Zeitung Heute : Die Traurigkeit der Überlebenden

Ihr Bruder wurde ermordet, viele Freunde auch. Maite Pagazaurtundua lässt sich im Kampf gegen die Eta trotzdem nicht beirren. Der ist seit kurzem noch gefährlicher geworden. Denn die baskische Terrororganisation hat wieder zu bomben begonnen

Ralph Schulze[San Sebastian]

Sie lebt wie eine Gefangene, sagt sie. Seit mehr als sechs Jahren müssen Bodyguards mit, wenn sie das Haus verlässt. Sie ist 41, Mutter, Politikerin – und doch manchmal so unselbstständig wie ein Kind. Sie kann nicht einfach schnell zum Bäcker laufen oder eine Freundin besuchen, und der Weg zur Arbeit wird sicherheitshalber täglich geändert.

Durch die Fenster scheint die Sonne auf den Ledersessel, in dem Maite Pagazaurtundua es sich bequem macht. Bevor sie die Bar des Hotels Amara in San Sebastian betrat, hatten zwei Personenschützer das Lokal und die Gäste in Augenschein genommen; nun stehen sie draußen vor Tür, und da, wo im Schulterhafter die Pistolen stecken, beulen sich ihre Jackets. Maite Pagazaurtundua wirkt ernst in ihrem schwarzen Pulli und der schwarzen Hose, das rotbraune Haar zurückgebunden. Der Blick geht unruhig durchs Lokal.

Maite Pagazaurtundua bekämpft die Eta, deshalb gilt sie als „baskische Volksfeindin“, und deshalb steht ihr Name auf der Todesliste. „Mama, warum begleiten dich immer diese Männer“, fragen ihre beiden kleinen Töchter sie manchmal. „Wegen meiner Arbeit“, sagt sie dann. Sie weiß bis heute nicht, wie sie ihnen erklären soll, dass jemand ihre Mutter ermorden will. Maite ist Vorsitzende der Stiftung „Opfer des Terrorismus“ und zusammen mit ihrem Bruder Mitbegründerin des baskischen Friedensforums „Basta ya – Schluss jetzt“. Doch wer sich öffentlich für das Ende des Eta-Terrors einsetzt, lebt gefährlich.

Und nun, da die baskische Terrororganisation zum Jahresende 2006 die neunmonatige Waffenruhe gebrochen hat mit einem Bombenattentat am Madrider Flughafen und zwei Menschen gestorben sind, hat sich Maites Angst wieder verstärkt. Die Eta droht mit weiteren Anschlägen. Bevor am Morgen die Fahrt losging, haben die Bodyguards unterm Auto erst mal nach einer Bombe gesucht.

Die Eta – das Kürzel steht für „Euskadi ta Askatasuna“, übersetzt „Baskenland und Freiheit“ – entstand Ende der 50er Jahre als Widerstandsbewegung gegen die Diktatur von General Franco. Damals wurden den Basken Sonderrechte aberkannt, ihre uralte Sprache und Kultur unterdrückt. Wer in der Öffentlichkeit Baskisch sprach, wurde von der Franco-Polizei verprügelt. Diese Erinnerung verfolgt viele Basken bis heute. Die Eta gab jedoch auch unter der spanischen Demokratie den Terror nicht auf. Ihr verbotener politischer Arm Batasuna wirft dem Staat vor, das Baskenland „besetzt“ zu halten und die „Rechte der Basken auf Selbstbestimmung“ zu unterdrücken. Mehr als 800 Menschen wurden von der Eta umgebracht, in den 80ern und bis Mitte der 90er Jahre ermordete die Eta zuweilen fast im Wochenrhythmus ihre politischen Gegner: vorzugsweise Angehörige der Sicherheitskräfte, politische Repräsentanten des Staates und Pazifisten. Und für Menschen wie Maite besteht die Todesdrohung der Eta auch heute noch weiter.

Dass Maite so vorsichtig ist, das liegt auch daran, wie ihr Bruder Joseba vor knapp vier Jahren ums Leben kam. Er war nachlässig geworden. Wie jeden Morgen hatte er in seiner Stammkneipe Daytono gefrühstückt und Zeitung gelesen. Da erhob sich an der Theke plötzlich ein Mann von seinem Hocker, zog eine Pistole und tötete ihn mit zwei Kugeln in den Kopf. Das war am 8. Februar 2003, in dem kleinen Baskendorf Andoain, fünf Autominuten von San Sebastian entfernt. Joseba Pagazaurtundua war der Polizeichef des Ortes. Ein paar Jahre zuvor war bereits sein Freund, der Journalist Jose Luis Lopez de Lacalle, in Andoain ermordet worden. Die beiden waren als Friedensaktivisten gegen die Eta angetreten.

Die Fotos der beiden Freunde hängen bei Estanis Amuchastegui, 55, im Büro. Amuchastegui ist der Vize-Bürgermeister von Andoain, auch er lebt unter ständiger Bewachung. Molotowcocktails sind bei ihm schon durchs Fenster geflogen, sein Haus brannte ab, seine Autos gehen immer wieder in Flammen auf.

„Die Eta muss man sich vorstellen wie eine Mafia-Organisation“, sagt Amuchastegui. Um den Kern von vermutlich mehreren Hundert Bewaffneten, die von dem mutmaßlichen Eta-Chef Garikoitz Aspiazu alias „Txeroxi“ angeführt werden, gruppiert sich ein Netzwerk aus Unterstützern aus allen Schichten der Gesellschaft. Die Eta schleust ihre Sympathisanten in Institutionen und Unternehmen ein, sogar in die Polizei.

Als die Terrororganisation im März 2006 einen Waffenstillstand ausrief, wusste Maite Pagazaurtundua nicht, ob sie sich freuen sollte. „Ich fühlte so etwas wie die Traurigkeit des Überlebenden“, erinnert sie sich. „Ich bin zwar bisher mit dem Leben davongekommen, aber viele Freunde und mein Bruder sind tot.“ Sie behielt ihre Leibgarde, auch wenn sich der Alltag im Baskenland zeitweilig entspannt hatte.

Maite Pagazaurtundua hat die Ruhe genutzt. Für kurze Zeit durfte sie ein ganz neues Leben führen. Sie hat wieder Klavierstunden genommen, obwohl regelmäßige Termine ein Risiko darstellten. Und sie ging los, ihre Stadt, die eigentlich so klein ist, einmal von einer neuen Seite kennenzulernen. Lange gab es Viertel, die für sie zu gefährlich waren, vor allem jene dunklen Altstadtgassen, in denen die berüchtigten „herriko tabernas“, die Volkskneipen liegen, in denen die Eta-Sympathisanten ihr Bier trinken. Zehn Prozent der rund 2,1 Millionen Basken werden dieser radikalen Eta-Umgebung zugerechnet.

In diesen Volkskneipen werden die Mörder von Maites Bruder Joseba als Helden gefeiert. Fotos von ihnen schmücken die Wände, auf den Theken stehen Sammelbüchsen für die „politischen Gefangenen“ – 500 Eta-Terroristen sitzen in spanischen Gefängnissen lange Haftstrafen ab. Regelmäßig rückt hier auch die Polizei an wegen des Verdachts auf „terroristische Propaganda“. „Ich habe gespürt, dass die mich angeguckt haben“, sagt Maite. Erstaunte und böse Blicke waren es.

Nach dem jüngsten Anschlag wird es wohl der letzte Spaziergang auf verbotenes Terrain für lange Zeit gewesen sein. Vielleicht muss Maite Pagazaurtundua auch die Klavierstunden nun wieder aufgeben, und die morgendliche Tasse Kaffee in ihrer Lieblingskneipe an der Ecke. Routine kann hier lebensgefährlich sein.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben