Zeitung Heute : Die Summe der Belastungen

Der Internationale Währungsfonds befürchtet Verluste von fast einer Billion US-Dollar (mehr als 600 Milliarden Euro) als Folge der von den USA ausgehenden Finanzkrise. Welche Dimension hat die Krise damit?

Stefan Kaiser

Was bedeutet die Zahl von fast

einer Billion US-Dollar im Zusammenhang

mit der internationalen Finanzkrise?

Die Summen werden immer größer. Hätte jemand zu Beginn der Finanzkrise im vergangenen Sommer Verluste von fast einer Billion Dollar vorausgesagt, Banker und Bankexperten hätten ihn wohl für verrückt erklärt. Heute zuckt man bei einer solchen Zahl mit zwölf Nullen in London, New York oder Frankfurt höchstens noch mal kurz zusammen, bevor man sich wieder dem Tagesgeschäft widmet. Dabei hat die Zahl nicht irgendwer in die Welt gesetzt, sondern der Internationale Währungsfonds (IWF). Es ist die Organisation, die über das internationale Finanzsystem wacht und die dies nach Meinung vieler Experten in Zukunft noch viel stärker tun sollte.

Die Experten des IWF haben durchgerechnet, welche Verluste in der Finanzwirtschaft durch die Krise entstehen. Den größten Batzen macht der amerikanische Immobilienmarkt aus, wo die Krise begonnen hatte. Allein durch sinkende Häuserpreise und geplatzte Immobilienkredite von privaten Hausbauern rechnet der IWF mit Verlusten in Höhe von rund 565 Milliarden Dollar. Hinzu kommen Kreditausfälle bei gewerblichen Immobilienfinanzierungen und Großkrediten, zum Beispiel für Firmenübernahmen. Auch Konsumentenkredite für Autos, Fernseher oder Kühlschränke und nicht bezahlte Kreditkartenrechnungen tragen ihren Teil bei. Am Ende kommen die Experten auf 945 Milliarden Dollar (603 Milliarden Euro).

Wie genau ist die Schätzung?

Der IWF selbst schreibt in seinem Finanzmarktbericht, die Schätzung sei noch unpräzise. Die Richtung sei jedoch klar: Der Finanzsektor stehe vor weiteren Belastungen. Bisher haben die Banken weltweit Belastungen von mehr als 230 Milliarden Dollar eingestanden – gerade mal ein Viertel der geschätzten Summe. Wie viel Geld am Ende wirklich verloren geht, kann aber momentan niemand genau sagen. Zu unsicher ist die Lage. Für viele Finanzprodukte, um die es geht, gibt es zurzeit überhaupt keine Preise, weil niemand sie kaufen will. Die Preise werden geschätzt, und die Produkte nach dem Schätzwert bilanziert. Ob er zu hoch oder zu tief ist, weiß keiner. Schon gar nicht, wie es in einem halben Jahr aussehen wird.

Was heißt das

für Deutschland?

Deutschland gehört nach den USA zu den vergleichsweise stark betroffenen Ländern. Die Banken haben hierzulande bisher Belastungen von mehr als 20 Milliarden Euro eingeräumt. Die Landesbanken SachsenLB, BayernLB und WestLB sowie die Mittelstandsbank IKB sind an den Rand des Ruins geraten. Hier muss der Staat mit Steuergeldern aushelfen.

Nun wachsen die Sorgen, dass die Krise auch auf die übrige Wirtschaft durchschlagen könnte, weil die Banken weniger Kredite an Unternehmen vergeben. Auch der IWF sieht diese Gefahr. Dennoch bleibt er für die deutsche Wirtschaft relativ optimistisch. Für das laufende Jahr rechnen die Experten mit einem Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent. Das ist zwar weniger als 2007 (2,5 Prozent) aber immer noch deutlich mehr als etwa für die USA erwartet wird. Die Amerikaner könnten sogar in eine Rezession rutschen.

Welche Maßnahmen schlägt der IWF vor,

um die Krise zu lindern?

Der IWF sieht dringenden Handlungsbedarf. Die aktuelle Krise habe die ganze Zerbrechlichkeit des Systems aufgezeigt. Von einem „kollektiven Versagen“ der Finanzmarktteilnehmer wie Banken und Hedgefonds ist die Rede. Kurzfristig müssten nun Notfall- und Sanierungspläne entworfen werden. Die betroffenen Banken sollten ihre Verluste schnell offenlegen und ihr Risikomanagement verbessern. Auch die Aufsichtsbehörden seien gefordert. Sie müssten dafür sorgen, dass Risiken in den Bankbilanzen einheitlich bewertet werden und so mehr Transparenz entsteht. Wenn einer Bank die Pleite drohe, solle der Staat bereitstehen, um schnell zu helfen.

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