Die Stadt : Rio, du Wunderbare

Der Musiker Gilberto Gil ist eine Legende. Hier erzählt er von Diktatur und Gefängnis, von Stränden, Favelas und Bossa Nova. Eine Liebeserklärung an Rio de Janeiro

Gilberto Gil
Der Lieblingsstrand von Gilberto Gil: Ipanema.
Der Lieblingsstrand von Gilberto Gil: Ipanema.Foto: Ulf Lippitz

In Brasilien nennen wir Rio „cidade maravilhosa“, die wunderschöne Stadt. Und das ist sie. Wenn ich am Strand von Urca stehe und den Blick hinauf zum Zuckerhut richte, wenn ich auf dem Balkon in Gávea bin, wo mein Studio liegt, und den tropischen Urwald um mich herum sehe, wenn ich im Nationalpark der Tijuca-Berge spazieren gehe und die Apartment-Hochhäuser von Leblon, den Strand von Ipanema und die große Lagune dahinter überblicke, erlebe ich jedesmal mit eigenen Augen, wie einmalig diese Stadt ist. Wir haben Strände, Wolkenkratzer und Berge in unmittelbarer Nachbarschaft – kein Wunder, dass Rio die Menschen immer magisch angezogen hat.

Das war bei mir nicht anders. Ich stamme eigentlich aus dem Norden Brasiliens, aus Salvador. Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Arzt, sie unterstützten früh meine Liebe zur Musik – und ließen mich 1958 zum ersten Mal nach Rio reisen, zusammen mit einem Musikproduzenten. Damals war ich 16 Jahre alt, der Produzent glaubte an mein Talent und wollte mich einigen Musikern vorstellen. Wir fuhren mit seinem Auto, eine lange Reise war das, über 1000 Kilometer. Ich weiß noch, wie überwältigt ich war, als wir endlich angekommen waren – überwältigt vom Lärm. In Rio lebten damals drei Millionen Menschen, heute sind es sechs. Überall fuhren Autos, Busse, Fahrräder, die Straßen waren voll, es roch nach Abgasen, man hörte Hupen, ununterbrochen schien hier das Leben zu brodeln. Das kannte ich aus Salvador nicht.

Und dann die Menschen auf den Bürgersteigen. Sie bewegten sich anders. Die Cariocas, die Einwohner Rios, gingen elegant über die Straße, sie schaukelten ihre Körper sacht hin und her, beinahe flossen sie über den Bürgersteig. Ja, das war das erste Mal, dass ich den berühmten Carioca-Gang sah. Ich erinnere mich, dass wir in Penha, der Zona Norte, dem Norden der Stadt, eine Sambaschule besuchten, und ich sah, wie der Tanz gelehrt wurde. Wir besuchten Studios in Downtown, das war damals das Zentrum der Stadt, ach, des ganzen Landes. Einmal gingen wir in einen Club an der Copacabana, ein kleines verrauchtes Lokal für Live-Musik, wir hörten Bossa Nova und Samba, der Raum war voller Menschen, ich sah Frauen, die mehr Ausschnitt und sogar Hosen trugen – was in Salvador selten war. Ich merkte, Rio ist modischer als alles, was ich bisher gesehen hatte.

Ich kann nicht behaupten, dass ich nach der Woche sofort Feuer und Flamme für die Stadt war. Aber ich hatte die Gewissheit, eines Tages zurückzukehren, eines Tages hier mit anderen Musikern zu arbeiten. Denn jeder, der sich in Brasilien einen Namen als Dichter, Sänger oder Schriftsteller machen wollte, ging nach Rio. Das war ein ungeschriebenes Gesetz. Und ich kam dann tatsächlich sechs Jahre später in die Stadt, um hier zu leben und zu arbeiten. Zuvor war ich kurze Zeit in São Paulo, aber Rio lag mir geistig näher, versprühte mehr Charme als die Geschäftsstadt im Hinterland. Rio war das Zentrum der Kulturschaffenden, andere Musiker wie Caetano Veloso und Tom Zé waren bereits hier, da musste ich einfach auch hin.

Zuerst lebte ich in Leblon, einem angrenzenden Stadtteil von Ipanema. Heute ist er sehr wohlhabend, in den 60er Jahren galt er als Wohngegend für die Mittelschicht. Ipanema und Copacabana waren die reichen Bezirke. Ich lebte mit meiner Frau in einem Hochhaus, in der sechsten Etage, in einer kleinen Wohnung mit zwei Zimmern. Das war ein gutes Leben: Wir wachten nachmittags um zwei Uhr auf, aßen etwas, gingen dann an die Copacabana, trafen andere Musiker, redeten, dachten über neue Lieder nach, um neun Uhr abends gingen wir in eine Bar, zwei Stunden später in einen Club wie den Cul de Sac, wo jeden Abend Bands auftraten, und blieben dort bis in den frühen Morgen.

Das Großartige an Rio war und ist, dass man Menschen aus allen Teilen Brasiliens trifft: aus Bahia, São Paulo, Amazonien, Recife, aus dem Norden, dem Süden – und dass sich am Strand die sozialen Schichten mischen. In Ipanema haben wir heute den Favela-Strand neben dem Schwulenabschnitt, neben dem Strand für die Reichen. Es scheint beinahe so, dass am Meer alle gleich sind.

In den 60er Jahren war natürlich die politische Lage eine ganz andere als heute. 1964 putschte sich das Militär an die Macht, im Land herrschte eine Diktatur. Wir linken Musiker, die im Teatro Casa Grande in Leblon spielten, gehörten auf einmal zur Opposition. Wenn wir uns in Clubs trafen, diskutierten wir über Politik. Ständig fühlten wir uns beobachtet, überwacht und wie Dissidenten. Auf der Bühne wurde uns verboten, etwas gegen die Regierung zu sagen. Es war keine angenehme Situation, und sie verschärfte sich bis 1968 zunehmend.

Im ganzen Land gab es in jenem Jahr Studentenunruhen und Streiks, auf den Straßen sahen wir nun öfter Militärfahrzeuge und Soldaten. Musiker wie Caetano Veloso und ich wurden immer beliebter, weil die Menschen wussten, dass wir das Militär nicht unterstützten. Ich mochte die Hippies, Musiker wie Bob Dylan und John Lennon, die Regierung drehte mir daraus einen Strick. Sie warfen mir vor, einen verderblichen Einfluss auf die Jugend zu haben, und steckten mich im Dezember 1968 ins Gefängnis.

Zwei Monate verbrachte ich im Militärgefängnis in Rio. Die erste Woche war ich alleine, die nächsten zwei Wochen teilte ich die Zelle mit zehn Gefangenen, dann musste ich wieder in Einzelhaft. Ich hatte Glück: Ich wurde nicht geschlagen oder misshandelt. Mir ging es den Umständen entsprechend gut. Einer der Gefängniswärter brachte mir eine Gitarre, so dass ich spielen und Lieder schreiben konnte. Manchmal kam er, um mir zuzuhören – diskret stand er an der Tür, er wollte mich nicht stören.

Ich las viel. Eines Tages hatte ich einen Zeitungsbericht in der Hand, in dem John Lennon und Yoko Ono von makrobiotischem Essen erzählten. Das interessierte mich, vielleicht weil es eines meiner Idole propagierte. Ich bat meine Familie, mir ein Buch darüber zu besorgen, und begann noch im Gefängnis, makrobiotisch zu leben. Ich lehnte Fleisch und zu stark gewürzte Gerichte ab, bat stattdessen die Soldaten, mir Gemüse, Reis und Obst zu bringen. Als ich ihnen sagte, dass ich eine neue Diät anfangen möchte, lachten sie mich aus, aber sie brachten mir das gewünschte Essen. Seitdem erhalte ich diesen Lebensstil aufrecht.

Im Gefängnis gab es noch ein besonderes Erlebnis. Der Direktor bat mich, auf dem Hof für die Soldaten zu spielen. Ich musste kurz darüber nachdenken, denn natürlich hatte ich Angst. Ich wusste nicht, wann ich jemals wieder in die Freiheit gelangen würde. Am Ende habe ich für die Soldaten ein Konzert gegeben – weil es einfache Männer waren. Sie repräsentierten zwar das Regime, aber sie behandelten mich nicht schlecht.

Nach zwei Monaten wurde ich aus der Haft entlassen und stand dann unter Hausarrest an meinem zweiten Wohnort in meiner Heimatstadt Salvador. Einige Monate später musste ich mit meinem Musikerfreund Caetano Veloso das Land verlassen. Drei Jahre lebte ich in London, bis ich 1972 die Erlaubnis erhielt, zurückzukehren. Für mich war es gar keine Frage: Ich musste wieder in Rio leben. Meine Familie und ich zogen nach Ipanema, in die Nähe des Praça da Paz, des Friedensplatzes. Viele andere Künstler und Freunde wohnten um die Ecke. Das war das einzige Viertel, in dem Hippies relativ unbehelligt waren. Es gab Wohngemeinschaften, auf dem Platz einen großen Markt, viele kleine Geschäfte und Restaurants – aber vor allem auch die ersten Bio-Läden und zwei makrobiotische Restaurants.

Zur selben Zeit ging Downtown, das frühere Zentrum, vor die Hunde. Rio war seit der Ernennung Brasilias 1960 nicht mehr Hauptstadt. Viele Verwaltungsgebäude verfielen, die Straßen sahen heruntergekommen aus, das Leben war aus ihnen gewichen. Downtown wurde ein Geschäftsviertel, in denen nur Anwälte, Versicherungen und Banken ihre Büros unterhielten. Die Bevölkerung zog weg, nachts war die Gegend wie ausgestorben.

Nur in einem Teil des früheren Zentrums, in Lapa und Santa Teresa, gab es noch Leben. In den alten Villen am Hügel lebten Künstler und Schriftsteller, in den Spelunken von Lapa trafen sie sich, um zu reden und zu trinken. Zweimal pro Woche fuhr auch ich in das Viertel. In den verfallenden Gebäuden gab es große Räume, heute würde man Lofts sagen, damals waren es Ateliers und Studios, in denen man gleichzeitig lebte und arbeitete. Die Preise waren günstig, das war damals das Saint-Germain von Rio.

Insgesamt spürte man, wie die Stadt eine Aura verlor. Es lag Unruhe in der Luft. Jeder war unzufrieden. Die Taxifahrer klagten, dass Rio degradiert worden war, die Barkeeper redeten von einem Gefühl des Verlustes, und am Strand unterhielten sich die Cariocas darüber, wie schlecht alles war. Die Stadt begann sich zu beschweren. Die Menschen trauten sich langsam wieder, etwas zu sagen. Aber es dauerte noch bis 1985, bis freie Wahlen zugelassen wurden und das Militär endgültig verschwand.

In den frühen 80er Jahren gab es eine große Wirtschaftskrise, zur selben Zeit stieg Rios Einwohnerzahl rapide an, und die Reibungen zwischen den sozialen Schichten nahmen zu. In Brasilien unterscheiden wir zwischen vier verschiedenen Klassen, von A bis D, von der reichen Oberschicht bis zu den Ärmsten der Armen. Die A- und B-Klasse fingen an, sich vor den anderen zu schützen. Jeder Apartmentkomplex in Ipanema, Leblon oder Copacabana erhielt ein Tor, ein Gitter und einen Portier.

Denn zur selben Zeit nahm auch die Kriminalität zu. Die Favelas gab es schon immer, auch in den 50er Jahren, als ich zum ersten Mal Rio besuchte, aber erst in den 80er Jahren explodierte die Gewalt in den Armenvierteln. Sie wurden zu den Rückzugsgebieten der Drogenbosse und zum Ausgangspunkt für einen enorm angestiegenen Drogenkonsum.

Die Situation entspannte sich erst vor 15 Jahren. Die Stadtregierung begann, Downtown zu renovieren, das Nachtleben in Lapa ist seitdem explodiert, erst neulich habe ich meine Tochter in einem Nachtclub gesehen, als sie mit ihrer Band dort gesungen hat. Es ist nicht mehr so gefährlich wie früher, als man sich nachts nicht alleine auf die Straße traute.

Die Stadt begann auch, neue Gegenden städtebaulich zu erschließen. So zog ich nach São Conrado, in einen Stadtteil im Süden, der als das Miami von Rio gilt. Es ist eine typische A-Gegend, aber die Favelas sind gleich um die Ecke. Zum Beispiel Rocinha, die als größte Armensiedlung Lateinamerikas gilt. Hier sollen bis zu 250 000 Menschen leben, auch meine Köchin wohnt dort. Wenn ich Zeit habe, fahre ich sie nach Hause oder hole sie ab. Für mich ist das völlig ungefährlich. Jeder kennt mich, jeder schätzt mich. Die Kinder rennen auf die Straße, rufen meinen Namen und fragen mich laufend: Gilberto, Gilberto, wann spielst du mal wieder ein Konzert für uns?

Auch wenn São Conrado am Meer liegt, bade ich nicht dort. Mein Lieblingsstrand bleibt Ipanema – und zwar der Posto Novo, der Schwulenstrand. Warum? Es ist immer lustig da, die Menschen sind sehr umgänglich, und das Essen der fliegenden Händler ist besser als anderswo am Strand. Wenn die Jungs mit mir reden, sagen sie oft: Gilberto, lass dich umarmen. Das ist ein Zitat aus einem bekannten Lied von mir. Und mir schmeichelt es natürlich, wenn die Menschen meine Musik noch im Kopf haben.

Am Strand kann man sehr gut sehen, was noch wichtig für Rio ist: der Sport. Abends joggen Tausende an den Stränden entlang, die Jungs spielen Fußball, Volleyball oder Footvolley unter Flutscheinwerfern. Wir Brasilianer sind große Fußballfans und freuen uns über die Weltmeisterschaft in unserem Land 2014. In der Zwischenzeit unterstütze ich meinen Verein, das Team von Fluminense. Der Name steht für die Menschen, die im Bundesstaat Rio leben. Der Verein ist der zweitgrößte der Stadt und beliebt in der Mittelklasse.

Rio ist wieder eine lebendige, lebenswerte und immer noch modische Stadt. Nur eines nervt mich: In Brasilien haben die Cariocas den Ruf, faule Menschen zu sein, weil sie ständig am Strand liegen. Das ist ein böses Klischee, das aus dem Süden kommt, aus São Paulo. Das ist genauso blöd wie das Vorurteil, noch fauler als die Cariocas seien nur die Menschen aus Salvador. Die hätten nur Strand und Karneval im Kopf. Ich lebe in beiden Städten. Bin ich also der faulste Brasilianer? Mit meinen über 70 Jahren gehe ich immer noch auf Tournee. Aber so ist das wohl: Gegen Vorurteile kann man nichts ausrichten.

- Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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