Die Stadt : Schöner parken

Der erste Test für Parkhäuser in Deutschland belegt: Sie sind zu dreckig, zu eng. Dabei geht’s auch glamourös und praktisch. Ein Report

Kunst und Parkraum zugleich: Das Parkhaus der Schweizer Architekten Herzog und de Meuron in Miami.
Kunst und Parkraum zugleich: Das Parkhaus der Schweizer Architekten Herzog und de Meuron in Miami.Foto: Iwan Baan

Ihr Auto dürfen die Gäste nicht mitbringen. Zumindest nicht bis in den vierten Stock. Denn dort, wo sonst Wagen parken, wird an weiß gedeckten Tafeln gespeist, statt der Räder drehen sich die Paare zum Tanz. Im Parkhaus wird Hochzeit gefeiert.

Was wie ein Albtraum klingt, eine Szene aus einem Thriller – Bösewichte lauern in düsteren Ecken nur darauf, das Feuer auf Braut und Bräutigam zu eröffnen –, ist in Miami Beach märchenhafte Wirklichkeit. Selbst wer sich nicht gleich die ganze luftige Etage des Parkhauses 1111 Lincoln Road für sein Hochzeitsfest, sein Foto-Shooting oder das Dinner für Kunstsammler mieten will – jeder Autofahrer kann sich ein Stück vom Traum leisten. Ab vier Dollar die Stunde. Die Auffahrt ist rasant, die Aussicht spektakulär; das Haus kommt ganz ohne Wände aus, die schrägen Betonstützen, die es halten, scheinen Tango zu tanzen – so ist der Blick frei in alle Himmelsrichtungen. Und in allen Himmelsrichtungen liegt das Meer. Es gibt Leute, die kommen zum Joggen hierher, Treppe hoch, Treppe runter, Radfahrer rasen die Rampe rauf, Touristen besteigen die Sehenswürdigkeit, als wenn es ein Kirchturm wär’.

Der Kontrast könnte nicht größer sein zu dem vor zwei Monaten veröffentlichten ersten Parkhaustest des ADAC, bei dem ein Viertel der in zehn Städten geprüften Bauten durchfiel: zu dreckig, zu dunkel, zu niedrig, zu eng. Der Bau in Miami dagegen ist wie der Ort, an dem er steht. „All muscle without cloth“, so hat Jacques Herzog vom Architekturbüro Herzog und de Meuron es beschrieben; das Gebäude ist der jüngste Coup der Schweizer Stars. Nach langen Diskussionen durften sie höher bauen als sonst in der Hauptstadt des Art déco erlaubt – nicht mehr Fläche, aber mehr Luft. Zwei der sechs Parketagen haben gigantische Deckenhöhen von rund 6,80 Meter, der erste Stock gar siebeneinhalb. In den meisten deutschen Ländern beträgt die vorgeschriebene Mindesthöhe zwei Meter. Als benutzerfreundlich gelten 2,10 Meter.

Im letzten Jahr wurde der Bau peu à peu eröffnet, am Penthouse im obersten Stock, wo sich auch ein Restaurant befindet, wird noch gebaut; dort wird der Bauherr persönlich einziehen, ein Immobilienentwickler, der sich das spektakuläre Gebilde, zu dem noch ein umgebautes Bürogebäude und ein Anbau gehören, 65 Millionen Dollar hat kosten lassen. Die Parkgebühren sind da als Einnahmen weit weniger interessant als die Mieten der Läden im Erdgeschoss und im fünften Stock sowie die Vermietung für Events.

1111 Lincoln Road, vom Designmagazin „Wallpaper“ für die Auszeichnung als eines der besten öffentlichen Gebäude 2010 nominiert, ist das Gegenteil dessen, was man sich normalerweise unter einem Parkhaus vorstellt: großzügig und übersichtlich, durchflutet von Tageslicht, multifunktional, flexibel und opulent. So, wie Parkhäuser vor 100 Jahren mal waren.

Damals war das heutige Schmuddelkind noch so luxuriös wie das Automobil selbst, das sich nur Reiche leisten konnten. In der Regel war die Großgarage ein Mehrzweckgebäude, oft mit Hotel unter demselben Dach, manchmal gar mit Spielcasino, mindestens aber mit Tankstelle, Waschsalon und Werkstatt.

So schön kann Parken also sein. „Ein Erlebnis“, so das erklärte Ziel von Herzog & de Meuron.

Und so schrecklich. Szenenwechsel – Berlin, Rathauspassagen. Von außen sieht das Parkhaus ganz einladend aus. Ilja Irmscher steht mit seinem Auto an der Schranke, die linke Auffahrt lässt er links liegen, denn, das weiß er aus Erfahrung, da kommt man ohne Schrammen kaum durch. Der Ingenieur gilt als Deutschlands größter Experte für „ruhenden Verkehr“, wie offiziell heißt, was unsereins Parken nennt. Der 54-Jährige ist studierter Maschinenbauingenieur, promoviert und habilitiert, Gutachter und vereidigter Sachverständiger, er plant selber Parkhäuser und prüft sie für den ADAC. In dem Sammelband „Parkhäuser – aber richtig“ hat er einen Beitrag über die Form verfasst, mit der er sich gerade besonders befasst, die automatische Garage, in der die Autos platzsparend gestapelt werden. Im Parkhaus der Berliner Rathauspassagen führt er vor, was man alles falsch machen kann. Niedrige Decken, dunkle Ecken, steile Rampen, enge Kurven – eine große unübersichtliche Leere.

Parkhauskenner Ilja Irmscher.
Parkhauskenner Ilja Irmscher.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es ist schon paradox. Heerscharen von Designern und Ingenieuren tüfteln daran, das Auto immer schöner, schneller, größer und raffinierter zu machen. Als wäre es eine einsame Insel – und nicht ein Fisch im Fluss der Stadt. Um die ästhetische und praktische Gestaltung der Heimstatt des Gefährts haben sich nur wenige mit ähnlicher Leidenschaft gekümmert. (Ironischerweise führte der Architekt, der den Reiz des Parkhauses schon früh erkannte, diesen an einem Museum vor, indem er die runde Rampe zum Mittelpunkt machte. Heute denkt mancher Autofahrer beim Anblick von eleganten Auffahrt-Spiralen im Turm sofort Guggenheim! Frank Lloyd Wright! )

Der Innenraum der Autos ist vom Cockpit eines Flugzeugs oft kaum noch zu unterscheiden; und dann rollen diese Hightechgefährte in Dinosaurier, die – meist in den 60er, 70er Jahren gebaut – nicht mitgewachsen sind. Selbst Kleinwagen, so Irmscher, „sind heute ja nicht mehr wirklich klein“.

Erstaunlich ist es schon, dass der Gebäudetyp so lange unbeachtet blieb und (nach einer kurzen Phase der Eleganz in den 50er Jahren) so verkommen konnte. Denn das Auto, dessen Sinn und Zweck es ja eigentlich sein soll, seinen Besitzer vorwärtszubringen, steht in Wirklichkeit die meiste Zeit still. Glatte 23 von 24 Stunden, wie Ilja Irmscher sagt.

Erst der organisierte Stillstand, so Jürgen Hasse, garantiert den störungsfrei fließenden Verkehr. „Parkhäuser liegen im Herzen der Stadt und gehören doch zu ihrem Verdauungstrakt“, schreibt der Stadtforscher in seiner Kulturgeschichte unter der bezeichnenden Überschrift „Übersehene Räume“. Es sind städtische Abstellkammern, in die man zur Hoch-Zeit der autogerechten Stadt möglichst viele Wagen auf möglichst engen Raum quetschte, für die sich vor allem Krimiregisseure interessierten und Kinder. Parkhäuser aus Plastik waren die Puppenhäuser für Jungs.

Parkhäuser sind kein Ort zum Verweilen, sind als Dienstleistungsbetrieb reine Durchgangsstation, in die man nur reinfährt, um möglichst schnell wieder rauszukommen, ans eigentliche Ziel, Kaufhaus, Kino oder Zuhause. Es sind „gelittene Orte“, so Jürgen Hasse, „in die niemand sich je hineinbegäbe, wäre ihre Benutzung nicht der Preis angestrebter innerstädtischer Automobilität“.

Andererseits sind ja auch Bahnhöfe und Flughäfen Orte des Transits – und wie prachtvoll werden sie inszeniert.

Doch es gibt Hoffnung. Seit einiger Zeit finden Parkhäuser auch außerhalb der Branche, die ihre eigenen Zeitschriften, internationalen Verbände und einen Architekturpreis hat, Beachtung. Der neue Test des ADAC, der schon seit 1987 benutzerfreundliche Parkhäusern mit entsprechender Plakette auszeichnet, gehört dazu. Neben Hasses Kulturgeschichte ist das Buch von Simon Henley über „Parkhaus-Architekturen“ erschienen, Ilja Irmscher arbeitet an einem auf zwei Bände angeschwollenen Buch über das Parkhaus, das in diesem Jahr erscheinen soll. Und selbst wenn 1111 Lincoln Road als spektakulärer Solitär im sonnenverwöhnten Miami kaum repräsentativ ist – er verschafft ddem Typus Aufmerksamkeit. Und auch andere Architekten haben interessante Parkhäuser entworfen. Das Büro Heinrich Petschnigg Partner (HPP) zum Beispiel den Bau am Leipziger Zoo mit der elegant geschwungenen Bambusfassade.

Und ein Parkhaus ist eine echte Herausforderung. Denn schön soll es sein, robust muss es sein, hat es doch ziemlich viel auszuhalten. Allein die Schneemassen, die hier im Winter reingefahren werden, und dann schmilzen. Und Komfort kostet. Wer höhere Decken plant, braucht längere Rampen, weil diese nicht beliebig steil angelegt werden können, die Verkleidung der Rohre geht ins Geld.

Allerdings, so wichtig die ästhetische Erscheinung für das Bild der Stadt wie das Wohlbefinden von deren Bewohnern ist (auch von denen, die gar nicht Auto fahren) – Schönheit allein ist nicht das einzige, vielleicht nicht einmal das wichtigste Merkmal für ein gutes Parkhaus. Ja, das für die Stadt schönste Parkhaus ist unter Umständen nicht eins, das mit Star-Architektur brilliert, sondern jenes, das man gar nicht sieht: Tiefgaragen wie die neue am Alexanderplatz. Nicht zufällig gaben sich bei deren Eröffnung Ende November Mittes Bürgermeister Christian Hanke und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher bei Sushi und Sekt die Ehre. Denn erst durch die Stellplätze hier unten wird der oberirdische Platz von den wild herumparkenden Autos befreit und kann als öffentlicher Raum neu gestaltet werden. Beim Bau von Tiefgaragen muss man allerdings mit teuren Überraschungen rechnen. Am Alexanderplatz zögerte sich der Bau wegen archäologischer Funde um ein Jahr hinaus, kostete so sieben Millionen Euro mehr.

An dieser neuen Tiefgarage zeigt Irmscher, was man richtig machen kann beim Parkhausbau. Die langgestreckte Etage ist auf einen Blick zu erfassen, in die schräg gestellten, mit 2,50 Meter überdurchschnittlich breiten Plätze kann man komfortabel fahren, ohne dass dabei Pfeiler stören. Ein paar zusätzliche Dienstleistungen gibt es auch: Man kann Regenschirme und Kinderwagen leihen, Schuhe putzen, den Alkoholpegel testen.

Ein paar Euro die Stunde kostet das Vergnügen. Wer das für teuer hält, hat noch nicht in Manhattan geparkt. Dort zahlt man schnell 20, 30 Dollar für ein paar Stunden. Hierzulande sind Parkplätze im Grunde zu billig. Auch wenn die meisten Fahrer ihr Gefährt am liebsten umsonst auf der Straße abstellen: Öffentlicher Raum ist kostbar – und für alle da.

Nicht mehr Parkhäuser braucht das Land, sondern bessere. Und das heißt besser geplante. Auf der grünen Wiese benötigt man logischerweise mehr Stellfläche als am Alexanderplatz, den man leicht mit U- und S-Bahn, Bus und Fahrrad und Straßenbahn erreicht. „Aber in der Euphorie“, so Irmscher, „wird oft viel zu groß geplant.“ Gerade nach der Wende: In die Rathauspassagen sollte Wal-Mart ziehen, der nie kam, in Leipzig und Dresden stehen viele Parkhäuser leer.

Berlin, wo es weder BMW noch Daimler als Lobbyisten gibt, ist ohnehin ein deutscher Sonderfall, ist schon immer anders gewesen. In Paris wurde bereits 1905 die erste moderne Großgarage (mit architektonischem Anspruch) gebaut. Die Kantgarage dagegen wurde erst 1930 errichtet. (Dafür steht sie allerdings immer noch, an der Kantstraße.)

In Deutschland kommen heute im Schnitt 560 Autos auf 1000 Bewohner; an der Spree sind es gerade mal 314 Wagen. Da mangelt es nicht an Parkhausplatz. Und dort, wo dringend Anwohnerparkhäuser gebraucht würden, in Prenzlauer Berg zum Beispiel, fehlt das Geld für ihren Bau. Da hat es eine Stadt wie München wieder einfacher; dort können Anwohnerparkgaragen mit Ablösesummen für Stellplätze finanziert werden.

„Lage, Lage, Lage!“, das, so Irmscher, ist das A und O der guten Planung. Liegt die Garage an der richtigen Stelle, nehmen die Leute vieles in Kauf. „Autofahrer sind leidensfähig.“ Umgekehrt bleibt auch das schönste Haus leer, wenn es ab vom Schuss steht. Parkhäuser an Flughäfen wiederum sind Goldgruben.

Eine Stadt ist kein Betonklotz wie ein leer stehendes Parkhaus. Sie ist so dynamisch, wie man sich das Auto immer vorstellt, im stetigen Wandel. Während Städte wie Hoyerswerda dramatisch schrumpfen, wachsen andere wie München. Da hilft keine kurzfristige Berechnung, die Planung muss Weitblick beweisen. In Zukunft werden immer mehr Alte die Garagen benutzen, die nicht mehr millimetergenau parken können, möglicherweise auch Platz an den Seiten zum Einsteigen in den Rollstuhl brauchen.

Die Zeit für viele Dinosaurier ist abgelaufen. Oft hilft nur Abriss, Umbau oder eine teilweise oder komplette Neunutzung. Fantasie ist gefragt. Die fantastische Aussicht auf die Stadt kann man ja nicht nur in Miami inszenieren. Auch in Berlin wurden Parkdecks im obersten Stock schon als Sonnendeck genutzt. In Münster wurde das von der Zeit überholte Parkhaus Stubengasse von Grund auf umgebaut, zogen Geschäfte, Wohnungen und ein Fahrradparkhaus ein. Dafür wurde der Bau gerade mit dem Betonpreis 2011 ausgezeichnet, zusammen mit Chipperfields Neuem Museum. Dass Wiesbaden „zum Mekka der schönen Parkhäuser“ wurde, wie Irmscher schwärmt, lag an einem Stadtbaudirektor, der auch im Entwickeln von Finanzierungsmodellen äußerst kreativ war.

In einer Hinsicht sind Parkhäuser aber schon lange besser als ihr Ruf. Auch wenn es keine genauen Kriminalstatistiken gibt – gemordet wird hier selten.

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