Zeitung Heute : Die Stimmung bleibt schlecht

Der Tagesspiegel

Von Sandra Dassler

Cottbus. Im Film gibt es das öfter: Irgendein Mensch, den man aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus mies behandelt hat, entpuppt sich plötzlich als der neue Chef oder kauft gar die Firma, in der man arbeitet.

Dumm gelaufen! Im wirklichen Leben kommt das glücklicherweise nicht allzu häufig vor. Deshalb entbehrt das Ergebnis der Oberbürgermeister-Stichwahl in Cottbus nicht einer gewissen Pikanterie: Karin Rätzel, seit 1993 Finanzbeigeordnete der Stadt, wurde im Dezember 2000 von den Stadtverordneten abgewählt. Vorausgegangen war ein Streit über die Sanierung der Cottbuser Stadthalle. Frau Rätzel empfand das als schreiendes Unrecht und trat nach: In Cottbus gäbe es mafia-ähnliche Strukturen, behauptete sie öffentlich. Konkretisieren konnte oder wollte sie die Vorwürfe freilich nie. Nun kehrt die Frau als strahlende Siegerin der Oberbürgermeister-Stichwahl ins Rathaus zurück. Und zu besagten Stadtverordneten, deren Vorsteher ihr am Sonntagabend galant einen Blumenstrauß überreichte.

Um das ungewöhnliche Comeback der 54-jährigen Cottbuserin zu erklären, reicht es nicht aus, auf den Streit um ein großes Einkaufszentrum in der Stadt zu verweisen. Vielmehr hat sich in Cottbus seit etwa zwei Jahren eine Stimmung ausgebreitet, die man ohne Übertreibung als trostlos bezeichnen kann. Es begann mit Enthüllungen von Skandalen und Skandälchen und endete damit, dass über Cottbus bundesweit in allen Medien berichtet wurde. Da ging es um Filz, Korruption und Stasi-Seilschaften, um Zeitungskrieg und Morddrohungen gegen eine Reporterin. Und plötzlich war aus den fröhlichen, anpackenden Cottbusern, die – wie der „Spiegel“ einmal schrieb – so ganz anders waren als die „griesgrämigen Potsdamer“ – eine Bürgerschaft geworden, in dem keiner mehr so recht dem anderen traute.

Der Wahlkampf hat diese Tendenz verstärkt. Karin Rätzel, die nach ihrer Abwahl aus der SPD austrat, kanalisierte den Frust über die so genannten etablierten Parteien, die ja – so die unterschwellige Botschaft – alle irgendwie unter einer Decke stecken würden, wenn es darum ging, dem „kleinen Mann“ das Fell über die Ohren zu ziehen. Dass Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) sich gegen sie und für den CDU-Kandidaten Derling aussprach, bestätigte Rätzels Theorie in den Augen vieler Bürger. Der Vorwurf ihrer Gegner, sie verbündete sich im Wahlkampf mit ehemaligen Stasi-Leuten, hatte einen ähnlichen Effekt. In mehreren Briefen an die Bürger verwahrte sich die künftige Oberbürgermeisterin gegen diese Vorwürfe und erklärte zugleich, dass man ihrer Ansicht nach mit der Biografie von DDR-Bürgern differenzierter umgehen müsse. Das dürfte ihr zusätzlich die Stimmen vieler PDS-Wähler gesichert haben.

Nun kommt es auf Karin Rätzel an: Bleibt sie sich und den im Wahlkampf verkündeten Zielen und Idealen treu, kann sie sich eigentlich nicht mit den im Stadtparlament dominierenden Parteien liieren. Auf Dauer ist Cottbus dann aber nicht regierbar. Trennt sie sich nicht von bestimmten Personen in der Verwaltung, wird man ihr Halbherzigkeit vorwerfen – tut sie’s, steht sie als Racheengel da. Zwei bisherige Beigeordnete will sie aber auf jeden Fall loswerden. Der Wahlkampf, sagt ein Cottbuser Journalist, hat Parteien, Firmen und Familien gespalten. Die Stimmung in der Stadt sei davon nicht besser geworden – im Gegenteil: sie bleibe schlecht. Wenn Karin Rätzel kein Wunder vollbringe und einen wirklichen Aufbruch schaffe, gehe die Schlammschlacht weiter.

Die Zeit drängt. Am 6. Mai wird der langjährige Cottbuser Oberbürgermeister Waldemar Kleinschmidt (CDU) die Amtsgeschäfte an Karin Rätzel übergeben. Er hat ihr Kraft und Gesundheit gewünscht. Beides, sagte er ihr, benötige man in diesem Amt dringend.

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