Zeitung Heute : Die tanzende Hose der Kanzlerin

REIMZEIT Tim Fischer singt Lieder des Altmeisters Gerhard Woyda: „Satiriker sind keine Lyriker“.

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Deutschland, ein Varieté.

In Uniform der Portier.

„Treten Sie ein in die große Welt!

Hier kommt herein nur das große Geld!“

Traumland und Negligé.

Deutschland, ein Varieté.

Wer kennt den neusten Zaubertrick?

Wer knotet sich selbst den Galgenstrick?

Wer spielt mit Karten ums Lebensglück?

Wer spürt die Faust im Genick?

Deutschland, ein Varieté.

Träume fallen wie Schnee.

Spiegeln sich zitternd in deinem Tee,

wunschsuggeriertes Faksimile.

Wohlstands-Roulette im Livree,

Deutschland, ein Varieté.

Unter der Kuppel schwingt am Trapez

lächelnd ein Marrokaner aus Fez.

Ein lüsternes Lachen im Separee,

schon hat der Freier die Hand am Knie.

Oben schwebt ohne Netz ein Artist,

im Nervenkitzel man Kaviar frisst.

Deutschland, ein Varieté

Hörst du den Conferencier?

Wie er Pointen ins Publikum schießt,

dich mit Champagner und Stimmung begießt.

Du siehst die Gefahren nicht mehr,

Deutschland, ein Varieté.

Isolde wird ohne Unterleib

von Tristan zersägt in Bayreuth.

Beim Hochseilakt hälst du den Atem an,

ob den Salto mortale er schaffen kann?

Deutschland, ein Varieté.

Valentineskes Couplet.

Die östliche Mafia steht an der Tür,

kassiert vom Gewinn schon die

Schutzgebühr.

Die Merkel tanzt mit ’nem Bankier.

Deutschland, ein Varieté

Deutschland, ein Varieté ...

Bar jeder Vernunft, 8.-27.5.,

Di-Sa 20 Uhr, So 19 Uhr

Tim Fischer überrascht stets aufs Neue, etwa als Interpret der Lieder von Hildegard Knef oder Georg Kreisler, der ihm gar ein exklusives Programm schrieb. Ebenso wie Gerhard Woyda, ein weiterer, wenn auch weniger bekannter Altmeister des satirischen Chansons. Der 87-jährige Gründer und Intendant des Renitenz-Theaters holte Fischer schon früh mit der legendären Show „Zarah ohne Kleid“ nach Stuttgart. Von da an pflegten beide eine intensive künstlerische Zusammenarbeit – die nun im Programm „Satiriker sind keine Lyriker“ gipfelt. Die Kabarettchansons reiben sich, ganz im klassischen Sinn, an politischen Ereignissen und gesellschaftlichen Besonderheiten unserer Zeit. Eigenwillig und authentisch bedichtet Woyda die Hose von Frau Merkel und die Liebe eines Sechzehnjährigen zu einer Sechzigjährigen. Da träumt ein Junkie von einer besseren Welt und eine Muslima ist mit ihrem Kopftuch verheiratet. So outet der vielseitige Interpretationsartist Tim Fischer – alternierend begleitet vom Autor sowie von Rainer Bielfeldt – Deutschland als Varieté. eNTe

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