Zeitung Heute : Die Synagogen brennen: Ausschreitungen in Frankreich

Jörg Uthmann

Ein Kommando stürmte das Auditorium der Universität Paris II im großbürgerlichen siebten Arrondissement, die vermummten Gestalten verbrannten eine israelische Flagge und hinterließen den Aufruf "Zionisten raus! Intifada in Paris!" Die Abendnachrichten vom Mittwoch zeigten den brennenden Dachstuhl der Synagoge von Trappes, einer Kleinstadt westlich von Paris. Auch einige Synagogen in Lyon und den Pariser Vororten Villepinte, Clichy-sur-Bois und Creil wurden mit Brandsätzen attackiert, in anderen Vororten wurden Wandinschriften wie "Tod den Juden!" und "Zurück zu den Gaskammern!" gesichtet. Das sind nur ein paar der jüngsten Ausschreitungen gegen Juden in Frankreich.

Die Polizei nimmt an, dass für die wenigsten Zwischenfälle rechte Extremisten verantwortlich sind. Als Urheber vermutet sie Maghrebiner und andere Sympathisanten der Palästinenser. Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen dem Vandalismus und den Straßenkämpfen im Nahen Osten nicht zu übersehen. Damit verschwimmen allerdings auch die hergebrachten Definitionen. Nicht jede antiisraelische Ausschreitung ist ein Beweis für antisemitische Gesinnung. "Wie können die Araber in der Banlieue Antisemiten sein?", fragt Théo Klein, ehemaliger Vorsitzender des Conseil représentatif des institutions juives de France (CRIF), der jüdischen Spitzenorganisation. "Sie sind ja selbst Semiten!"

Auch Jacques Chirac, der als erstes französisches Staatsoberhaupt die Beihilfe der Vichy-Regierung zur Deportation der Juden bedauerte und die Brandanschläge in unzweideutigen Worten verurteilte, würde es sich verbitten, des Antisemitismus bezichtigt zu werden. Dabei macht er aus seiner kritischen Haltung gegenüber Israel keinen Hehl. Vor einigen Tagen ließ er im Elysée alle diplomatischen Höflichkeiten beiseite und beschuldigte den israelischen Ministerpräsidenten Barak, aus Hubschraubern auf Steinewerfer schießen zu lassen.

Auch die französischen Juden sind sich in ihrer Haltung gegenüber Israel keineswegs einig. Am Dienstag kamen 8000 Menschen zu einer Sympathiekundgebung vor die israelische Botschaft. Auf einigen Transparenten war zu lesen "Befreit unsere Soldaten" und "Wir sind alle Zionisten", aber es gab auch kritisch gesinnte Teilnehmer. "Die israelischen Soldaten sind nicht unsere Soldaten", sagt Klein, "allenfalls unsere Cousins. Die großisraelische Politik ist gescheitert. Jetzt muss über ein neues Statut für Jerusalem nachgedacht werden." Anderen Juden geht das noch nicht weit genug. Am 7. Oktober veröffentlichte die linke Tageszeitung "Libération" einen offenen Brief, in dem der CRIF aufgefordert wird, sein vorsichtiges Taktieren gegenüber der "wahnsinnigen israelischen Politik" zu erklären.

Der CRIF bemüht sich nach Kräften, abzuwiegeln und Panik zu verhindern. Klein und sein derzeit amtierender Nachfolger Henri Hajdenberg sehen in den Ausschreitungen keinen Beweis für einen dramatischen Anstieg des Antisemitismus. Anders als in Deutschland ist von keiner Seite auch nur in Erwägung gezogen worden, das Land sei für Juden möglicherweise nicht sicher genug. Die Mehrheit der französischen Juden ist allergisch gegen jede Art von "Sonderbehandlung", selbst wenn sie von den besten Absichten motiviert ist. Sie wollen keine Minderheit sein, sondern Franzosen wie alle anderen. Eine Statistik der Toten des Zweiten Weltkriegs im neuen Flügel des Pariser Armeemuseums weist daher die Juden nicht besonders aus. Hingegen erfährt der Besucher, dass je sechs Millionen Polen und Deutsche dem Krieg zum Opfer fielen.

Islamische Organisationen haben sich von den Ausschreitungen distanziert. Die Union des jeunes musulmans de Lyon, die für Sonnabend eine große Demonstration gegen die israelische Besatzungspolitik plant, hat versprochen, eine Wiederholung der Pariser Vorkommnisse werde es nicht geben: "Wir arbeiten mit der Polizei zusammen." Dalil Bourbakeur, der Rektor der Pariser Moschee, hat in einer gemeinsamen Erklärung mit Oberrabbiner Joseph Sitruk und Vertretern der christlichen Kirchen zu Toleranz aufgerufen. In der Rue des Rosiers, der Hauptstraße des alten Pariser Judenviertels, geht das Leben seinen gewöhnlichen Gang. Aber Jo Goldenberg, der Patron des nach ihm benannten koscheren Restaurants, hat nicht vergessen, dass im August 1982 ein palästinensisches Terrorkommando unter seinen Gästen ein Blutbad mit sechs Toten und 22 Verletzten anrichtete.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar