Zeitung Heute : Die Straße ist seine Universität

Der Tagesspiegel

Von Annekatrin Looss

Prenzlauer Berg. Die Straße ist sein Atelier. Sobald sich die Sonne nach dem Winter wieder hervorwagt, sieht man Wolf Dieter Raedel wie jedes Jahr an der Straße stehen und malen: den Helmholtzplatz, den Wasserturm, die Gethsemanekirche, eben alles, was den Prenzlauer Berg ausmacht. Seit sechs Jahren malt der 52-Jährige seinen Kiez. Man kennt ihn dort. Er nennt sich selbst den Maler von der Schönhauser Allee.

Die Straße ist seine Universität. Dort findet er seine Motive und Anregungen. Als Pantomime hat er zu DDR-Zeiten im Staatszirkus und zahllosen Ferienlagern Kinder unterhalten. Doch nach der Wende wurden die Aufträge rar. Also stellte er sich eines Tages an die Gedächtniskirche und fing an zu malen.

Als er fertig war, klatschten die Leute. „Da hab ich mich gewundert, ich dachte, malen kann doch jeder.“ Richtig ernsthaft betrieb er die Malerei dann, wie so viele Künstler, wegen einer Frau. „Sie hatte ich beim Malen in der Schönhauser Allee kennen gelernt. Bald war sie meine Freundin und mein erstes Modell.“ Das Porträt sollte natürlich besonders schön werden.

Raedel malt die Menschen so, wie sie sind. Keine konstruierten Szenen, keine Schnörkel, keine abstrakte Farbkleckserei. Das sei für ihn keine Kunst. Sich mit Geist und Herz zeichnerisch zu äußern, das sei für ihn Kunst. Er beobachtet: die Straßen, die Plätze und die Menschen. Das Beobachten sei seine direkte Verbindung zur Pantomime, auch dort die wichtige Grundlage der Kunst, sagt der Künstler.

Auf der Straße lernt Raedel die Menschen kennen. „Oft habe ich das Gefühl, ich lebe in einer kalten Ellenbogengesellschaft. Doch wenn ich auf der Straße stehe und male, kommen die schönsten Gespräche zustande. Ich merke plötzlich, wie nett die Menschen eigentlich sind.“ Viele haben ihn angesprochen, darunter auch andere Künstler und ein Kunstprofessor. „Dieser Zuspruch macht Mut.“

Er macht mit Bleistift seine Skizzen und kehrt dann heim, um sie mit Farbe zu füllen. Die Bilder bleiben stets skizzenhaft. Sie füllen fast komplett die Wände seiner Wohnung. In den Regalen Kunstbände, zahllose. Renoir, da Vinci, Bruegel. Mit dem Cover nach vorn. „Ich will sehen, was die gemacht haben, das regt mich an.“ Die Straße ist auch seine Galerie.

Wenn er zum Malen geht, hat Raedel nicht nur Staffelei und Farben auf seiner Sackkarre, sondern auch zahlreiche Bilder. Über tausend hat er so schon verkauft, sagt Raedel. Sie hängen in Berlin und in aller Welt. Zwischen 500 und 1000 Mark kostet ein Werk. Teurer will er sie nicht verkaufen. „Ich male die Menschen auf der Straße, also sollen sie sich meine Bilder auch kaufen können.“ Die meisten würden von Studenten gekauft, sagt Raedel. „Sie kommen in die Stadt, um zu studieren, lernen sich kennen und oft auch lieben, und wenn sie Berlin dann wieder verlassen, um sich irgendwo eine Existenz aufzubauen, nehmen sie eines meiner Bilder mit.“

Schon öfter wurde er von Galeristen angesprochen. Doch diese Szene mit all ihrem aufgesetzten Getue, das sei nichts für ihn. „Da bleibe ich lieber auf der Straße.“ Dort findet jemand, der Kunst für seine Mitmenschen macht, alles was er braucht.

Einmal wollte er seine Bilder in einem Studentencafé ausstellen. Doch in der Nacht davor brannte der Bus mit all seinen Bildern aus. Seitdem lässt er seine Bilder bis zum Verkauf nicht mehr aus den Augen.

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