Zeitung Heute : Die Ungezähmte

Pferd striegeln, Kerze anzünden, Pizza essen – Bettina Eistel macht das ganz locker mit den Füßen. Über das erstaunliche Leben einer Frau, deren Mutter Contergan nahm.

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Von Ariane Bemmer Diese Füße hier sind beweglich und kräftig, wie die eines Vogels. Sie greifen, schieben, suchen, sie kratzen, wenn es juckt, sie sind immer im Einsatz. Jetzt gerade im Stall.

Die Zehen halten eine kleine Möhre, und als der Pferdekopf nach unten kommt, werfen sie den Zügel über den Hals, drücken das Gebissstück ins Maul. Schieben Riemen über die Ohren, verschließen Schnallen. Das Pferd kaut noch, da ist das Zaumzeug schon montiert. Hände wären nicht schneller gewesen.

Manchmal klappe das nicht so gut, manchmal könne sie schreien vor Wut, sagt Bettina Eistel, 45, lange Locken, lautes Lachen, drei Pferde, vier Katzen, ein Hund. Zur Welt gekommen ohne Arme. Ein Kind des Skandals um Contergan, das vor 50 Jahren auf den Markt kam.

Das Stalltor steht offen, die Sonne scheint herein und der Staub, den sie aus dem Pferd geputzt hat, tanzt in der Luft. Sie hat das allein gemacht: stand erst mit dem linken Bein auf dem Hocker, bürstete mit dem rechten Fuß, der in der Striegellasche steckte. Saß dann auf dem Hocker, sprühte Glanzmittel in den Schweif und kämmte. Hob den Sattel mit dem Mund auf den Pferderücken. Bettina Eistel hat Beine wie Stahl, unglaubliche Hals- und Bauchmuskeln. Seit 45 Jahren sind ihre Füße ihre Arme. Wanderungen hasst sie.

Es war Anfang der 60er Jahre, und Deutschland ein leistungsbestrebtes Wirtschaftswunderland, da erwartete Hannelore Eistel ihr zweites Kind. Sie lebte mit Mann und einer vierjährigen Tochter in Hamburg-Altona ein etwas anstrengendes Familienleben, denn das Mädchen war sehr quirlig, und sie, die Mutter, neigte zu Migräne und Schlaflosigkeit.

Zwischen dem 21. und dem 26. September 1960 nimmt sie deshalb diese Tabletten, zwei oder drei. Contergan forte, 30 Stück für 3,90 Mark, rezeptfrei im Handel erhältlich, und endlich schläft Hannelore Eistel mal eine Nacht durch.

Aber dann kribbelt es in ihren Armen, was ihr unheimlich ist. Pharmazeuten ahnen schon, dass Contergan nicht harmlos ist. Längerfristige Einnahme führe zu Nerverschädigungen, so der Verdacht.

Als das Kind von Hannelore Eistel am 7. Mai 1961 im Allgemeinen Krankenhaus St. Georg zur Welt kam, hatte es, wo sonst Arme sind, nur je ein kleines unfertiges Fingerchen. Und als die Ärzte das sahen, sind sie auseinander gerannt, den Vater zu rufen, die Mutter blieb allein im Kreißsaal zurück.

„Früher hätte man solche Kinder vergast“, auch das hörten die Eltern. Und der Großvater fragte, die frisch geborene Enkelin auf dem Arm: Habt ihr schon ein Heim für sie gefunden?

Heute unvorstellbar, wie auf die Babys, die bald Contergan-Kinder heißen sollten, reagiert wurde. Man hat sie auch in den Kindergärten und Schulen, auf der Straße nicht gern gesehen, sie abwimmeln und ihnen kein anderes als ein Leben in Abhängigkeit zugestehen wollen. Man hat ihnen Prothesen angepasst, doch die waren pressluftbetrieben, roboterhaft, sperrig. Bettina Eistel glaubt, die Prothesen sollten in erster Linie den Anderen helfen, damit die keine Verstümmelungen sehen mussten. Das erlebe sie bis heute so, sagt sie. „Von Behinderten wird ein unauffälliges und braves Auftreten verlangt.“ Dankbar sollen sie sein für die Aufmerksamkeit, die man ihnen schenkt. Nicht selbstbewusst und fordernd. Manche sind es aber trotzdem.

Sie wurde Diplom-Psychologin, hat eine halbe Stelle bei der Hansestadt Hamburg und kümmert sich in einer Beratungsstelle um Familien mit schwierigen Kindern oder Finanzsorgen. Außerdem ist sie Dressurreiterin, Medaillengewinnerin, Fernsehmoderation. „Wenn ich Arme hätte“, sagt sie, „wäre ich längst im Topmanagement.“

Oder sie wäre nie so kernig geworden. Doch so, wie es ist, ist Bettina Eistel entschlossen, nur das Positive zu sehen. Sie könne sich natürlich jeden Tag ärgern, dass sie keine Arme habe, sagt sie mit einer Stimme, die ganz tief und rauchig ist von den vielen Zigaretten, „aber was bringt das?“

Sie hat sich einen Vorrat an Sprüchen zugelegt, mit dem sie Situationen, die schmerzlich sein könnten, abwehrt. Wenn sie im Restaurant Messer und Gabel mit den Füßen hält und der Kellner sagt, das sei ja widerlich, sagt sie, dass das ja viel über seine Füße sage. Und wenn jemand ruft: du hast ja gar keine Arme, sagt sie: und du kein Benehmen.

Ab 1960 häuften sich Berichte über verkrüppelte Babys, irgendwann wurde auch der Zusammenhang mit Contergan hergestellt, doch die Firma Grünenthal aus Stolberg im Rheinland zog das Mittel mit dem wachstumshemmenden Thalidomid erst Ende November 1961 aus dem Verkehr, nachdem die „Welt am Sonntag“ in riesiger Aufmachung über die Folgen berichtet hatte. Ungefähr 5000 Kinder kamen laut Bundesverband der Geschädigten wegen Contergan ohne Arme, ohne Beine, ohne Ohren oder mit defekten Organen zur Welt. Viele starben.

Bettina Eistel sagt, sie habe eine „vergleichsweise geringe Einschränkung“.

Am 27. Mai 1968 begann ein Prozess gegen sieben Grünenthal-Verantwortliche. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung, fahrlässige und vorsätzliche Körperverletzung. Das Verfahren fand in dem Kasino einer Kohlegrube statt, weil die vielen Beteiligten jeden Gerichtssaal gesprengt hätten: Drei Staatsanwälte vertraten die Anklage, 20 Anwälte die Beschuldigten, es gab mehr als 300 Nebenkläger, doch ein Urteil gab es nicht. Nach 283 Verhandlungstagen wurde das Verfahren am 18. Dezember 1970 eingestellt. Eine individuelle Schuld sei nicht festzustellen. Für die Geschädigten wurde eine Rente organisiert, von Grünenthal und dem Staat.

Im Hamburger Raum war Vater Achim Eistel mit dabei, als die betroffenen Familien sich organisierten, doch er zog sich schnell zurück. Die Vereinsmeierei habe ihm nicht gelegen, sagt die Tochter, die sich nicht an Schuldfragen aufreiben will. „Lass’ den Kadaver liegen“, sagt sie. Sie kommt mit ihrem Geld so hin, die kleine Rente hilft ihr, den Sport zu finanzieren.

Gezäumt und gesattelt steht das eine ihrer drei Pferde in der Stallgasse, da guckt ein zweites über seine Boxentür und schnaubt. Bettina Eistel geht zu ihm hin, da legt es seine Schnauze an ihren Hals. Sie sagt: „Du bist mein Bester.“ Mit diesem Pferd hat sie 2004 bei den Paralympics in Athen zwei Mal Silber und im selben Jahr bei den Europameisterschaften in Ungarn zwei Mal Gold gewonnen.

Über das paralympische Dorf, den Wohnort der Athleten, schreibt sie in ihrer gerade erschienenen Autobiografie („Das ganze Leben umarmen“, Ehrenwirth Verlag), es sei wie in einer „Freakshow“ gewesen. So viele Menschen und jeder gehandicapt, überall Gehhilfen, Rollstühle, Krücken. Ihr Trainer, der nur durch eine schmerzende Hüfte beeinträchtigt war, sagte eines Abends: „Wenn du hier drei Tage drin bist, fällt dir jeder, der normal geht, unangenehm auf.“ Da hätten sie alle sehr gelacht, schreibt sie.

Für die Wettbewerbe hat sie weiße Reiterhosen angezogen und ein dunkelblaues Jackett. An den Füßen trug sie lange schwarze Strümpfe, keine Schuhe, denn ihre Zehen müssen in die Steigbügel greifen können. An denen wurde ein Zügelpaar befestigt. Ein zweites hielt Bettina Eistel im Mund. Dann ritt sie zur Jury. Ein kurzes Nicken, und los ging es.

In ihrer Wohnung im ersten Stock einer alten Dorfschule in Schleswig-Holstein baumeln an Türgriffen und Regalen lauter Medaillen. Durch die Fenster klettern die Katzen raus und rein, der Terrier schläft im Körbchen, vor die Wände sind bunte Stoffe gespannt, es ist überhaupt sehr bunt hier. Vom blaugelb lackierten Küchenregal über die lila-rot gestreifte Tischdecke und duftige Teelichter zum leopardengemusterten Sofa. „Ich mag Exotik“, sagt Bettina Eistel und kratzt sich mit dem Zeh an der Nase.

Die Beweglichkeit, die Kraft ihrer Füße trainiert sie, seit sie denken kann. Die Eltern haben ihr einen Keks zwischen die Zehen geklemmt, das hat sich eingebrannt in ihr Gedächtnis. Sie sollte sehen, wie sie den essen kann. Unter Ausformung zahlreicher Beulen hat sie laufen gelernt. Für die Mutter, sagt sie, sei das furchtbar gewesen, anzugucken, wie ihre Tochter mangels Armen immer direkt auf den Kopf fiel. Bettina Eistel ist ihren Eltern, zwei Psychologen, für die fordernde Erziehung dankbar. Auch der älteren Schwester verdanke sie viel von ihrem Selbstbewusstsein, sagt sie. Die hob sie auch zum ersten Mal auf ein Pony. 1967 auf einem Ferienhof. Ein Mädchen führte das Tier an der Leine und lief los, als die Kleine oben „schneller“ rief. Bettina Eistel fiel runter. Aber sie wollte gleich wieder rauf.

Es gibt einen Spruch: „Auf einem Pferd hat jeder vier gesunde Beine.“ Auf einem Pferd ist jeder ganz. Und vielleicht hat das Reiten ihr Leben gerettet, weil es sie mit Energie vollgepumpt hat, weil es sie in die seltsame Welt katapultierte, in der das Tier an erster Stelle steht. „Reiten ist die Kunst, im Gleichgewicht zu bleiben“, sagt sie. Jede Sekunde neu den Ausgleich zu finden zwischen Anspannen und Loslassen.

Sie habe nie etwas unversucht gelassen, sagt Bettina Eistel. Nie gedacht: Das kannst du ja gar nicht können. Sie musste sich eben andere Wege suchen. Hinlegen, um Hosen anzuziehen, Gummizüge statt Knöpfe, Einbauten ins Auto. Sie hat einmal Stunden damit zugebracht, sich mit den Füßen einen Stecker am Ohr zu befestigen. Sich an solche Aufgaben ranzutrauen, nennt sie Lebensqualität.

In ihrem Buch erzählt sie von ein paar Männern, mit denen sie zusammengelebt hat. Kerle, lustig, kreativ und engagiert, jedenfalls auf den ersten Blick. Später erwiesen sie sich als schwach und hilfsbedürftig. Unfähig, sich zu motivieren. Das Gegenteil von ihr. Vielleicht von ihrem Elan auch überfordert. Es sei immer wieder bemerkenswert, wie Menschen reagierten, wenn Behinderte etwas besser können als sie, sagt Bettina Eistel. Wie das nicht akzeptiert werde.

Als sie an diesem Frühlingsnachmittag ihr Pferd warmgeritten hat, fängt sie mit den Übungen an. „Das kann aber viel“, sagt eine Frau, deren Tochter Reitstunde hat, und, halb an die anderen Zuschauer gewandt: „Ist schon irre, oder?“

Irre, wie die kleine blonde Frau nur mit den Knien das Gleichgewicht hält. Irre, wie sie das Pferd in kleinsten Zirkeln galoppieren lässt, und mit dem Zügel im Mund noch „brav, brav“ brummt, wenn es etwas gut gemacht hat.

Am Vormittag in ihrer Wohnung hat immer wieder das Telefon geklingelt. Ein Pferdemädchen, das von Bettina Eistel mit zum Stall genommen werden wollte. Der Steuerberater. Jemand vom ZDF, sie soll ab Juli wieder „Menschen. Das Magazin“ moderieren. Eine Sendung über die „Aktion Mensch“, vormals „Aktion Sorgenkind“, die nach dem Contergan-Skandal gegründet wurde. Dann war eine Freundin am Apparat, danach noch ein Mann vom Verlag. „Ich will aber nicht als die jammernde Behinderte rüberkommen“, hat sie dem gesagt. Das hat sie tatsächlich für möglich gehalten.

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