Zeitung Heute : Die Unbestechlichen

Der Tagesspiegel

Von Ursula Weidenfeld

Wenn ein Unternehmen Politiker oder andere Unternehmen besticht, dann beschäftigen sich alle ausgiebig mit der Moral der Bestochenen. Zu Recht: Diese Politiker, Einkäufer in Großunternehmen oder öffentlich Bediensteten sind die Korrumpierten. Sie sind die moralisch Unsauberen, die im Verdacht stehen, objektive Entscheidungen verkauft zu haben, sie zum Subjekt ihrer Privatkasse gemacht zu haben. Sie sind diejenigen, die der Gesellschaft schaden. Die Allgemeinheit zahlt den Preis für die persönlichen Vorteile – über die Müllgebühren, die Steuern oder den Preis der Bahnfahrkarte.

Was aber ist mit den Käufern der Entscheidung, mit denen, die die Anderen in Versuchung führen? Mit den Unternehmen, die Geld zahlen, damit sie als Lieferanten aufgenommen werden oder damit sie zum Zuge kommen, wenn ein großer Auftrag vergeben wird. Wenn man diese Unternehmen dazu bringen könnte, keine Schmiergelder mehr anzubieten, wäre viel gewonnen.

Warum bestechen Unternehmen? Wo verläuft die Grenze zwischen der normalen Bewerbung um einen Auftrag und Bestechung? Unternehmen handeln rational. Sie zahlen nur dann, wenn sie glauben, zahlen zu müssen. Wenn sich Bestechung auszahlt. Geschoben wird besonders in den Branchen, in denen die Teilnehmer annehmen müssen, dass die anderen auch bestechen und schieben. In der Ökonomie nennt man das Spieltheorie: Je höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass die anderen lügen und betrügen, desto eher entscheidet sich ein Unternehmen dafür, es auch zu tun. In der Entsorgungsbranche, beim Bau, bei der Vergabe öffentlicher Aufträge oder in großen Einkaufsabteilungen großer Unternehmen ist diese Gefahr in Deutschland groß.

Hinzu kommt: Bei öffentlichen Aufträgen war das Interesse der Kontrolleure an Aufklärung meist nicht sehr hoch. Überhöhte Kosten einer Müllverbrennungsanlage kann man sich über die Gebühren zurückholen.

Es gibt auch Branchen, in denen sich Bestechung kaum lohnt. Wenn der Markt offen und transparent ist, ist mit Klüngeleien wenig auszurichten. Wo Wettbewerb und klare, unkomplizierte Regeln herrschen, gibt es nach aller Erfahrung wenig Korruption. Wo die Wege der Entscheidungsfindung offensichtlich sind. Wo viel kontrolliert wird. Wo Aufträge in Auktionen oder auktionsähnlichen Verfahren vergeben werden. Wo es Sanktionen gegen diejenigen gibt, die die Regeln verletzen. Und dort, wo Unternehmen nah am Endverbraucher produzieren.

Es liegt nahe, dass beim Bau, bei öffentlichen Aufträgen, im Rüstungsgeschäft, im Gesundheitswesen – jedenfalls bisher – viel Geld nebenher fließt. Beim Verkauf von Autos dagegen, der Produktion von Videorekordern oder Christstollen ist die Korruptionsanfälligkeit nicht so hoch. Beim Handel mit Christstollen ist es dagegen anders – weil niemand ganz genau wissen kann, warum welcher Christstollen im Regal ganz vorne liegt – aber alle wissen, dass die Stollen, die vorne liegen, am besten verkauft werden. Wer für seine Produkte einen attraktiven Platz in den Regalen haben will, der zahlt.

Auch das ist Korruption: Wenn jeder Produzent damit rechnen muss, dass ihn das höhere Gebot eines anderen aus dem Laden wirft. Bei den großen Handelsketten dagegen ist es (jedenfalls meistens) eine ganz normale Gebühr, von der jeder Produzent weiß, wie hoch sie ist: Je besser der Platz, desto teurer. Und wenn der Chef der Handelskette Geburtstag hat, dann schreibt er es gelegentlich sogar in die Fachzeitungen, welchen Jubiläumsrabatt er von den Produzenten erwartet.

Unternehmen handeln rational. Es gibt welche, die haben sich verpflichtet, niemanden und nirgendwo zu bestechen. Das tun sie nicht, weil sie sich Bestechung nicht leisten können. Sondern weil es inzwischen Länder gibt, die Unternehmen, die sich nicht gegen Korruption erklären, von Aufträgen ausschließen. Weil es Aktionäre und Aktienfonds gibt, die nur Anteile von ethisch sauberen Unternehmen kaufen. Weil sich Korruption nicht mehr lohnt.

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