Zeitung Heute : Die Stille vor der Kritik

Steglitzer Autorenforum: Treffpunkt für Schreibende – und zuweilen das Sprungbrett für eine große Karriere

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Blau gepolsterte Stuhlreihen, vorne ein Tisch mit Leselampe und Stuhl. Montags, 20 Uhr, im kleinen Salon der Steglitzer „Schwartzschen Villa“ trifft sich das Autorenforum: Jeder, der schreibt, kann aus Unveröffentlichtem lesen, wenn er sich anschließend der Kritik der Zuhörer stellt. Lesen, kritisieren, pausieren – dieser Turnus wird am Abend drei- bis viermal wiederholt. An diesem Montag haben sich 30 Besucher eingefunden. Hausfrauen, Beamte, Studenten oder Rentner, ein offener Kreis, der jedes Mal variiert. Manche kommen nur einmal, einige nur, solange sie an einem Text schreiben, eine ganze Reihe sind eingeschworene „Forumianer“.

Zum Beispiel Werner Gerber, ein schlanker Mann mit graumeliertem Pferdeschwanz und Wollpulli. Als er ans Pult geht, legt er seinen Text ruhig auf den Tisch. Wie oft er schon vorgelesen hat, weiß er nach 20 Jahren Mitgliedschaft nicht mehr. Er kennt das Gefühl, vorne zu sitzen. An diesem Abend liest Werner ein Gedicht mit dem Titel „Fluch“, 16 Zeilen lang, gereimt, eher klassisch. Als das letzte Wort gelesen ist, wird erst einmal beharrlich geschwiegen.

Für Neulinge wirkt diese Stille erdrückend, „Forumianern“ ist sie vertraut. Es ist eine sehr stille Stille, obwohl Füße scharren, ein Glas klirrt oder sich jemand räuspert. Vor allem für den Autor, der auf das Urteil wartet, ist es manchmal schwer auszuhalten. Werner sitzt ganz ruhig, im Gegensatz zu anderen, die mit den Beinen wippen oder mit einer Hand die andere kneten.

Die Kritik, die schließlich doch einsetzt, ist sich nicht einig über das Gedicht, insgesamt fällt sie jedoch eher positiv aus. Es kommen Schlagworte wie „Trochäus“ und „Jambus“, zwei Zeilen, so wird bemängelt, fallen rhythmisch heraus. Eine Dame jedoch ist „überwältigt“ und einem, der als scharfer Kritiker gilt, „fehlen beim Lob die Worte“. Kritik braucht oft mehr Worte als Lob, die positiven Beiträge fallen daher meist auffallend kürzer aus.

Im Forum kann niemand vom Bücherschreiben leben. Es sind zwar Schreiber dabei, die Stipendien bekommen und Bücher veröffentlicht haben, doch ihre Romane haben den Sprung in die Promi-Ecke des Literaturbetriebs nicht geschafft. Hin und wieder sind aber auch Autoren aufgetaucht, die inzwischen bekannt sind: Ulrich Woelk zum Beispiel, Felicitas Hoppe, Michael Kumpfmüller, auch Judith Hermann habe mal vorbeigeschaut, bevor sie als Fräuleinwunder entdeckt wurde.

Die Kritik ist für die Lesenden ein Echo aus einem nicht berechenbaren Kreis. „Freunde sind oft viel zu wohlwollend“, sagt Henry Kersting, Vorsitzender des Vereins Autorenforum, „ich habe alle meine Texte hier vorgelesen.“ Der erste Vorsitzende des Vereins, Klaus von Welser, notierte 1985 sogar „Zwölf Thesen zur Textkritik“, mit denen das Forum heute noch arbeitet. Da heißt es beispielsweise: „Kritik muss geübt werden“, oder: „Es gibt mehr gute Autoren als Kritiker.“ Vielen Mitgliedern merkt man an, dass sie seit Jahren kritisieren: Ihre Beiträge zu einem vorgelesenen Text sind selbst kleine Wortkunstwerke, gut überlegt und pointiert. So ist das Forum mindestens ebenso Kritiker- wie Autorenforum.

Rainer Schildberger gehört zu denen, die selten loben. Ganz in schwarz gekleidet, sitzt er in der ersten Reihe. Früher habe es mehr „gebrummt“ im Forum, sagt Schildberger. Er sei froh, dass immer noch einige kein Blatt vor den Mund nehmen. „Manchmal gebe ich auch extra den Schurken, es soll ja keine Beschäftigungstherapie werden“.

Ein Abend beim Autorenforum endet im Café der Schwartzschen Villa bei Wein und Bier und weiteren Gesprächen, nicht immer über Literatur. Viele Freundschaften sind hier entstanden, sogar Ehen. Werner trinkt noch ein Bier. Über die Kritik an seinem Gedicht wird er nachdenken, „gerade über die Dinge, die ich mir selber nicht eingestehe.“

Autorenforum, jeden Montag um 20 Uhr, Einlass 19.30 Uhr im kleinen Salon der Schwartzschen Villa, Grunewaldstraße 55. Informationen unter Tel. 693 73 51 oder www.autorenforum-berlin.de

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