Zeitung Heute : Die Überläufer

„Weltverbesserung sofort und hausgemacht“ – so heißt Ulla Gahns Verein. Sie veranstaltet Partys für alle, die den Stromanbieter wechseln wollen, am besten zu ökologisch korrekten

Fredy Gareis[München]

Vor der Weltrettung verteilt Ulla Gahn Kuchen. Schokolade-Walnuss. An alle, die wieder mal ehrenamtlich helfen und an die Experten.

In der Muffathalle in München finden vor allem Konzerte statt, später im Jahr kommen Amy Winehouse und Erasure. Heute aber ist eine Naturstromwechselparty angesagt – und dies ist erst der Auftakt einer Tournee, die durch ganz Deutschland führen soll.

Dies ist auch die Geschichte, wie aus einer ganz kleinen Idee ein Verein wird, der die Welt besser machen will und damit Tausende Menschen anzieht.

Anfang des Jahres hat Ulla Gahn, 33, sehr aufmerksam verfolgt, was die Medien über den UN-Klimabericht veröffentlichten. Die Umwelt ist fast schon tot, so klang es für sie. Nun ist Ulla Gahn, freiberufliche Kommunikationswissenschaftlerin – „Fachfrau für Organisation“ nennt sie sich – nicht nur entschlusskräftig, sondern auch in einem grün-bewegten Haushalt aufgewachsen. Sich vom Atomstrom zu trennen, erschien ihr als erster Schritt geeignet, zur Weltenrettung beizutragen. Also meldete sie sich beim herkömmlichen Strom ab und beim Ökostrom an.

Danach musste sie jedoch plötzlich viele Fragen beantworten, von Verwandten, Freunden, Bekannten. Wie geht das? Wie hast du das gemacht? Und was kostet das jetzt? Um nicht immer wieder immer dasselbe erzählen zu müssen, veranstaltete sie in ihrer Wohnung in Leipzig schließlich eine Party. Sie wurde ein solcher Erfolg, dass schnell Nummer zwei, drei, und vier folgten. Dann, im Juni, kündigten die Stromanbieter an, ihre Preise zu erhöhen, Vattenfall um gleich sieben Prozent. Und mit dieser zweiten Nachricht schien eine Art kritische Masse erreicht. Zu Zehntausenden traten die Menschen aus ihren Vattenfallverträgen aus – und Ulla Gahns tupperpartykleine Veranstaltungen wuchsen. „Wir haben Anfragen aus etwa 40 Städten“, sagt sie, „von Privatpersonen, Bürgerinitiativen, Parteien.“ Wenn schon mehr bezahlen, sagen sich die Leute, dann für eine gute Sache.

Ulla Gahn läuft durch die Muffathalle, dirigiert und delegiert. „Das ist alles hier noch haus- und handgemacht“, sagt sie und hilft, eine Bierbank an den richtigen Platz zu tragen. Ihr Handy klemmt an der Jeans, es klingelt ständig. An ihrem Hals baumelt eine eingeschweißte Karte, wie ein Backstagepass fürs Konzert. „Weltretterin“ steht drauf. An den Wänden hängen grüne Plakate, auf denen Schmetterlinge aus Steckdosen fliegen, kostenlos gedruckt von einem Kopierladen in Leipzig, und an einem langen Tisch haben sich die vier Ökostromanbieter eingerichtet, die Ulla Gahn eingeladen hat. Mehrere Umweltorganisationen sind da und ein Computer mit Preisrechner. Auf eine Leinwand wird das Live-Earth-Konzert aus Hamburg übertragen.

Mit steigender Popularität der Partys hat Ulla Gahn einen Verein gegründet: „Weltverbesserung sofort und hausgemacht e.V.“ Zu den Gästen an diesem Abend sagt sie: „Hier sind sie richtig, hier wird die Welt gerettet. Wir wollen hin zu den regenerativen Energien.“ Sie meint das ernst. „Die Idee ist so gut, dass sie nicht mehr aufzuhalten ist. Weil es so einfach ist. Ein erster Schritt, den jeder machen kann.“

Das Publikum ist gemischt; Hunderte sind gekommen: Mittzwanziger, Eltern mit Kindern, Alt-Grüne. Sie diskutieren mit den vier Ökostromleuten von EWS, Naturstrom AG, Lichtblick und Greenpeace Energy. Viele fürchten, dass der Wechsel kompliziert sei, dass der Strom ausfällt, bis der neue Anbieter übernommen hat, dass ein neuer Zähler eingebaut werden oder man während der Umstellung zu Hause sein muss. Dabei „geht das genauso schnell, wie ein Bier zu trinken“, sagt Bernhard Schwandt, der Mann am Preisrechner. Auf der letzten Stromrechnung stehen alle erforderlichen Daten. Im Antrag den Verbrauch, die Zählernummer und die Adresse angeben. Fertig. Das geht per Post oder im Internet. Den Rest erledigt der neue Anbieter.

Der 27-jährige Hesam Ejtehadi, Berechnungsingenieur bei Audi, steht mit seiner Freundin am Preisrechner. Er sagt: „Ich zahle lieber zwei, drei Euro mehr für den Strom und kann dafür irgendwann im Rückblick stolz darauf sein.“ Eine andere Besucherin meint: „Für Ökoessen zahle ich ja auch mehr.“ Ulrike Oberndorfer aus Starnberg hat gleich ihre letzte Stromrechnung mitgebracht. Der Berater gibt die Daten in den Computer ein und nennt ihr einen Tarif. Sieben Euro mehr im Monat müsste sie für Ökostrom zahlen. Ulrike Oberndorfer geht gleich weiter zum Stand eines Anbieters und wechselt. „Als mein Kastanienbaum im letzten Oktober anfing zu blühen, wusste ich, dass etwas nicht stimmt“, sagt sie. „Wir müssen etwas tun, Druck auf die Großen ausüben.“ Als Nächstes will sie ihren Freund bekehren. Dann die Nachbarn. Ulla Gahn sagt, dass ein Viertel der Besucher in der Regel sofort wechselt.

Die vier Naturstromanbieter arbeiten bundesweit und sind TÜV-zertifiziert. Für so ein grünes Etikett muss der Strom „aus 100 Prozent Biomasse erworben“ sein: aus Windkraft, Wasser, Solar, Geothermie oder Kraftwärmekopplung. Und die Kundenzahlen der Naturstromanbieter steigen schnell. Letztes Jahr hatte die Firma Lichtblick 42 000 Neukunden – dieses Jahr sind es schon 60 000. „Und je mehr Kunden wechseln“, wirbt Thomas Banning, Vorstand der Naturstrom AG, „desto billiger kann unser Strom werden.“

Bislang liegt der Anteil der Verbraucher, die zu Naturstrom gewechselt haben noch unter einem Prozent. Aber „das Potenzial ist immens“, sagt Josef Auer, Energiespezialist bei der Deutschen Bank. „Innerhalb von drei Jahren könnten daraus zehn werden.“ Das Verhältnis zu den großen Anbietern sei so gestört, sagt er, für einen Wechsel brauche es nur einen Impuls. Dieser Impuls heißt offenbar Ulla Gahn.

Ulla Gahn ist nicht nur Idealistin. Sie ist auch Realistin genug, zu erkennen, dass ihr diese Idee auch Geld bringen muss – irgendwann. Der letzte Job, für den sie Geld bekam, war die Organisation einer Tournee von Bluesbands. Für ihre Stromtournee sieht sie keinen Cent. Ulla Gahn lebt zurzeit von den Ersparnissen. Für anderes bleibe im Moment keine Zeit. Die nächste Party in Düsseldorf ist schon in Planung. Dann folgen Berlin, Hamburg und Köln; die genauen Daten stehen noch nicht fest. Sie sagt: „Ich weiß, wie das Pferd läuft und ich weiß, dass es gewinnt. Ich weiß nur noch nicht, wie ich es aufzäumen soll.“

Letzten Donnerstag war sie bei Maybritt Illner eingeladen. Am Ende kam sie gar nicht dran, sondern saß nur im Publikum. „So wird bürgerschaftliches Engagement geachtet“, hat sie gedacht. „Es haben wieder mal nur die Krawatten geredet.“ Danach musste sie sich mit Schokolade beruhigen. Immerhin hat der Umweltminister am Ende gefragt, ob sie in seinem Wahlkreis nicht eine Party organisiert.

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