Zeitung Heute : Die Tage und Nächte des Insassen P.

Kein Deutscher sitzt länger im Gefängnis als Heinrich Pommerenke: 47 Jahre. Was macht lebenslange Haft aus einem Menschen?

Steffen Kraft[Asperg]

Der Knast riecht dumpf, nach Staub und ein bisschen nach Tod. Doch zum Tode verurteilt haben sie ihn nicht. Nur zum Sterben. Also runter vom Bett, die verbliebenen Haare – und die Schuppen auf der Glatze – noch einmal nach hinten gekämmt und los. Trainingsanzug aus blaugrüner Baumwolle, braune Slipper. Im Fernsehen ist das der Aufzug der Verlorenen. Hier ist es: auch egal. Hier ist er eine Nummer auf einer Akte, an einer Zellentür. Er hat Besuch. Nur nichts vergessen, die Brille, die Sudoko-Rätsel, die Tabellen für die Fußballwetten. Hertha hat 0:5 verloren. Das wird er dem Ernst Ergenzinger gleich mal erzählen.

Damals, bei seinem Prozess, hat er zum Richter gesagt: „Vor Ihnen sitzt der Teufel.“ Die Leute nannten ihn das Ungeheuer vom Schwarzwald. Er leugnet nicht, er ist ein Mörder. Vier Frauen starben wegen ihm. Heinrich Paul Max Pommerenke hat zwei von ihnen vergewaltigt – ebenso wie er es bei neun weiteren Frauen versucht hat, die mit dem Leben davonkamen. Und bei einem Kind. Er war brutal. Eine der Frauen lag schon im Sterben, als er sich über sie hermachte. Er hatte sie zuvor aus einem fahrenden Zug geworfen, in den 50er Jahren waren die Türen während der Fahrt noch nicht verriegelt. Dann ist er hinterhergesprungen und hat ihr die Kehle aufgeschnitten.

Er geht bedächtig, will nicht schlurfen, nicht stolpern, sich nur keine Blöße geben. Der Trainingsanzug wirkt im Besucherraum jämmerlich genug. Also, Beine hoch beim Laufen. Würde ist unantastbar. Auch seine. So steht es geschrieben. Wenn Besuch kommt, bewahrt er Haltung.

„Ich habe Taten begangen, die ich nicht begehen wollte“, sagt Heinrich Paul Max Pommerenke, wenn er nach seinen Verbrechen gefragt wird. Die drei Namen stehen auf seiner Geburtsurkunde. Er weiß nicht genau, ob der Paul oder der Max oder der Heinrich die Taten begangen hat. Der Gerichtsgutachter sprach bei ihm damals von „erheblichen charakterlichen Abartigkeiten“, schuldfähig sei er trotzdem. Am 22. Oktober 1960 verkündete der Richter: lebenslang. Der Staatsanwalt sagte: „Im Zuchthaus in Bruchsal werden sich neun Tore öffnen, durch die er gehen muss. In die neunte Hölle Dantes muss er hinein.“ Der Hilfsarbeiter Heinrich Pommerenke hat das Urteil sofort angenommen. Damals war er 23.

Inzwischen ist er 70 und der am längsten eingesperrte Häftling Deutschlands. 47 Jahre hinter Gittern. 1995 hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass er seine Strafe inzwischen verbüßt hat. Freigekommen ist er trotzdem nicht. Die Behörden wissen nicht, ob er noch eine Gefahr ist. Manche nennen seinen Fall deshalb einen Skandal. Für die meisten aber ist er ein Exempel.

Der Staat hat Heinrich Pommerenke für immer weggesperrt. Genauso, wie es die Leute im Fernsehen fordern, wenn ein Kinderschänder gefasst wird oder ein Vergewaltiger oder ein Mörder. Heinrich Pommerenke ist all das. Und einer, an dem man sehen kann, was lebenslange Haft mit einem Menschen macht.

Er ist krank. Vor wenigen Monaten haben ihn die Behörden von Bruchsal ins Gefängniskrankenhaus Hohenasperg verlegt. Im Gang. Er schaut sich um, suchend, er weiß nicht, wohin er gehen soll. „Dort entlang“, sagt der Wachhabende, vorbei an dem Wurlitzer-Automaten, an dem die Besucher Süßigkeiten ziehen können.

Auf dem Hohenasperg haben sie auch eine Station für Sozialtherapie. „Vielleicht bekomme ich dort eine Behandlung“, sagt Heinrich Pommerenke. Ernst Ergenzinger glaubt nicht wirklich daran. Er war einmal Gefängnispfarrer auf dem Hohenasperg. Seit seiner Pensionierung kommt er alle paar Wochen, um Pommerenke zu besuchen. Er sagt: „Therapien haben sie ihm schon oft versprochen.“ Und dann hätten sie diese Hormonbehandlung gemacht, bei dem ihm Brüste gewachsen sind wie bei einer Frau. Die Hölle, der Staatsanwalt habe schon recht gehabt.

Immerhin, das mit den neun Türen stimmt auf dem Hohenasperg nicht mehr. Wenn Ernst Ergenzinger zu Besuch kommt, muss er nur durch vier: die Eingangstür, die zwei Türen der Schleuse zum Metalldetektor und schließlich die Tür zum Besucherraum. Daneben steht der Süßigkeitenautomat. Im Raum stehen Tische, an jedem vier Stühle. Auf einem sitzt Ernst Ergenzinger. Er ist 67, kaum jünger als Pommerenke, auch wenn er so aussieht. Er hat sich kürzlich den Bart etwas stutzen lassen. Das Weiß umschließt seinen Kopf, als hätte er ihn in eine Badewanne voller Schaum getaucht und dann nur Nase, Augen und Glatze wieder abgewischt. Heinrich Pommerenke hat auch einen Bart, aber einen anderen: Er ist zauselig und hängt wie eine graue Wand am Unterkiefer. Früher sahen Eremiten so aus.

Er muss sich konzentrieren. Er hat Besuch, ebenso wie die Knastis, die an den anderen Tischen hocken und die Hände ihrer Bräute, Schwestern, Mütter halten und heulen. Viele haben Angst, hier drin zu sterben. Früher bekam er deswegen ebenfalls Weinkrämpfe. Einmal, als der Druck wieder stark und er noch stärker war als heute, hat er irgendwie die Zellentür aufgehebelt. Er wollte nicht fliehen, er ging in die Gefängnisbibliothek und legte den Kopf auf einen Lesetisch wie auf ein Schaffott. Er schlief ein. Als die Wärter ihn am Morgen fanden, brachten sie ihn in eine andere Zelle.

Irgendwann funktionierte es besser. Er konnte sich abfinden. Als Lebenslänglicher hat man auch Vorteile. Wenn es etwas Besonderes gibt, zum Mittag etwa, bekommen es die Langzeithäftlinge als Erste. Nach einiger Zeit ließen ihn auch die anderen Gefangenen in Ruhe. Irgendwann gab es kaum Insassen mehr, die wussten, was genau er getan hatte. Er sprach nicht oft darüber. Der Druck ließ nach. Ganz verschwand er nicht. Er macht bis heute ins Bett, sagt Ernst Ergenzinger.

Der Besuchsraum ist überwacht. An der linken Wand spannt sich eine Scheibe. Dahinter steht der Wachhabende. Ernst Ergenzinger hat ihm sechs Euro und zehn Cent gegeben. Es ist der staatlich erlaubte Satz an Gemütlichkeit, Geld für den Süßigkeitenautomaten. Wenn es beim Besuch etwas zu essen geben soll, dann muss es aus dem Wurlitzer kommen. „Man darf nichts mitbringen“, sagt er, „ keinen Kuchen“, da könnte eine Feile drin sein, „nicht einmal ein Mon Chéri“, jemand könnte eine Pille hineingesteckt haben.

Der Wachhabende ist vielleicht 30 Jahre alt. Als er geboren wurde, war Heinrich Pommerenke schon mehr als 15 Jahre in Haft, die Zeit, nach der ein Lebenslänglicher heutzutage gewöhnlich freikommt.

Haft, ganz ohne Aussicht auf Freilassung, verstößt gegen die Menschenwürde, hat das Bundesverfassungsgericht in den Siebzigern festgestellt. Zurzeit diskutiert das Land, ob der RAF-Terrorist Christian Klar freigelassen wird. Der sitzt in Bruchsal ein paar Blocks neben der alten Zelle von Heinricht Pommerenke. Klar wird wohl rauskommen, wenn nicht jetzt, dann in zwei Jahren. „Er ist ein politischer Fall. Bei mir ist es anders“, sagt Heinrich Paul Max Pommerenke. Er ist ein Vergewaltiger, Kinderschänder, Mörder.

Das Justizministerium Baden-Württemberg sagt, für eine Therapie Pommerenkes fehle eine „positive Sozialprognose“, eine Voraussage, dass er künftig niemandem etwas zuleide tut. Der Psychiater Werner Berner hat ihn dreimal getroffen: 1996, vor drei Jahren und im vergangenen Jahr. Berner lebt in Hamburg und lehrt dort am Universitätskrankenhaus. In seinen Gerichtsgutachten hat er geschrieben, dass eine positive Prognose erst möglich ist, wenn Pommerenke eine Therapie beginnt. So, sagt Ernst Ergenzinger, hat sich ein fatales Gleichgewicht eingependelt – ohne Therapie kein Gutachten, ohne Gutachten keine Therapie.

Ernst Ergenzinger sitzt da und stellt Fragen. Wie es geht. Was die Sodukus machen. Wie hoch der Blutzucker ist. Der Wachhabende bringt die Schokokade aus dem Automaten. Heinrich Pommerenke isst erst einmal, sammelt Worte. Während des Prozesses in den Fünfzigern hat der Gerichtsgutachter bei ihm einen IQ von 111 festgestellt, der Durchschnitt liegt bei 100. Aber seit einiger Zeit kommt Heinrich Pommerenke die Sprache abhanden. Er kann sich nicht wehren. Einer der früheren Anstaltsleiter in Bruchsal, Harald Preusker, weiß, wie lebenslange Haft Menschen verändert. Er sagt, dass Lebenslängliche schneller altern und häufig Wörter verlieren. Manchmal, wenn Heinrich Pommerenke sprechen will, scheint es, als sähe er die Wörter zwischen den Fenstergittern hinaus in den Hof fliegen und um den Baum zu kreisen. Er schaut den Wörtern dann hinterher und starrt aus dem Fenster, als würde er hoffen, dass die schwirrenden Wörter zurückkehren.

So hat er sich darauf verlegt, Geschichten zu erzählen. Vielleicht, weil er dabei um die fehlenden Wörter herummanövrieren kann. Für Besucher klingen seine Sätze oft, als kämen sie aus einer anderen Welt. Wahrscheinlich ist dem wirklich so.

Heute dreht sich das Gespräch mit Ernst Ergenzinger darum, was das Schwere ist an der lebenslangen Haft. Heinrich Pommerenke kann eigentlich nur Falsches sagen. Ein Lebenslanger beklagt sich über das Gefängnis. Wer will das hören? Was ist mit den Opfern?

Heinrich Pommerenke nimmt erst einmal den Rosenquarz in die Hand, den er seit einigen Tagen in der Tasche trägt. Eine Gruppe Konfirmanden hat ihn ihm bei einem Besuch geschenkt. Er umschmeichelt den Stein mit den Fingerkuppen. Er steckt den rosafarbenen Stein in den Mund. Und erzählt eine Geschichte, warum.

„In Japan gab es einen Mann, der Feinde hatte. Ein Priester empfahl ihm, sich einen Stein unter die Zunge zu legen.“ Nach einem halben Jahr habe der Mann die Feinde verloren gehabt. Pause. Ein erwartungsfroher Blick. Die Geschichte ist zu Ende. Warum der Stein? Pommerenke sagt: „Weil der Mund den Krieg gemacht hat.“ Der Stein hat das Sprechen erschwert. Pommerenke will nichts Falsches sagen, deshalb der Rosenquarz. Menschen, die ihn hassen, gibt es genug.

„Das Schlimme am Gefängnis ist, dass du hier nicht beweisen kannst, dass du auch gut bist“, sagt er. Wohlgemerkt, auch gut. Er ist ein Mörder. Aber ist das alles? Er will, dass es nicht so ist.

Das muss er erklären. Also noch eine Geschichte: „Einmal habe ich meinem Zellennachbarn Kabo geschenkt“, Kabo ist gleich Kaffee. „Ich wollte nur nett sein“, sagt Pommerenke. Am folgenden Tag haben die Schließer seine Zelle ausgeräumt, die Schubladen geleert, die Matratze vom Rost gerissen. Sie glaubten, er hätte Drogen gegen den Kaffee getauscht. Es ist ihr Job, sie müssen so etwas tun. Freundlichkeit ist in den Vorschriften nicht vorgesehen. Der Gefängnispfarrer Ernst Ergenzinger nennt seinen ehemaligen Arbeitsplatz daher ein System, in dem sich das Gute nicht zeigen kann, weil es stets mit dem Bösen rechnen muss.

Die Welt hat sich verändert, sagt Ernst Ergenzinger. So sehr, dass Heinrich Pommerenke dort gar nicht mehr überleben könne. „Ich würde in eine Einrichtung gehen“, sagt der. Hauptsache, Fußballwetten wären erlaubt. Er hat doch ein todsicheres System. Mit dem Gewinn könnte er ein Haus für allein erziehende Mütter finanzieren, sagt er. Ernst Ergenzinger lacht. Er glaubt nicht an das System, auch nicht an das von Heinrich. Aber er glaubt, dass der etwas gutmachen wollte – wenn er denn könnte.

Die Besuchszeit ist gleich zu Ende. Dann wird Ernst Ergenzinger aufstehen und erst in ein paar Wochen wiederkommen. Er hat seinem Heinrich einmal eine Frage gestellt, die makaber klingt: „Wäre es für dich nicht besser gewesen, wenn es die Todesstrafe noch gegeben hätte?“

Heinrich Pommerenke hat gesagt, „ich bin auch ein Kind Gottes“, und gehofft, dass es als Antwort ausreicht. Er ist hinter den Gittern zum Glauben gekommen, hat die Bibel gelesen und gemerkt, dass da auch etwas für ihn drinsteht, die Idee der Erlösung etwa. Der Satz hat Ernst Ergenzinger wenig beeindruckt. Er ist zwar Pfarrer, aber er sagt, dass er vom Himmel lediglich wisse, dass er sich in Wasserpfützen spiegelt. „Und gelegentlich in Schlammlöchern.“ Immerhin weiß er nun, dass der Heinrich leben will.

Ernst Ergenzinger steht auf, Heinrich Pommerenke geht mit. Gleich wird Ernst wieder durch die Türen nach draußen verschwinden, und Heinrich wird zurückgehen in seine Zelle und dem Gesprochenen nachsinnen. Der junge Justizbeamte springt hinterher: „Sie haben noch Geld übrig.“ Die sechs Euro zehn sind von den ersten Schokoriegeln noch nicht aufgebraucht. Der Arzt hat Heinrich Pommerenke Süßes verboten, schließlich hat er Zucker. Der Beamte zieht ein Twix aus dem Wurlitzer. „Es ist immer noch Geld da.“ Eine Drehung, ein Blick in den Automaten. Ergenzinger grinst. Heinrich Pommerenke sagt nicht, dass er eigentlich nicht darf. Er sagt: „Wenn das Geld reicht, bitte noch sechs Twix.“ Das ist ein Leben.

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