Zeitung Heute : "Die tun so, als sei ich tot" - die Ex-Grüne und Neue-Revue-Autorin im Spannungsspiel der Medien

Für die Abrechnung mit den Grünen mi

Jutta Ditfurth war bis 1988 Sprecherin der Grünen. 1991 verließ sie die Partei und gründete die außerparlamentarische Organisation "Ökologische Linke". Sie gibt deren Zeitschrift "ÖkoLinX" mit heraus und veröffentlichte im vergangenen Jahr einen Roman. Seit kurzem schreibt die Frankfurterin auch für die Illustrierte "Neue Revue", die derzeit Ditfurths kritische Bilanz grüner Politik als Serie druckt. Mit Ditfurth sprach Lars von Törne.

Für die Abrechnung mit den Grünen und mit Ihrem ehemaligen Parteifreund Joschka Fischer haben Sie sich ein Forum gewählt, das bisher eher als konservatives Schmuddel- und Busenblatt bekannt war. Wie kam es zu dem überraschenden Bündnis von "Neue Revue" und Jutta Ditfurth?

"Bündnis"? Quatsch! Haben Sie mit Ihrem Verleger ein "Bündnis"? Ich arbeite seit 1979 als Journalistin. Daneben schreibe ich Bücher, mache Radiosendungen und halte Vorträge. Ich verkaufe, wie zehntausende von freien Journalistinnen, meine Arbeit Stück für Stück auf dem bürgerlichen "Medien-markt". Ich arbeite nicht für rechtsextreme Blätter. Seit dem rotgrünen Regierungswechsel habe ich ein fast vollständiges Arbeitsverbot in rotgrün-nahen Medien. Deshalb habe ich das Angebot von Peter Bartels, dem Chefredakteur der "Neuen Revue", angenommen und schreibe eine Serie über die Grünen.

Und die "Neue Revue" ist das einzige Forum, in dem Sie Ihre Meinung sagen dürfen?

Nein. Natürlich schreibe ich auch für kleine linke Blätter von "Jungle World" bis "Konkret", meistens ohne oder für ein geringes Honorar. Für meinen Lebensunterhalt brauche ich die Arbeit in bürgerlichen Zeitungen und Zeitschriften. Bei einigen ist die Zensur seit dem Regierungswechsel viel härter geworden.

Können Sie Beispiele nennen?

Zum Beispiel die "Frankfurter Rundschau". Wenn ich als Referentin auf einer IG Medien-Veranstaltung auftrete, drucken sie die Namen der anderen beiden Referenten, aber ich heiße "und andere". Wenn 500 Leute zu unserer Veranstaltung gegen den Krieg in Jugoslawien mit Klaus-Rüdiger Minow und mir als Referenten in Frankfurt kommen, kein Wort. Die tun so, als sei ich tot. Oder die "taz", die auch noch damit kokettiert, dass sie ein "Regierungsblatt" ist. Wer Rotgrün grundsätzlich von links kritisiert, ist unerwünscht. Aber sie lügen gern. Wie etwa kürzlich über meine angeblichen Äußerungen auf der Lafontaine-Pressekonferenz in Frankfurt.

Aber gerade Sie - als Politikerin, als Herausgeberin einer eigenen Zeitschrift und als Buchautorin - können sich doch kaum über mangelndes Medieninteresse beschweren.

Die "ÖkoLinX" machen wir ehrenamtlich und mit wenig Geld. Sie kommt mit Mühe viermal im Jahr heraus, mit einer Auflage von 3000 bis 7000 Exemplaren. Für meine Bücher finde ich selbstverständlich Verlage. Aber das ist etwas völlig anderes als sich mit Kommentaren oder Analysen in aktuelle politische Debatten einzumischen. Manche rotgrünen Redakteure sind voller Hass, zum Beispiel Reinhard Mohr ("Spiegel"). Vielleicht weil ich sie daran erinnere, wer sie einmal waren.

Und aus diesem Grund haben sich Bündnispartner gesucht, die bisher eher zu Ihren politischen Gegnern gehörten? Immerhin hat Neue-Revue-Chef Peter Bartels für Helmut Kohl Wahlkampfsprüche getextet und lässt jetzt in seinem Blatt Politiker wie Wolfgang Schäuble mit der neuen Regierung ins Gericht gehen. Erfordert die aktuelle Lage ein Bündnis der radikalen Linken mit den Vertretern der abgewählten konservativen Koalition gegen die rot-grüne Regierung?

"Bündnisse" schließe ich mit Linken. Zum Beispiel gegen rassistische Anschläge oder Atomanlagen oder Bundeswehrgelöbnisse. Da ist weder Rotgrün noch die CDU dabei. - Meine Erwerbsarbeit findet in bürgerlichen Medien statt. Diese Medien fusionieren wie wild. Ich habe z. B. den Buchvertrag für "Die Himmelsstürmerin" mit List abgeschlossen. Während ich schrieb, haben die mit Econ fusioniert. Als mein Buch erschien, gehörten beide zu Springer. Außenminister Josef Fischer ist ein "Spiegel"-Mann. Die "Bertelsmann"-Medien haben Schröder ins Amt geholfen und setzen auf neoliberale Wirtschaftspolitik, dass es nur so kracht. Linke Kritik an dieser Medienkonzentration und an politischen Abhängigkeiten kann nicht darin bestehen, dass ich mich rotgrüner Zensur unterwerfe und mundtot machen lasse.

Bereitet es Ihnen als Feministin keine Bauchschmerzen, Ihre Texte in einem Umfeld von Nacktfotos und sexistischen Sprüchen zu veröffentlichen?

Im "Spiegel" werden Frauen nicht mal Ressortleiterinnen. Im "Stern" sind heute vermutlich mehr Aktfotos als in der "Neuen Revue". Ach so aufgeklärte Frauenblätter gaukeln jungen Frauen vor, Konsummöglichkeiten seien soziale, berufliche Chancen. Der alltägliche Sexismus in den meisten Medien ist ein politisches Problem, das meinen Kopf beschäftigt, nicht meinen Bauch.

Und wie reagieren Ihre politischen Freunde auf Ihr neues Forum?

Doppelmoraliges Genörgel kommt nur von Leuten, die für rotgrüne Blätter wie die "taz" schreiben dürfen, weil sie der Regierung nicht wirklich weh tun. Meine politischen Freunde wissen, wie schwer es ist, linke Positionen zu verbreiten und wie gering der Unterschied zwischen den meisten bürgerlichen Medien nur noch ist. Die "Neue Revue" hat mit einer Anzeige in der "taz" für meine Serie über die Grünen geworben. Ein Bekannter hat gefragt: Weißt Du schon, dass die "Titanic" (Satiremagazin) behauptet, Du schreibst in der "Neuen Revue"? Das hat mir gefallen.

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