Zeitung Heute : Die strukturschwache ostbrandenburgische Grenzregion wirbt mit speziellen Vorteilen um Investoren

Harald Olkus

"Twin location - twin factory - twin profit." Mit diesem griffigen neudeutschen Slogan wirbt die strukturschwache Grenzregion im Osten Brandenburgs neuerdings um ansiedlungswillige Unternehmen. Lange hatte man an der Oder gehofft, dass die Grenzregion das "Tor zu den aufstrebenden Märkten im Osten" wird und vom grenzüberschreitenden Handel profitiert. Doch der Aufschwung ließ auf sich warten. Jetzt wächst Polens Wirtschaft - nicht zuletzt wegen der günstigen Aussichten, bald in die EU aufgenommen zu werden. Und auch die Grenzregion diesseits der Oder bemüht sich um die Ansiedlung von Wirtschaftsunternehmen, um die strukturschwache Region aufzuwerten.

Dabei wirbt sie offensiv mit Vorteilen, die nur eine Grenzregion bieten kann. "Man muss sich ja nichts vormachen, alle Gewerbegebiete haben die gleichen Ansiedlungsargumente. Alle sind bestens erschlossen, haben die besten Arbeitskräfte, einen Autobahnanschluss und liegen im Herzen Europas. Man muss schon etwas Besonderes bieten, um für Investoren interessant zu sein", sagt Martin Wilke, Geschäftsführer des Investor Centers Ostbrandenburg. Zum Beispiel das Konzept, ein Unternehmen auf beiden Seiten der Oder anzusiedeln: Ein Unternehmen errichtet ihr Verwaltungsgebäude in Brandenburg und erhält dafür Fördermittel aus dem Topf "Gemeinschaftsaufgabe regionale Strukturentwicklung" (GA Mittel). Die Halle für die lohnkostenintensive Fertigung errichtet das Unternehmen aber in Polen. So können die Produktionskosten niedrig gehalten werden. "Es ist hier vergleichbar mit der Grenze zwischen USA und Mexiko oder Italien und Slowenien, wo das Konzept ebenfalls angewendet wird", sagt Wilke. "Diesen Vorteil müssen wir nutzen."

Dieser Ansicht ist auch die Industrie- und Handelskammer in Frankfurt / Oder. "Die Sache ist vorzeigbar", sagt Klaus Kröpelin, Leiter des Geschäftsfeldes regionale Wirtschaftsentwicklung. "Wir haben das Konzept für verschiedene Branchen durchgerechnet, es lohnt sich." Die Industrie- und Handelskammern an der Oder bemühen sich, eine grenzüberschreitende Strukturanpassung zu erreichen. "Alles ist gut, was zu einer homogenen Wirtschaftsstruktur führt", sagt Kröpelin. Im Westen Polens gebe es bislang kaum Wirtschaftsbetriebe, ein Defizit, das unter anderem dazu führe, dass polnische Arbeitskräfte auf den deutschen Arbeitsmarkt drängten. Mit einer EU-Mitgliedschaft Polens würde dies noch weiter erleichtert. "Langfristig kann das nur verhindert werden, wenn es beiderseits der Grenze genug Arbeit gibt", sagt Kröpelin.

Ein anderes Mittel, um eine Angleichung zu fördern sind die sogenannten "Sonderwirtschaftszonen". Wer seine Firma in Küstrin oder Slubice ansiedelt, 50 Millionen Mark investiert und damit 50 Dauerarbeitsplätze schafft, kann zehn Jahre lang steuerfrei wirtschaften. Das Konzept ist erfolgreich: Die Flächen sind fast vollständig verkauft oder mit Optionen belegt. Die EU hat diesem Ansiedlungsinstrument allerdings einen Riegel vorgeschoben: Nur noch bis Ende 2000 können Firmen aus dem Westen Grundstücke oder Optionen darauf in den "Sonderwirtschaftszonen" im grenznahen Bereich Polens erwerben.

Standortvorteile sind nicht nur Fördergelder und niedrige Löhne, sondern auch die schnelle Verfügbarkeit von Muttersprachlern aus Polen und Deutschland. "Damit konnten wir eine ganze Reihe von Call Centern ansiedeln, die in Deutschland wie in Polen arbeiten", sagt Wilke. Diese "Twin Call Center" haben eine Niederlassung in Frankfurt und eine in Slubice. Je nach Auftrag kann damit der eine oder andere Standort gewählt werden.

Priorität habe aber die Entwicklung diesseits der Oder. In den vergangenen Jahren sind dort eine Reihe von Gewerbegebieten entstanden, die Wilke vermarkten will. "Das geht, indem man die Gewerbegebiete verschiedenen Zielgruppen zuordnet und damit nicht nur eine Identität, sondern auch Synergien schafft." Der Technologiepark Frankfurt / Oder beispielsweise sei zu rund 60 Prozent belegt mit Betrieben und Instituten aus dem Halbleiter- und Mikroelektronik-Bereich. "Die ansässigen Firmen haben sich stabilisiert und neue kommen hinzu." Wilke habe einige Unternehmen aus Berlin herübergezogen und Konzerne wie Motorola oder Infinion angesiedelt, die dort Halbleiter recyceln und produzieren. Green-Cards für indische Programmierer würden an der Oder nicht gebraucht, meint Wilke. Auch auf dem polnischen Arbeitsmarkt gebe es eine Reihe gut ausgebildeter Fachkräfte aus der IT-Branche.

Ähnliche Vorteile verspricht man sich in der Metallverarbeitung. Das Stahlwerk in Eisenhüttenstadt schreibe mittlerweile schwarze Zahlen. Das Investor Center Ostbrandenburg und die IHK versuchen jetzt metallverarbeitende Betriebe anzusiedeln. "Bei der Ansiedlung von Firmen muss man sehen, welcher Branche man in welcher Gegend etwas Besonderes bieten kann", sagt Wilke. So seien etwa die Warenströme aus Osteuropa in Richtung EU stark angestiegen. Doch auch die osteuropäischen Spediteure unterlägen der Forderung nach "Just-in-Time-Lieferung". "Von Minsk hierher sind es 1000 Kilometer. Es kommt immer wieder zu Staus und zu Verzögerungen an der Grenze." Für diese Unternehmen werde es deshalb wichtig, Service- und Zwischenlagerflächen in Brandenburg einzurichten.

So lange Polen noch nicht der EU beigetreten sei, müsse man die spezifischen Vorteile dieser Situation nutzen, meint Wilke. "Und wenn sich die Bedingungen ändern, muss man sich eben nach neuen umsehen." Schon jetzt wirke sich der Aufschwung der polnischen Wirtschaft in Frankfurt / Oder positiv aus. "Mittlerweile kaufen mehr Polen in Deutschland ein, als Deutsche in Polen."

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