Zeitung Heute : „Die Unfallgefahr steigt“

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Klaus Bucher arbeitet beim Deutschen Wetterdienst in Freiburg. Der Medizinmeteorologe ermittelt die Biowettervorhersagen für Deutschland.

Herr Bucher, der April gilt als launisch. Was haben wir zu erwarten?

Im Frühjahr fallen Wetterwechsel meist sehr extrem aus. Heute noch warm und trocken, morgen kalt und feucht. Das fordert die Anpassungsfähigkeit des Körpers besonders heraus und Wetterfühlige werden stärker belastet. Wobei man betonen muss, dass gesunde Menschen eigentlich nicht wetterfühlig sind.

Welche Informationen liefert denn das Biowetter?

Wir weisen auf Wetterlagen hin, bei denen die Wahrscheinlichkeit erhöht ist, dass ein Einfluss auf bestimmte Bereiche des Organismus besteht. Dabei richten wir unsere Vorhersagen an bestimmte Personengruppen, zum Beispiel Menschen mit erhöhtem Blutdruck.

Dem Wetter kann man ja schlecht entgehen. Machen Sie den Leuten nicht Angst?

Wir äußern uns nur in der kannForm. Das heißt, wir sagen nicht: Morgen gibt es ein erhöhtes Herzinfarktrisiko. Das könnte zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Stattdessen weisen wir darauf hin, dass Herz-Kreislauf-Kranke erhöhten Belastungen ausgesetzt sein könnten. Und wir gehen dann davon aus, dass derjenige, der infarktgefährdet ist, sich entsprechend zuordnet und weiß: Aha, morgen muss ich größere Anstrengungen meiden.

Die Wissenschaftler sind noch auf der Suche nach Faktoren, die die Wetterfühligkeit verursachen. Woher wissen Sie denn so genau, welche Wetterlagen diese oder jene Beschwerden hervorrufen?

Zunächst nahm man an, dass nur ein Element des Wetters für bestimmte Reaktionen verantwortlich ist. Man hat beispielsweise die Abhängigkeit von Temperatur oder Luftdruck und Pulsfrequenz untersucht und keine Korrelationen gefunden. Dann begannen wir das Wetter als Akkordwirkung zu betrachtet. Das heißt, wir haben Wetterklassen gebildet und konnten nun statistisch gesicherte Zusammenhänge nachweisen. Zum Beispiel zwischen einem Warmfrontdurchgang und Reaktionen im Herz-Kreislauf-Bereich. Oder bei einem Wechsel vom Hoch zum Tief steigt die Unfallgefahr um zehn bis zwölf Prozent.

Gilt das nur für die Gruppe der Wetterfühligen oder für alle Menschen?

In diesem Fall sind alle betroffen. Bei einer solchen Wetterlage sind nachweislich Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit gemindert.

Wie können Betroffene mit dem Wetter besser fertig werden?

Da die Wetterfühligkeit nachweislich eine Regulationsschwäche ist, sollten sie die Anpassungsfähigkeit Ihres Körpers trainieren. Also möglichst viel raus gehen, auch wenn nicht unbedingt eitler Sonnenschein herrscht. Die Sauna ist auch ein gutes Trainingsmittel, vorausgesetzt der Arzt hat dagegen keine Einwände.

Der Deutsche Wetterdienst bietet eine telefonische Biowettervorhersage an. Für Berlin und Brandenburg unter der Rufnummer 0190-1154-65 (0,62 € pro Minute).

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