Die Stadt : Schlechte Karten für Las Vegas

In dieser Wüstenstadt suchten alle ihr Glück – doch fast 70 Jahre nach Eröffnung des ersten Kasinos boomt nur die Heilsarmee. Von Bauruinen, Obdachlosen und ein wenig Hoffnung

Nicola Meier
Brachfläche jenseits des großen Boulevards.
Brachfläche jenseits des großen Boulevards.Foto: Kathrin Harms

Randolph Johnson macht einen Rundgang durch das Haus seiner Träume. Hier das Wohnzimmer, sein Lieblingsraum, da der Platz fürs Klavier, der Kamin, dort das Schlafzimmer – ach ja, der große Kleiderschrank, extra für Ilse, da das Büro, hier das Bad, dort das zweite Bad. Nichts von alledem ist mehr da.

Das Haus seiner Träume, in dem Randolph Johnson viele Jahre zusammen mit seiner Frau Ilse wohnte, ist eine Müllhalde. Die Fenster sind mit Brettern verrammelt, „Keep out!“ steht darauf. Trotzdem hat jemand die Eingangstür aufgebrochen, drinnen liegen Steine, Schutt und zersplittertes Glas, auf dem Boden Fußspuren und Kippen, die Sicherungskästen mit den Kupferdrähten sind herausgerissen. „Ich bin froh, dass Ilse das nicht sieht“, sagt Johnson.

Randolph Johnson, 48 Jahre alt, ein kleiner, drahtiger Mann, hatte sich hochgearbeitet. Er besaß eine kleine Firma und renovierte Häuser für Immobilienunternehmer. Zehn Angestellte hatte er, fast 18 Jahre verdiente er gutes Geld. Die Johnsons waren nie reich, doch für ein gutes Leben reichte es. Ilse, ein Job, der ihm Spaß machte, das gemeinsame Haus, ein paar Kilometer außerhalb des Stadtzentrums von Las Vegas – Randolph Johnson hatte alles, was er sich gewünscht hatte.

Dann begann 2007 die Immobilienkrise, plötzlich kaufte niemand mehr Häuser. Johnsons Hauptauftraggeber brach weg, aus dem Fax kamen keine Aufträge mehr. Johnson verlor erst die Firma, dann sein Haus. Er konnte zwei Mal die monatliche Rate nicht zahlen, und das war’s. Mittlerweile ist Ilse seine Ex-Frau, auch die Liebe ist in der Krise verloren gegangen. Und jetzt steht Johnson im Garten des 2000-Quadratmeter-Grundstücks, das einmal ihm gehörte, raucht einen Zigarillo und schaut sich um, als ob er kaum glauben könnte, wie das alles passiert ist.

In den USA ist Las Vegas die Stadt mit den meisten Zwangsvollstreckungen von Privathäusern, Zigtausende stehen leer. Knapp 584 000 Einwohner hat die Stadt in der Wüste Nevadas, die Metropolregion fast zwei Millionen. Während es in vielen anderen Städten wieder aufwärts geht, ist die Lage in Las Vegas weiterhin schlecht. Jeder achte hat keinen Job, unter den US-Großstädten ist das die zweithöchste Arbeitslosenquote. Über 11 000 Menschen sind nach offiziellen Angaben obdachlos, die wirkliche Zahl dürfte höher sein.

Las Vegas ist schon immer eine eigene Welt gewesen, bunt und glitzernd und verrückt, die ganze Stadt eine Party, ein einziger Rausch, ein Glücksversprechen. Mit fensterlosen Kasinos, in denen man das Zeitgefühl verlieren soll, in denen es nur das Rattern und Bimmeln der Maschinen gibt, wo einem Gratisdrinks gereicht werden, damit man noch mehr Dollarscheine in die Schlitze der Maschinen steckt, wo die Aschenbecher überquellen, weil hier geraucht werden darf.

Am berühmten Las-Vegas-Boulevard, besser bekannt als „Strip“, sieht auf den ersten Blick alles aus wie immer: Touristen ziehen von Bar zu Bar und zocken von Kasino zu Kasino. Es blinkt und leuchtet und bimmelt. Doch dann, als ob man ein Bild scharf stellt, sieht man die Spuren der Krise: Da sind die Hotelpreise, die zu niedrig sind, die Bauzäune, hinter denen nicht gebaut wird und die Obdachlosen auf den Fußgängerbrücken.

Besonders gut sind die Folgen der Krise von einem Ort aus zu sehen, wo sie am weitesten weg zu sein scheinen. Goldglitzernd ragt der Trump-Tower in den Himmel, 189 Meter hoch und ein Symbol für Reichtum und Fünf-Sterne-Luxus. Wer in einem der 1282 Zimmer und Suiten des Trump-Hotels nächtigt, den plagen keine Geldsorgen, der genießt den Komfort der Extraklasse.

Interessierte Gäste können sich eine Show-Suite ansehen, lautlos gleitet der Fahrstuhl nach oben. Durch die Panoramafenster ist die Bauruine des Echelon Place zu sehen, eine 35-Hektar-Fläche, doppelt so groß wie die Hamburger Binnenalster. Dort sollten ein neues Kasino, vier Hotels, Geschäfte und Restaurants entstehen. Kostenpunkt: vier Milliarden Dollar. Doch auf dem riesigen Gelände stehen statt der geplanten Mega-Gebäude jeweils nur wenige Etagen Stahl und Beton. 2008 wurden die Arbeiten eingestellt, es war kein Geld mehr da. Am Strip klafft nun ein Loch, ein ganzer Straßenzug liegt brach. „U.c.“, „under construction“, steht im Stadtplan, aber ob und wann es weitergeht, weiß niemand.

Größenwahn und Verfall, beides ist gut zu beobachten in Las Vegas. Anderthalb Kilometer entfernt vom Trump-Tower liegt die nächste Riesenbaustelle, die keine mehr ist. Hier sollte das Fontainebleau Resort entstehen, der Turm ist schon da, die Fassade verkleidet, drumherum Rohbauten. Am mannshohen Bauzaun steht: „Eröffnung im Herbst 2009“. Anders als beim Echelon-Projekt sieht es hier so aus, als ob die Arbeiter morgen wiederkämen, sogar die Baugerüste stehen. Auch die Zukunft des Fontainebleau Resort ist ungewiss.

Dass die Krise die Stadt so hart wie kaum eine andere in den USA getroffen hat, liegt auch daran, dass Las Vegas immer einen draufsetzt. Immer größer plant und teurer baut. So wie es sich gehört für eine Spielerstadt mit dem Motto: No risk, no fun!

Als den Investoren in der Wirtschaftskrise das Geld ausging, die Touristen ausblieben und die Einnahmen aus dem Glücksspiel einbrachen, wachte Las Vegas nach einem langen Rausch auf, und zwar mit einem gewaltigen Kater. Am Morgen danach sind die geplanten Großprojekte gestoppt und Menschen quer durch alle Schichten haben Jobs und Häuser verloren.

Man muss vom Strip nicht weit fahren, um die Verlierer der Krise zu treffen, nur ein Stück Richtung Norden. Dort beginnt das Las Vegas der Arbeits- und Obdachlosen. Hier haben Kirchen und Hilfsorganisationen ihre Quartiere, statt für die Tickets zu den großen Shows stehen die Menschen hier für ein Bett und eine Dusche an.

Vor dem Eingang der Katholischen Wohlfahrt stehen und liegen Männer, sie tragen zerlumpte Kleidung. Das wenige, was sie besitzen, passt in ein paar Beutel, manche schieben es in Einkaufswagen mit sich rum. Natürlich gab es schon immer Obdachlose in Las Vegas, genauso wie in allen anderen Großstädten. Aber in den vergangenen Jahren sind es mehr geworden.

Beim Familienservice der Heilsarmee stehen sie Schlange für Essenscoupons, hinter einer durchsichtigen Plastikwand sitzen die Mitarbeiter, spulen ihre Fragen ab: „Sind Sie schon einmal hier gewesen?“ – „Darf ich bitte den Ausweis sehen?“ Sie tippen die Daten in ihre Computer, lächeln, geben die Nummern raus: „Nehmen Sie das und holen Sie sich Ihre Lebensmittel ab.“ Die Schicksale der Menschen, die ihre Tüten mit Konserven nach Hause tragen, sind verschieden, aber ein Teil ihrer Geschichten ist immer der gleiche. Job gehabt, Job verloren, keinen neuen Job gefunden. „The economy“, sagen sie – mit einem Schulterzucken, wütend, traurig, resigniert.

Es sind nicht nur die Kellner und Portiers, die ihre Jobs verloren haben. Die Krise hat eine neue Schicht Besitzloser hervorgebracht, auch die Mittelschicht steht jetzt an, um Lebensmittel zu bekommen. Das sind die, die sich am meisten schämen, sagen die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen. Sie kämen mit dem Auto, versuchten verzweifelt, den Standard zu halten, ihre Mieten zu zahlen, aber fürs Essen reiche das Geld nicht mehr.

Randolph Johnson, der sein Haus verloren hat, wohnt jetzt bei der Heilsarmee. „Ich habe kein Zuhause mehr“, sagt er. „Aber ich bin nicht auf der Straße.“ Seit einem halben Jahr lebt er in einem Fünf-Mann-Zimmer, seine Sachen passen in einen Schrank, der keinen Meter breit ist. Zwei Schubladen, eine Kleiderstange, daran hängen seine Krawatten und Hemden, akkurat gebügelt. Er versprüht Raumspray, einer der Männer habe Schweißfüße, da sei er empfindlich. Viel zu tun hat er nicht mit seinen Mitbewohnern. Man verstehe sich, sagt er, zögert kurz und formuliert dann höflich: „Aber unser Hintergrund ist eben ein anderer.“

Im Jobcenter ein paar Straßen weiter sind fast alle Stühle im Wartebereich besetzt. Jedes Mal, wenn die Tür aufgeht, weht der Geruch von Frittierfett des Fast-Food-Ladens um die Ecke herein. Wer neu reinkommt, geht als Erstes zur Pinnwand. Dort stehen die offenen Jobs, lange Listen der Hoffnung.

Nummern werden aufgerufen. „E7 44! E7 44!“ Nummer E7 44 rafft seine Unterlagen vom Schoß und verschwindet zum Gespräch. Die meisten der Männer und Frauen hier leben schon lange in Las Vegas, haben in den Hotels und Kasinos gearbeitet, bis die Krise kam. Shane Conner, 49 Jahre alt, ist keiner von ihnen. Er kam trotz all der Krisenmeldungen, zog aus Ohio her, ohne dass er irgendjemanden kannte. Er wollte schon immer nach Vegas, sagt er, Krise hin, Krise her: „Ohio ist tot, Las Vegas lebt.“

Bei den Hilfsorganisationen sagen sie, das sei am schlimmsten. Dass die Leute immer noch nach Las Vegas kommen. Dass sie denken, dies sei die Stadt, in der alles möglich ist, selbst dann, wenn woanders nichts mehr geht. Dabei sei es hier doch zurzeit ganz besonders furchtbar.

Conner steht im Jackett und blankgeputzten Schuhen vor den Listen und liest die Jobangebote. Er arbeitete als Sicherheitsmann in einem großen Kasino. Letzte Woche flog er raus, der Kündigungsgrund: Er sehe nicht zufrieden genug aus. Jetzt könnte man denken, Conner würde zurück nach Ohio ziehen, enttäuscht und frustriert, aber Conner bleibt, er sagt: „Das ist jetzt mein Zuhause.“ Er glaubt, dass er Arbeit findet, vielleicht diese Woche. Vor allem aber glaubt er an die Idee Las Vegas.

Vielleicht ist das verrückt, vielleicht ist das die Lösung für die Stadt: der unerschütterliche Glaube, dass es erst vorbei ist, wenn’s auch wirklich vorbei ist. Es wird schon wiederkommen, das Glück. Das ist der Optimismus einer Spielerstadt.

Wer verstehen will, wie Las Vegas tickt, sollte dorthin fahren, wo alles anfing. Das alte Las Vegas findet sich um die Fremont Street, hier in Downtown wurde schon gezockt, bevor die Hochhäuser und Kasinos am Strip gebaut wurden. Hier begann der Siegeszug der Glücksspielstadt. Heute ist es hier weniger glamourös als am Strip, dafür gemütlicher und verruchter. Es wird mit kleineren Einsätzen gespielt, in den Kasinos und auch sonst.

Auch im alten Las Vegas sind die Folgen der Krise zu sehen. Im Einkaufszentrum Neonopolis stehen die Rolltreppen still, die Geschäfte sind geschlossen. Bis auf eines. Im ersten Stock blinkt ein Open-Schild im Schaufenster, drinnen sitzt John Del Prado und wartet auf Kundschaft. Er verkauft Schmuck und eine Menge Krimskrams, von Porzellan-Nippes bis zu Pelzen bekommt man bei „Johnny“ vieles. Nur die Käufer finden nicht mehr so oft zu seinem Laden, seit drumherum alles zugemacht hat.

John Del Prado, 51 Jahre alt, ist einer, der nach Las Vegas gehört. Der genauso bunt und verrückt ist wie die Stadt. Der sogar genauso glitzert, so viele Goldklunker, wie er an den Fingern und am Hals trägt. „Gute oder schlechte Zeiten“, sagt er, „das spielt keine Rolle. Ich liebe Las Vegas.“ Natürlich habe ihn die Krise getroffen, aber okay, es werde schon weitergehen, ganz sicher sogar. „Wenn du dich fragst, ob etwas geht, dann ist die Antwort in Las Vegas immer: Ja! Las Vegas ist eine Ja-Stadt.“ Deshalb werde es nach der Krise wieder aufwärtsgehen. „Und dann wird die Stadt heller strahlen als vorher“, da ist sich Del Prado sicher. „Das Licht geht niemals aus in Las Vegas.“

Vielleicht hat Del Prado recht. Vielleicht wird die Krise in ein paar Jahren nur ein Tief gewesen sein in der Geschichte von Las Vegas, und die Menschen werden erzählen, dass man eben auch verlieren muss, um danach umso mehr zu gewinnen.

Randolph Johnson glaubt daran. Aus dem Fenster in seinem Fünf-Mann-Zimmer bei der Heilsarmee kann er die Spitzen der Hochhäuser am Strip sehen. Irgendwo dort will er Arbeit finden, als Koch. Vier Monate hat er bei der Heilsarmee einen Kurs belegt, vor kurzem seinen Abschluss gemacht, mit der Bestnote, darauf ist er stolz. Er müsse nun eben ganz von vorn anfangen. „Ich will die Erfolgsleiter wieder hochklettern, Schritt für Schritt.“ Einen neuen Job finden. Eine neue Unterkunft. Und irgendwann, sagt Johnson, würde er dann gerne sein Haus zurückkaufen.

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