Zeitung Heute : Die strenge Kommandantin

Andrea Nüsse

Die Sonne ist untergegangen, es wird dunkel in dem kleinen Vortragsraum. Elektrisches Licht gibt es nicht. Dennoch setzt Leila Khaled unbeirrt ihre Rede fort. Mit tiefer, monotoner Stimme erklärt sie den etwa 40 Frauen, die zu der Veranstaltung der jordanischen Frauen-Union, einer Nichtregierungsorganisation in Amman, gekommen sind, warum die Intifada fortgesetzt werden muss. Mit friedlichen Mitteln und mit Waffen. Sie wirkt ernst, aber nicht resigniert. Dabei kämpft die heute 57-jährige Aktivistin der marxistischen Palästinensischen Front zur Befreiung Palästinas (PFLP) schon seit 30 Jahren vergeblich für das Ende der israelischen Besatzung - früher stand sie im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit.

1969 entführte sie eine Boeing der US-Fluggesellschaft TWA nach Damaskus, wo das Kommando alle Passagiere freiließ und die Maschine medienwirksam vor den Fernsehkameras der Welt in die Luft sprengte. Khaled wurde verhaftet, aber schon nach wenigen Tagen wieder freigelassen. Das Bild der jungen Frau mit dem fein geschnittenen Gesicht, das Palästinensertuch auf dem dunklen Haar und die Kalaschnikow in Händen, ging um die Welt. Leila Khaled wurde zu einer Art Pop-Ikone des palästinensischen Befreiungskampfes, lange bevor Jassir Arafat zu dessen Symbol wurde.

An der Hand, die damals ein selbst gebastelter Ring aus dem Abzug einer Handgranate und einer Gewehrpatrone schmückte, prangt heute ein Ehering. Khaled ist verheiratet, hat zwei Söhne im Alter von 16 und 19 Jahren und lebt in Amman im Exil. Die hohen Wangenknochen der mittlerweile rundlichen Frau erinnern heute noch an das Foto der jungen Flugzeugentführerin, obwohl Khaled sich damals das Gesicht operieren ließ, um nicht wiedererkannt zu werden und weitere Aktionen durchführen zu können.

Sie ist zwar die PFLP-Vertreterin in Jordanien, aber die Palästinenserorganisation des Kinderarztes George Habasch mit Hauptsitz in Damaskus, die das Osloer Abkommen ablehnt, darf in Amman kein offizielles Büro unterhalten. So empfängt Leila Khaled Gäste und Journalisten in ihrem winzigen Büro in einem Verlagshaus. "Die Flugzeugentführungen damals waren eine taktische Entscheidung", sagt sie, "wir wollten die Weltöffentlichkeit dazu zwingen, das Palästinenserproblem nicht ausschließlich als humanitäre Flüchtlingsfrage wahrzunehmen, sondern als politisches Problem." Die Passagiere hätten keinesfalls verletzt werden sollen.

Die Aktionen von damals seien mit den Terroranschlägen in New York und Washington nicht zu vergleichen. Die Anschläge in den USA verurteilt die Frau, die im Westen als Terroristin angesehen und in der arabischen Welt als Befreiungskämpferin verehrt wird. "Das sind kriminelle Taten." Sie glaubt nicht, dass Osama bin Laden, der sich in seinen Videobotschaften zum Vorkämpfer für die Rechte der Palästinenser stilisiert und gleichzeitig zu Anschlägen auf Amerikaner aufgerufen hat, zu einem neuen Helden der Palästinenser wird. "Er hat nie irgendetwas für die Palästinenser getan", sagt die Frau in der geblümten Bluse mit Manschetten aus weißer Spitze und steckt sich eine Zigarette an. Sie sagt, er habe keine Verbindung zu palästinensischen Gruppen, und er habe auch nichts gegen die Besetzung durch Israel unternommen. "Ich habe nie gehört, dass bin Laden irgendeine Verbindung zu Palästina hat."

In einer arabischen Zeitung wurden die Gesichtszüge bin Ladens kürzlich in das Bild des südamerikanischen Revolutionärs Che Guevara montiert. Von derartigen Vergleichen will Leila Khaled nichts wissen: "Bin Laden ist kein islamischer Che Guevara", sagt sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet. Und es überrascht nicht, dass eine Marxistin wie Leila Khaled kaum Sympathien für einen islamistischen Terroristen wie bin Laden hat.

Obwohl sie die Anschläge in den Vereinigten Staaten verurteilt, lehnt sie die US-Militäraktion gegen Afghanistan strikt ab. "Amerika sollte nicht in gleicher Weise antworten." Außerdem sollten die USA ihre Politik im Nahen Osten überdenken, wiederholt sie eine von fast allen arabischen Regierungen erhobene Forderung. Denn US-Präsident George Bush unterstütze nach wie vor den "Staatsterrorismus" Israels. Sie spricht von gezielten Ermordungen von Aktivisten, der Zerstörung von Häusern und Feldern. Dagegen, sagt sie, müssten sich die Palästinenser verteidigen, "wir haben keine andere Wahl".

Auch die Ermordung des israelischen Tourismusministers Rehawam Seewi am Mittwoch vergangener Woche durch den bewaffneten Arm der PFLP bezeichnet Khaled als "Selbstverteidigung". Die Tat sei eine "Antwort" auf die gezielte Ermordung des Generalsekretärs der Partei, Abu Ali Mustafa, durch die israelische Armee im August gewesen. Die Israelis hätten mit der Politik der gezielten Ermordungen begonnen und müssten nun mit der Antwort auf diese Politik leben. Arafat warf sie vor, mit dem Verbot des bewaffneten Arms, der sich "Abu Ali Mustafas Märtyrer" nennt, die Einheit der Palästinenser und damit die Fortsetzung der Intifada zu gefährden.

Nach all den gescheiterten Abkommen und Waffenstillständen hat Khaled weniger Zweifel denn je, dass nur die Intifada Erfolg bringen könne. Wie die meisten Palästinenser fordert sie ein Rückkehrrecht aller Flüchtlinge nach Israel. "Sonst wird dieser Konflikt nie beendet werden." Dass dies völlig unrealistisch ist, gibt Khaled zwar zu. "Aber es müsste möglich sein", sagt die Frau, die in den vergangenen drei Jahrzehnten kaum eine ihrer Überzeugungen aufgegeben zu haben scheint. Leila Khaled ist selbst Flüchtling. Ihre Familie war nach der Staatsgründung Israels mit der vierjährigen Leila aus Haifa geflohen.

Viele der älteren Frauen bei Khaleds Rede vor der jordanischen Frauen-Union tragen Schals in den palästinensischen Nationalfarben mit der Aufschrift "Jerusalem gehört uns". Sie muss Leila Khaled nicht überzeugen. "Sie ist unsere Heldin", sagt eine der Zuhörerinnen. Die strenge Revolutionärin lächelt nicht, sondern winkt ab. Sie sei einfach eine "Befreiungskämpferin" - damals wie heute.

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