Zeitung Heute : Die Technik-Offensive

Südkorea antwortet auf demografische Probleme mit einer Forschungsoffensive

Roland Knauer

Die Parallelen sind unverkennbar: In Deutschland und in Südkorea steigt in Zukunft der Anteil von Rentnern an der Gesamtbevölkerung und die Zahl der Arbeitenden sinkt. Um das erreichte Wohlstandsniveau für alle zu halten, muss jeder Beschäftigte also mehr als bisher produzieren. Als Weg zu dieser höheren Produktivität nennt die Regierung Südkoreas: Forschung und Entwicklung in bestimmten Schlüsseltechnologien, in denen das Land seine Chancen wittert, sollen im nächsten Vierteljahrhundert die Leistungsfähigkeit der südkoreanischen Wirtschaft massiv verbessern.

Gemeint ist mit dem Forschungsprogramm „Vision 2030“ aber weniger die langfristige Grundlagenforschung wie sie in Deutschland zum Beispiel die Max-Planck-Gesellschaft betreibt. Grundlagenforschung ist in Südkorea ohnehin relativ schwach auf der Brust, das Land zielt in der Forschung traditionell mehr auf industrienahe, konkrete Anwendungen. Diese Forschung hat sich in Deutschland die Fraunhofer-Gesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben, die dann auch prompt als Partner der südkoreanischen „Vision 2030“ auftaucht. Ab Juli 2007 soll dann auch eine Repräsentanz der Fraunhofer-Gesellschaft in Seoul Forschungsaufträge für Fraunhofer-Institute an Land ziehen.

Für die langfristige Entwicklung will auch Südkorea die bisher vernachlässigte Grundlagenforschung forcieren. Sie liefert nach einer unter Wissenschaftlern kursierenden Faustregel heute die Entdeckungen, die in 30 oder 40 Jahren der Wirtschaft und den privaten Haushalten neue Produkte bescheren. Die „Vision 2030“ dagegen zielt kürzer, hier sollen die „Wachstumsmotoren der nächsten Generation“ startklar gemacht werden. Wobei die nächste Generation durchaus bereits in fünf oder zehn Jahren damit ihr Geld verdienen soll und nicht erst in einem Vierteljahrhundert. Südkorea schreibt so seinen Ausbau der Forschung im Land fort: Während die Forschung 2002 noch 2,53 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für sich in Anspruch nahm, lag dieser Anteil 2005 bereits bei 2,99 Prozent.

Ausgesucht hat sich die „Vision 2030“ die zehn Felder, auf denen Südkorea heute bereits in der Weltspitze mitspielt oder in denen eine solche Spitzenposition erreichbar scheint. Die Regierung zielt damit auf zehn Industriezweige, die Südkoreas Wirtschaftswachstum voranbringen und neue Jobs schaffen sollen.

An erster Stelle auf der Förderliste der Politik steht das digitale Fernsehen. Hier gehört Südkorea bereits bei der Produktion von Schlüsselelementen wie Flüssigkristall- oder Flachbildschirmen zur Weltspitze. Während 2003 weltweit noch 27 Milliarden US-Dollar mit dem Verkauf von digitalen Fernsehern umgesetzt wurden, sollen es 2012 bereits 213 Milliarden Dollar sein. In diesem Wachstumsmarkt will Südkorea durch seine Forschungsinitiative „Vision 2030“ einen großen Teil des Kuchens für sich abschneiden.

Nummer Zwei der Visionen sind bessere Displays für alle möglichen Geräte bis hin zum elektronischen Papier, das echtem Papier ähnelt, aber ähnlich wie ein Flachbildschirm Buchstaben und Bilder elektronisch erzeugt. Auch hier versucht Südkorea seine Position in der Weltspitze zu verteidigen. Bei sogenannten intelligenten Robotern dagegen liegt das Land fünf bis acht Jahre hinter den Spitzenreitern, sieht aber gute Chancen, den Rückstand aufzuholen.

Robotern mehr Entscheidungsfreiheit zu geben und sie intelligenter zu machen, lautet daher der dritte Schwerpunkt: Statt wie bisher oft nur jeweils die gleiche Schraube in ein bestimmtes Gewinde zu drehen, sollen sie dann zum Beispiel die passende Schraube für ein vorhandenes Gewinde selbst auswählen.

Nummer vier ist die weitere Entwicklung von Hybridfahrzeugen, die gleichzeitig von einem Verbrennungs- und einem Elektromotor angetrieben werden. Dabei wird die beim Bremsen frei werdende Energie in einer Batterie gespeichert und treibt später den Elektromotor an. Dadurch spart der in Japan bereits seit Jahren in Serienfahrzeugen gelieferte Hybridantrieb vor allem im Stadtverkehr viel Energie und Kohlendioxid.

Daneben stehen bessere Halbleiter für die Computer und Chips genauso in den „Visionen 2030“ wie eine weitere Verbesserung der Handy-Technologie und eine Verknüpfung verschiedener Funktionen im Haushalt zu einem „intelligenten Netz“, das einem zum Beispiel erlaubt, bereits auf der Nachhausefahrt das gut temperierte Badewasser einlaufen zu lassen.

Neue Software, bessere Batterien für eine Stromversorgung unabhängig vom Netz und Biomedizin sind die Punkte Acht bis Zehn, in denen Südkorea die Wachstumsmotoren der nächsten Jahre sieht, die den erreichten Wohlstand auch bei wachsendem Rentneranteil erhalten sollen.

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