Zeitung Heute : Die Top-Ten-Suche

Nach jahrelangen Querelen kommen auch in Deutschland immer mehr Musik-Portale ins Netz. Der große Tagesspiegel-Test zeigt, wo man sich Songs herunterladen kann

Henry Steinhau

WIE GUT SIND DIE MUSIKLÄDEN IM INTERNET?

Zuerst die gute Nachricht: Endlich gibt es auch in Deutschland einen Wettbewerb um einen Markt, auf dem Musik nicht in Form von Tonträgern gehandelt wird, sondern als trägerlose, digitale Dateien. Endlich schaltet sich der etablierte Einzelhandel mit legalen Alternativen zu den Online-Tauschbörsen ein. Die Börsen haben längst ihre Unschuld als rein private Tauschtreffs verloren, weil sie Raum bieten für illegale Massenvervielfältigung und organisierte Piraterie.

Die schlechte Nachricht: Leider sind die derzeit in Deutschland betriebenen Download-Shops in ihrer derzeitigen Form eher unbefriedigend und daher nur bedingt eine Alternative zu den Tauschbörsen oder dem Plattenladen um die Ecke.

Die Testkandidaten. Sowohl die Handelskette Karstadt als auch deren Rivalin Media Markt sind erst vor einigen Tagen mit jeweils 150 000 Downloads online gegangen. Ebenso der Internet-Provider Tiscali und das Musikfernsehen MTV. Dass sich diese vier Anbieter optisch sehr ähneln, ist kein Zufall: Sie basieren alle auf dem gleichen Service der englischen Firma OD2. Unter Beteiligung von Popstar Peter Gabriel 1999 gegründet, hat sich OD2 auf Zwischenhandel und Vertrieb digitaler Musikdateien spezialisiert.

Vitaminic ist auf unabhängige Labels spezialisiert und konnte sein Angebot durch diverse Übernahmen auf 500 000 Titel ausbauen, beispielsweise des legendären „Internet Underground Music Archives“ (IUMA), das als Mutter aller Internet-Musik-Börsen tausenden von vertraglich ungebundenen Künstlern eine virtuelle Heimat gab. Discoweb stammt aus Spanien und ist dort das größte Musikportal, wobei von den über 400 000 Titeln des Katalogs derzeit nur gut 5000 Downloads sind. Popfile wird von der deutschen Universal Music betrieben und hat rund 20 000 Downloads zu bieten.

Geringe Auswahl. Auffälligstes Manko der getesteten Angebote ist die begrenzte Auswahl. Auch wenn sich 150 000 Titel erstmal viel anhören, ist das doch wenig. Von den aktuellen Top Ten der deutschen Single-Charts finden sich maximal zwei Titel im Angebot eines Händlers. Bei Oldies und Bestsellern ergibt sich kein besseres Bild. Obgleich Titel von Barry White fast überall zu haben sind, bleibt das Auffinden anderer Allzeit-Favoriten Glückssache. Die vom Tonträger-Handel bekannte Option, nicht vorrätige Titel aus dem Lager des Großvertriebs zu ordern, sucht man vergeblich.

Vertrackte Nutzungsbedingungen. Nahezu alle Downloads beinhalten Maßnahmen für Kopierschutz. Das ist seit kurzem gesetzlich erlaubt, die bewusste technische Umgehung hingegen verboten. Wie sich das den Verbrauchern derzeit darstellt, ist eine Katastrophe. Bei Karstadt, MTV und Tiscali entfaltet sich eine komplexe Matrix an Bedingungen und Bestimmungen, die kaum zu durchschauen sind. Ausgangspunkt sind kostenpflichtige Abonnements, die bei Karstadt, Tiscali und MTV zwischen 7 und 13 Euro pro Monat kosten. Über eine Online-Verbindung prüft das System bei jeder Nutzung eines Downloads den Status – für jeden einzelnen Song. Zusätzlich zu den Abo-Gebühren erfolgt die Abrechnung der eigentlichen Käufe über sogenannte Credits (siehe Tabelle).

Das sind nur die Kernpunkte des sogenannten „Digital Rights Management“ (DRM). Zu jedem Lied gehört ein lizenzrechtlicher Informationsblock, der als Kombination aus Waschzettel und Verfallsdatum unbedingt gelesen und beachtet werden muss, ganz so wie bei Lebensmitteln. Anderenfalls lauern böse Überraschungen: Dann lässt sich ein Song plötzlich nicht mehr abspielen, weil man sein Abo nicht verlängert hat.

Preis-Leistungs-Verhältnis. Staffelpreise und komplexe Nutzungsmatrix stellen die Frage nach dem Gegenwert. Hier lässt sich sagen, daß die Klang-Qualität der Tracks mit durchschnittlich 128 KB Sampling-Rate bei allen Anbietern gut ist. Auch der Nutzer-Service ist generell ordentlich: Man kann 30-Sekünder probehören, nervig sind die fast überall bei der Suche auftauchenden, ellenlangen alphabetischen Listen.

Ist man schließlich fündig geworden, bezahlt man zwischen 0,50 und 3,00 Euro pro einzelnem Lied, durchschnittlich 1,50€ bis 2,00€. Auf eine CD hochgerechnet ist das pro Song mehr als der entsprechende Anteil bei Tonträgern. Allein Popfile bewegt sich mit 99 Cent pro Song in einer annehmbaren Region. Nicht vergessen werden sollten beim Download die Kosten für den Internet-Zugang sowie für die Datenübertragung. Auch die Rohlinge kosten Geld.

Fazit. Gerade die Lösungen von Karstadt, MediaMarkt, Tiscali und MTV sind professionell und ansprechend gemacht. Doch mehr Drumherum, mehr „Moderation“ wäre wünschenswert. Doch neben der Auswahl müssen sie vor allem den Wildwuchs der scheinbar unendlichen Lizenzbedingungen lichten. In dieser Hinsicht kann von den sieben Kandidaten das – technisch leider etwas holprige – Popfile am ehesten gefallen, denn hier folgen alle Downloads demselben Schema. Für viele Songs muss man allerdings immer noch in den Plattenladen gehen – oder illegal im Netz aktiv werden.

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