Die Stadt : South Central, L. A.

Die Manual Arts High School in Los Angeles hatte einen guten Ruf – heute ist sie umgeben von Gangs und Gewalt. Und doch ist sie sicher. L. A. hat eine spezielle Polizei für Schulen. Ein Tag unterwegs mit Officer Ernest Reyes.

Bodo Mrozek
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Officer Ernest Reyes.Foto: Sabina McGrew

Be safe – sei sicher.“ Die Worte klingen wie eine Mischung aus Gruß, Ermahnung und Beschwörung. Der Waffenmeister spricht sie wie ein Mantra, jedes Mal, wenn er ein Gewehr durch das kleine Schalterfenster seiner Luke gegen eine Unterschrift auf einem Formular tauscht. Er tut dies zwei Dutzend Mal.

Senior Police Officer Ernest Reyes nickt einmal kurz und ernst, als er seine gedrungen wirkende Waffe mit beiden Händen ergreift. Eine Hand umfasst den hölzernen Kolben, die kurzen, dicken Finger der anderen krallen sich um den Lauf. Mit schweren Schritten seiner Sicherheitsstiefel stampft der untersetzte Mann über das Linoleum. Er knallt den Kolben des Repetiergewehrs auf eine Tischplatte, schraubt den Lauf ab, kneift ein Auge zu, schaut prüfend durch das Rohr und reißt den Vorderschaft mit einem scharfen metallischen Klacken zurück. Dann schüttet er ein paar zweifingerdicke rote Patronenhülsen aus einer Pappschachtel und steckt sie einzeln in die Kammer des Gewehrs. Fünf weitere Patronen klemmt er in eine Halterung am Lauf. „Bugshots“ nennen sie das Kaliber. Zwei Sorten werden unterschieden: zielgenaue Kugeln mit einem geringen Streuradius und „weniger tödliche“.

Dies hier ist die erste Variante, offiziell: Strafverfolgungsmunition. In einer öffentlichen Mittelschule im Staat Kalifornien gehört sie zur Standardausrüstung.

Es ist sechs Uhr früh, über Los Angeles dämmert ein klarer Morgen herauf. Lange bevor die Glocken zum Unterricht läuten, beginnt der Schultag in einem unscheinbaren Bürogebäude am Pico Boulevard unweit des Convention Centers. Rund 50 Männer und Frauen, unter ihnen Officer Reyes, sitzen in dunkelblauen Uniformen hinter Tischen mit behördengrauer Beschichtung. Manche lümmeln breitbeinig auf ihren Stühlen, andere haben die Finger in ihre Gürtel gehakt. Die Abzeichen auf den Ärmeln mit den rasiermesserscharfen Bügelfalten zeigen das Emblem des Los Angeles Police Departments. Mit einem Unterschied: In der üblichen Abkürzung L.A.P.D. prangt ein Buchstabe mehr auf den Ärmelabzeichen: L.A.S.P.D. – es ist das Wappen der Schulpolizei von Los Angeles.

Äußerlich unterscheidet sich die Einsatzzentrale von keiner anderen Polizeiwache. Es duftet nach Nescafé, Bohnerwachs und Rasierwasser. An den Wänden hängen gerahmte Fotos, die Polizisten in Galauniform und solche in schusssicheren Westen beim Erstürmen von Gebäuden zeigen, daneben Sporttrophäen und Kantinenpläne.

Rund 660 Beamte stehen unter dem Kommando der Schulpolizei, ihr Distrikt ist mit 710 Quadratmeilen größer als das Stadtgebiet, vierzehn kleinere Orte gehören dazu. Damit hat die Schulpolizei zwar weit weniger Personal als das reguläre Polizeidepartment mit seinen 9000 Beamten, doch Uniform, Befugnisse und Ausrüstung sind gleich. Ein Schulpolizist ist ein vollwertiger Polizeibeamter.

Im Briefing-Raum geht der diensthabende Sergeant die Ereignisse des Vortages durch. Ein Streifenwagen hatte eine Panne, zwei Beamte haben sich krankgemeldet. In einer Schule wurde eine Scheibe eingeschlagen, den Täter identifizierte dessen eigene Schwester auf einem Überwachungsvideo. Der Sergeant macht eine Bemerkung zum Thema Geschwisterlichkeit, und das erste verhaltene Gelächter weht durch den mit Ölfarbe lindgrün gestrichenen Raum. Es vertreibt die Müdigkeit aus den Augenwinkeln und vielleicht auch für einen Moment die Anspannung eines heraufziehenden Tages, von dem man nicht wissen kann, ob er so friedlich bleiben wird, wie er hier beginnt.

Eingeschlagene Scheiben sind das geringste Problem in South Central L. A.

Officer Reyes tritt mit der Pumpgun in der Hand hinaus in den dunkelblauen Morgen. Vom Parkdeck der Polizeigarage schweift der Blick weit über die Stadt. Hinter den Hügeln von Hollywood Hills dämmert das erste Rosa herauf, dahinter nimmt der Himmel die Farbe von Stahl an. Es wird ein heißer Tag werden. Der Schulpolizist umrundet seinen Funkwagen und untersucht ihn auf Beschädigungen. Besondere Aufmerksamkeit erhält der Rücksitz hinter einer Gitterwand. Für den Fall einer Festnahme dürfen keine Gegenstände darauf liegen, die sich als Waffen verwenden ließen.

Reyes verstaut die Shotgun in Griffweite neben dem Fahrersitz in ihrer Halterung und verschließt sorgfältig den Riegel über dem Lauf. Er wuchtet seine 90 Kilo auf den durchgesessenen Ledersitz und dreht den Zündschlüssel um. Auf dem Weg zur Rampe lässt er Hupe und Sirene kurz aufheulen und testet die Bremsen auf ihre Funktion. Jeder dieser Handgriffe ist in irgendeiner Vorschrift festgelegt, ein Beamter zeichnet Häkchen in ein Formular und hält ein Klemmbrett in den Wagen. Officer Reyes krakelt umständlich seine Unterschrift auf das Papier und schiebt den Schalthebel der Automatik auf „Drive“. Die Stoßdämpfer ächzen vernehmlich, als der Wagen die Ausfahrt der Garage passiert und sich in den Berufsverkehr der Hauptstraße einfädelt.

Die Manual Arts High School ist 15 Meilen vom Polizei-Hauptquartier entfernt. Der Funkwagen lässt den Santa Monica Freeway hinter sich, der die Stadt nicht nur geografisch in zwei Hälften schneidet. Nördlich dieser Schnellstraße gilt Los Angeles als wohlhabend und relativ sicher. Die Schule liegt weit südlich dieser Grenze an der South Vermont Avenue. Als dritte Schule im Gebiet von Los Angeles wurde sie 1910 inmitten von Bohnenfeldern gegründet, damals war die nächste Bushaltestelle einen halbstündigen Fußmarsch weit entfernt.

Der Name der Schule sollte das Ideal eines Lernens mit Herz, Kopf und Hand zum Ausdruck bringen. „Ganzheitlich“ würde man heute sagen. Noch in den 1930er Jahren war Manual Arts für die exzellenten Ergebnisse ihrer Schüler berühmt. Zwei Senatoren, den Weltkriegs-General Jimmy Doolittle und den Komiker Robin Harris brachte die Schule hervor, der berühmteste Absolvent ist der Künstler Jackson Pollock. Heute ist von den hochgesteckten Idealen aus dem vergangenen Jahrhundert nicht viel übrig. Der letzte prominente Schüler, der spätere Basketballprofi Dwayne Polee, verließ die Schule 1981. Seitdem hat kaum ein Schulabgänger mehr Schlagzeilen gemacht – außerhalb des Polizeiberichts.

Die Bohnenfelder sind längst den typischen kalifornischen ein- bis zweistöckigen Flachbauten gewichen. Stadt und Vorstädte sind auch hier zu jenem 464 Quadratmeilen weiten, dicht bevölkerten Netz aus palmengesäumten Straßen, Strommasten und Häuserwürfeln verschmolzen, das sich nach den Engeln nennt: Los Angeles. Hier im Südwesten hat sich nicht nur die Landschaft, sondern auch die Bevölkerung drastisch verändert. Die Schülerschaft von Manual Art spiegelt diese Entwicklung wider.

Waren noch in den 1980er Jahren 90 Prozent der Schüler Afro-Amerikaner, so stammen heute 80 Prozent von Einwanderern aus Mittelamerika ab. Asiaten und Weiße stellen je ein Prozent. Mehr als die Hälfte der Schüler spricht als Muttersprache Spanisch. Mit den neuen Migranten haben sich die Probleme verschärft: Arbeitslosigkeit, Analphabetismus, Alkoholismus, kaputte Familien. Und die Kriminalität. Die letzte Jahresstatistik registrierte auf dem Campus 37 Eigentumsdelikte, 24 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, zehn gegen das Waffengesetz und zwei Sexualverbrechen.

Das Schulgebäude ist ein repräsentativer Bau mit weiß getünchter Fassade. Officer Reyes lässt ihn erst einmal links liegen und dreht eine Runde um das weitläufige Gelände. Für die Einlasskontrolle am Haupteingang ist sein Partner zuständig. Lehrpersonal und Polizisten untersuchen die Schüler mit Metalldetektoren auf Waffen, kontrollieren Ausweise, öffnen Taschen. Um den Campus mit seinem begrünten Pausenhof und einem Sportgelände zieht sich ein drei Meter hoher Eisenzaun, dessen scharfe Spitzen nach außen gebogen sind.

Officer Reyes konzentriert sich auf die umliegenden Straßen. Das Hauptproblem an den Schulen sind Gangs. Rund um die Schule sind mehrere ethnisch geprägte Banden aktiv, hispanische und schwarze. Einige, wie die Hoover Crips, blicken auf eine mehr als 30-jährige Tradition zurück. Andere sind Nachbarschaftsgangs, die sich schlicht nach den Nummern der Straßen benennen, in denen sie aktiv sind, etwa die Thirties oder die Fourties. Wieder andere lassen in ihren Namen ihr kriminelles Programm durchblicken wie die Notorious Crime Thug Family (NTCTF) oder die ACT (Active Crime Thugs). Manche Gangs dealen mit Drogen, andere haben sich mehr auf Diebstähle verlegt.

Eine 100-seitige Studie der Bürgerrechtsanwältin Connie Rice über die Gang-Bekämpfung in Los Angeles kommt zu der Schätzung, dass es 50 Millionen Dollar kosten würde, die Gangs durch Sozialprogramme von den Straßen um Schulen wie die Manual Arts fernzuhalten. Eine utopische Summe, selbst wenn die Kassen der Stadt voller wären.

Officer Reyes deutet auf einen hageren Jungen mit übergroßer Basecap und einem Sporthemd, beides in demselben Rot. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein Baseballfan, aber hier in South Central L. A. haben die Farben schon vor Jahrzehnten ihre Sportlichkeit verloren. Es sind Gang-Colours. „Der Junge steht da, um die kleineren Schulkinder auszurauben. Sobald sich eine Gelegenheit bietet, schnappt er sich irgendeinen Knirps und nimmt ihm die Schultasche oder den MP3-Player ab.“ Als der Junge merkt, dass der Polizist auf ihn deutet, zeigt er eine Reihe schadhafter Zähne und dreht kurz die Handflächen nach außen, als wolle er sagen: Sieh hier, du kannst mir nichts beweisen. Dann vergräbt er die Fäuste wieder in den Hosentaschen seiner überweiten Baggy-Jeans und setzt einen unverwandt finsteren Blick auf.

Officer Reyes zuckt mit den Achseln und kurbelt am Lenkrad. Präsenz zeigen ist eine seiner Hauptaufgaben.

Der schwarz-weiße Streifenwagen mit dem Emblem der Schulpolizei rollt langsam mit leise blubberndem Motor in ein Viertel, das nur ein paar Blocks vom Schulgelände entfernt liegt. Es sind die „Dark Side Thirties“, die „dunklen Dreißiger“. Kalifornische Häuschen mit pastellfarbener Bretterverschalung stehen in verwilderten Vorgärten, die Farbe blättert malerisch von Lattenzäunen.

Es sind keine schlechten Häuser, weiter nordwestlich in den hippen Bezirken Silver Lake oder Echo Park müsste man für die Miete ein kleines Vermögen hinblättern. Auf den ersten Blick wirkt die Umgebung fast idyllisch, die Fächer der Palmen bewegen sich sanft in der Morgenluft. Wäre da nicht der Müll auf der Straße. Oder der Obdachlose mit der turbanartigen Rastafrisur, dessen dünne Knöchel ein zerlöcherter, schlammfarbener Mantel umschlottert. Er durchwühlt eine Mülltonne. Die Gitter vor den Fenstern fallen erst auf den zweiten Blick auf, die metallverstärkten Türen ebenfalls. Es sind stumme Zeugen der Angst.

Officer Reyes deutet auf eine zersplitterte Straßenlaterne. Eines Tages, sagt er, es war nach einer nächtlichen Razzia der Polizei, da zerschossen Mitglieder der lokalen Gang alle Lampen zwischen der 30. und der 32. Straße. Die Stadtverwaltung ließ die Lampen austauschen, doch in der nächsten Nacht waren wieder alle Lampen zerschossen. Dies wiederholte sich ein paar Mal, und irgendwann gab die Stadt ihre Reparaturen in dieser Gegend auf. Seitdem heißen die Straßenzüge nur noch die Dark Side Thirties. Nachts sieht man sprichwörtlich die Hand vor Augen nicht – ideale Bedingungen für den Drogenhandel und ein guter Schutz vor den aus fahrenden Autos abgefeuerten Kugeln feindlicher Gangs.

Selbst die Einsatzwagen des Police-Departments fahren hier ins Dunkle nur mit Verstärkung hinein.

Die kleine Geschichte der Dark Side Thirties ist eine typische Geschichte aus South Central, es gibt viele ähnliche, und die meisten von ihnen stehen stellvertretend für den Abstieg von ganzen Regionen. Orte wie Compton, Carson, Boyle Hights, St. Andrews Park, Inglewood oder Watts. „Das waren einmal gute Nachbarschaften“, sagt Reyes. „Eines Tages zogen schlechte Leute her, ließen ihre Häuser verwahrlosen, bemalten die Wände mit Graffiti und schleppten die Drogen ein. Nach und nach zogen die guten Menschen weg, schlechte rückten nach. Und mit ihnen wuchsen die Gangs.“ Ein einfacher Vorgang aus der Sicht des Praktikers. Sozialwissenschaftler würden dafür mehr und andere Worte brauchen. Von Suburbanisierung, Segregation und Marginalisierung etwa würde Professor Malcolm W. Klein sprechen, der im Untergeschoss der University of Southern California (USC) den Niedergang der Vorstädte und den Aufstieg der Straßenbanden erforscht.

Rund um die Manual Arts High School haben Gangs eine lange Tradition. Der Gründer der berüchtigten Crip-Gang, Stanley „Tookie“ Williams, erwähnt die Schule in seiner Autobiografie als den Ort, an dem er Anfang der 60er Jahre zum ersten Mal von Jugendlichen zusammengeschlagen wurde.

Wenig später schloss er sich einer Straßenbande an und gründete 1971 die Crips, deren Symbole mittlerweile aus dem West-Coast-Stil der internationalen Hip-Hop-Kultur nicht mehr wegzudenken sind: blaue Bandana-Tücher, gewaltverherrlichende Rap-Songs und ein weltweit verbreiteter Hip-Hop-Tanz, der Crip- Walk.

Seine später in Hollywood verfilmten Memoiren „Blue Rage, Black Redemption“ diktierte der Crip-Gründer in der Todeszelle im Gefängnis von St. Quentin: blaue Wut, schwarze Vergeltung. Sie machten ihn zur Legende. Der Staat Kalifornien ließ den reuigen Bandenchef 2005 mit einer Giftspritze exekutieren. Wegen mehrfachen Mordes – und wahrscheinlich auch, um ein Exempel in Sachen Gang-Gewalt zu statuieren.

Gouverneur Schwarzenegger hatte alle Gnadengesuche abgelehnt.

Gang-Mitglieder sind leicht zu erkennen. Sie kennzeichnen sich selbst. In der Regel tragen sie Sportbekleidung, Baseballmützen, Footballshirts in gleichen Farben. Ihre Haut ist mit Symbolen und Abkürzungen tätowiert, „Gang-Tinte“ sagen sie hier dazu. Die Graffiti auf den Hauswänden teilen die Wohngebiete in verschiedene Herrschaftszonen.

Jahr für Jahr fordert die Verteidigung dieser unsichtbaren Linien ihren Blutzoll. Erst vor wenigen Wochen gab es ein Drive-By-Shooting, ein typisches GangVerbrechen. Gegen vier Uhr morgens standen ein Junge und ein Mädchen außerhalb des Schulgeländes von Manual Arts. Unbekannte eröffneten aus einem fahrenden Wagen heraus das Feuer. Als die Rettungskräfte eintrafen, waren die Opfer schon tot. Ihre Leichen lehnten verblutet am Schulzaun. Am Abend desselben Tages fand man einen 18-Jährigen an der Ostgrenze des Schulgeländes mit einem Kopfschuss. Er lebt, liegt aber im Koma.

Alle drei Opfer waren Mitglieder oder Sympathisanten der lokalen Gang, der Rolling Fourty Neighborhood Crips. Sie ist hier seit Jahrzehnten aktiv. Als Angreifer verdächtigt man die 57th Street Hoover Crips, deren Revier sich weiter südlich befindet. Obwohl sich beide Gruppen stilistisch den Crips zuordnen, der inzwischen größten schwarzen Gang der USA, trennt sie eine jahrelange Abneigung.

Die Gründe liegen im Dunkel der Vergangenheit verborgen, vermutlich kennen selbst die aktiven Gang-Mitglieder sie nicht mehr. Gang-Wars werden von Generation zu Generation vererbt, das Wissen um den ursprünglichen Anlass nehmen ihre Opfer oftmals mit ins Grab. Auf der Straße an der Schule erinnert nichts mehr an die Bluttaten, keine Blumen, keine Kreuze, keine Kerzen. Weil das Leben weitergehen muss, und weil es zu viele solcher Orte gibt, als dass man sie alle markieren könnte.

Officer Reyes fährt seinen Streifenwagen vor ein unscheinbares Haus mit Terrasse. Auf der ockerfarbenen Hauswand leuchten handtellergroße Flecken heller Spachtelmasse wie frische Narben auf dunkler Haut. Es sind Einschusslöcher. Die Schüsse fielen erst vor wenigen Tagen. Ein paar Jugendliche saßen abends vor dem Haus, tranken Bier, rauchten Gras: Mitglieder der Gang, die mutmaßlich für das Drive-By-Shooting am Schulzaun verantwortlich war. Ein Wagen fuhr vor, die Angreifer sprangen heraus und schossen mit mehreren Handfeuerwaffen auf die Gruppe. Ihre Kugeln durchschlugen Arme und Beine zweier Opfer. Einen Jungen trafen sie in den Brustkorb, einen anderen in den Kopf. Die Bilanz: ein Toter und zwei Verletzte auf der Intensivstation.

Von den Tätern keine Spur, alle Zeugen verweigern die Aussage – wie fast immer in Gang-Kriegen. Vier Tote im Schuldistrikt in einem Monat, das jüngste Opfer 16 Jahre jung, das älteste Anfang 20: Das nennen sie hier einen „ziemlich aktiven Monat“. Es gibt schlimmere.

Über Funk tönt blechern eine Personenbeschreibung. Sheriff-Department und L.A.P.D. verfolgen einen Verdächtigen in der Nähe der Schule, Officer Reyes stellt den Regler des Funkgerätes lauter. Hautfarbe schwarz, Größe zirka eins achtzig, grünes T-Shirt, besonderes Kennzeichen: eine verchromte Handfeuerwaffe. Die Schulpolizei ordnet den „Lock Down“ an: In der gesamten Region werden alle Schultore und Klassenräume abgeschlossen. Für die Dauer der Menschenjagd wird niemand eine Schule betreten oder verlassen. Officer Reyes tritt das Gaspedal durch, er muss von außen sicherstellen, dass sich auch in Manual Arts alle Tore schließen.

Das nervöse Geheul vieler entfernter Polizeisirenen mischt sich nun mit dem Schrillen der Alarmglocke der Schule. Der Funkwagen umrundet das Gelände. Ein Schultor steht noch offen, der Schulpolizist gibt verärgert über Funk Bescheid. Eine halbe Minute später eilt ein Hausmeister mit klirrendem Schlüsselbund im Laufschritt zum Tor.

Campus Protection ist eine Routine, die sehr ernst genommen wird. Sie verhindert, dass sich Gewalttäter in den Schulen verstecken, und schützt die Schüler davor, in einen Kugelhagel zu geraten, falls es bei der Festnahme zu einem Schusswechsel kommen sollte. Beides ist schon mehr als einmal passiert.

Die Zeiger der Wanduhr stehen auf zehn Uhr, als Reyes zum ersten Mal das Schulgebäude betritt. Er teilt sich ein winziges Büro nahe dem Eingang mit seinem Partner, Oscar Sotho. Der jüngere Polizeibeamte beugt sich über einen großen hölzernen Zettelkasten. „Jede Gewalttat, die da draußen geschieht, hat Konsequenzen innerhalb der Schulmauern“, sagt Sotho. „Selbst die Jüngsten können Schwierigkeiten bekommen, wenn ihre älteren Geschwister in einen Gang-War verwickelt werden. Der Häuserblock, in dem sie wohnen, die Straße, ihre Hautfarbe: All das ist Grund genug, selbst Opfer zu werden.“ Eine Prügelei unter 14-Jährigen auf dem Schulhof ist oftmals das Echo einer Schießerei ihrer älteren Brüder vom Vortag. Um die Gründe für Gewalt zu verstehen, müssen solche Informationen gesammelt werden.

Wann immer ein Schüler auf dem Schulgelände gewalttätig wird, nimmt Sotho dessen Daten auf. Auf Interviewkarten trägt er Namen, Spitznamen, Adressen, Tattoos ein und alles, was über Gang-Zugehörigkeiten und Familie bekannt ist. Sollte aus dem Schulhofschläger in ein paar Jahren ein Messerstecher oder Pistolenheld geworden sein, dann kann er bei einem Abgleich von Zeugenaussagen mit den Schuldaten womöglich überführt werden – vorausgesetzt, es gibt aussagewillige Zeugen.

Neuerdings werden die Karteien elektronisch aufbereitet, gerade werden die Streifenwagen der Schulpolizei mit internetfähigen Toughbooks ausgerüstet. Anti-Gang-Arbeit besteht weniger aus spektakulären Kommandoaktionen als aus akribischer Datenbankpflege.

Kommt es zur Gewalt, dann reicht oft die Autorität des Polizeiabzeichens zur Schlichtung. Manchmal auch nicht. Vor wenigen Tagen gab es eine Schlägerei in der Schule, vermutlich stand sie im Zusammenhang mit den Morden außerhalb des Schulzaunes. Um ein paar Schüler davon abzuhalten, ihrem bereits am Boden liegenden Opfer die Zähne einzuschlagen, setzten die Schulpolizisten ihre Schlagstöcke als Hebel ein.

Dabei brachen sie einem Halbwüchsigen beide Arme. Aus Versehen. „Solche Vorkommnisse sind nicht gut“, sagt Reyes, „aber was sollen wir tun?“ Die Uniform wird nur so lange respektiert, wie sie für etwas steht. Das gelte es immer wieder zu beweisen.

Sicherheit, sagt Reyes, ist das Wichtigste an seinem Job. Sicherheit für diejenigen, die er beschützt, und Sicherheit für die Beschützer selbst. Das heißt immer wieder Training und Fortbildungen: Selbstverteidigung, Festnahmen, Schießübungen, Psychologie. „Wenn man Angst hat, selbst Opfer zu werden, dann kann man den Job nicht machen. Wenn man Angst um seine Familie hat, auch nicht.“ Officer Reyes lebt deshalb außerhalb der Stadt. Es gebe Kollegen, die wohnten mitten drin, einige wenige sogar dort, wo sie arbeiten, doch das sei die absolute Ausnahme. „Wenn ich vor Gericht aussagen muss, dann bin ich froh, dass ich woanders zu Hause bin als diejenigen, die ich in den Knast schicke.“

Im Revier am Pico Boulevard hat Lieutnant Hector Rodriguez das Kommando. „Durch unsere Arbeit sind die Schulhöfe inzwischen die sichersten Zonen vieler Nachbarschaften“, sagt der Polizeioffizier. „Wenn ein Jugendlicher auf dem Weg zur Schule überfallen oder ausgeraubt wird, dann nehmen wir uns die Zeit für eine Untersuchung, wir kennen die Verdächtigen und wir machen die Festnahmen selbst. Keine Behörde kennt die soziale Umgebung der Schulen so gut wie wir.“ An den Wänden seines Büros hängen Stadtpläne, in denen die Reviere der Banden farbig markiert sind.

Rodriguez büffelt nebenbei gerade für einen Universitätsabschluss in Kriminologie an der University of Southern California. Sein Thema: Straßengangs.

Am Nachmittag, als die Streifenwagen der Schulpolizei zurück in die Garage rollen und Reyes und seine Kollegen ihre Shotguns wieder beim Waffenmeister abgeben, sind alle Waffen unbenutzt. In der Funkzentrale rapportiert Day Watch Commander Sergeant James Vils die Ereignisse des Schultages: Das Feuer in einem Schulbus konnte rechtzeitig gelöscht werden, der Verdächtige mit der Schusswaffe vom Vormittag wurde ohne Blutvergießen festgenommen.

Es war ein guter Tag für die Schulen von Los Angeles: keine Verletzten, keine Toten. Schwer zu sagen, was passiert wäre, wenn die 660 Beamten der Schulpolizei nicht im Einsatz gewesen wären. „Wir kennen die Zahl der Opfer, die Amoktäter anrichten. Was wir nicht kennen, ist die Zahl derjenigen, die keine Opfer wurden, weil unsere Präsenz Amokläufer und Gewalttäter von ihren Plänen abgehalten hat.“ Prävention ist schlecht messbar.

„Es ist schön, mit Kindern zu arbeiten“, hatte der Polizist auf dem Rückweg ins Revier gesagt. „Die überwiegende Mehrheit von ihnen ist gut, und wir Polizisten sind Vorbilder für sie. Sie respektieren und sie mögen uns.“

Reyes ist 40 Jahre alt, seit 18 Jahren trägt er Uniform. Als er selbst Schüler war, da gab es noch keine bewaffneten Polizisten an der Schule. Heute sei er froh, dass es den Job gibt, auch für die Sicherheit seiner eigenen Kinder. Reyes hatte das Wagenfenster heruntergekurbelt, den Uniformkragen gelockert, kurz mit seiner Frau telefoniert und freute sich auf das Abendessen. Für einen Moment lang schwieg das Rauschen des Funkgerätes, die Feierabendsonne blinzelte durch die Palmenkronen und spiegelte sich im glänzenden Lack der Motorhaube. Mit einem Mal sah der Polizist Reyes aus wie Ernest Reyes, der Familienvater. „Ich bin sehr gerne bei der Schulpolizei. Ich liebe, was ich tue. Es ist eine schöne Arbeit“, hatte er fast feierlich erklärt. Und nach einer kleinen Pause: „Meistens jedenfalls.“

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