Die Stadt : Teheran - drei Monate danach

Anfang Juni hat der Iran gewählt – der Sieg von Präsident Ahmadinedschad ist höchst umstritten. Die Opposition protestierte, es gab Festnahmen und Prozesse. Unser Autor war im Frühjahr in Teheran. Jetzt fragte er seine iranischen Freunde, wie sich ihr Leben in den letzten Monaten verändert hat.

Andreas Stichmann
Massive Demonstration in support of Opposition Candidate in Tehran
Im Juni demonstrierten die Menschen auf Teherans Straßen.Foto: Mohammad Kheirkhah/UPI/laif

Mein Alltag ist im Moment wieder wie vor der Wahl, aber ich bin auch ein Mensch, der sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Meine Freunde sind ähnlich wie ich, friedliche und humorvolle Menschen. Wir interessieren uns für Kunst und Kultur, wir gehen Pizza essen oder treffen uns zu Hause. Da wird nicht immer über Politik geredet, obwohl die meisten eher Anhänger von Mussawi sind.

Ich fände es schön, wenn die Welt sich nicht nur für die schlechten Nachrichten, sondern auch für unsere reiche Kultur interessieren würde. Wir Iraner kommunizieren gerne, sind gastfreundlich und eben einfach unterschiedlich, so wie überall auf der Welt. Ich bin Moslem, aber nicht so, wie sich das viele im Westen vielleicht vorstellen. Meine Religion will Frieden, und sie lässt mir normalerweise alle Freiheiten. Ich habe nichts gegen Alkohol, obwohl ich selber nur sehr selten trinke. Ich bete – aber ich lasse mir nicht vorschreiben, welche Musik ich höre.

Ich arbeite als Ingenieur. Meine Kollegen in der Firma reden mehr über Politik, das hat sich nach der Wahl sicher verändert. Manche denken jetzt zum ersten Mal über Politik nach.

An den Wahltag kann ich mich gut erinnern, schon morgens waren viele Menschen auf der Straße, die Stimmung war eigentlich gut. Mir fiel auf, dass sehr viele Frauen unterwegs zu den Wahllokalen in den Schulen und Moscheen waren. Ich habe mich mit zwei Arbeitskollegen getroffen. Wir sind zu Fuß in eine Schule hier in der Nähe, und auf dem Weg haben wir Wetten abgeschlossen. Nur ein Kollege wettete, dass Mussawi knapp verliert. In der Schule war die Stimmung auch zugunsten Mussawis, obwohl vorne am Eingang schon ein paar Soldaten standen, aber die haben niemanden belästigt, sondern nur aufgepasst, dass keiner grüne Kleidung oder andere Zeichen zur Unterstützung eines Kandidaten trug, das ist in den letzten 24 Stunden vor der Wahl verboten. Die Mussawi-Anhänger haben aber trotzdem Werbung gemacht, mündlich: „Wählt Mussawi! Verändert das Land!“

In der Nacht saßen wir dann sehr lange bei meinem Arbeitskollegen und haben die Wahlsendungen gesehen. Es kam uns schon merkwürdig vor, dass über 40 Millionen Stimmen noch in derselben Nacht gezählt worden sein sollten. Früh am Morgen haben sie dann das gefälschte Wahlergebnis durchgegeben. Wir waren alle geschockt, schon ein paar Stunden später waren Menschenmassen auf den Straßen und Plätzen. Ich bin nicht hingegangen. Ich habe nur aus dem Auto heraus den Lärm, die Sprechchöre und die Rauchkerzen mitbekommen. Im Fernsehen haben sie kaum berichtet, wenn überhaupt, hieß es, es gebe Ruhestörer und aggressive Schläger auf den Straßen. Dabei bekam jeder mit, wie friedlich die Demonstranten waren, viele junge Mädchen waren dabei. Bis heute lügen sie im Fernsehen.

Manchmal frage ich mich: Hätte ich hingehen sollen? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben? Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich bin einfach ein durchschnittlicher Mensch, dem es am wichtigsten ist, sein normales Leben weiterzuführen. Ich habe dabei auch an die Menschen gedacht, die ich liebe, an meine Familie, meine Freunde und meine Frau.

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