Zeitung Heute : Die Trauerboten

Saddam Hussein ist gefasst, aber das Sterben geht weiter. Wenn ein US-Soldat fällt, muss einer die Familie benachrichtigen, ein anderer betreut sie. Bei Antonio Aragon hängt die schwarze Uniform griffbereit im Schrank. Die Aufgabe belastet bisweilen mehr als die Angst, selbst getötet zu werden.

Malte Lehming[Washington]

Sein erster Fall liegt zehn Monate zurück. Mit dem Irakkrieg hatte er nichts zu tun. Der Kamerad war an Leberkrebs gestorben. Ganz plötzlich. „Wir unterscheiden nicht zwischen Todesursachen“, sagt Antonio Aragon. „Für die Trauer der Hinterbliebenen spielt das keine Rolle.“ Aragon ist 40 Jahre alt, verheiratet, stammt aus Texas, seine Eltern sind aus Mexiko eingewandert. Er fährt einen knallroten, offenen Porsche, war drei Jahre lang, von 1999 bis 2002, als US-Soldat in der Nähe von Mönchengladbach stationiert. An Deutschland erinnert er sich gern.

In der Armee hat Aragon Karriere gemacht. Zurzeit bekleidet er den Rang eines Lieutenant Colonel. Gleich nach dem Colonel kommt der General. Aragon leitet die „Force Protection Division“, sie ist für die Sicherheit der Soldaten im Kampfgebiet zuständig. Seine Einheit ist in Fort McNair nahe der US-Hauptstadt stationiert. Doch der kräftige, kleine, meist heitere Mann hat noch einen Nebenjob. Er ist das, was im Militärjargon „Casualty Assistance Officer“ genannt wird, abgekürzt CAO. Ein Betreuer der Familie. Er hat die Aufgabe, sich um die Familie eines Gefallenen zu kümmern. Er betreut die Seelen der Hinterbliebenen. Aragon beschreibt die Tätigkeit als „sehr emotional“. Das ist auch schon das Äußerste, was er an Regung ausdrücken will.

Der Soldat, ein Major, der im Februar vergangenen Jahres an Leberkrebs gestorben war, hatte vieles mit Aragon gemeinsam: im Rang fast gleich, nur wenige Monate älter, ebenfalls verheiratet, zwei Kinder. Die Familie lebte bei der Einheit des Mannes in Alaska, als bei ihm im Sommer 2002 die Krankheit diagnostiziert wurde. Während einer Heimreise starb er, nur ein halbes Jahr später, im Militärkrankenhaus „Walter Reed Army Medical Center“ in Washington DC. Noch am selben Tag erhielt Aragon einen Anruf. Er sei der nächste der in Frage kommenden Betreuer. „In dem Moment veränderte sich mein Leben“, sagt er.

Die Aufgaben eines Betreuers sind umfangreich. Zunächst muss er mit dem ABC der Beerdigungssprache vertraut sein. Sie reicht von „Background Tapes“ (dekorative Velours-Streifen hinter dem Sarg) und „Casket Veil“ (ein Netztuch, das zum Abhalten von Insekten über den offenen Sarg gelegt wird) bis zu „urn“ (Urne), „vigil“ (eine katholische Zeremonie am Vorabend des Begräbnisses) und „wake“ (eine Uhr, die über dem Sarg des Verstorbenen angebracht wird und die letzten Stunden bis zur Beerdigung festhält).

Der Fall des verstorbenen Majors war kompliziert. Der Hausstand der Familie befand sich in Alaska, die Eltern lebten in Florida, der Leichnam wurde auf Amerikas Nationalfriedhof Arlington bei Washington beigesetzt. Diese Orte liegen Tausende von Kilometern auseinander. Aragon kümmerte sich um alles, die Formalitäten, die Beerdigung, den Umzug von Alaska. „Meine normale Arbeit ruhte für mehrere Wochen.“ Zu der Witwe und den beiden Kindern hält er bis heute Kontakt. „Wir telefonieren viel, und wann immer die Familie das Grab besucht, begleite ich sie.“

Aragon gehört zur „Fort Myer’s Casualty Area Command“. Dort werden die Gefallenen aus dem Großraum Washington betreut sowie jene, die in so abgelegenen Gegenden wie Alaska stationiert sind. Ganz Amerika ist in 37 Gefallenenbetreuungsstellen unterteilt. Als Gefallener gilt jeder Soldat, der im Dienst ums Leben kommt. Ob durch Krankheit, Unfall, Verbrechen oder Kampfhandlung ist unerheblich. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 etwa wurde in Fort Myer Tag und Nacht gearbeitet. Man war zuständig für die Toten des Pentagon. Und auch jetzt wieder ist die kleine Backsteinkapelle auf dem Gelände der Kaserne oft ausgebucht.

Für die US-Armee war der November, mit 79 Toten, der bislang schlimmste Monat im Irak. Nun ist Saddam Hussein gefasst, doch das Sterben geht weiter. Am vergangenen Mittwoch wurde im Nordwesten von Bagdad ein US-Soldat getötet, am Freitag explodierte außerhalb von Bagdad ein Panzer, mindestens zwei US-Soldaten starben. Insgesamt sind in dem Krieg bislang mehr als 500 US-Soldaten ums Leben gekommen, etwa 2700 wurden verletzt.

Die Regeln der Betreuung

Die Betreuung der Hinterbliebenen ist bis ins Detail organisiert. Von jedem Soldaten wird vor Dienstantritt eine Akte angelegt und laufend aktualisiert. In ihr steht alles, was für den Notfall wichtig ist: Adressen und Telefonnummern von Angehörigen, Religionszugehörigkeit, testamentarische Verfügungen, Kontoangaben. Stirbt ein Soldat, werden diese Daten an die zuständige Betreuungsstelle übermittelt. Welche zuständig ist, hängt von den Familienverhältnissen ab. Bei Verheirateten ist der Wohnort der Ehefrau entscheidend, ansonsten der der Eltern. An dritter Stelle stehen die Geschwister.

Fort Myer, das an der Stadtgrenze zu Washington DC liegt, ist gewissermaßen das nationale Zentrum der Trauer. Hier ist die legendäre „Old Guard“ stationiert, die älteste Infanterieeinheit der Armee. Sie steht Spalier, wenn auf dem Luftwaffenstützpunkt „Dover Air Force Base“ im US-Bundesstaat Delaware der Leichnam eines Gefallenen ankommt. Die „Old Guard“ ist bei jeder Beerdigung eines Soldaten auf dem Nationalfriedhof in Arlington dabei, der an Fort Myer grenzt. Sie bewacht 24 Stunden am Tag das Grab des unbekannten Soldaten. Seit dem Vietnamkrieg hat die Einheit solche zeremoniellen Aufgaben übernommen. Jetzt rückt zum ersten Mal seit der Vietnamzeit eine Kompanie dieser Einheit selbst aus. In diesen Tagen fliegen die Soldaten nach Dschibouti in Nordostafrika, als Teil des Kampfs gegen den Terror. Einige von ihnen sind erleichtert, eine Zeit lang dem psychischen Druck der täglichen Beisetzungen zu entkommen. Mit der Angst, vielleicht selbst getötet zu werden, lebt es sich offenbar leichter, als täglich bei Beerdigungen auf dem Friedhof in Arlington dabei sein zu müssen. „Das geht dir nahe“, sagt einer aus der Einheit, „besonders, wenn die Gefallenen jünger sind als du.“

Wenn ein Soldat stirbt, wählt die Gefallenenbetreuungsstelle als Erstes einen so genannten „Casualty Notification Officer“ (CNO) aus. Das ist der Trauerbote, der die Nachricht überbringen muss. Sowohl die Boten als auch die Betreuer der Familien müssen denselben Rang haben wie der Verstorbene. Niemals etwa darf ein Major die Familie eines Generals benachrichtigen. Innerhalb von vier Stunden, nachdem ein Bote von einem Todesfall unterrichtet wurde, muss er die Nachricht persönlich den nächsten Angehörigen überbracht haben. Er hat dabei die schwarze „Class A“-Uniform zu tragen, darf einen Geistlichen mitnehmen, soll weder aufgeregt noch gehetzt wirken. Den Satz, den er spricht, muss er auswendig können, darf ihn aber nicht wie auswendig vortragen. Im Todesfall sagt er: „Der Verteidigungsminister hat mich gebeten, Ihnen sein tiefstes Beileid zu übermitteln zum Tode Ihrer/Ihres Ehefrau/Ehemannes, die/der am … in … durch … ums Leben kam. Der Minister versichert Ihnen und Ihrer Familie sein aufrechtes Mitgefühl.“

Keine Umarmung

Der Trauerbote wird psychologisch für seinen Auftritt geschult. Er muss auf alle Reaktionen gefasst sein, Wut, Verzweiflung, Schock. Er darf die Hinterbliebenen nicht körperlich trösten, sie in den Arm nehmen zum Beispiel. Die genauen Umstände des Todes soll er für sich behalten. Er darf erst dann wieder gehen, wenn sich mindestens ein anderer Erwachsener bei der oder dem Hinterbliebenen aufhält. „Der Trauerbote und der Betreuer müssen zwei verschiedene Personen sein“, sagt Antonio Aragon. „Derjenige, der die schlechte Nachricht überbringt, zieht einen Großteil der Wut und des Schmerzes auf sich. Die Betroffenen identifizieren mit ihm die schlechte Nachricht. Dann verschwindet er aus ihrer Welt.“

Niemand beneidet einen Trauerboten. „Sie übernehmen eine der schwierigsten Aufgaben in Ihrer Armee-Karriere“: So lautet der erste Satz in einem kleinen Handbuch für Trauerboten. Viele werden selbst traurig, wenn sie an ihre Einsätze denken. „Die Familie, die ich benachrichtigen musste, lebte in einem kleinen Dorf“, erinnert sich ein Offizier in der Militärzeitschrift „Pentagram“. „Dort weiß jeder, wer gerade im Krieg ist. An einer Tankstelle erkundigte ich mich nach dem Weg. Der Tankwart sah mich in meiner schwarzen Uniform. Wen genau ich suche, fragte er. Das dürfe ich ihm nicht sagen, antwortete ich. Daraufhin sagte er nur leise ,Oh, mein Gott’.“

Das System der persönlichen Benachrichtigung und Betreuung der Hinterbliebenen wurde 1966 eingeführt, mitten im Vietnamkrieg. Bis dahin waren Telegramme verschickt und per Taxi zugestellt worden. Aragon beschreibt seine Aufgabe als „extrem wichtig“ für die Armee. Die verstorbene Person habe freiwillig ihr Leben „für die Armee und die Nation“ geopfert. Auch ihm selbst könne schließlich jederzeit etwas zustoßen. Der Maßstab seines Handelns sei die Überlegung, wie er sich wünsche, dass in diesem Fall seiner Frau beigestanden werde.

„Bei euch in Deutschland“, sagt Aragon, „gehen die Soldaten am Wochenende nach Hause. Was sie privat und in ihrer Freizeit tun, kümmert die Vorgesetzten nicht.“ Das sei in den USA anders. „Wir sind eine Berufsarmee. Ich bin für jeden meiner Soldaten verantwortlich. Wenn die Kinder von einem Schwierigkeiten haben, weiß ich das. Und wir kümmern uns darum. Wenn sich einer der Soldaten in seiner Freizeit außerhalb eines bestimmten Radius bewegen will, muss er mir Bescheid sagen.“ Der Korpsgeist sei stark ausgeprägt. Das Verantwortungsgefühl füreinander sei ein zentraler Teil der Ausbildung.

Wer in Fort Myer eines der vielen schwarzen Bretter studiert, auf denen Veranstaltungen angekündigt werden, fühlt sich an die Anfänge der Alternativbewegung erinnert. An jedem letzten Mittwoch im Monat findet ganztägig der Kurs „Dads 101“ statt. Väter unterrichten Väter über Schwangerschaft, Geburt, Partnerschaft und Erziehung. Die Initiative „Teddy Care“ verteilt Teddys an Kinder, deren Mutter oder Vater disloziert wurde. Im Begleitschreiben wird dem Kind für dessen „Mut und Hilfsbereitschaft“ gedankt, „während dein Elternteil seine Pflicht erfüllt“. Es gibt die wöchentliche Bibelstundevon 12 bis 12 Uhr 50. Geworben wird auch für die Operation „Adoptiert einen Soldaten!“ Unter der Internet-Adresse presidentialprayerteam.org kann jeder Amerikaner den Namen eines Soldaten erfahren, um ihn namentlich in seine Gebete mit einzuschließen.

Die Betreuungsstelle in Fort Myer leitet Rita Winborne. Die 37-Jährige unterrichtet die künftigen Boten und Betreuer. Drei Videos zeigt sie ihnen. Das erste, Dauer 26 Minuten, zeigt eine typische Benachrichtigung im Todesfall. Das zweite, acht Minuten, schildert die Probleme bei einer sehr heftigen Gefühlsreaktion der Hinterbliebenen. Im dritten Video, Dauer sechs Minuten, ist ein schwarzer Bote in schwarzer Uniform zu sehen, der den weißen Vater eines Gefallenen benachrichtigt. „Ihr seid alle Mörder“, schreit der Vater den Boten wütend an. „Manchmal ist es besser“, sagt die Videostimme, „den Ort so schnell wie möglich wieder zu verlassen.“

Winbornes Vorgänger hat als Bote und als Betreuer gearbeitet. Um den psychischen Stress auszuhalten, trug er stets ein Zitat von General George Marshall bei sich, dem obersten Heereschef während des Zweiten Weltkriegs. „Es gibt keinen sichereren Weg, um der Armee bittere Feinde zu verschaffen, als in der Aufgabe zu versagen, alles erdenklich Mögliche für trauernde Hinterbliebene zu tun. Und es gibt keinen sichereren Weg, um der Armee Freunde zu verschaffen, als unser uneingeschränktes persönliches Interesse an allen Todesfällen zu zeigen.“

Aragon hat bisher zwei Familien betreut. Er unterbricht dann seine normale Arbeit, kümmert sich nur noch um die Hinterbliebenen. Sein zweiter Fall hatte indirekt mit dem Irakkrieg zu tun. Der Soldat war gerade auf Heimaturlaub, als er bei einem Autounfall getötet wurde. Er wurde auf dem Nationalfriedhof in Arlington beigesetzt. Nun kann sein Handy jederzeit wieder klingeln. Wann immer er im Fernsehen die Nachricht von einem gefallenen amerikanischen Soldaten hört, hat er die Bilder der trauernden Familie im Kopf. Seine „Class A“-Uniform hängt gereinigt und gebügelt im Schrank.

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