Zeitung Heute : Die Tischdecke fixieren

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Heute ist Sonntag, ein guter Tag, sich für überraschende und exotische Situationen zu wappnen. Schlagfertigkeit beschränkt sich in der Regel ja nicht nur auf Worte. Auch Reaktionen wollen vorbereitet sein. Kürzlich war ich mal zu einem richtig schicken Society Lunch eingeladen. Das ging los, wie so was immer losgeht: mit Champagner, Smalltalk und betäubenden ChanelWolken. Man schritt zur Tafel, man setzte sich, dann kündigte die Gastgeberin an, dass sie jetzt ein Dankgebet sprechen werde, „weil wir das in diesem Hause immer so tun“.

Wenn man häufig an gesellschaftlichen Ereignissen teilnehmen muss, erfährt man immer wieder Außergewöhnliches. So habe ich schon Mittagessen mit Schlangenmenschen erlebt, mit Zauberkünstlern, Ohnmachten, Haustierkunststücken und natürlich jeder Menge Kammerorchestern. Aber ein Dankgebet? Das erinnerte mich an eine Situation vor einigen Jahren, als ich beruflich mal mit einem berüchtigt konservativen, katholischen Bischof zusammen zu Mittag aß. Bevor es losging, sagte er, mit einem Schrecken oder einem Gefühl von Peinlichkeit auf meiner Seite offensichtlich rechnend: „Bei Bischofs gibt es da vorher immer einen Segen.“ Ich weiß nicht mehr, ob er tatsächlich sagte „Tut aber gar nicht weh“, auf jeden Fall klang er wie ein freundlicher Zahnarzt, der den Patienten beruhigen will. Vielleicht ein bisschen ironischer.

In Zeiten, als Dankgebete noch zum Pflichtprogramm für breite Massen gehörten, wird es wohl auch eine Routine für solche Situationen gegeben haben, aber das ist lange her. Wie also sich verhalten? Am leichtesten haben es glühende Atheisten, denn sie gucken automatisch indigniert, also ernst, und kreieren damit wahrscheinlich am besten den klassischen Kirchen-Look. Durch und durch religiöse Menschen werden es wohl ebenso leicht haben, denn sie brauchen ja einfach nur mitzuziehen; wenn sie einigermaßen tolerant sind, sollte das gelingen, selbst wenn sie einer völlig anderen Religion angehören. Am schwierigsten dürfte es sich im großen Mittelfeld verhalten, bei den Semireligiösen, bei denen, die an ihrem Atheismus leicht zweifeln, bei denen, die aus ihrer Religiosität aus welchen Gründen auch immer keine Performance machen wollen. Und natürlich bei denen, die mit solchen Sachen grundsätzlich nicht behelligt werden möchten.

Vielleicht können Sie mit diesem Tipp etwas anfangen. Legen Sie die Hände in den Schoß, fixieren Sie Ihren Blick auf ein Stück Tischdecke und stellen Sie sich einfach vor, es handele sich dabei um eine Mischung aus Höflichkeitsritual und Gute-Laune-Therapie. Denken Sie daran, dass es trotz allem netter ist, in einer privilegierten Party-Gesellschaft zu essen als allein an der Pommes-Bude. Oder gar nicht. Und dass Chanel-Wolken, so nervig sie sein mögen, immer noch besser riechen als altes Fritten-Fett. Positives Denken wirkt immer entspannend, und man fällt nicht aus der Reihe. Sonntage bieten sich zum Üben an, aber vielleicht ist das auch nicht wirklich notwendig. Die Wahrscheinlichkeit, einem kammermusizierenden Schlangenmenschen zu begegnen, ist immer noch weit größer als die, bei einem gesellschaftlichen Event in ein Dankgebet verwickelt zu werden.

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