Zeitung Heute : Die Szene blüht

Vital und traditionsbewusst: Entertainment.

Immer gut. Gayle Tufts in der Bar jeder Vernunft. Foto: promo
Immer gut. Gayle Tufts in der Bar jeder Vernunft. Foto: promo

Wer bei dem Wort Varieté an die humorige Dreieinigkeit aus Hut, Zauberer und Hase denkt, liegt hier falsch. Im Chamäleon in den Hackeschen Höfen wird das klassische Amüsiergenre anders begriffen. Als circensische Choreographie mit Anspruch und Geschichte nämlich, technisch auf dem neuesten Stand. Was das betrifft, hat das Theater einen Wandel hinter sich: Gegründet wurde es nach dem Mauerfall als kollektive Offbühne mit schrägen Schwertschluckernummern. Aber um 2004, als auch das Viertel ringsum sich spürbar verändert hatte, übernahm eine neue Betreibergesellschaft und mit Anke Politz eine neue künstlerische Leiterin. Die professionalisierte den Betrieb, ohne den Charme zu übertünchen.

Die Berliner Entertainment-Szene bleibt vital. Und trotzdem traditionsbewusst. Der Freigeist des Vaudeville mag der Vergangenheit angehören, die Stadt immer neue Gesichter zeigen, aber die Kabarett-, Kleinkunst- und Show-Landschaft hat nichts an Strahlkraft und Vielfalt eingebüßt. Mehr Angebot gab's vermutlich auch in den viel gepriesenen Zwanzigern nicht.

Apropos. Anno 1920 konnte man das „Dans Paleis“, das heute auf dem Betonparkdeck an der Schaperstraße steht, noch auf der Weltausstellung in Antwerpen bewundern. Im Juni 1992 eröffnete der angestammte Anarcho-Kabarettist Holger Klotzbach (vormals: „Die 3 Tornados“) in diesem Spiegelzelt dann die Bar jeder Vernunft, den Westberliner Hotspot für Chanson, Kabarett und Musical-Comedy, Heimat von schillernden Showgrößen wie Desiree Nick, Geschwister Pfister, Tim Fischer oder aktuell Gayle Tufts.

In dem Jugendstil-Prachtstück feierte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit seinen 50. Geburtstag. Und wegen anhaltenden Erfolgs kam zehn Jahre später noch die größere Schwester dazu, Tipi – Das Zelt am Kanzleramt mit 550 Plätzen. Ebenfalls ein Hit.

Kleinkunst hat in Berlin zeitlos Konjunktur, in allen Facetten: ob im Kreuzberger Theater O-Tonart, Heimat des schwulen Playbacktheaters der O-Ton-Piraten, oder in der Friedrichshainer Bühne Zebrano mit ihrem musikalisch-literarischen Programm.

Und natürlich boomt das Unterhaltungsgewerbe nicht erst seit der Wende. Viele der Berliner Kleinkunst-Institutionen haben ihre Wurzeln in den 70er Jahren, etwa das Kreuzberger Ratibor-Theater an der Cuvrystraße. Das ist vor Zeiten aus dem linksradikalen Milieu erwachsen und heute Hauptspielstätte der „Gorillas“, einer gefährlich guten Improtheatergruppe. Da kommen sogar Bundestagsabgeordnete zu Besuch. Auch schon drei Jahrzehnte lang existiert das Café Theater Schalotte. Ein geschichtsträchtiger Charlottenburger Ex-Kinosaal, ebenfalls mit linken Kabarettwurzeln. Mittlerweile wird hier vor allem auf Musik gesetzt, mit besonderem Akzent auf A-cappella-Festivals.

Nicht, dass der Politspott darüber ausgestorben wäre. Die Stachelschweine, diese West-Berliner Legende, heute im Europa-Center beheimatet, haben die Jahrzehnte und Regierungen ebenso überdauert wie das 1953 gegründete Kabarett „Distel“ an der Friedrichstraße. Die unsubventionierte Institution hat die DDR wie die Wende überlebt. Und auch die Insolvenz des Admiralspalastes, in dessen Gebäudekomplex sie an der Friedrichstraße residiert. Hier wollte Kulturmacher Falk Walter den Geist der 20er Jahre wiederbeleben und scheiterte. Aber die Show im Haus geht weiter. Und die Berliner Szene blüht. Patrick Wildermann

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!