Zeitung Heute : Die Tragödie im Konsulat

MALTE LEHMING

Vier Menschen sind tot.Sie hatten am 17.Februar versucht, das israelische Generalkonsulat in Berlin zu stürmen.Dabei wurden sie von israelischen Sicherheitsbeamten erschossen.Soviel steht fest.Anfangs sprach man von einem bedauerlichen Drama, das an jenem Nachmittag stattgefunden habe.Heute dagegen bezweifeln öffentlich etwa die Berliner Grünen, daß die tödlichen Schüsse in Notwehr gefallen seien.Das ist ein schwerer Verdacht.Wird er allein von den Ungereimtheiten getragen, die bei den zum Teil recht unbeholfenen Rekonstruktionsversuchen des Tathergangs entstanden sind?

Sicher ist, daß das Konsulat nur unzureichend geschützt war.Nachdem einen Tag vorher fahrlässig das Gerücht in die Welt gesetzt worden war, der israelische Geheimdienst Mossad sei an der Festnahme von PKK-Chef Abdullah Öcalan beteiligt gewesen, hatte das Bundeskriminalamt sowohl den Berliner Innensenator als auch das Landeskriminalamt vor Aktionen der Kurden gegen israelische Einrichtungen ausdrücklich gewarnt.Diese Warnungen im Nachhinein als nicht konkret genug abzutun, ist eine Ausrede.Bereits am selben Tag hatte es bundesweit brutale Ausschreitungen von PKK-Sympathisanten gegeben.In Berlin war das griechische Konsulat besetzt und verwüstet, in Hamburg sogar eine Geisel genommen worden.Zum Glück gab es keine Toten.Das feierte die deutsche Polizei später als Beweis für eine erfolgreiche Deeskalationsstrategie.

Deeskalation heißt in diesem Fall, daß Straftäter unbehelligt blieben.Dadurch wurden sie zum Weitermachen ermuntert.Insofern kann Eskalation eine Folge vorangegangener Deeskalation sein.Das zeigen die Ereignisse in Berlin.Vielleicht wollten die PKK-Sympathisanten das israelische Generalkonsulat "nur" besetzen, verwüsten und dort ein paar Geiseln nehmen.Doch das können jene, die mit Eisenstangen und Holzknüppeln bedroht werden, nicht wissen.Sie fürchten um ihr Leben.Sie verteidigen ihr Leben.

Erst heute - warum bloß so spät? - soll der Rechtsausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses darüber informiert werden, was im Konsulat geschah.In der Zwischenzeit kursierten Polizeiprotokolle, Obduktionsberichte, Zeugenaussagen, Spekulationen.Haben die Israelis überreagiert? Wurden nicht alle Schüsse aus Notwehr abgegeben? Ist der Tatort verändert worden, und falls ja, von wem? In einigen dieser Fragen, die an sich der Aufklärung dienen sollen, schwingen Verdächtigungen mit.In den Medien wächst der Ehrgeiz, einen Skandal zu enthüllen.Israels Botschafter wittert eine "Schlammkampagne".Der Berliner Justizsenator bezeichnet die Ereignisse als einen "Geschehensablauf von bisher so nicht gekannter Komplexität".

Sicher ist: Bislang fehlt ein Beleg, der beweist, daß die tödlichen Schüsse nicht aus Notwehr abgegeben wurden.Statt dessen verfestigt sich der Eindruck, als wollten Berliner Ämter das eigene Versagen kaschieren, indem sie Mutmaßungen über Fehler der Israelis lancieren.Den Medien, die jeden Informationshappen, den sie aufschnappen, verbreiten, läßt sich der geringste Vorwurf machen.Außerdem ist es absurd, mit der Moralkeule der besonderen deutsch-israelischen Beziehungen zu fuchteln, die durch allzu gründliche Ermittlungen gefährdet seien.Die Wahrheit, selbst wenn sie schmerzen sollte, muß ans Licht.

Hundertprozentig allerdings wird sich wohl nie klären lassen, was passierte.Warum es passierte, ist dagegen relativ eindeutig.Drei Faktoren kamen dabei zusammen: das unverzeihliche Chaos bei den Berliner Sicherheitsbehörden, die fürchterliche Naivität der Kurden und die strikten, vielleicht zu strikten Sicherheitsprinzipien der Israelis.Wer wagt da, den ersten Stein zu werfen?

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