Zeitung Heute : Die Strategie des Demagogen

Spielt er jetzt verrückt, fragen alle. Aber Ahmadinedschads Ausfälle sind genau kalkuliert

Andrea Nüsse[Kairo]

Ein kleiner Mann, ganz unauffällig. Mitten im Sturm steht er in diesen Tagen, und wahrscheinlich nickt Mahmud Ahmadinedschad jetzt zufrieden. Denn dieser Sturm dürfte ganz nach dem Geschmack des iranischen Präsidenten sein: Muslime zünden in Damaskus und Beirut dänische Botschaften an, deutsche Einrichtungen in Gaza werden zerstört, die Atomverhandlungen zwischen Iran und der Internationalen Gemeinschaft sind abgebrochen.

Der Mann in den grau-braunen Anzügen und dem gestutzten Vollbart hat diesen Sturm, den Streit über die dänischen Karikaturen des Propheten Mohammed, zwar nicht ausgelöst. Als erste Regierungen haben Saudi-Arabien und Libyen reagiert und ihre Botschafter aus Dänemark abgezogen und damit andere muslimische Regime unter Druck gesetzt. Aber er kommt ihm gelegen. Schnell hat sich der radikalislamische Präsident an die Spitze der antiwestlichen Front gestellt, noch bevor die iranische Bevölkerung in Massen auf die Straße gehen konnte. Ahmadinedschad droht allen Ländern, welche die als blasphemisch angesehenen Abbildungen Mohammeds nachdrucken, mit „dem Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen“. Das könnte auch die EU betreffen, die der größte Handelspartner Irans ist. Und dass der Präsident seine Drohung ernst meinen könnte, zeigt das Beispiel Südkorea: Verärgert über das Abstimmungsverhalten des asiatischen Landes bei der Uno, hat Iran im letzten Jahr einen Boykott koreanischer Autos und Elektronikgeräte beschlossen.

Der 49-jährige Ahmadinedschad, der im vergangenen Sommer überraschend zum Präsidenten gewählt wurde, gibt der Welt schon lange Rätsel auf. Der Populist, der aus einfachen Verhältnissen kam – sein Vater war Schmied – und es dann bis zum Bürgermeister von Teheran geschafft hatte, leugnete den Holocaust und machte den Vorschlag, den jüdischen Staat nach Deutschland oder Österreich zu verlegen. Erst gestern schlug er wieder besonders laute Töne an. „Ihr könnt noch so viele Resolutionen verabschieden“, sagte er an die Adresse der Atomenergiebehörde in Wien, „aber ihr könnt den Fortschritt der iranischen Nation nicht aufhalten. Wir danken Gott, dass er es so eingerichtet hat, dass unsere Feinde Idioten sind.“ Und er fügte hinzu: „Ihr wisst, dass ihr nichts ausrichten könnt, denn die Epoche der Einschüchterung ist vorüber.“

Viele vermuten hinter solchen Äußerungen außenpolitische Ungeschicklichkeit oder Inkompetenz. In Wahrheit aber könnten sie durchaus überlegter Teil einer politischen Strategie sein. Sie soll Ahmadinedschads Position im internen iranischen Machtkampf stärken.

Weil das politische Establishment sein sozialrevolutionäres Umverteilungsprogramm und den Kampf gegen die Korruption verhindern will, sucht er den Rückhalt der Massen – der iranischen und auch gleich noch der arabischen. Geschickt hat er sich dazu die Themen Israel und die Nuklearfrage ausgesucht. Zwei Themen, bei denen die Iraner wie selten geeint sind, die Emotionen hervorrufen. Und bei denen Widerspruch aus den eigenen Reihen fast undenkbar ist, weil sie Grundpfeiler des iranischen Nationalismus oder des islamistischen Credos berühren.

Gleichzeitig hat der von den Idealen der frühen Revolution beseelte Ahmadinedschad wohl gewusst, dass der Westen harsch reagieren wird und die Fronten sich deutlich verhärten werden. Wenn Ahmadinedschad es auf einen Showdown mit dem Westen angelegt haben sollte, käme ihm der Karikaturenstreit wie gelegen. Die Zeichnungen haben Muslime, die sich nicht vorstellen können, wie enttabuisiert und säkular westliche Gesellschaften mittlerweile sind, weltweit zutiefst verletzt. Wurde doch nicht nur das Abbildungsverbot des Propheten missachtet, sondern eine der abrahamischen Religionen lächerlich gemacht. Mit seiner prompten Reaktion zeigte Ahmadinedschad sein Gespür für Stimmungen. Wieder ein Thema, bei dem er keinen innenpolitischen Widerspruch zu fürchten braucht.

Ob ihm das reicht, um sich im Kampf gegen erfahrene, reiche und mächtige Politiker wie den Vorsitzenden des Schlichtungsrates und den großen Verlierer der Präsidentschaftswahl, Ali Akbar Rafsandschani, durchzusetzen, ist offen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Sollte es zu Sanktionen der Vereinten Nationen gegen Iran kommen oder gar zu Militärschlägen, könnte Ahmadinedschads Kalkül aufgehen: Wenn der Rest der Welt gegen Iran steht, kann er die Rolle des Standhaften einnehmen und innenpolitische Rivalen schwächen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar