Zeitung Heute : Die Sünden der Kandidaten

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Die stets wachsamen Pressevertreter im Weißen Haus konfrontierten unlängst US-Präsident Bush mit einem Kreuzfeuer von Fragen zu seinem umstrittenen Verkauf von Anteilen der texanischen Ölfirma Harken Energy im Jahr 1990. Wo aber war die Presse, als sie wirklich gebraucht wurde? Wall-Street-Journal-Redakteur Micah Morrison nahm die Harken-Geschichte 1999 unter die Lupe, weshalb diese Zeitung im Bush-Wahlkampflager nicht besonders beliebt war. Er fand zwar einige interessante finanzielle Verbindungen nach Saudi-Arabien, moralische Verfehlungen des Unternehmens konnte er jedoch nicht entdecken. Ähnlich erging es allen anderen Journalisten, die sich mit dem Thema Harken befassten.

Bush, seit 1986 in Diensten der Firma, verkaufte 1990 zum Preis von vier Dollar je Stück 212000 seiner Harken-Aktien, um mit dem Erlös eine Beteiligung an der Baseball-Mannschaft Texas Rangers zu erwerben. Seine Absicht zum Anteilsverkauf teilte er der US-Börsenaufsicht SEC mit. Kurz nachdem Bush sein Paket verkauft hatte, sackte der Kurs der Harken-Aktie ab, kletterte 14 Monate später aber wieder auf acht Dollar. Nachdem das Wall Street Journal (WSJ) über Bushs Versäumnis, seine Verkäufe bei der Börsenaufsicht rechtzeitig zu melden, berichtet hatte, leitete die SEC eine Untersuchung ein. Wie sich herausstellte, lag Bushs Transaktionsmeldung tatsächlich nicht fristgerecht vor, die Schuld wurde jedoch den Harken-Anwälten zugeschrieben. 1993 wurden die Ermittlungen eingestellt. Dass sich nun die Demokraten aufregen, ist amüsant.

Man denke nur an Bill Clinton, oder besser: an Al Gore. In dessen Steuererklärung findet sich eine jährliche Zahlung von 20000 Dollar von der Union Zinc Company, die Gore in mehr als 25 Jahren insgesamt über 450000 Dollar zukommen ließ. All dies wurde schon im Wahlkampf 2000 aufgedeckt. Nachdem Verfehlungen Clintons erst nach seiner Wahl bekannt wurden, unternahm das WSJ alle Anstrengungen, den Hintergrund der Präsidentschaftskandidaten auszuleuchten. Worüber sich die Presse in jüngster Zeit erregte, war also schon bekannt, als die Wähler 2000 ihre Stimmen abgaben. Man könnte glauben, dass bei ausreichender Information vor Wahlen die Liste der Kandidaten schnell kleiner würde.

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