Zeitung Heute : Die Stadtflüchtigen kehren ins Zentrum zurück

Forscher und Kommunalpolitiker beobachten einen neuen Trend: Auch Familien und Senioren fühlen sich in den Citybezirken wieder wohler als im Umland

Marc Neller

Genug vom Stadtlärm, von der stickigen Luft und von der Hektik. Haus im Grünen kaufen, Kinder packen, umziehen. So sieht ein Auslauf-Lebensmodell aus.

Jedenfalls glauben Städteforscher wie Politiker, dass die Flucht ins Berliner Umland beendet ist. Mehr noch: Sie wollen sogar eine Gegenbewegung ausgemacht haben – dass zunehmend mehr Menschen vom Stadtrand ins Zentrum ziehen. Darunter auch einige, die vor nicht langer Zeit noch mit guten Gründen aus der Stadt geflüchtet waren.

Kürzlich hat das Deutsche Institut für Urbanistik (difu) eine Studie veröffentlicht. Tenor: Die Menschen entdecken die Vorzüge der Stadt neu. Nun kam das BAT-Freizeitforschungsinstitut zum gleichen Ergebnis.

Noch sprechen die Städteforscher von einem zarten Trend. Sie prognostizieren aber, dass die Zuzüge aus dem Umland in die Stadt zunehmen – und eine wirtschaftliche Belebung zentral gelegener Bezirke mit sich bringen wird. Manche Firmen bemerken dies bereits. Jürgen Lehmann, Berater im Umzugsunternehmen Zapf, sagt: „Seit gut einem Jahr haben wir vermehrt Umzüge, bei denen Menschen vom Stadtrand oder aus dem Umland in die Stadtmitte ziehen.“ Wohnortwechsel in der Gegenrichtung seien dagegen seltener geworden. Das deckt sich mit Beobachtungen einiger Sozial- und Baustadträte. So sagt Tempelhof-Schönebergs Baudezernent Gerhard Lawrentz (CDU): „Der Umzug zurück ins Zentrum ist ein Thema.“ Eines, das er in letzter Zeit immer wieder in Gesprächen zu hören bekomme. Martina Schmiedhofer (Grüne), Sozialstadträtin in Charlottenburg- Wilmersdorf, sieht es ähnlich: „Der Aderlass ist beendet. Wir haben wieder mehr Zuzüge als Wegzüge zu verzeichnen.“ Auch sie spricht von der Tendenz, dass in ihrem Bezirk vermehrt Zuzügler vom Stadtrand eine neues Quartier nehmen. Und Alexandra Elgert von der Immobilienfirma Engel & Völkers sagt: „Wir haben bisher keine handfesten Berliner Daten. Aber unser Gefühl und die Entwicklungen in anderen Großstädten wie Hamburg und München sprechen für die Zurück-ins-Zentrum-These.“ Auch Elgert glaubt, dass Geschäftsleute davon profitieren können. Schließlich sei es die Regel, dass Menschen hauptsächlich in ihrem Kiez ausgehen und einkaufen.

Warum aber soll das Wohnen in Zentrumsnähe auch von Familien mit Kleinkindern oder Senioren plötzlich nicht mehr als Bedrohung empfunden werden, sondern als erstrebenswertes Ziel? Hasso Brühl, Autor der difu-Studie, begründet das Umdenken mit dem Wandel Berlins: „Wohnen im Zentrum hieß früher: Es ist laut, eng, die Luft ist schlecht, und es gibt wenig Grün.“ Inzwischen existiere aber kaum noch Industrie in der Stadt. Daher entfielen Lärm und Gestank. „Die Vorzüge der Innenstadt hingegen sind geblieben.“ Die kurzen Wege im Kiez beispielsweise: Restaurants und Kneipen, Kinos und Theater liegen gleich um die Ecke.

Und schließlich, glaubt Brühl, verändern sich die Lebensziele. „Immer seltener gilt das Einfamilienhaus im Grünen als Wohnideal.“ Er sagt voraus, dass der Bungalow in einer Siedlung vor der Stadt als Geldanlage deutlich an Wert verlieren wird. „Schon heute ist es nicht leicht, solche Immobilien loszuwerden“, bestätigt Peter Rohland, Geschäftsführer des Bundesverbands für Wohneigentum und Stadtentwicklung. Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg JungeReyer (SPD) glaubt längst an die erstarkte Anziehungskraft der Innenstadt. So waren Grundstücke für 40 handtuchschmale Stadthäuser auf dem Friedrichswerder rasch verkauft.

Als Paradebeispiel für die Beobachtungen der Forscher taugt der Erfolg der Stadthäuser aber nicht. Denn laut der difu-Studie drängen eben nicht nur gut Verdienende und Kinderlose in die Innenstadt, sondern auch und gerade Familien, wenn denn „die Bedingungen stimmen“. Hier sieht Brühl noch Nachholbedarf: Berlin habe wegen der vielen Single-Haushalte besonders den Bau kleiner Wohnungen gefördert. Daher sei das Angebot für Familien knapp – und teuer.

Für seinen Bezirk gelte dies nicht, sagt Tempelhof–Schönebergs Baustadtrat Lawrentz. Aus seiner Sicht ist das Wohnen im Umland nicht mehr automatisch billiger – wenn man nicht allein die bloßen Mietkosten aufrechnet. So sieht es auch der Urbanistik-Forscher Brühl. Manche Familie brauche zwei Autos. Die Kosten könnten durch teureres Benzin und den Wegfall der Pendlerpauschale erheblich steigen. Zudem werde das Familienleben durch lange Fahrten zur Arbeit und tägliche Staus erschwert.

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