Die Stadt : Über Leben in Riesa

Nudeln, Nazis, die Erdgasarena und jede Menge Phallussymbole: Thomas Trappe schreibt auf ganz eigene Art über eine merkwürdige Stadt. Für seinen Blog über Riesa ist er jetzt für den Grimme Online Award nominiert

Foto: Lutz Weidler

Riesa an der Elbe ist vielleicht der Horst Köhler unter den Städten: Beide sind ziemlich schnell beleidigt. Riesa liegt zwischen Dresden und Leipzig und ist kleiner als jene schönen Orte. Das hat Riesa eben nie verkraftet – und vielleicht auch deshalb in den vergangenen Jahren lauter Phallussymbole in die Stadt gepflanzt. Aber dazu komme ich später.

Ich arbeite seit zwei Jahren als Journalist in Riesa. Als ich damals mit dem Vorurteil bepackt in die Stadt kam, hier gebe es sicher eine nicht unwesentliche Problematik mit Nazis, wurde ich schnell eines Besseren belehrt: In der Stadt gibt es äußerst wesentliche Probleme mit Nazis. Die gesamte Führung der sächsischen NPD-Landtagsfraktion wohnt hier. Fraktionschef Holger Apfel samt Familie. Jürgen Gansel, NPD-Landtagsabgeordneter und für Milieuverhältnisse recht gebildet, soll heißen, nicht weitgehend vorbestraft. Seit einem Jahr sitzt Gansel für die NPD im Stadtrat. Er hält dort verwirrte Reden, die dem Altersschnitt des Gremiums angemessen sind. Zudem sitzt in Riesa das NPD-Zentralorgan „Deutsche Stimme“, in dem regelmäßig saftige alte Männer irgendwas über Hitler und so Zeug schreiben. Wenn ihr Verlagshaus nicht gerade von der Polizei durchsucht wird, die ihnen dann Hitler-Kalender wegnimmt. Vor kurzem hat die „Deutsche Stimme“ zehntes Jubiläum gefeiert, was uns nun abrupt etwas mehr als zehn Jahre zurückführt, in eine Zeit, als Riesa ein sächsisches Zentrum von Rechtsradikalen wurde und das mit dem Beleidigtsein anfing, eine folgenreiche Entwicklung.

Damals schrieben Journalisten „Igitt“ und „Das ist aber nicht so toll mit der ,Deutschen Stimme‘, böses Riesa“, in der Tendenz jedenfalls. Auch einige Dissidenten aus der Stadt machten mit und gründeten Bündnisse, die sich gegen die Ansiedlung der NPD-Zeitung aussprachen. Der Oberbürgermeister hieß Wolfram Köhler (CDU). Weiterhin gab es in der Stadt schon damals den jährlichen Riesaer „Riesenball“, bei dem verdienstvolle Persönlichkeiten mit einem „Riesen“ ausgezeichnet wurden. Zum belustigenden Zwecke der öffentlichen Bloßstellung wurden außerdem die größten Arschlöcher Riesas, zum Beispiel die gescheiterten Vereinsmanager, mit dem „Stinkstiefel“ markiert.

Stadtoberhaupt Köhler und andere Riesaer jedenfalls waren von dem rechten Spuk damals so genervt, dass sie den „Stinkstiefel“ vergaben an – Gedankenpause – alle „links- und rechtsextremen Kräfte“ der Stadt, in dieser Reihenfolge. Die linken Spinner hatten, so steht es bis heute schlecht verklausuliert auf der Homepage Riesas, der Stadt „in der Öffentlichkeit ein Image gegeben, das nicht stimmt und das die Bürger nicht wollen“.

Inzwischen hat sich das Rathaus, ich muss das anerkennen, in diesem Aspekt den Realitäten angenähert. Für die niedrige Frustrationstoleranz vieler Riesaer ist die oben angeführte Stiefel-Anekdote aber ein gutes Beispiel. In meiner eigenen Arbeitswelt macht sich das immer wieder durch Anwürfe hart an der Grenze zum tätlichen Angriff bemerkbar, etwa dann, wenn ein Unternehmer mich am Telefon anschreit, ich solle nicht die bescheuerten Grünen im Blatt zu Wort kommen lassen, die wählt hier eh keiner. Oder wenn ein emotionaler Kutscher im örtlichen Gericht von der Anklagebank droht, den anwesenden Journalisten, mich, zu zermalmen. Zum Beispiel.

Das Beleidigtsein und die Angst vor rechtem Spuk machen sich leider auch städtebaulich bemerkbar. Ich muss an dieser Stelle, Verzeihung, noch mal den ehemaligen Oberbürgermeister Köhler erwähnen. Köhler ist Vater und Verwirklicher der Idee, sich zusammen mit Leipzig für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2012 zu bewerben. Der spätere Axel-Schulz-Manager wollte die Stadt so aus dem Schatten Leipzigs und Dresdens herausführen. Und, meine eigene Interpretation, wohl auch dafür sorgen, dass Riesa nicht als rechtes Nest, sondern endlich als Event-Nest wahrgenommen wird, international. Deshalb also verteilen sich in der Stadt nun mehrere Phallussymbole.

Der erste Phallus steht rund 300 Meter vom Bahnhof entfernt. Jeden Tag komme ich zweimal täglich an ihm vorbei. Wer aus dem ICE steigt, sieht sofort eine rund 20 Meter hohe Schrottstatue, zweifelsohne sehr lang und groß. Da das Ding allerdings seinerzeit vom Künstler Jörg Immendorff zusammengeschweißt wurde und angeblich mehrere Millionen Euro gekostet hat, beschlich mich anfangs öfter der Verdacht, ich mache mich des Kunstbanausentums und seltsamer Zwangsvorstellungen schuldig. Die Furcht konnte mir genommen werden angesichts Massen vollkommen konsternierter Radtouristen, die die Elbe suchen und die Stahlplastik finden. Auch sie sehen nur Hoden und Penis. In der Bevölkerung nennt man die Plastik „Köhlerpimmel“. Ist es wirklich Zufall, dass Immendorff auch ein Lieblingskünstler von Gerhard Schröder war?

Direkt neben dem Pimmel steht der „Riesenhügel“. Dort sind die wesentlichen Kneipen untergebracht, außerdem ein Nachtklub, der durch eine aufwendige Lichtdurchflutung beeindrucken soll. Überflüssig zu erwähnen, dass im „Riesenhügel“ ein Braumeister seine Arbeit tut, der nebenberuflich als offizieller Riesaer Wappenmensch auftritt: der „Riesaer Riese“.

Diesen ganzen Riesigkeiten schließt sich eine sehr lange und triste Fußgängerzone an, gesäumt von Plattenbauten und einem SED-Denkmal für irgendeine Arbeiterbrigade, die die Platten zusammengesetzt hat. Die örtlichen Händler hatten vor kurzem ernsthaft die Idee, in Riesa wegen jener einmalig langen, tristen Fußgängerzone Sachsens „längste Einkaufsmeile“ auszurufen und so ein neues Alleinstellungsmerkmal zu etablieren. Bitterfeld fing schon an zu zittern, inzwischen wurde die Idee verworfen. Am Ende der langen Fußgängerzone wollte die Stadt zur Amtszeit Köhlers auch noch den „Schiefen Turm von Riesa“ bauen, ein großes Haus, das leicht schräg in die Höhe ragt. Aber auch diese Idee wurde leider nie umgesetzt.

Doch das eigentliche bauliche Denkmal setzte sich Köhler mit einer riesigen Veranstaltungsarena, die dem Hauptsponsor zuliebe „Erdgasarena“ heißt. Die Arena sollte Riesa zu einer Eventstadt machen. In ihr werden seit Jahren Weltmeisterschaften der Tänzer ausgetragen, in diesen Zeiten trauen sich dann ein paar Ausländer in die Stadt. Gebaut wurde sie aber auch zum Zwecke national und international Aufsehen erregender Auftritte von berühmten Stars. Leider ist im Laufe der vergangenen Jahre der Ansturm der Promis ausgeblieben. Stattdessen trat 2009 Mario Barth gleich mehrmals auf. Außerdem finden sich immer wieder Produktionsteams ein, die in der Halle Volksmusiksendungen aufzeichnen, man erzählt sich, Florian Silbereisen findet inzwischen ohne Navigationsgerät in die Stadt.

Die Erdgasarena bestimmt gerade mal wieder weitgehend die Tagespolitik und den Oberbürgermeisterwahlkampf, im August wird gewählt. Denn die Erdgasarena kostet die Stadt erhebliche Zuschüsse. Ein großer Teil des Stadtrates ist aber dagegen, bei der Arena Abstriche zu machen. Sie wollen lieber die Zuschüsse für Schüler kürzen. Auch hier greift die Phallus-Problematik „nachhaltigst“, wie man in Riesa so schön sagt. Mehrere Stadträte haben den nun folgenden Ausdruck mir gegenüber im Zusammenhang mit der Arena gefühlte 80-mal verwendet, um deren Notwendigkeit für die Weiterexistenz Riesas zu untermauern: Die Erdgasarena sei ein „Leuchtturm“. Passender wäre es aber zu sagen, die Arena ist ein quadratischer Betonklotz mit einem riesigen Parkplatz davor.

Es wundert kaum, dass in einer an Phallussymbolen reichen Stadt eine Atmosphäre gedeihen kann, in der Auto fahren, Hecken schneiden und sehr viel Bier trinken als männlich gilt. Man muss auch nicht lange suchen, um selbst im gehobenen Mittelstand Zustimmung zu Äußerungen zu finden, die im urbanen Umfeld eher als überholt gelten. Da fordert der Vermieter einer Edel-Immobilie seine Schützlinge auf, doch wie gute Deutsche den Müll besser zu sortieren, bevor es aussehe „wie auf einem Hinterhof in Berlin-Kreuzberg“. Zum Beispiel.

Durchaus könnte man, wäre der Begriff nicht negativ besetzt, auch mit gutem Recht sagen, dass Riesa eine Proletenstadt ist. Bis 1990 war das örtliche Stahlwerk Hauptarbeitgeber, neben dem Riesaer Reifenwerk.

Auch heute leben hier viele Menschen von Reifen und Stahl. Viele andere aber sind, und da liegt die Tragik, nach der Wende aus den Großbetrieben ausgeschieden und plagen sich heute mit für den Arbeitsmarkt multiplen Vermittlungshindernissen in den örtlichen Schankwirtschaften – gerade so, als wollten sie die Klischees jedes Zugereisten bestätigen. Wie viele andere Riesaer Bürger blicken auch sie, die Riesaer Trinker, wie sie in den hiesigen Behörden liebevoll als Gruppe benannt werden, sehnsuchtsvoll in die Vergangenheit und wünschen sich eine gemeinsame Identität.

Früher war Riesa eben nur mit dem Beinamen Stahlstadt denkbar. Zwar gibt es heute noch Stahlindustrie in Form einer Schrottverarbeitung, aber Schrottstadt Riesa macht sich nicht so gut. In meiner Dienstzeit habe ich so ziemlich alle Formen von Punkt-Punkt-Punkt-Stadt Riesa gehört. Nudelstadt wird am häufigsten gebraucht wegen der Riesaer Teigwaren GmbH. Auch Reifenstadt Riesa kann man manchmal hören, dem nach Beinamen lechzenden Riesaer könnte vielleicht beizeiten aber auch mal Hafenstadt Riesa entflutschen, denn den gibt es hier auch. Zündholzstadt Riesa habe ich allerdings noch nicht gehört, obwohl Riesaer Zündhölzer vielleicht die am weitesten verbreiteten städtischen Produkte sind, jetzt werden sie allerdings irgendwo in Osteuropa produziert.

Nein, als Beiwort hat sich bis heute keines gehalten, das seinen Ursprung im Industrieviertel hat. Vielmehr heißt es nun „Sportstadt Riesa“. Das liegt erstens an der Olympiabewerbung und zweitens daran, dass irgendwann vor acht Jahren Muhammad Ali von Bürgermeister Wolfram Köhler für viel Geld als lebende Litfaßsäule in die Erdgasarena geholt wurde. Er musste sich damals gegen Werbevertreter von ostdeutschen Keksfabriken durchsetzen. Dass Ali dieses Ereignis bis heute nicht vergessen konnte, davon ist auszugehen, für Riesa gilt das auf jeden Fall. Die „Sportstadt Riesa“ hatte ihren Gründungsmythos.

Fortan wurden immer mehr Spitzensportler von Riesa eingekauft, zum Beispiel Jens Kruppa, ein recht erfolgreicher Schwimmer. Kruppa gewann im Namen des SC Riesa schon beneidenswert viel, zum Dank nominierte ihn die CDU bei der jüngsten Wahl zum Stadtratskandidaten. Der beliebte Kruppa gewann das Mandat, konnte es aber nicht annehmen, weil er kurz darauf nach Dresden umzog. Einige Riesaer waren daraufhin ganz schön beleidigt. Der Sportstadtmythos ist ähnlich hartlebig wie der Eventstadtmythos, im Rathaus tut man sich daher im Moment auch recht schwer damit zu vermitteln, dass in der Pleitestadt Riesa nichts mehr übrig ist für die Spitzensportstadt Riesa.

Man mag sich fragen, und diese Frage verdient es, beantwortet zu werden, warum ich immer noch in Riesa arbeite? Nun, das Beschriebene findet seine Ursache in der Persönlichkeit der Stadt, und die ist vielleicht doch nicht immer die schlechteste. Denn auch wenn es wie ein Klischee klingt, weiß man meist, woran man beim Riesaer ist. Hat er Lust, einen runterzuputzen, dann putzt er runter, ist er überwältigt von Zuneigung, dann neigt er zu, und das dann genauso geradlinig, wie er Leuchttürme baut. Manchmal macht er auch beides, schreit mich am Montag an und backt mir am Mittwoch Kuchen. Das sind dann die Momente, in denen sich die Plattitüde im Kopf breitmacht, wonach „hier einem keiner was vormacht“, und: lecker Kuchen. Vor allem, wenn es eine der vorzüglichen örtlichen Eierschecken ist, vielleicht sogar aus dem Ortsteil Leutewitz.

Außerdem ist alles sehr unterhaltsam. Weil ich noch nie so viele indiskrete Politiker auf einen Haufen erlebt habe. Weil es in Riesa einen Finanzpolitiker gibt, der die Rüpelei zur politischen Kunst erhoben hat und auf NPD-Pressemitteilungen auch gerne mal knapp mit „Arschloch“ antwortet und den Riesaern bar jeder populistischen Vernunft öfter mal sagt, dass man sich kein Silbereisen mehr leisten kann. Wer ein solch lustiges politisches Klima genießen will, muss eben auch ein paar Phallussymbole ertragen. Und ist Riesa nicht überall, steht nicht auch in Berlin ein großer, hoher Fernsehturm?

Thomas Trappe, 29, ist in einer Kleinstadt in Nordthüringen aufgewachsen. Er hat in Leipzig Journalistik und Politikwissenschaft studiert. Seit zwei Jahren bloggt und arbeitet er als Journalist in Riesa, unter anderem für die „Sächsische Zeitung“. Wer möchte, dass Thomas Trappes Blog www.thomastrappe.wordpress.com beim Grimme Online Award den Publikumspreis gewinnt, kann seine Stimme für ihn abgeben unter www.grimme-institut.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!