Zeitung Heute : Die Toskana-Exkursion

„Elende Söldner“, nennt sie die Schriftstellerin Oriana Fallaci. Andere Florentiner hingegen empfingen die Globalisierungskritiker mit Pasta und Wein. 180 Berliner Studenten, die zum Europäischen Sozialforum kamen, staunen über die Gastfreundschaft. Und sie glauben, dass es so fröhlich bleiben wird.

Peter Linden[Florenz]

Es dauert, bis der Bus mit der Aufschrift „Politik Tours“ in Fahrt kommt. Er will nicht anspringen, muss angeschoben werden. Schließlich können sich doch noch alle 180 Berliner Studenten am Dienstagabend auf den Weg nach Florenz machen. Doch es bleibt eine Fahrt ins Ungewisse. Mitten in der Nacht werden sie am Brenner stehen und, wer weiß, vielleicht wird die italienische Grenzpolizei einige von ihnen zurückschicken nach Deutschland. 24 Stunden werden sie bis zu ihrem Ziel brauchen, doch selbst dort hätten die Behörden die Möglichkeit, eine „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ festzustellen, und das hieße: Ausweisung.

Auch 1200 Kilometer südlich herrscht Ungewissheit. Weit mehr als 20000 Aktivisten aus Parteien, Menschenrechtsorganisationen, Umweltbewegungen und revolutionären Gruppen wollen beim Europäischen Sozialforum Seminare besuchen und miteinander diskutieren, doch mehr noch macht den Organisatoren ein Text von Oriana Fallaci aus dem „Corriere della Sera“ zu schaffen, in dem die berühmte Publizistin die Globalisierungskritiker mit den deutschen Truppen vergleicht, die 1944 bei ihrem Rückzug Brücken und Straßenzüge gesprengt hatten. „Elende Söldner“ nennt Fallaci die Teilnehmer des Sozialforums und fordert ihre Florentiner Mitbürger auf, sich in den Häusern zu verschanzen, die Kinder nicht zur Schule zu schicken und überall ihre „Verachtung“ auszudrücken.

Überall wird kontrolliert

Als hätten die Organisatoren des Forums keine anderen Probleme. Schon seit Tagen hilft die Berlinerin Christine Buchholz an Ort und Stelle mit, Schlafplätze aufzulisten, das Programm mit seinen 160 Seminaren und 180 Workshops zu koordinieren, die für den Samstag geplante Demonstration gegen den Krieg im Irak vorzubereiten. Und nun müssen sie doch über Gewalt diskutieren, obwohl sie glauben, dass es keine Indizien dafür gibt, dass der berüchtigte „schwarze Block“ auftauchen wird, jene Anarchisten, die 2001 in Genua unterstützt von Provokateuren der Polizei für schreckliche Fernsehbilder gesorgt hatten. Damals hatte die Bewegung ihren ersten Toten zu beklagen, Carlo Giuliani.

An den italienischen Grenzen ist längst mobil gemacht. Die Regierung Silvio Berlusconis hat das Abkommen von Schengen außer Kraft gesetzt, überall wird kontrolliert, durchwühlt, durchgewunken oder zurückgeschickt. Am Ende werden es über 1000 Personen sein, denen man eine „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ attestiert, darunter zwei Familien aus Schottland, deren einziges Vergehen darin bestand, in Großbritannien gegen Atomkraftwerke zu demonstrieren. Raffaela Bollini vom Organisationsstab des Sozialforums sagt, sie habe Informationen, dass auch die deutsche Polizei „schwarze Listen“ an die italienischen Behörden geschickt habe.

Um zwei Uhr morgens frieren 180 Berliner auf dem Brennerpass, alle Ausweise werden eingesammelt und überprüft. Gegen vier Uhr werden die Ausweise wieder ausgeteilt, alle dürfen weiterfahren. Verglichen mit dem Grenzübergang bei Como, wo viele Hundert zurückgewiesen und sogar Taschenmesser und Fahnenstangen konfisziert werden, kommen die Studenten prima davon. Schon in der Toskana, werden sie noch einmal gefilzt, doch wieder dürfen alle weiterreisen, eine Stunde noch bis Florenz. Christine Buchholz wartet derweil am Sammelplatz nahe des Flughafens. Mit einem Megafon steht die 31 Jahre alte Mitherausgeberin des „Handbuchs für Globalisierungskritiker“ (Kiepenheuer & Witsch) bereit, um die Berliner Genossen und Kommilitonen zu empfangen.

Florenz im Ausnahmezustand. Oriana Fallaci hat mit ihrer Polemik ja nur auf die Spitze getrieben, was die Stadt seit Monaten entzweite. Da waren auf der einen Seite der linksdemokratische Bürgermeister Leonardo Domenici und sein Parteifreund Claudio Martini, Regionalpräsident der Toskana, die das Sozialforum immer begrüßt hatten als Bereicherung für ihre Stadt. Und da waren auf der anderen Seite die Parteigänger Berlusconis, die zehn Tage vor Beginn noch über ein Verbot der Veranstaltung nachdachten. Einige Händler hatten die Bilder aus Genua im Kopf und verrammelten aus Angst ihre Geschäfte. In vielen Zeitungen kursierten sogar Meldungen, wonach die Stadt ihre Kunstschätze verpackt und verhüllt habe.

Als die Berliner Studenten endlich in ihren Quartieren im Vorort Scandicci eintreffen, halten sie stattdessen einen Brief des Kulturbürgermeisters Simone Siliani in Händen, der die Teilnehmer des Sozialforums freundlich auffordert, auch die Museen von Florenz zu besuchen und einen Rabatt von 25 Prozent anbietet. Und sie werden sogleich von einem Dutzend Einheimischer mit Pasta und Wein empfangen. Als der Koch, ein alter Widerstandskämpfer aus dem Zweiten Weltkrieg, in den zum Restaurant umfunktionierten Gemeindesaal tritt, bricht Jubel aus, dann macht sich Müdigkeit breit, die obere Etage des Gemeindehauses wurde leer geräumt für Isomatten und Schlafsäcke. Auch zahlreiche Familien aus Scandicci nehmen Gäste aus Berlin auf.

Zeitgleich findet auf der Piazza di Santa Croce das Eröffnungskonzert statt, 20000 sind gekommen, darunter Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo und die Mutter des in Genua von der Polizei erschossenen Demonstranten Carlo Giuliani. Die Welt sei krank, sagt Haidi Giuliani, zu viele Probleme, zu viele Egoismen, Ignoranz, Krieg. Die Welt leide an einer Vielzahl von Leiden. Aber hier und heute, fügt sie hinzu, sei ein schöner Tag. Dann dankt sie den Versammelten, den Florentinern, die rund um die Piazza aus ihren Fenstern winken und ihrem Sohn: „Grazie a Carlo.“ Die Menschen singen und tanzen, sogar ein paar Touristen mischen sich unter das bunte, jugendliche Volk, Weinflaschen kreisen und, am nächsten Tag wird es im „Corriere della Sera“ stehen, ein paar Joints.

Das Forum, endlich, Donnerstagmorgen. Sie haben kaum geschlafen, die 180 Berliner, auch all die anderen Delegationen nicht, aus Griechenland, Spanien, England, Ungarn, der Türkei oder Portugal. Doch als das Messegelände „Fortezza da Basso“ seine Pforten öffnet, sind weit mehr als die erwarteten 20000 Delegierten da, am Nachmittag kursiert bereits die Zahl 40000. Die Berliner treffen sich vor den Mauern des ehemaligen Forts, um sich auf möglichst viele Seminare und Workshops zu verteilen, und so halten es alle, die das Glück haben, politisch organisiert zu sein. Einzelgänger haben Mühe mit dem Programm, das wie eine dicke Zeitung aussieht. Drei Themenschwerpunkte werden angeboten: „Globalisierung und Liberalismus“, „Krieg und Frieden“, „Bürgerrechte und Demokratie“. Allein zwischen 9 Uhr 30 und 17 Uhr gibt es 61 dreistündige Veranstaltungen.

Messe der Gedanken

Viele sind überwältigt von den Massen, die gekommen sind, das sieht man in den Gesichtern, die lachen, staunen, Tränen verdrücken vor Glück. Sogar vom „Corriere della Sera“ kommen auf einmal positive Nachrichten, die Redaktion habe sich von dem Text Oriana Fallacis distanziert, und auf Seite fünf steht im Titel: „Ein friedliches Fest zu Beginn des Sozialforums“. Friedlich! Endlich steht es auch dort, wo nie ein Unterschied gemacht wurde zwischen Kundgebungen gegen ein G8-Treffen oder gegen eine Nato-Tagung und einem Forum, das für eine andere Welt steht und für die Suche nach Wegen dorthin.

Gestern Abend ging die Messe der Gedanken und Visionen zu Ende mit einer Podiumsdiskussion über die Zukunft der globalisierungskritischen Bewegung, an der auch Hans-Christian Ströbele von den Grünen teilnahm. Heute werden, so schätzt man, 200000 Menschen gegen den Irak-Krieg demonstrieren, darunter 180 Berliner Studenten. Die Veranstalter des Sozialforums waren sich sicher, dass diesmal weder der schwarze Block noch die Provokateure der Polizei eine Chance haben würden.Die friedlichen Demonstranten seien im Vergleich zu Genua so zahlreich, dass sie die gewaltbereiten Anarchisten an Ausschreitungen hindern könnten. Und die Provokateure hätten dann niemanden zum Provozieren. Der Zug wird, das steht fest, um die Gassen der Altstadt herum zum Fußball-Stadion führen. Dorthin, wo vor kurzem noch der Profi-Club „Fiorentina“ spielte, der immer mehr internationale Stars verpflichten musste, um mit den Großen im Fußballgeschäft mitzuhalten – und so an den Gesetzen des globalisierten Sports zerbrach.

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