Zeitung Heute : Die Traditionsbären

Wieder sind die Berliner Eishockeymeister – und bei ihren Auftritten ist immer ein gehörige Portion Ostalgie im Spiel

Claus Vetter

Als die Meisterschaft nur noch wenige Sekunden entfernt liegt, schwellen die Rufe der Fans zum mächtigen Schlusschor an. „Dynamo, Dynamo, Dynamo“, brüllen 5000 Kehlen im überfüllten Sportforum in Hohenschönhausen. Unten auf dem Eis reißen die Spieler die Arme hoch, auf der Trainerbank knallen Champagnerkorken. Die letzten Sekunden des dritten Finales um die Eishockey-Meisterschaft verrinnen im Freudentaumel. Und während die Spieler und Trainer des EHC Eisbären ihre Titelverteidigung in der Gegenwart feiern, schwelgen die Fans in der Vergangenheit. „Dynamo“ hieß der Verein hier früher; früher in der DDR.

„Die Welt ist eine Scheibe.“ Mit diesem Slogan werben die Eisbären seit einigen Jahren auf Plakaten um Kundschaft. Natürlich ist in dem Wortspiel der Puck gemeint und nicht jene Auffassung aus früheren Tagen, dass die Erde keine Kugel ist. Und trotzdem, in Hohenschönhausen hat vieles mit den früheren Tagen zu tun: Tradition ist hier wichtiger als bei anderen Klubs in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL).

Viele Klubs in der expandierenden DEL sind in den jüngsten Jahren in neue Großarenen umgezogen, die heißen wie in Hamburg Color-Line-Arena oder in Hannover Tui-Arena. Sie heißen nicht Wellblechpalast – unter diesem Namen firmiert bei den Fans die schmucklose Eishalle im Berliner Sportforum. Allerdings: Auch die Eisbären wollen in zwei Jahren in eine Arena umziehen, die dann ihren Sponsor im Namen trägt. Ende April soll der endlich verkündet werden, die Bauarbeiten am Ostbahnhof werden kurz danach beginnen. Der Klubeigner macht es möglich. Seitdem das Unternehmen des US-amerikanischen Milliardärs Philip Anschutz im Jahr 1999 den Klub übernommen hat, gibt es die Hallenbaupläne.

Im Wellblechpalast sei die Atmosphäre bei den Spielen einmalig, aber die Halle nicht mehr zeitgemäß, sagt Detlef Kornett, Europachef der in der Unterhaltungs- und Sportbranche tätigen Anschutz-Gruppe. Im Sportforum sei vieles ausgereizt, „Neukunden mit Stehplätzen zu gewinnen, ist keine einfache Sache“. Obwohl die Eisbären bei den Sponsoren um 30 bis 50 Prozent zugelegt haben, fällt das finanzielle Ergebnis für den Eigner eher unerfreulich aus. Nur mit der Großarena, in der 16 000 Zuschauer Platz haben sollen, sagt Kornett, lässt sich Geld verdienen. Momentan spielen die Eisbären maximal vor 5000 Fans – mehr passen nicht in die alte Halle. Andere Klubs wie die Kölner Haie planen längst in anderen Dimensionen. Bei wichtigen Spielen verkaufen sie bis zu 18 500 Eintrittskarten für die Kölnarena.

Die Eisbären haben sehr treue Anhänger. Einer von ihnen ist Wolfgang Burle. Schon als Kind hat der heute 55-jährige mittelständische Unternehmer sich Spiele im Sportforum angeschaut. Damals wurde Dynamo Serienmeister in einer Miniliga, in der Dynamo Weißwasser einziger Konkurrent war. „Da ging es beschaulich zu im Sportforum“, sagt Burle. Manchmal kamen nur einige hundert Zuschauer. „Mit der Wende änderte sich das.“ Dynamo wurde 1990 in die Bundesliga aufgenommen, stieg ab und nach der Umbenennung in „Eisbären“ wieder auf – Sponsoren hatten den alten Klubnamen für zu sehr belastet gehalten. Denn die Dynamo-Klubs waren in der DDR die Klubs der Polizei, in Berlin die Vereine der Staatssicherheit.

„In den ersten Jahren nach der Wende war der Zusammenhalt noch groß“, erinnert sich Burle. „Die Fans kannten die Spieler, man wusste auf der Tribüne, wer wo sitzt.“ Inzwischen, nach dem Einstieg von Anschutz, sei vieles unpersönlicher. „Die interessieren sich vor allem für ihre großen und nicht mehr so sehr für ihre kleinen Sponsoren“, sagt Burle, der den Nachwuchsmannschaften der Eisbären schon mal eine kleine Spende zukommen lässt.

Dabei hätten die Eisbären nicht überlebt, wäre Anschutz 1999 nicht eingestiegen. Der Klub stand damals kurz vor dem finanziellen Ruin, hatte wenige Tage vor Saisonbeginn nicht mal eine Lizenz für die DEL. Es ist schon ein wenig paradox, dass seitdem ausgerechnet ein konservativer amerikanischer Milliardär wie Philip Anschutz ein Stück Ostalgie finanziert.

Wie groß Tradition bei den Eisbären geschrieben wird, zeigte sich 1992, als aus Dynamo Berlin der EHC Eisbären wurde. Die damaligen Klubchefs sprachen ein Dynamo- und DDR-Fahnenverbot in der Halle aus. Doch der Imagewechsel misslang, das Volk auf den Stehplätzen lief Sturm – und gewann. Seit Pierre Pagé im Jahr 2002, ein bekennender Anhänger von Eishockey- Tradition, Trainer der Eisbären wurde, hängt sogar ein Banner von der Hallendecke, das auf die 15 Meistertitel von Dynamo verweist. Zudem schallt während der Spiele Liedgut aus den Stadionlautsprechern, in dem das Wort „Dynamo“ vorkommt. „Über 50 Jahre wurde in Hohenschönhausen Eishockey gespielt, viele Jahre davon unter dem Namen Dynamo“, sagt André Haase, Redakteur des Fan-Magazins „Eis-Dynamo“. „Warum sollte man die Vergangenheit vergessen?“ Eine Frage, die manche in Hohenschönhausen nicht nur mit Bezug auf den Sport stellen.

In zwei Jahren könnte das alte Image ein Problem für die Eisbären sein. Bislang ist der Klub vor allem in Hohenschönhausen und den angrenzenden Bezirken beliebt, bei einem Umzug an den Ostbahnhof müsste sich der Verein neuen Zuschauerschichten – auch aus dem Westteil der Stadt – stärker öffnen. Der Klub hat einen zweiten Imagewechsel noch vor sich.

Immerhin hat die Anschutz-Gruppe dem harten Kern der Anhänger versprochen, dass er in der neuen Arena nicht sitzen muss. In einer Stadionkurve soll es keine roten Polstersessel, sondern Stehplätze für Fans geben. Dem Umzug stehen viele Fans trotzdem skeptisch gegenüber. „So gemütlich wie früher wird es dann bestimmt nicht mehr“, sagt auch Edelfan Burle. „Aber der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten.“ Die Welt ist eben keine Scheibe. Selbst im Eishockey nicht.

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