Zeitung Heute : Die Steuer erklären

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Als junger Mensch sah ich eines Tages ein, dass rüpelhaftes Benehmen zu nichts Gutem führt. Seither setzt ich voll auf Korrektheit, Höflichkeit und Galanterie. Die Basler können von meinem vorbildlichen Lebenswandel ein Lied singen. Und auch in Berlin lasse ich nichts anbrennen. So beschäftigte ich mich etwa bereits jetzt mit meiner Steuererklärung 2003.

In Basel war das mit den Steuern eine unspektakuläre Sache. Es gibt dort ein paar Pauschalen, die man als freier Journalist von den Honoraren abziehen kann und Ende im Gelände. In Berlin hingegen ist die Steuererklärung ein echte Herausforderung: Man geht bis an seine Grenzen und, wenn man’s richtig macht, weit darüber hinaus.

Manfredo sagte: „Ich habe die Hoffnung, dass dir das auch ein bisschen Spaß machen könnte.“ Prompt hat er mich mit seiner Steuer-Begeisterung angesteckt! Als erstes haben wir eine lange Liste zusammengestellt, was ich alles abziehen kann. Zum Beispiel „geringfügige Wirtschaftsgüter“. Manfredo hat mir alles erklärt: Im vergangenen Sommer habe ich mir zum Beispiel ein Akten-Regal aus Pappe gekauft. Kostete 7 Euro und 36 Cents, und die kann ich jetzt eiskalt abziehen.

Dann die „Geschäftsgänge“: Das ist immer wenn man sein Büro aus beruflichen Gründen verlässt, wenn ich es richtig verstanden habe. Bringt jedenfalls Kohle, die man abziehen kann. Leider fallen solche Geschäftsgänge bei mir schon länger flach, weil ich ja mit der Steuererklärung beschäftigt bin.

Besonders faszinierend ist die Mehrwertsteuer: Als „Kleinunternehmer“ hatte ich mich davon befreien lassen. Aber Manfredo sagt, das sei ein grober Fehler, denn da verschenkt man Geld an den Fiskus. Nicht mit mir! Jetzt bin ich mehrwertsteuerpflichtig, „zum reduzierten Satz für Journalisten mit 7 Prozent“. Ans Finanzamt „abführen“ muss ich nur 4,8 Prozent. Super Trick! Auf drei Leben hochgerechnet zahlt sich das extrem aus. Und die Langeweile ist auch besiegt: Ich darf jetzt nämlich jeden Monat eine Mehrwertsteuer-Voranmeldung ausfüllen. Es geht dabei um Beträge, die jeden Bettler beleidigen würden. Aber die reizenden Damen vom Finanzamt wollen unbedingt alle vier Wochen einen Voranmeldungs-Text von mir lesen. Ein gutes Gefühl, als Autor so begehrt zu sein! Mein Großvater hatte eben doch Recht: Talent setzt sich durch.

Meine Steuer-Begeisterung ist bereits Stadtgespräch. Olli hat mir daher neulich den „Großen Konz“ geschenkt. Ein geiles Buch mit 1072 Seiten. Man sollte ja überhaupt viel mehr lesen! Der Große Konz kostet lediglich 8,90 Euro – und ist „steuerlich absetzbar“. Da sind tolle Tipps drin, kann ich Ihnen sagen. Zum Beispiel: „So legt das Finanzamt 3000 Euro beim Autokauf dazu.“ Schade, dass ich keinen Führerschein habe. Wie der Trick mit den 3000 Euro genau funktioniert, habe ich auch noch nicht ganz kapiert. Aber Jule ist sehr schlau, und sie hat sich gerade einen alten VW-Bus für 3000 Euro gekauft. Der muss ich den Konz unbedingt ausleihen!

Gerne würde ich noch mehr über mein aufregendes Leben erzählen, aber die Mehrwertsteuer ruft.

Der Große Konz 2004, Knaur/Droemer, 8,90 Euro.

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