Zeitung Heute : Die Stecknadel im Heuhaufen

EVA DREWS

Mit SAP-Experten, sagt Georg Mankel, ist es wie mit der Stecknadel im Heuhaufen. "Rufen Sie heutzutage mal einen Personalberater an und sagen, Sie suchen jemanden, der in dem Bereich fit ist", seufzt der Leiter des Personalmarketings bei der Unternehmensberatung KPMG. "Der wird lachen und fragen, ob sie nicht noch einen Auftrag für ihn hätten, bei dem im nächsten halben Jahr zumindest die Chance besteht, jemanden zu finden." Mit jeder Stelle, die der Walldorfer Software-Konzern SAP schafft, entstehen drei bis vier im Umfeld, schätzen Marktbeobachter. Für dieses Jahr hat Deutschlands größter Softwarehersteller rund 1000 neue Stellen bundesweit angekündigt. Also werden zusätzlich mindestens 3000 bis 4000 SAP-Experten bei Kunden, Partnern oder IT-Anbietern gebraucht.

Seit Jahren führt SAP (kurz für: Systeme, Anwendungen, Produkte in der Datenverarbeitung) den Weltmarkt für betriebswirtschaftliche Standardsoftware an. Das aktuelle Erfolgsprodukt ist die Software R / 3. Mit deren Bausteinen - sogenannten Modulen - lassen sich Abläufe wie Controlling, Personalverwaltung, Buchhaltung oder Vertrieb steuern. Doch dazu ist eine langwierige und aufwendige Bedarfsanalyse nötig. Außerdem muß ein Unternehmen auch die eigenen Mitarbeiter auf dem neuen System schulen. Je nach Projektgröße kann sich die Einführung über ein Jahr hinziehen. Läuft das System schließlich, sind Leute vonnöten, die es pflegen und weiterentwickeln. Das schafft Arbeit.

Von rund 90 000 Stellenangeboten im EDV-Bereich, die Adecco / EMC 1998 in seiner Stellenmarktuntersuchung registrierte, forderte nahezu jedes zehnte R / 2- oder R / 3-Kenntnisse. Eine Stellen-Analyse der Dekra-Akademie ergab, daß nicht nur im IT-Arbeitsmarkt ein SAP-Bezug gefragt ist. Gesucht werden vor allem Berater und Organisatoren (42 Prozent), SAP-Anwender (26 Prozent) und Entwickler, die Kenntnisse in der SAP-eigenen Programmiersprache ABAP / 4 haben sollten (22 Prozent). Und es sieht ganz so aus, als ginge es in diesem Jahr vergleichbar weiter: Allein in den ersten drei Monaten zählte der äscs-Stellenmarktindex über 10 000 Stellen für DV-Spezialisten - damit hatte der Markt schon Ende März ein Drittel des gesamten DV-Stellenvolumens von 1998 erreicht. In einem großen Teil dieser Offerten, die aus Unternehmen aller Branchen kamen, wurde explizit SAP-Softwarewissen nachgefragt.

Als Einstiegsgehälter für SAP-Berater nennen die Personalchefs je nach Vorbildung der Bewerber 65 000 bis 80 000 Mark - unter der Hand ist aber von weit höheren Gehältern die Rede. Der größte Bedarf besteht zur Zeit offenbar bei Unternehmensberatungen sowie bei Software- und Systemhäusern, die fast zwei Drittel der von Dekra ausgewerteten Stellenanzeigen aufgegeben hatten. "KPMG könnte zur Zeit gut und gerne 250 SAP-Fachleute in Deutschland gebrauchen", sagt Mankel. Die in Berlin ansässige Unternehmensberatung Gedas sucht allein in der Hauptstadt 30 neue SAP-Berater - "und wir würden noch mehr nehmen, wenn wir jemanden kriegen würden", sagt die Projektmanagerin im Competence-Center SAP, Andrea Streese. Doch der Arbeitsmarkt für qualifizierte Leute in diesem Bereich ist leergefegt - die Könner dürfen sich fühlen wie Stars: Wo es geht, jagen sich Unternehmensberatungen gegenseitig die Mitarbeiter ab.

Trotz des offenkundigen Mangels an Fachkräften sind die Erwartungen der Unternehmen an die Qualifikation neu einzustellender SAP-Profis groß. Ein Hochschulstudium ist Pflicht, erwünscht sind vor allem Betriebswirte, Wirtschaftsingenieure, Informatiker, Wirtschaftsinformatiker und -mathematiker. Mobilität, soziale Kompetenz, Teamfähigkeit, sicheres Auftreten und analytische Fähigkeiten werden vorausgesetzt - Voraussetzungen, die die "Beratertauglichkeit" sicherstellen sollen. Man muß allerdings nicht als SAP-Experte auf die Welt gekommen sein, um für den Arbeitsmarkt attraktiv zu sein. Spezifisches Wissen wird zumindest bei frischexaminierten Hochschulabsolventen nicht vorausgesetzt. Im Gegenteil: Etliche Unternehmen helfen mittlerweile mit eigenen SAP-Einsteiger-Programmen nach, um ihren Personalbedarf zu decken.

Für Seiteneinsteiger haben die meisten Unternehmensberatungen nur in Ausnahmefällen Verwendung. Trotzdem gibt es im SAP-Umfeld auch für Sozial- oder Geisteswissenschaftler Chancen. Zahlreiche Fortbildungsinstitute bieten mittlerweile Kurse für R / 3-Wissen an. 40 Prozent der Teilnehmer in diesen Kursen, so schätzt Inge Hansen-Baschwitz, die als Managerin bei SAP für die Koordination mit den Trainingspartnern zuständig ist, kommen aus fachfremden Studiengängen. "Die Absolventen gehen weg wie warme Semmeln", sagt Inge Hansen-Baschwitz, "fast 100 Prozent werden vermittelt." Intern witzeln Branchenkenner mittlerweile: Wer R / 3 richtig schreiben könne, bekomme auch einen Job.

Auf Seiteneinsteiger baut auch die BASF Computerservices GmbH. Etliche von ihnen hat Personalleiter Friedbert Hofmann unter den mehr als 100 hauseigenen SAP-Fachleuten ausgemacht, "viele davon sind auf verschlungenen Pfaden zu ihrem Job gekommen." Selbstverständlich hat auch BASF Computerservices weiterhin Interesse daran, ihr SAP-Personal aufzustocken - doch Zahlen will Hofmann gar nicht erst nennen: "Da bestimmt das Angebot die Nachfrage."

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