbauten aus dem Berg schlagen und später Waffen für seinen Krieg produzieren. Insgesamt wurden zwischen 1938 und 1945 rund 100 000 Menschen in Flossenbürg und in mehr als 80 Außenlagern gefangen gehalten. 30 000 wurden ermordet, arbeiteten sich zu Tode, verhungerten oder erfroren.

Jack Terry kommt jedes Jahr aus New York zu den Treffen der Überlebenden, zu denen seit 1995 eingeladen wird. Er ist 78, schlank, man traut ihm zu, dass er in seinen Turnschuhen noch laufen geht. Als er 13 war, verschleppten ihn die Nazis zusammen mit anderen Juden seines polnischen Heimatortes Belzyce über verschiedene Lager nach Flossenbürg.

Jack Terry erzählt, wie er in den 50er Jahren als Geologe der US-amerikanischen Armee zufällig nach Flossenbürg kam. „Hier war früher ein KZ, aber es war nicht so schlimm“, sagte der deutsche Reiseleiter. Jack Terry stockte der Atem, aber er schwieg. Er war nicht darauf vorbereitet, mit den Schrecken seiner Kindheit konfrontiert zu werden. Und er war noch weniger darauf vorbereitet, dass diese Schrecken mit einer Handbewegung abgetan wurden.

„Ständiger Hunger, ständige Kälte“, erinnert er sich. Mit bis zu 1000 Gefangenen schlief er in einer Baracke, Platz war eigentlich nur für 300. Die ersten zwei Wochen schleppte er im Steinbruch Granitbrocken, später zwang die SS ihn, für die Firma Messerschmitt Jagdflugzeuge zu montieren. Morgens und abends musste er oft stundenlang auf dem Appellplatz strammstehen, eine Qual für die geschwächten Häftlinge. Und dazu die ständige Angst, wenn auf dem Appellplatz vor ihren Augen Häftlinge willkürlich bestraft oder hingerichtet wurden.

Für die Überlebenden, die immer wieder nach Flossenbürg kommen, ist Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit eine wichtige Bezugsperson. Beim gemeinsamen Abendessen begrüßt der 41-Jährige fast alle persönlich, viele umarmt er, verharrt im kurzen Gespräch.

Die Gedenkstätte ist Skriebeleits Erfolgsgeschichte, auch wenn er es selbst nie so sagen würde. Er sollte 1996 eigentlich nur eine Art Informationsbüro aufbauen, als immer mehr Anfragen von Überlebenden und deren Kindern aus den früheren Ostblockländern kamen. Skriebeleit kam gerade von der Uni und begann nachzuforschen, wollte ein Archiv aufbauen. In verschiedenen Ländern fand er die Häftlingslisten der Nazis. Was dann geschah, wirkt wie eine Aufarbeitung im Schnelldurchlauf: Flossenbürg wurde 1999 der Gedenkstätte Dachau gleichgestellt, Skriebeleit übernahm mit nur 31 Jahren die Leitung, die Rekonstruktion des Lagers begann. Vor zwei Jahren eröffnete die erste Ausstellung über die Geschichte des KZ, derzeit arbeitet Skriebeleit mit seinen Mitarbeitern an der zweiten, die erklären wird, wie nach dem Krieg mit dem KZ umgegangen wurde.

Fragt man Jörg Skriebeleit nach der Einstellung der Flossenbürger gegenüber der Gedenkstätte, spricht er von einer „kleinen positiven Gruppe“ und einer „großen indifferenten Masse“. Im Fall Demjanjuk sprachen ihn nur der Pfarrer und der Bürgermeister aufden Rechercheerfolg an. Es hört sich nicht so an, als habe er mehr erwartet. „Natürlich sind die Beiträge der Gedenkstätte zu den Demjanjuk-Ermittlungen eine negative Öffentlichkeit für Flossenbürg, aber für die Gedenkstätte ist die Öffentlichkeit gut.“ Skriebeleit wirkt in seiner Haltung zu den Flossenbürgern vorsichtig. Es sei wichtig, dem Ort die Angst vor der Aufarbeitung zu nehmen. Aber es sei nicht seine Aufgabe, das Dorf mit sich zu versöhnen. „Flossenbürg ist nun mal ein besonderer Ort, zu dem sich die Flossenbürger immer wieder verhalten müssen“, sagt er.

Am ehemaligen Lagergefängnis erinnert eine Tafel an den Theologen und Widerstandkämpfer Dietrich Bonhoeffer, der hier kurz vor Kriegsende hingerichtet wurde. Den Abriss des Gefängnisses konnte in den 60er Jahren der evangelische Pfarrer gerade noch verhindern. Zu Skriebeleits „positiver Gruppe“ gehört auch der frühere Bürgermeister, der ihn damals einstellte. Johann Werner unterstützte die Gedenkstätte. Als Bürgermeister musste er sich aber auch fragen lassen, warum der Staat mehrere Millionen in die Gedenkstätte und nicht in die Erneuerung der Dorfstraße investiere. Und ob ein Autobahnschild mit dem Hinweis „KZ-Gedenkstätte Flossenbürg“ wirklich notwendig sei.

Wo früher die Häftlingsbaracken standen, wohnen heute die Bachmeiers. Das Wohnzimmer ist eng, aber hell. Ludwig Bachmeier ist 84 Jahre alt, er hat den pfeifenden Atem eines Mannes, der bis zu seiner Rente im Steinbruch gearbeitet hat. Ungefragt sagt er, dass er von dem, was im KZ vor sich ging, gar nichts gewusst haben könne. „Ich war ja nicht daheim, weil ich zur Wehrmacht musste.“ Als er mit 17 eingezogen wurde, stand das Lager allerdings schon vier Jahre. Er weiß von der Ausstellung, er weiß aber nicht, wie er mit ihr umgehen soll.

Ludwig Bachmeier besucht an diesem Sonntag das erste Mal die Ausstellung der Gedenkstätte. Auf dem Weg dorthin muss er den Appellplatz überqueren, er war lange nicht mehr dort, obwohl er ihn vom Balkon aus sehen kann. Der Platz ist für ihn wie eine kahle Stelle inmitten seines Dorfes, ein Ort, der nun den Schulklassen und den anderen Besuchergruppen gehört. Nach vorn gebeugt bleibt Ludwig Bachmeier in der Ausstellung vor einem Foto stehen. Steinquader, dazwischen Männer in Hemd und Hose aus dünnem Stoff: Häftlinge im Steinbruch. Bevor Bachmeier an die Front musste, machte er eine Lehre im Steinbruch. „Es gab keinen Kontakt zu den Häftlingen“, sagt er. Er besteht darauf, obwohl es eigentlich nicht sein kann.

Der Berliner Historiker Wolfgang Benz nennt es „Vaterlandsliebe im Kleinen“, wenn Einwohner jegliche Beteiligung ihres Heimatortes an den Nazi-Verbrechen zurückweisen. Bei denen, die den Nationalsozialismus miterlebt haben, ist die behauptete Unwissenheit Schutz vor Schuldzuweisungen. Und die Nachgeborenen wollen nicht, dass ihrem Heimatdorf etwas Negatives anhaftet. An die Stelle der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit tritt die Abwehr gegenüber Außenstehenden. Innerhalb der Gemeinschaft bleibt das Schweigen.

Fragt man den jungen Krapf, was er über das Lager weiß, sagt er: „Es war ein Lager, wo böse Buben eingesperrt waren.“ Im Dorf hält sich hartnäckig der von den Nazis verbreitete Mythos, im Lager seien nur Kleinkriminelle inhaftiert gewesen. „Die Verbrechen werden relativiert“, erklärt Wolfgang Benz. „Das war kein KZ, das war nur ein Arbeitslager“, sei ein sehr häufiges Argumentationsmuster, das auch von Generation zu Generation weitergegeben werde. Als Abgrenzung zu ‚Vernichtungslager’ kann ‚Arbeitslager’ in solchen Stammtischdiskussionen plötzlich zu einem positiven Begriff werden.

Früher ist Krapf auf Spaziergängen ab und an am Gedenkfriedhof vorbeigekommen, auf dem eine mit Gras bepflanzte Pyramide aus der Asche der Lagertoten steht. Polnische Vertriebene hatten den Friedhof nach dem Krieg angelegt, dann übernahm der Freistaat Bayern die Pflege des parkähnlichen Geländes mit vereinzelten Grabsteinen, erklärende Worte fehlten noch immer. Der Friedhof, sagt Krapf, habe als Ort des Gedenkens ausgereicht.

Bei der Gedenkfeier mit den Überlebenden des Lagers hält die Tochter eines ehemaligen Häftlings eine kurze Rede. Sie wünsche sich mehr Kontakt zu den Flossenbürgern, sagt sie. Ihre Gruppe gehe jedes Jahr auf eines der Vereinsfeste in Flossenbürg oder Umgebung. „Wir möchten nicht über das Geschehen im Lager reden, sondern hoffen einfach auf Begegnungen.“ Aber auch dieses Jahr auf dem Burgfest sind sie unter sich geblieben.

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