Zeitung Heute : Die Traumwerkstatt

Eine will etwas über eine Hexe schreiben, eine andere was von Feen, die dritte einen Familienroman. Beim Verlag Bastei Lübbe gibt es Seminare, in denen man lernt, wie man einen Bestseller verfasst. Und zwar in drei Tagen. Besuch in einer Schule der kühnen Hoffnungen.

Ziel der Wünsche. Einmal auf jene Tische zu gelangen, auf denen die Erfolgsromane liegen! Foto: mauritius images/ib
Ziel der Wünsche. Einmal auf jene Tische zu gelangen, auf denen die Erfolgsromane liegen! Foto: mauritius images/ibFoto: mauritius images / ib

Erzählen, sagt Mario Giordano und startet eine Powerpoint-Präsentation, ist einer der ältesten Berufe der Welt. Giordano steht an einem Besprechungstisch, vor sich einen Laptop, hinter sich eine vollgekritzelte Flipchart. Giordano ist Schriftsteller, er hat gerade zwei Thriller herausgebracht, die im Vatikan spielen, „Apocalypsis I“ und „Apocalypsis II“, 1800 Seiten insgesamt.

Er klickt auf die nächste Folie. Er wirkt geschäftig, Erzählen ist sein Beruf. Berufe kann man lernen, und genau das wollen die Leute, die zu ihm kommen. Mario Giordano soll ihnen beibringen, wie man ein Buch schreibt. Genauer gesagt: einen Bestseller.

Ein Bürogebäude in der Nähe des Gendarmenmarkts. Riesiges Foyer, schwere Holztüren, hier hat ein Teil der Kölner Verlagsgruppe Bastei Lübbe ihren Sitz. In einem Regal stehen die Bibel und ein neuer Ken Follett mit düsterem Einband, die Bestseller einst und jetzt. Im Konferenzraum Papierstapel und Kaffeekannen, die Luft ist stickig. Hier findet das Seminar der „Bastei Lübbe Academy“ statt, der verlagseigenen Schreibschule. In drei Tagen soll man den „Weg zum Erfolgsroman“ finden, so steht es im Programm.

Um den Tisch herum allesamt Frauen. Eine arbeitet an einer spanischen Uni, ihr Großvater schenkte ihr seine Tagebücher, daraus will sie eine Familiengeschichte machen. Die dunkelhaarige Frau neben ihr ist ziemlich weit mit einem Roman über ein Mädchen, das herausfindet, dass es eine Hexe ist und die Welt vor einem Zauberer retten soll. Eine Frau stellt zur Begrüßung einen Sack Schokolade auf den Tisch. Sie ist Marketingchefin in der Schweiz, jetzt will sie schreiben, hat aber nur eine vage Idee. Es soll um das Matterhorn gehen.

Iris Heller* ist blass und sehr zart. Sie beugt den Kopf über ihre Notizen, als wollte sie darin abtauchen wie in geheimnisvolle Welten. Sie will über eine Frau schreiben, die unglücklich verheiratet und gleichzeitig eine Fee ist. Iris Heller hat Haus und Familie, sie ist IT-Beraterin in einem großen Konzern. Aber die Arbeit gefalle ihr nicht mehr. Ihren richtigen Namen will sie nicht nennen, in ihrem Konzern hat man es nicht so mit Feen.

Giordano blendet eine Grafik mit vielen Strichen ein. „3-Akt-Struktur“ steht darüber. Es geht darum, dass eine Erzählung drei Teile haben sollen, Exposition, Konfrontation, Auflösung. „Und zwei Wendepunkte“, sagt Giordano. Es klingt einfach, wie Tipps eines Anlageberaters zur richtigen Portfoliomischung.

82 048 neue Bücher kamen nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels allein 2011 auf den Markt. Die meisten davon werden nicht im Feuilleton besprochen, man kennt nicht einmal die Namen der Autoren. Man kauft sie, weil man gerade eine Fantasy-Geschichte, einen Thriller oder einen Arztroman lesen will. Weil die Genres „Chick-Lit“ oder „Mommy-Lit“ angesagt sind, je nachdem, ob darin junge Frauen oder Mütter kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehen. Ebenfalls gefragt derzeit: Liebesgeschichten mit Zombies. „Mein fahler Freund“ lief am besten.

„Das Schreiben“, sagt Giordano und zitiert den Schriftsteller Theodor Storm, „ist eine böse körperliche Arbeit.“ Es sind Leute gefragt, die das können. Die wissen, wie man erzählt, wie Genres funktionieren, was ein Wendepunkt ist. Der Moment nämlich, an dem es unerwartet spannend wird. Wenn sich etwa, wie im Vatikanroman „Illuminati“ von Dan Brown, herausstellt, dass der Papst ein Kind hat.

Das ist der Moment, an dem Ann-Kathrin Schwarz ins Spiel kommt. Eine junge Frau im dunklen Hosenanzug, sie hat selbst einen Bestseller geschrieben, „Generation Doof“. Es geht darum, dass junge Leute, anstatt etwas zu lernen, lieber Topmodel oder Popstar werden möchten. Schwarz ist Lektorin bei Bastei Lübbe. Der Verlag bringt gerade den neuen Dan Brown heraus, groß wurde man mit Groschenromanen. In der Kölner Zentrale tragen die Konferenzräume noch die Namen der Heftchenreihen: Jerry Cotton, John Sinclair, Silvia.

Im November hat Schwarz gemeinsam mit ihrem Kollegen Jan Wielpütz die „Academy“ gegründet, die erste ihrer Art und eine von vielen Schienen, die Buchverlage heutzutage bedienen. Früher, sagt Schwarz, habe man große Titel aus dem Ausland zugekauft. Heute will man Bücher aus Deutschland, am liebsten von Autoren, die man selbst geschult hat.

Zum Beispiel an „Shades of Grey“ orientiert, der Trilogie über eine Frau und ihren Sadomaso-Liebhaber. Die schottische Autorin, E.L. James, war in der Midlife-Crisis und schrieb ihre Fantasien in Internetforen auf. Daraus wurde 2012 eines der erfolgreichsten Bücher der Welt. Seither hätten die Leute keine Hemmungen mehr, über Erotik zu schreiben, sagt Schwarz. Letztens kam ein Paar in die Schreibschule, das gemeinsam an erotischen Kurzgeschichten arbeitete.

Samstagmorgen, Tag zwei, im Seminar geht es um Romanfiguren. Iris Heller, die zarte IT-Beraterin mit der Fee, schaut aus ihren Notizen auf. Sie sagt, ihre Heldin wolle eigentlich ohne Magie auskommen. Andererseits müsse sie ihren Mann, von dem sie nicht geliebt werde, mit einem Zauber an sich binden. „Lassen Sie Ihre Helden leiden“, sagt Schwarz, „auf etwas stoßen, das unüberwindbar ist.“ Sie und ihr Kollege Wielpütz sitzen Tag für Tag schräg hinter dem Schriftsteller Giordano und beobachten die angehenden Autorinnen wie Pädagogen Kinder beim angeleiteten Spiel. Bereit, auf jedes Fünkchen Kreativität zu reagieren.

Brigitte Schneider* sagt wenig. Sie ist Ende 50 und gehört zu den Frauen, die im Leben alles schon mal gemacht haben. Optikerin gelernt, im Anzeigenverkauf, bei einer Künstleragentur und beim Fernsehen gearbeitet. Dann hatte sie einen Hörsturz, auf einem Ohr hört sie nichts mehr. Vor zwei Jahren hatte sie eine Idee für einen Roman, Schreiben ist eine stille Arbeit.

Ihre Geschichte soll davon handeln, dass alle Computer der Welt gehackt werden, und in den E-Mail-Postfächern tauchen seltsame Nachrichten auf. Die E-Mails sind von Gott. Brigitte Schneider durchbricht die Stille. „Ist Gott ein guter Romanheld?“

Eine spannende Frage, die jetzt aber nicht beantwortet wird. Man nennt das „Cliffhanger“, ein Stilmittel, es wird in der Schreibschule gelehrt. Es bedeutet, dass man, wenn es richtig interessant wird, den Schauplatz wechselt. Und zwar ins Café ums Eck, es ist Mittagspause. Bei Sandwich und Suppe scharen sich die Autorinnen um Mario Giordano wie um einen orientalischen Märchenerzähler. Er sagt, dass er mit 31 das Studium geschmissen hat, um zu schreiben. Kinderbücher, Drehbücher für den „Tatort“. Giordano gehört zu den fünf Prozent der Autoren, die vom Schreiben leben können.

Mario Giordano, der mit seinen dunklen Augen und den dunklen Haaren aussieht wie ein italienischer Fernsehkommissar, heißt wirklich so, was in der Branche ungewöhnlich ist. Eine Autorin schrieb erst unter dem Namen Henrike Heiland Ostsee-Krimis, dann stieg sie um auf Schottland-Krimis und nannte sich Zoë Beck. Er schreibe am liebsten Romane, sagt Giordano. Weil er darin Dinge machen könne, die im deutschen Fernsehen nicht möglich sind. Massenszenen veranstalten, Blutbäder anrichten. Er weiß noch gut, wie ein Fernsehredakteur mal sagte, er solle mehr Wendepunkte in ein Drehbuch einbauen. „Am besten einen Flugzeugabsturz! Nein, lieber etwas Billigeres.“

Und was soll man nun schreiben? Krimis, sagt Lektorin Schwarz. Die Deutschen lieben sie, weil darin etwas gelöst, ein Bedürfnis nach Ordnung erfüllt werde. Ein Drittel aller fiktionalen Programme im deutschen Fernsehen sind Krimis. Krimis seien ein Genre, mit dem selbst Anfänger gut klarkommen, sagt Schwarz. „Wer einen Bestseller schreiben will, kommt um den Krimi nicht herum.“ Gut ist, wenn der Krimi in einer schönen Landschaft spielt, wegen des Kontrasts zwischen Idylle und Gewalt. Am besten in Bayern, „das kennen die Leute aus dem Urlaub“. Was auch geht: Serienkiller-Thriller, „die gemeine Schlachtplatte“, wie Schwarz sagt. Sehr beliebt bei Frauen. Besonders, wenn die Hauptfigur eine Ermittlerin ist, die vom Serienkiller gejagt wird. Es werde als erlösend empfunden, wenn eine Frau sich einer Gefahr stelle und sie überwinde.

Sonntag, Tag drei, die Schokolade der Marketingchefin ist aufgegessen. Giordano nimmt sich die Geschichten der Autorinnen vor, gibt Tipps zu Figuren und Handlung. Das Mädchen, das eine Hexe ist, wird in ein Schattenreich geschickt, die Geschichte habe Potenzial, sagt Giordano. Die Tagebücher des Großvaters sollen ein dunkles Familiengeheimnis enthalten. Iris Heller, die zarte IT-Beraterin, fragt, ob ihre Fee zwischen zwei Männern stehen sollte. Giordano nickt, Lektorin Schwarz sieht „eine romantische Komödie mit magischen Elementen“. Heller solle sich bei ihr melden.

Und was ist mit Gott? Brigitte Schneider ist sich nicht sicher, ob wirklich Gott die seltsamen E-Mail-Nachrichten geschrieben hat oder nicht vielleicht ein Hacker. Giordano rät ihr, aufs Ganze zu gehen. „Das muss Gott sein. Wenn einbrechen, dann auch wirklich klauen.“ Nur die Schweizer Marketingchefin sieht unglücklich aus. Nach drei Tagen weiß sie noch immer nicht, was am Matterhorn passiert. Sie sollte einen Krimi schreiben.

*Namen geändert

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