Zeitung Heute : Die Steine des Anstoßes

Der Grundstein für den Petersdom in Rom wurde 1506 gelegt. Wie die Finanzierung dieser Kirche die Christenheit spaltete.

Kerstin Decker

Zwei Mönche laufen nach Rom, ein junger und ein älterer. Zu Fuß gehen ist die einem Mönch angemessene Form zu reisen. Warum sollen sie es besser haben als Jesus? Es ist Herbst. Sie tragen dunkle Kutten aus grobem Stoff, von einem Strick zusammengehalten. Andere hätten spätestens auf halbem Wege angefangen, über ein neues Verkehrsmittel nachzudenken. Zwar hatte auch Jesus nichts als Sandalen an den Füßen, aber er musste doch nie so weit laufen, nie von Erfurt bis Rom. Auch ist es wärmer in Jerusalem als in spätherbstlichen Alpentälern. Andere an ihrer Stelle hätten mit Gott verhandelt. Sie tun es nicht. Dabei hat er der junge Mönch das Verhandeln gelernt. Er wäre beinahe Jurist geworden. Vor fünf Jahren erst hat er das Examen zum Magister Artium als Zweitbester bestanden. Danach hatte ihn sein eigener Vater nur noch mit „Sie“ angesprochen.

Der junge Mönch heißt Martin Luther.

Italien ist schrecklich. Nichts als Sturm und Regen. Trotzdem sinkt er an der alten Via Cassia in die Knie. Hier sieht er zum ersten Mal Rom vor sich liegen: „Sei mir gegrüßt, heiliges Rom!“ Der Gruß gilt weniger den antiken Ruinenfeldern als der Hauptkirche der Christenheit: Sankt Peter, erbaut direkt auf dem Grab des Apostels Petrus! Sein Vater hätte Rom bestimmt mit „Sie“ angesprochen. Und der Sohn ahnt nicht, dass er schon bald zum berühmtesten Feind dieser Kirche werden wird. Noch senkt er den Kopf vor ihr. Aber nicht vor der gewaltigen Michelangelo-Kuppel. Denn die gibt es noch lange nicht. Obwohl Papst Julius II. schon vor vier Jahren den Grundstein zum neuen Sankt Peter gelegt hat, genau am 18. April 1506.

Im Augenblick ähnelt Sankt Peter den antiken Ruinen, die in dieser Stadt überall herumliegen. Rom hat ohnehin mehr Ruinen als bewohnbare Häuser. Aber die vier gewaltigen Säulen, die respektlos mitten aus dem Bauch des alten Sankt Peter in den Himmel ragen, sind eindeutig neu. Sie stehen da, als wollten sie den Himmel aufspießen. Es sind die Säulen, die später die Michelangelo-Kuppel tragen werden.

Und nun müssen wir genau sein: Papst Julius II. legt vor genau 500 Jahren nicht direkt den Grundstein zur größten Kirche der Christenheit, sondern er legt vielmehr den Grundstein zu seinem eigenen Grabmal.

Wer ein besonders schönes und würdiges Grabmal haben will, sollte das keinesfalls den Überlebenden überlassen. Papst Julius II., genannt „Il Terribile“, der Schreckliche, weiß das. Der junge und der alte Mönch sind eigentlich gekommen, ihn zu besuchen. Oder wenigstens ein paar Kardinäle. Sie wollen sich die neue strengere Regel für ihren Orden bestätigen lassen. Selbst bei ihnen, bei den Augustinern, gibt es inzwischen schon viele Relax-Klöster. Das muss aufhören. Luther fühlt sich eher als Bettelmönch. Aber der Papst ist nicht da.

Il Terribile ist da, wo er meistens ist: im Krieg. Das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger, Alexander VI. Der war statt im Krieg meist im Bett, mit immer neuen Frauen, weshalb seine Kinder sich nicht zählen lassen. Aber ein Rabenvater war Papst Alexander nicht, denn er verlieh seinen Kindern schöne Ämter, Titel und Eigentum. Mit seiner Lieblingstochter zeigte er sich gern auf dem Balkon seines Palastes, seinen Lieblingssohn machte er zum Herzog und Generalkapitän der päpstlichen Truppen. Leider starb Alexander sehr überraschend. Er hatte aus Versehen, den Giftbecher, den er für einen anderen mixen ließ, selbst getrunken.

Das hat den Vorteil, dass die päpstlichen Truppen nun nicht mehr herumstehen müssen. Sogar in diesem miserablen italienischen Winter sind sie unterwegs, denn Julius zieht auch bei schlechtem Wetter in den Krieg. Und er kämpft nicht nur an einer Front. In der Romagna will Cesare Borgia noch immer ein eigenes Königreich errichten, und in Mailand stehen die Franzosen, abgesehen von den Spaniern in Süditalien. Vielleicht sollte der Papst mit den Spaniern gegen die Franzosen … ?

Nur an einer Front kämpft Julius II. nie: an der des Glaubens. Julius der Schreckliche wüsste auch nicht, was er da sollte. Der Papst hat das Christentum längst hinter sich. Das Zeitalter hat es hinter sich. Ganz Rom hat es hinter sich. Luther merkt das auch, wenn er zu seinem Seelenheil die Messe liest, und hinter ihm ruft es immerzu: Passo! Passo! Mach schnell! Mach schnell! Doch, die italienischen Priester lesen noch Messen, aber sie sind viel schneller, sie machen Witze – besonders gern über das Abendmahl –, und dem Mönch aus dem Norden kommt es vor, als trieben sie ein Gaukelspiel.

Der Mönch sieht nicht, was die anderen sehen und was in diesem römischen Regenwinter 1510 tatsächlich nur schwer zu erkennen ist: Vor ihnen liegt das Diesseits, das eben wiederentdeckte, nach so viel Mittelalter ganz neu zu erkundende Diesseits. Die alten Griechen sind die neuen Schutzherren dieser Wiedergeburt. Die Hochrenaissance hat soeben begonnen. Die wahren Götter der Zeit wissen nicht viel von Jesus, sie heißen Wissenschaft und Kunst. Goethe wird das später sehr in Ordnung finden. Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, sagt Goethe, der hat auch Religion. Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion!

Irrt Goethe?

Wissenschaft und Kunst sind auch Julius’ Götter, sein Hauptgott aber heißt Mars. Veni, vidi, vici, steht auf den Triumphbögen, die der Papst passiert, wenn er heimkehrt von seinen Schlachten. Dass er direkt von den römischen Kaisern abstammt, weiß Julius II. ohnehin. Und zwar von Kaiser Konstantin. Obwohl Julius II. findet, dass Julius Cäsar noch viel besser zu ihm passt: „Julius Cäsar Pontifex der Zweite“ lässt er sich titulieren. Zwar hat der Geist der Zeit, der der Geist der Wissenschaft ist, kürzlich herausgefunden, dass die „Konstantinische Schenkung“ – also die Urkunde der Machtübergabe des letzten römischen Kaisers an das Papsttum – eine glatte Fälschung ist. Aber das Papsttum zeigt sich nicht irritiert. Fälschungen und ihre Enttarnungen sind gerade allgegenwärtig. Und gibt es nicht grandiose, zukunftsweisende Fälschungen?

Etwa dieser schlafende Liebesgott, den ein junger Mann vor ein paar Jahren einem Kardinal verkaufte. Der schlafende Liebesgott war sehr teuer, aber das ist in Ordnung, dachte der Kardinal, schließlich ist der Liebesgott viel älter als unser Herr selbst und so schön, wie ihn nur die alten Griechen erschaffen konnten, die noch nichts wussten von der Verworfenheit des Fleisches. Der deutsche Bettelmönch in Rom hätte sich sicher voller Abscheu von dem Liebesgott abgewandt. Nein, er hätte ihn nicht einmal bemerkt. Er ist kein Tourist. Deshalb findet er den Dauerregen für seinen Romaufenthalt auch passend. Und den aktuellen Rom-Reiseführer jener Tage „Mirabilia urbis Romae“ hat er nur deshalb gekauft, um alle heiligen Stellen zu finden.

Schließlich muss man – bei vollständigem Fasten – erst durch alle sieben römischen Hauptkirchen, um zur heiligen Kommunion in Sankt Peter zugelassen zu werden. Wie es dort aussieht, ist ihm völlig gleichgültig. Es ist ihm überhaupt gleichgültig, wie es in der Außenwelt aussieht. Aber dass es in seiner Innenwelt nicht gut aussieht, kann ihm nicht egal sein. Dort gärt und brodelt die Gottesangst. Da hilft nicht einmal die heilige Kommunion in Sankt Peter. Die vier Riesenspieße im Bauch der alten Basilika sieht er wahrscheinlich nicht einmal.

Aber wie kamen die Spieße dort hinein?

Das versteht man am besten aus der Geschichte des kleinen Liebesgotts, den der Kardinal kaufte. Der Kardinal hatte den Preis für eine Antiquität bezahlt, und dann stellt sich heraus, dass der freche Verkäufer – ungefähr so alt wie Luther – den Liebesgott selbstgemacht hat, aus Marmor. Und Papst Julius der Schreckliche begreift im Angesicht des enorm unchristlichen schlafenden Liebesgottes augenblicklich, von wem er sein Grabmal haben will: nur von diesem jungen Betrüger! Er heißt Michelangelo Buonarotti.

Wo sein Grabmal hinsoll, weiß Il Terribile auch schon. Natürlich zum Grab des Apostels Petrus. Dort steht allerdings schon was. Eben die alte Basilika, die noch Kaiser Konstantin erbauen ließ. Julius II. glaubt nicht, dass sein riesiges Grabmal in die kleine altersmüde Basilika passt. Also ein Anbau. Bramante, Il Terribiles Lieblingsarchitekt, soll das machen. Bramante ist begeistert. Aber was heißt hier Anbau? Er ist nicht der Einzige, der gerade von einem griechischen Mega-Pantheon in Rom träumt. Ein Pantheon, die hohe Stätte aller heidnischen Götter – warum sollte man darin nicht einen toten Papst mitsamt seinem Riesen-Grabmal unterbringen können? Außerdem ist ein Pantheon per se kein Anbau. Julius sieht das ein.

Doch wer soll das bezahlen? Die Frage steht irgendwann vor jedem. Nur kann sie nicht jeder beantworten wie Julius: Ich bin der Papst, also muss die ganze Christenheit mein Begräbnis zahlen! Der junge Mönch, der jetzt etwas panisch durch Rom läuft, weiß noch nicht, wie sehr ihn dieses Finanzierungskonzept bald stören wird. Vor allem die Argumentation: Julius formuliert keinen europaweiten Spendenaufruf für sein Grabmal; er macht das viel erpresserischer. Wer nicht in die Hölle will und nicht ins Fegefeuer, der sollte beizeiten dafür sorgen, dass er bei Gott keine Schulden hat. Merkwürdigerweise hat Gott noch nie selbst versucht zu kassieren, also übernehmen der Papst und seine Gesandten selbstlos das Amt von Gottes Kassenwart. Sie sind die personifizierte Gerechtigkeit Gottes.

Als Martin Luther und sein Mitmönch Rom wieder verlassen, ist der Papst noch immer nicht aus dem Krieg zurück. Und es regnet weiter. Ein Jahr später stoppt Julius den Bau seiner Grabmalsüberdachung. Zwar hat er keine Angst vor Hölle und Fegefeuer, schließlich ist er der Papst. Hölle und Fegefeuer sind Vorstellungen fürs Volk und kleine deutsche Mönche mit überreiztem Innenleben. Aber ein bisschen unwohl ist ihm schon bei der Vorstellung der vier Spieße mit Bögen im alten, schon halb abgerissenen Sankt Peter. Es regnet jetzt direkt auf Petrus’ Grab. Wegen seines Grabmals. Nun gut, es gibt keinen Gott. Aber andererseits: Kann man das wissen?

Zwei Jahre später stirbt Julius. Ohne Grabmal. Doch kein Grabmal, hatte er dem fluchenden jungen Bildhauer gesagt und ihm stattdessen eine Kapelle zum Ausmalen gegeben. Voller Wut fing der an. Es wird die Sixtinische Kapelle.

Ein neuer Papst besteigt den Thron. Es ist Leo X. aus dem Hause Medici. Mit sieben Jahren erhielt er die Tonsur, mit vierzehn wurde er Kardinal. Sein vorpäpstliches Leben bestand aus Spiel, Theater und Jagd. Das alles kann nur noch schöner werden, weiß Giovanni di Medici, ab jetzt Leo X. Und für die Investruine Sankt Peter ist wieder Hoffnung. Leo X. tritt seine Petrus-Nachfolge mit den unvergessenen Worten an: „Lasst uns das Papsttum genießen, da es Gott verliehen hat!“ Das ist der päpstliche Kommentar zur Gerechtigkeit Gottes.

Zur selben Zeit – 1513 – sitzt der einstige Romwanderer im Turmzimmer des Schwarzen Klosters zu Wittenberg und möchte wie so oft den eigenen Kopf gegen die Wände schlagen. Die Gerechtigkeit Gottes macht ihn noch wahnsinnig. Er hat sich längst dabei ertappt, Gott zu hassen. Für seine furchtbare Gerechtigkeit. Für seine schreckliche Härte. Und dann liest er eine Paulus-Stelle, liest noch mal, liest andere, und alle sagen ihm dasselbe: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben. Das ist die Gerechtigkeit Gottes, dass der, der zu ihm gehört, aus seinem Glauben gerechtfertigt ist. Warum hat er das bisher nicht gewusst? Dem Mönch Martin Luther ist, als stehe er unmittelbar vor den Pforten des Paradieses. Keine süßere Vokabel kann er jetzt denken als die Gerechtigkeit Gottes.

Auf den Straßen wird die Gerechtigkeit Gottes weiter verhökert. Gut, dass die Pest da ist. Die Idee, dass man nicht nur sich, sondern auch seine Toten, von denen es viele gibt, von Fegefeuer und Hölle freikaufen können, ist eine echte Chance für Sankt Peter. Luther ist kein Politiker. Ihm missfällt nicht einfach der Finanzierungsplan von Sankt Peter. Aber dass die Männer und Frauen seiner Gemeinde ihm einfach Zettel entgegenhalten, wenn er sie nach ihrer Buße fragt, das erträgt er nicht.

Er macht Thesen aus seiner Empörung, lateinische Thesen, nagelt sie an die Wittenberger Kirchentür und schickt sie ein paar Zeitgenossen. Und hört gar nichts. Drei Wochen lang. Bis plötzlich ein Sturmwind der Begeisterung aufkommt in Deutschland; er fegt über das Land hinweg, über Europa. Kann sein, Papst Leo X. auf seinem Lustschloss Magliana bei Rom spürt einen kühlen Luftzug. Ein Amok laufender Mönch im Norden, das ist unerfreulich, man soll ihn beruhigen. Und kommerziell gesehen, ist er ein Unglück. So wird Sankt Peter nie fertig. Drei Jahre später hatte Leo X. noch immer keine Gelegenheit, den Mönchsnamen zu vergessen. Jetzt muss er sich schon bei der Sauhatz von diesem Fanatiker stören lassen. Die Bannandrohungsbulle muss fertig werden. Immerhin fällt Leo auf seinem Pferd beim Anblick der in Todesangst rasenden Schweine ein schöner Bullen-Anfangssatz ein: „Erhebe Dich, Herr: … ein wildes Schwein will deinen Weinberg verwüsten.“

1546. Es gibt nun nicht mehr nur eine Christenheit; es gibt zwei. Halb Europa gehört zur zweiten. Auf der Investruine von Sankt Peter wachsen Bäume. Sie haben schon kräftige Stämme, noch nicht ganz so dick wie die Bramante-Spieße. Tief im Norden, in Eisleben, stirbt der Mann, der schuld ist an dem fehlplatzierten jungen Sankt-Peter-Wald und an den zwei Christenheiten auch.

Schon haben deutsche Landsknechte, Knechte des neuen Glaubens, Rom geschleift. Sie haben auf Eseln Papstprozessionen parodiert. Aber jetzt, im selben Jahr, als Luther in Eisleben stirbt, kehrt der junge Fälscher zurück an die bekannteste Baustelle der Welt. Michelangelo, jetzt schon etwas älter. Nun wird es nur noch achtzig Jahre dauern bis zur Weihe der größten Kirche der Christenheit. Und doch wird sie niemals groß genug sein. Alle Opfer der Religionskriege könnte sie nicht aufnehmen.

Die Geschichte ist ein wahnsinniger Schlächter, aber sie ist auch ein großer Humorist. Die Hauptkirche der Christenheit ist die steinerne Verewigung eines unchristliches Zeitalters. Das ist nicht nur beklagenswert, das ist auch großartig: Noch heute ist die rechristianisierte Kurie ganz und gar umgeben von Heidentum. Denn kein christlicher Geist hätte die freie gelöste Weltlichkeit dieser Bau- und Bildwerke schaffen können.

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