Zeitung Heute : Die unerkannte Frau

Sie muss verlassener gewesen sein als ein Mensch auf dem Mars. Nachforschungen über die Mutter, die ihre neun Babys tötete

Claus-Dieter Steyer[Frankfurt (Oder)] Ina Wei

Nachdem die winzigen Skelette entdeckt worden waren und keiner glauben wollte, was doch wahr war, wurde der Ort Brieskow-Finkenheerd „beschaulich“ genannt. Oder doch wenigstens „gepflegt“. So als läge in der trügerischen Ruhe einer Idylle die Antwort auf die Frage, die sich nun alle verzweifelt stellen. Wie konnte es geschehen, dass es keiner bemerkte? Wie konnte es geschehen, dass eine Frau über einen Zeitraum von vielleicht elf Jahren, zwischen 1988 und 1999, neun Neugeborene tötete und ihre Leichen versteckte, ohne jemals auch nur den Hauch eines Verdachtes zu erregen?

Fast klingen die Interviews wie Beschuldigungen, wenn die Reporter, die seit gestern das „Mordhaus“ in der Bahnhofstraße 22 belauern, sich auf der Suche nach Bildern auf alles stürzen, was sich bewegt. Zwei Zehnjährige auf ihren Fahrrädern trauen sich vorbei, sonst aber niemand mehr. Der ganze Ort wirkt wie ausgestorben.

Längst sind die Brieskower müde zu beteuern, sie hätten nichts damit zu tun. Sabine H. hat seit 22 Jahren nicht mehr in Brieskow-Finkenheerd, sondern in Frankfurt (Oder) gelebt. Ginge die 39-Jährige jetzt durchs Dorf, kaum einer würde sie noch erkennen.

Ralf Theurer, ihr Bürgermeister von der PDS, ist außer Stande, eine Erklärung für das Geschehen zu geben. Am Montag um 14 Uhr erfuhr er von der „Bild“-Zeitung, was geschehen war. „Um 16 Uhr war ich in Guben“, sagt der gelernte Ingenieur, „und habe immer noch gezittert.“ Er starrt aus dem Fenster der „Clubgaststätte“ des Fußballvereins Turbine Finkenheerd, die er mit seiner Frau seit vier Jahren betreibt. Man kann das neu gedeckte rote Dach der Elternhauses von Sabine H. über den Akazien leuchten sehen. All die Jahre hat er dorthin geschaut, wie auf ein hübsches Bild im Rahmen. Er ist an dem schönen Vorgarten vorbeigekommen, an den Apfelbäumen und dem Sommergarten voller Blumen. Nur wer genau hinschaut, kann sehen, wie das Unkraut schießt und wie alles wuchert. Und jetzt ist alles anders.

Sein Brieskow-Finkenheerd, man wird sich an diesen Ort erinnern mit dem Entsetzen darüber, dass eine Mutter so weit kam, dass sie ihre eigenen Kinder gleich reihenweise tötete. Hier steht das Elternhaus eines Menschen, der verlassener gewesen sein muss als ein Mensch auf dem Mars, und es ist sehr wohl nötig, darüber nachzudenken, dass eine Frau, die ihre Familie im Streit verlassen hatte, ihre toten Babys wieder zu ihren Eltern zurückbringt, die den Platz ihrer Kindheit zum Friedhof der eigenen Kinder macht. Allein das muss einem die Kehle abschnüren, vor Schmerz über ein solches Verhängnis.

Es ist der vorläufige Endpunkt einer Serie von Zumutungen an dieses 2700-Einwohner-Dorf an der Oder, zehn Kilometer vor Frankfurt, direkt an der B 112 Richtung Eisenhüttenstadt. Nur wer hier seit 1984 lebt wie Ralf Theurer, weiß, was es heißt, in einem Ort ganz im Osten zu wohnen. Fünf Kneipen, Theurers mit eingerechnet, ein Zahnarzt, ein Physiotherapeut, ein Landarzt. Plus und Schlecker, eine Sparkasse. Post? Keine. Schule? Seit den Sommerferien gibt es auch die nicht mehr. Aber das ist eine andere Geschichte

Wer das erste Mal nach Brieskow-Finkenheerd kommt, dem fällt auf, wie breit die Straßen sind, breit und neu, überdimensionierte Adern, in denen nichts pulsiert. „Das liegt an der großen Oderflut von 1997“, sagt Theurer, „das war das letzte Mal, dass hier etwas wirklich Positives passiert ist. 30 Familien waren betroffen, eine Welle von Hilfsbereitschaft ergoss sich über die Unglücklichen.“ Seitdem ist es immer nur abwärts gegangen. Er selbst ist auf HartzIV, kann sich glücklich schätzen mit den 800 Euro Aufwandsentschädigung im Monat als Bürgermeister. Und dass er den „Club“ hat. Eine kleine Einnahmequelle mehr. Während er spricht, klingelt andauernd sein Mobiltelefon. Die Medien schlagen sich um ein Interview mit ihm. Dies ist die Stunde von Ralf Theurer, einem der großen Verlierer der Wende, der für die PDS angetreten ist und der von sich sagt, dass ihm inzwischen ein dickes Fell gewachsen ist.

Auf einem Kneipentisch liegen schön zusammengelegt grüne Fußballhosen und gelbe Trikots. Vom Ex-Mathematiker eigenhändig gewaschen. An diesem Abend wird der Kreismeister Turbine ein Freundschaftsspiel gegen einen Klub aus Frankfurt bestreiten. Egal, was passiert ist.

Und die Eltern von Sabine H., was sind das für Leute gewesen? Der Vater war im Kirchenvorstand, streng religiös. Er ist schon lange tot. Die Mutter und die große Schwester haben seit 20 Jahren in dem großen Haus gelebt. Völlig zurückgezogen, aber das fiel nicht groß auf in einem demoralisierten Dorf, das so gut wie alles dreingeben musste und doch einmal ein großer Industriestandort war mit dem Kranbau Eberswalde und dem einst modernen Oder-Spree-Kraftwerk. Die letzten beiden Schornsteine wurden 1998 spektakulär für „Wetten, dass…?“ gesprengt, und sie „küssten“ sich tatsächlich, stießen also gegeneinander, wie gewettet worden war. Vielleicht noch 20 Prozent der Bevölkerung sind hier geboren und aufgewachsen. „Man kennt sich hier nicht so genau.“

Vor 21 Jahren wurde Ralf Theurer nach Brieskow-Finkenheerd abkommandiert. Erst als Ingenieur, dann als ökonomischer Leiter. Sabine H. war schon aus dem Haus, als er hierher kam. Sie hatte einen Mann geheiratet, dem nachgesagt wird, bei der Stasi gewesen zu sein. Das soll zum Bruch in der Familie geführt haben. 1984, mit 18, kriegt sie das erste Kind, eine Tochter, 1986 einen Sohn, ein Jahr später noch einen Sohn. Mehr wusste man in ihrem Geburtsort von ihr nicht.

Jetzt können die Brieskower im Fernsehen sehen, was dann geschah. Eine Pressekonferenz im Polizeipräsidium Frankfurt, abgehalten von der Staatsanwaltschaft, gibt den Stand der Ermittlungen wieder.

1988 also soll das Töten angefangen haben. Sabine H. habe die Kinder alleine zur Welt gebracht, dass sie schwanger war, habe niemand gewusst. Wenn die Wehen einsetzten, betrank sie sich, nur so konnte sie das Undenkbare tun. Erst als es vorbei war, als die Kinder mit einer Decke erstickt – bei den ersten beiden Säuglingen erinnert sie sich daran, wie sie sie getötet hat – und in den Blumenkästen verscharrt waren, sei sie wieder zu sich gekommen.

Nach und nach habe sie die Behältnisse mit den Kinderleichen, Blumentöpfe zumeist, nach Brieskow-Finkenheerd transportiert. Im Dorf denkt man sich das so: Sie sei mit dem Zug gekommen. Am Haltepunkt Finkenheerd ausgestiegen, von dort aus die 150 Meter am Gleis entlang gegangen und habe von hinten das Grundstück betreten. Ihre grausige Fracht legte sie in einem Schuppen ab. Jahre hat dort niemand aufgeräumt, bis zum Sonntag. Ein Verwandter wollte endlich mal anfangen und leerte ein Aquarium aus, das voller Sand war. Sein Notruf ging um 13 Uhr 41 bei der Polizei Frankfurt (Oder) ein. 16 Beamte kamen, sie durchsuchten das Gelände und entdeckten die Skelette. Sabine H. wurde verhaftet. Sabine H.’s Mutter kam ins Krankenhaus. Die Schwester sei im Haus mit den roten Geranien geblieben. Von ihr wurden die Behältnisse als eindeutig ihrer Schwester Sabine H. gehörend identifiziert.

Die Staatsanwältin sagt, Sabine H. habe den Eindruck gemacht, dass sie nun erleichtert sei. Der Mann, von dem sie seit einem Jahr geschieden ist, soll niemals etwas von ihren Schwangerschaften gemerkt haben. Die Staatsanwältin sagt: „Niemand hat von den neun Schwangerschaften der Beschuldigten etwas bemerkt.“

Sabine H. habe nie einen Arzt aufgesucht, keine Behörde, kein Gesundheits- oder Sozialamt. In der Vernehmung habe sie gesagt, dass sie sich – „zu gegebener Zeit“, sagt die Staatsanwältin – auf den Balkon setzte, weil sie wusste, sie ist dann in der Nähe ihrer Kinder. Auf dem Balkon standen die Blumentöpfe.

An die Art und Weise der Tötung der sieben anderen Säuglinge konnte sie sich nicht mehr erinnern. Das erste Kind sei in Frankfurt zur Welt gekommen, das zweite in Goslar.

Und dann sagt die Staatsanwältin noch einen Satz: „Sie hatte sich gewünscht, dass ihr Mann sie einmal nach den Schwangerschaften befragt.“ Er wurde inzwischen von der Polizei vernommen. Er bestätigte, nichts davon gewusst zu haben, dass seine Frau Kinder erwartete.

Vor der Tötung der neun Neugeborenen hatte Sabine H. schon drei Kinder zur Welt gebracht. „Sie nahmen nach unseren Recherchen einen guten Entwicklungsweg“, sagt Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU). „Alle sind selbstständig und kommen ohne staatliche Hilfeleistungen aus.“ Die beiden Töchter sollen noch in Frankfurt beim Vater leben, der Sohn im Westen Deutschlands.

Nach der Trennung lebte Sabine H. mit unterschiedlichen Männern in verschiedenen Wohnungen in Frankfurt und in Eisenhüttenstadt zusammen. Mit ihrem jetzigen Lebensgefährten Bernd B. soll sie sich nach Auskunft von Nachbarn manchmal heftig gestritten haben. „Am 21. Juni war die Ruhestörung so stark, dass eine Streife den Streit schlichten musste“, erinnert sich Kripo- Chef Bernd Halle. „Bei der Besichtigung der Wohnung stellten unsere Beamten ein Kleinkind in einem verwahrlosten Zustand fest.“ Das Jugendamt schritt ein und übergab das eineinhalbjährige Mädchen der Großmutter. Sabine H. und ihr Lebensgefährte hatten getrunken. Auch jetzt lebt die kleine Elisabeth bei der Großmutter.

Sabine H. ist Zahnarzthelferin, sie arbeitete aber nur kurz in ihrem Beruf. Nach der Wende hatte sie Gelegenheitsjobs oder ABM-Stellen. Vor ihrem Mutterschutzurlaub wegen Elisabeth arbeitete sie in einem Call-Center. „Nirgendwo gab es ein Indiz, das auf solche schrecklichen Taten deuten konnte“, sagt Oberbürgermeister Patzelt. Er wertet das „bestürzende Geschehen“ als einen immensen Schaden für seine Stadt.

Am Dienstag suchte die Polizei weiter, auf dem Grundstück in Brieskow-Finkenheerd sowie auf einem Gartengelände in Frankfurt. Eine Jauchegrube in Brieskow-Finkenheerd wurde ausgepumpt.

Möglicherweise wird gegen Sabine H. Anklage nicht nur wegen Totschlags, sondern wegen Mordes erhoben. Staatsanwältin Bargenda schloss nicht aus, dass sie ihre Taten vorsätzlich geplant habe. Ein psychologisches Gutachten soll Aufschluss über den Zustand der Beschuldigten geben. „Aber sie machte keinen verwirrten Eindruck“, sagt Bargenda. Auf die Idee, die ungewollten Kinder zur Adoption freizugeben, ist sie laut Vernehmung durchaus gekommen. Doch es sei ihr peinlich gewesen, Kinder in fremde Hände zu geben.

Mitarbeit: Tanja Buntrock

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