Zeitung Heute : Die Stiefel und die Violine

Erinnerungen an finstere Zeiten Eine Erzählung von Norman Manea

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Alles, was die Erinnerung zurückerstattete, waren der steile Abhang eines gelblichen, in der Sonne erstarrten Straßenstreifens und das kurze Aufglänzen der runden Brottasche aus blauem Blech, in der sich weiße, weiche Hörnchen mit Butter und Schinken befanden.

…Sie aber bereiteten sich immer noch auf ihre Rückkehr vor, ihre einzige Revanche. Geduldig hegten sie dieses letzte Vermögen: die Genugtuung, beweisen zu können, daß sie überlebt hatten. Sie dachten nur noch daran, wieder zu Kräften zu kommen, ehrenhaft vor die einstigen Mitbürger zu treten. Sie machten Pläne, erzählten, stellten sich vor, fragten um Rat. Sie interessierten sich für sämtliche Veränderungen im Leben der Bauern, im Reglement der Offiziere, in der Kleidung, die auf Provinzbällen getragen wurde. Sie ließen sich Nachrichten über Menschen, Häuser, Straßen, Einrichtungen, Geburten und Todesfälle in der Nachbarstadt schicken. Sie dachten daran, wie es gewesen war und wie es sein würde. Dennoch hielt sich niemand für verpflichtet, auch nur ein einziges Wort zu sagen, um den Aufschub zu rechtfertigen.

Das Städtchen von einst war schließlich immer märchenhafter, mit schwarzer feierlicher Transparenz emporgestiegen, und von Zeit zu Zeit erhob es seine Spitzen über die Wolken bläulichen Dunstes, um von weitem seine Macht und Größe zu bekunden. Seine Rückeroberung forderte von allen Anstrengung und Geduld.

Daher schien das Instrument nicht mehr allzu befremdend, die Unterrichtsstunden wurden irgendwie leichter…Vor allem, weil der Spott der Kinder vom Hof tatsächlich offenbart hatte, dass die Geltung des Unbekannten nicht mehr ignoriert werden konnte, den Spötteleien war die Luft ausgegangen. Sie begegneten ihm verlegen, als schämten sie sich, sie akzeptierten ihn schweigend. Er folgte ihnen mit dem Blick und unterbrach sein Spiel mehrmals, um zu hören, wie die Klänge die Fensterscheiben zerkratzten.

Nur selten und vorsichtig nahm er an ihren Spielen teil. Er vermied es, sich weiterhin den Fragen, Scherzen, Wettkämpfen auszusetzen. Die Schläge, die Bosheit der Kraft- und Geschicklichkeitswettbewerbe, deren Anforderungen sie immer höher schraubten, hätten ihn schnell unter die anderen gemischt und bloßgestellt. Untrainiert, zurückgeblieben kam er ihnen vor, und er war es auch, er wollte sich nicht mehr kindisch bloßstellen wie am Anfang. Aber sie hatten ihn akzeptiert. Die Komplikation der Verhältnisse hatte ihm tatsächlich genützt. Er blieb in ihrer Mitte, geschützt und frei.

Das Lob des Musikanten aber wurde immer seltener. Und man konnte auch nicht mehr neben ihm stehen, so stark roch er nach Schimmel und angetrocknetem Schmutz. Seine alten, schwarzen und platten Finger zitterten, wenn sie sich auf die Saiten legten. Er schien von den Klängen auf einmal sanft betäubt zu sein. Die Unterrichtsstunde glitt still dahin, sie wurde zu etwas anderem, Unverständlichem und daher zu einer für Momente geheimnisvollen, wichtigen Begebenheit.

Kurz darauf stellte sich ein richtiger Geigenlehrer vor, präzis und schweigend, der schon vom ersten Augenblick an Brille und Partitur auf dem Tisch ablegte. Mürrisch und pünktlich, schien er mit dem jungen Schüler zufrieden zu sein. Was nicht viel zu sagen hatte: Die Anfänge versprachen immer mehr, als sie zu halten verstanden…

So geschah es natürlich nach nicht allzu langer Zeit. Weil ihn das Mädchen aus der Nachbarschaft am Arm gefasst und auf den Dachboden mitgenommen hatte, um ihm in der Dunkelheit allein zu zeigen, wie sie manchmal ihre Spiele komplizierten. Seit damals sicherlich bevorzugte er die Gesellschaft der Mädchen, so sehr sie ihn auch erschreckte und so sehr ihm der Mut fehlte, sie herauszufordern. Niemals, höchstens für allzu kurze Zeit, würde er die Kraft finden, sie zurückzuweisen oder zu verlassen. Die Handbewegungen, die unerwartete Drehung der Füße, die enthüllte und bedeckte, für einen Moment etwas entblößte, wie sie ihn mit ihrem Gekicher gerufen und fortgejagt hatte…es war ausreichend, daß ihn die Katastrophe, die sich schließlich in Gegenwart des Musikanten ereignete, nicht mehr interessierte.

Die fieberhafte Tätigkeit, dann die Erschlaffung, die Hinnahme, die Gleichgültigkeit. Etappen nicht nur des Verrats, sondern auch der Hingabe, die seine Freunde, seine Geliebten Jahre danach überraschen sollten. Besiegt, verzweifelt, in Hoffnungslosigkeit versinkend, er wußte es, immer tiefer in die Finsternis gestoßen.

Tatsächlich war er ein paarmal ohnmächtig geworden. Ohne indes zu verraten, daß es wegen der Geigenstunden war. Er wiederholte die Ohnmachten, seine letzte Waffe, aber er verlangte nicht, daß der Unterricht abgebrochen würde. Doch beobachtete er ermattet, wie um ihn herum die Unzufriedenheit der Familie wuchs. Auch der Lehrer übernahm, ohne es zu wollen, einen Teil davon. Von dem er ihm in den Stunden der Qual seinerseits dicke Scheiben der Verachtung und Abneigung abgab.

Das Ergebnis hatte nicht auf sich warten lassen. Er hatte die Familie enttäuscht, sie ließen ihn mit der Zeit in Ruhe, wenn sie es auch nicht zeigen wollten. Immer ungeduldiger übrigens und aufgeregt: Sie bereiteten sich auf die Rückkehr vor.

Er bat um ein Paar Stiefel. Entschlossen, auf der Bitte zu bestehen, ihren Widerstand und ihr Gelächter zu besiegen. Er hatte die glänzenden, schmalen, hohen, am Bein anliegenden Stiefel nicht vergessen, ihre spitze, wilde Schnauze, die einen mit einem einzigen Stoß in die gegenüberliegende Barackenecke beförderte, den reinen, eleganten Klang, wenn einer den andern berührte, das dumpfe, taktfeste Knallen kurz vor dem Appell, das mit dem Gebell der Wachsoldaten und den Sprüngen der riesigen Hunde verschmolz.

Die Stiefel mußten dem Kleinsten auch die Bewunderung der Klasse garantieren. Auf der Bank neben Argintescu sitzend, dem fetten, kränklichen Streber, der immer und ewig alles wußte, würde er sich mit ihm anfreunden, sie würden sich zu Hause besuchen. Er würde die Zuneigung der Jungen gewinnen, ja sogar die einiger Mädchen, er würde sich mit ihnen verbünden; der schmächtige, mutwillige Neuankömmling würde der Anführer werden.

Auch der Wunsch, sich zur Schau zu stellen, würde sich seitdem immer wieder einstellen. Eine Art flehentlicher Bitte um Sympathie; der Beschwichtigung der Frauen zum Beispiel. Denn die Klassenschönste würde ihm zu Ehren ihre blonden, langen Zöpfe schütteln und auch ihre gelben, kräftigen Fesselgelenke, die sich im Tanz der nackten Fußsohlen auf dem staubigen Fußboden drehten.

…Die Stiefel schnürten die Füße und Beine ein wie lederne Bandagen. Sie waren von der Sohle bis zur Hüfte vereist. Er hatte sich auf den Haufen der Büchsen und Pakete gezerrt. Sie waren in den beiden engen, vom Frost versengten schwarzen Röhren bald erstarrt.

Ein paar Koffer, Schüsseln jeglicher Größe, die eingeschlagenen, in die Steppdecke gerollten Kissen, der Sack mit dem von den Verwandten überlassenen Besteck und dem Geschirr, die Vorhänge, der Eimer, der Besen, der Fleischwolf, die Büchsen, das Paket mit den Einweckgläsern. Bis an den Rand gefüllt, schwankte der Schlitten zwischen den hohen Wogen des Schnees dahin.

Seine Beine und Füße ragten, wie er es gewünscht hatte, frei darüber hinaus. Man versuchte sie einzuhüllen, er lehnte ab. Man rief ihm zu, daß er absteigen und zu Fuß hinter dem Schlitten hergehen sollte, um wieder warm zu werden, wie sie es von Zeit zu Zeit versucht hatten, wenn sie gleichzeitig zu beiden Seiten des Schlittens hinuntersprangen. Es war nicht mehr fähig, ihnen zu sagen, daß er die Beine verloren hatte. Er hatte nur noch zwei schlanke Walzen. Nichts hätte sie wieder zum Leben erwecken können. Die Kälte hatte sie ihm vom Leib gerissen.

Dem Kutscher den Rücken zukehrend, starrte er auf den Horizont, von dem sie sich entfernten. Das Städtchen, nach dem sie aufgebrochen waren, schien gerade dort hinten im Nebel emporzusteigen und sie in der Ferne zu begleiten. Kalt und verwegen erhob es sich aus den Schneewolken mit den hohen Spitzen der leeren burgähnlichen Behausungen, in deren Winkeln sich die Bewohner vergraben hatten. Einzig die Stiefel schlugen auf die Marmorfußböden, ein Urteilsspruch, ein trockener, eleganter, metallischer Klang, der die Schuldigen in Schrecken versetzte.

Der Schlitten schwankte durch den violetten, goldenen Schnee, einen Teppich, der aufflatterte und dahinglitt. Die Pein der Erwartung wuchs, der Mund wurde schmal vor Ungeduld, die Fingernägel drangen ins Fleisch ein. Der Ausdruck seines Gesichts wäre, hätte ihn jemand betrachtet, deutlich von Wut und Ohnmacht gezeichnet gewesen. Die strahlende Finsternis der Stiefel erhob sich, so sehr er die Augen zu schließen suchte, immer noch über derselben engen, mit gelbem Staub bedeckten Straße, die den Berg hinaufstieg, über den heruntergekommenen Häusern, bis zu der Tür des Ladens, damit der Schrei des blassen, fiebrigen Jungen von rechts hereinstürzen und polternd die Tür aufstoßen konnte.

Aus dem Englischen von Roland Erb

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