Die Stadt : So sehe ich das

„Die sind doch unscharf!“, hört er ständig. Stimmt. Und so will Oliver Möst sie auch haben. Bekenntnisse eines Fotografen mit Sehfehler.

Sebastian Leber
286866_0_8a220b86.jpg
Sonnenuntergang am Hopfensee.Foto: Oliver Möst

Reiterstandbilder. Von denen kriegt er nicht genug. Welch wertvolle Relikte, sagt Oliver Möst. Europäische Geschichte auf Pferderücken! All die Kriegsherren und Friedensfürsten, die Wilhelms, Friedrichs, Napoleons. Wer genau da jeweils im Sattel sitzt, ist ihm egal. Kann doch eh keiner auseinanderhalten. Schon gar nicht auf seinen Bildern.

Er war in Budapest, Wien und Den Haag. Immer mit seiner „Agfa Clack“, einer Rollfilmkamera aus den 60er Jahren. Die heißt so, weil es laut „clack“ macht beim Abdrücken. Die Baureihe wurde längst eingestellt, und einen Apparat wie Mösts gibt es sowieso kein zweites Mal: Er hat eine spezielle Linse aufgesetzt, vom Optiker geschliffen. Damit die Kamera Bilder macht, die der Welt zeigen, wie er selbst die Welt sieht: verdammt unscharf.

Oliver Möst, 40, hat Astigmatismus, Hornhautverkrümmung, auf dem rechten Auge sechs Dioptrien, auf dem linken 2,5. Er könnte sich das weglasern lassen. Aber er ist doch nicht blöd, sagt Möst. Dann müsste er ja scharf sehen.

Für Oliver Möst ist Unschärfe keine Schwäche, sondern ein Geschenk. Im Privaten wie in der Fotografie. Er braucht nicht lange, um einem das zu erklären, in seinem Atelier in Berlin-Mitte, zweiter Hinterhof, dritter Stock. Ein unscharfes Bild könne mehr erzählen als ein scharfes, sagt der Fotograf. Weil der Betrachter stärker gefordert sei, sich selbst einzubringen. Fehlende Informationen zu ergänzen. Ist der Schatten dort ein Kirch- oder ein Fernsehturm? Guckt die Person vergnügt oder verärgert? „Es ist eine Herausforderung“, sagt er. Und wie bei allen Herausforderungen gebe es Menschen, die sie nicht annehmen. Er weiß: Vielen gelten unscharfe Fotos als minderwertig. Auch seinen Lehrern im Lette-Verein, wo er in den 90er Jahren Fotografie belegte. Manche Arbeiten musste er zwei Mal einreichen. „Das geht nicht, das ist ja unscharf“, haben sie ihm gesagt.

Seit sechs Jahren ist Oliver Möst jetzt mit umgebauter Kamera unterwegs, zuerst nahm er Strände auf, dann Reiterstatuen, Menschenansammlungen, Häuser und Blumen. Eine Auswahl von 82 Bildern veröffentlicht er nun in seinem Band „Clackastigmat 6.0“. Zu Beginn fehlte ihm ein griffiger Name, da dachte er sich erst mal einen Arbeitstitel aus: „Bilder, die man bei Rossmann zurückgeben kann.“

Er hat auch Akte fotografiert. Verschwommene Nackte sehen aus wie Statuen, sagt Möst. Und scheinen doch zu schweben. „Die Modelle hatten kaum Hemmungen, bewegten sich natürlich“, hier drüben an der Wand vor der großen Leinwand, da wo jetzt Bosse döst, der Labradormischling seiner Freundin. Hunde hat Möst als Nächstes auf seiner Liste. Er will die Tierfotografie revolutionieren.

Der Mann wirkt nicht wie ein Aufschneider oder Effekthascher. Nach jeder Frage wartet er kurz, denkt nach, wählt seine Worte sorgfältig. Unschärfe entspricht der menschlichen Wahrnehmung, sagt er. Vor allem der Erinnerung. Denkt Möst an Menschen aus seiner Vergangenheit, an Oma Walburga oder Schulfreund Markus, dann sieht er sie immer leicht verschwommen vorm inneren Auge. „So geht es jedem, glaub ich.“

Unschärfe erleichtere auch das Leben. Zum Beispiel beim U-Bahnfahren. „Wer dort seine Brille ablegt, nimmt die Menschen um sich herum anders wahr. Die verlieren dann alles Aggressive, alles Harte. Sie werden im Allgemeinen auch schöner.“ Kurz darauf nimmt er seine dunkle Hornbrille ab, legt sie vor sich auf den Tisch, sieht sein Gegenüber mit unscharfen Augen an. Das solle dieser jetzt bitte nicht als Affront werten, sagt er. „Ich kann mich so besser aufs Gespräch konzentrieren.“ Auch beim Musikhören verzichtet er oft auf die Gläser. „Macbeth“ in der Staatsoper war herrlich. Herrlich verschwommen.  

Astigmatismus ist vererbbar, sein Großvater hatte es, sein Vater hat es. Sein Bruder nicht, der Unglückliche. In der Schule haben sie Oliver Möst Brillenschlange geschimpft, zum Glück war er gut im Fußball, das hat ihn in der Klassenhierarchie weit nach oben befördert.

Er spielt heute noch Fußball, jeden Sonnabend, mit Freunden und ohne Brille. Schwierig wird’s nur, wenn einer vergisst, die farbigen Trikots mitzubringen. Seit Wochen trägt Möst einen Verband um den linken Zeigefinger, eine Kapselverletzung, kleiner Sportunfall. Das wäre ihm mit Brille sicher auch passiert, sagt Möst.

Seine Pubertät erlebte er besonders unscharf, weil er sich aus Eitelkeit weigerte, Brille zu tragen. Er war New Waver mit Irokesenschnitt, lackierten Fingernägeln und Totenkopfschnallenstiefeln, dazu passten doch keine Brillengläser. Lieber hat er sich in der Schule in die erste Reihe gesetzt, um an der Tafel die Buchstaben lesen zu können. Er war verblüfft, wie gut man vorne spicken kann. Lehrer verdächtigen bloß die Hintensitzer.

Es war ein langer Weg, bis er auf die Idee mit seiner Kamera kam. In den 90ern probierte Möst alle möglichen Unschärfe-Techniken aus, und es gibt so viele in der Fotografie: Mehrfach- und Dauerbelichtungen, falsche Blendeneinstellungen, Bewegungsunschärfe. Eine Zeit lang fuhr er mit seinem Audi 80 über die Autobahn, fotografierte durchs Seitenfenster. Die Serie endete abrupt, als ihm einer die Vorfahrt nahm.

Manchmal hört er den Vorwurf, die Unschärfe Gerhard Richters kopieren zu wollen. Obwohl der weder Astigmatismus hat noch Agfa Clack. Möst wehrt sich nicht dagegen, stattdessen hat er ein Foto von einem vollen Berliner Touristendampfer gemacht und es „Onkel Rudi winkt“ genannt, in Anspielung auf Richters berühmtes Gemälde.

Noch kann Möst von seinen unscharfen Werken nicht leben. Mit zwei Kollegen betreibt er das Fotostudio „foen x“, übernimmt Auftragsarbeiten. Manchmal muss er seine Geldgeber erst überzeugen: „Keine Angst, ich kann auch scharf.“

Durch die großen Fenster seines Ateliers blickt Möst direkt auf den U-Bahnhof Jannowitzbrücke, davor fließt die Spree. Gerade fährt ein Ausflugsdampfer vorbei, mit Brille kann er den Namen lesen, es ist die „Schöneberg“,  und er sieht winkende Touristen. Nimmt er die Brille ab, treten andere Details hervor: Jetzt fallen ihm die frei gebliebenen Plätze an Deck auf. „Die Plastikstühle leuchten so schön blau. Die strahlen ja geradezu.“

Oft ergeben sich auch neue Bedeutungszusammenhänge. Wie bei den Pokalen, die Möst fotografiert hat. Sie stehen bei seinen Eltern in Füssen in der Küche, das liegt im Ostallgäu. Sein Vater hat im Laufe seines Lebens eine Menge Pokale gewonnen, nur leider ausschließlich in „abseitigen Disziplinen wie Eisstockschießen und Schafkopfen“, sagt Oliver Möst. Damit konnte er nichts anfangen – bis er die glänzenden Preise mit seiner Agfa Clack abfotografierte. „So habe ich echte Trophäen daraus gemacht, plötzlich hatten sie nichts mehr mit Altherrensport zu tun. Ich habe sie mir neu erschlossen.“ Sein Vater war gerührt, als er die Bilder sah. Bloß verstand er den Sinn der Aufnahmen nicht ganz: Er musste seinem Sohn unbedingt noch einmal aufzählen, welchen Pokal er durch welche Großtat errang.

Kommenden Freitag um 19 Uhr stellt Oliver Möst sein Buch im Laden 25books in der Brunnenstraße 152 vor. Es erscheint bei Peperoni books (136 Seiten, 38 Euro). Weitere Bilder unter www.olivermoest.de.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben