Zeitung Heute : Die ungleichen Gleichen

Die Palästinenser wählen heute ein neues Parlament – Begegnungen mit Kandidaten von Fatah und Hamas

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Ein halber Schekel, das ist der Preis, den die palästinensischen Parteien für ein Wahlkampfplakat zahlen müssen – acht Cent nur. Darum ist in den Dörfern des Westjordanlandes keine Mauer mehr jungfräulich, die Häuser sind regelrecht zugepappt, Köpfe über Köpfe. In diesem Wahlkampf wurde lange Zeit mehr plakatiert als argumentiert.

Aber nun haut Fatah auf die Pauke. Auf dem Manara-Platz, dem Zentrum von Ramallah, ist die Hölle los. Der Polizist dreht durch, der Verkehr ist zusammengebrochen, weil sich hunderte Neugierige, Fernsehteams und auch ein paar potenzielle Wähler auf den Platz drängen. Aus Lautsprechern plärrt es: „Fatah, Fatah, Fatah. Wir wählen Fatah.“ Ein Halbuniformierter schießt begeistert in die Luft.

Dieser Wahlkampf ist historisch, nicht nur was die Zahl der Plakate angeht und den Krach, und er wird auf eine historische Wahl zulaufen. Zehn Jahre nach der ersten und einzigen großen Wahl bekommen die Palästinenser heute endlich ein neues Parlament. Der organisatorische Aufwand ist enorm. 1,3 Millionen Menschen werden 132 Abgeordnete aus 728 Bewerbern wählen, darunter 85 Frauen, und zwar in 1008 Wahllokalen im Gazastreifen, im Westjordanland und in Ostjerusalem. Was diese Wahl aber besonders spannend macht: Erstmals wird auch die radikal-islamische Hamas bei einer Parlamentswahl antreten. Israel stürzt das in vielerlei Ängste. Was wird aus dem Friedensprozess? Wird die Organisation, die bisher vor allem für blutige Anschläge verantwortlich war, es schaffen, sich in eine richtige Partei zu verwandeln? Klar ist: Sie wird gleich Erfolg haben. Am Montag lag die Hamas bei Umfragen schon bei 34,2 Prozent, nicht weit hinter der Fatah (42,8 Prozent), die vermutlich gewinnen wird.

Es sind diese beiden Parteien, die den Wahlkampf unter sich ausgemacht haben: Fatah und Hamas. Fatah: die regierende Partei. Die Partei von Jassir Arafat und dem aktuellen Ministerpräsidenten Mahmud Abbas. Die Partei, die für den jahrzehntelangen Kampf der Palästinenser für Unabhängigkeit steht und jetzt auch für Verhandlungen mit Israel – allerdings ebenfalls für Korruption, Vetternwirtschaft und den Machtkampf zwischen der alten Garde und jüngeren Anführern. Erst gestern hat in Nablus ein Mitglied einer Fatah-Splittergruppe einen Wahlkampfhelfer erschossen, weil der sich weigerte, ein Plakat abzunehmen. Listen-Anführer Marwan Barghuti sitzt wegen Beteiligung an Anschlägen auf Israel in Haft. Was übrigens keine Seltenheit ist in diesem Wahlkampf. Die Hamas tritt mit insgesamt 13 Häftlingen an.

Die Hamas also, großer Gegenspieler … In den späten 80er Jahren gegründet, von den USA und der EU als terroristische Organisation eingestuft, fast 60 Selbstmordattentate gingen während der letzten Jahre auf ihr Konto. Erklärtes Ziel ist die Zerstörung Israels, allerdings schließt sie indirekte Gespräche mit Israel seit Montag nicht mehr aus. Andererseits – und das macht ihren enormen Einfluss innerhalb der palästinensischen Gesellschaft aus – hat sie auch ein umfangreiches Sozialsystem aufgebaut, das verarmte Palästinenser unterstützt. Wegen ihrer religiösen Ausrichtung gilt sie außerdem als gefeit gegen Korruption.

Kandidaten der Fatah-Liste zu treffen, ist einfach. Doktor Nama Awad, Ende 50, eigentlich Zahnärztin und Kettenraucherin, im Wahlkampf aber chancenlose Landeslisten-Kandidatin Nummer 38, beackert den Distrikt Ramallah. Meistens spricht sie vor Frauen-Versammlungen. Vor zwei Tagen war sie in Bir Zeit, Silwad und Butrus, gestern im Flüchtlingslager Al-Amari. An diesem Tag hat Nama Awad ihren Auftritt im Saal des Gemeindehauses in ihrem Heimatdorf Dir Quadis, das sie vor Jahrzehnten verlassen hatte. Lange Jahre ihres Lebens war sie im Exil, zuletzt in Islamabad, Pakistan: „Von dort weiß ich, was Hamas aus Palästina, vor allem aus den palästinensischen Frauen, machen würde, wenn sie an die Macht käme. Ich fürchte mich davor.“

Auf die Frage, warum man Fatah wählen sollte, antwortet sie: „Weil unsere Geschichte uns Recht gibt. Wir haben die Revolution gemacht. Wir haben für den Frieden gekämpft. Wir schlossen das Oslo-Abkommen mit Israel. Wir haben Ministerien aufgebaut, Pass und Identitätskarte eingeführt. Und wir haben ein Frauenministerium geschaffen!“ Nama Awad, modern gekleidet im Hosenanzug, gerät richtig ins Schwärmen, wenn von Fatah und den Frauen die Rede ist. Schon Arafat habe gefordert, dass 20 Prozent der Listenplätze für Frauen reserviert sein müssen. Jetzt, für diese Wahl, wird die Quote erstmals auch angewandt.

Dir Quadis liegt gottverlassen am Rande der palästinensischen Gebiete, nahe der Mauer, der israelischen Sperranlage, zwischen kargen Felsen, Äckern und Olivenbäumen. Grüne Hamas-Flaggen flattern nicht nur auf Moscheen. Nama Awad spricht, antwortet auf Fragen. Allerdings gesteht sie irgendwann auch ein, dass die Wahlprogramme von Fatah und Hamas sich sehr ähneln – dass sie letztlich austauschbar sind. Awad sagt: „Die wahre Differenz zwischen Hamas und Fatah besteht darin, dass wir Politik betreiben, sie Religion predigen. Ich bin für Trennung: Religion für Allah, Politik fürs Volk.“

Nama Awad ist nicht die Hauptrednerin vor den 120 Dörflerinnen, die alle Kopftuch tragen. Das ist Rabicha Ziab, eine hagere Frau mit dunklem Gesicht. Sie ist eine von mehreren Ministerinnen der Fatah, zuständig für Jugend und Sport. Im Westjordanland führt sie die Wahllisten an, auf der Landesliste ist sie Nummer zehn. Mit zwölf saß sie erstmals in israelischer Haft. „Einmal wurde ich 112 Tage verhört, ohne dass ich einen Namen genannt habe“, sagt sie stolz. Ob man mit der Hamas nach den Wahlen eine Koalition eingehen könne? Ja, aber nur, wenn sie mit dem Vertrag von Oslo einverstanden sei. Ganz Palästina mit Gewalt zu erobern – „das ist schlicht unrealistisch“. Zum Schluss singen alle „Ich bin die Tochter von Fatah. Ich wähle Fatah. Fatah kämpft gegen die Panzer, für unser Recht. Jede ist eine Soldatin von Fatah.“

Auch auf der Hamas-Liste stehen Frauen. Nur gestaltet sich das Treffen schwieriger. Die Kandidatin, mit der ein Gespräch vereinbart war, Mariam Zahleh, Dozentin für islamisches Recht, sei irgendwo in den Dörfern unterwegs und könne derzeit leider nicht erreicht werden, heißt es plötzlich. Die 13 Hamas-Kandidatinnen dürfen offenbar keine Medienkontakte mehr haben. Nun steht Mahmud Ramahe zur Verfügung, eigentlich Anästhesist, im Wahlkampf aber Landeslisten-Kandidat Nummer acht der Hamas. Vor wenigen Tagen ist er abgezogen worden, um „Hamas der Welt zu erklären“ und die Islamisten in den Fernsehduellen zu vertreten.

Das Treffen findet in Ramallahs derzeit kuriosestem Haus statt: im Ramune-Haus im Zentrum, in dem fast alle Parteien ihre Zentrale eingerichtet haben. Der Fahrstuhl fährt zwar automatisch zur Hamas in den vierten Stock, aber zwei Stockwerke darunter hat sich die Fatah eingerichtet – in allergrößter Harmonie, während draußen die Schlacht tobt.

Im Gespräch wird Mahmud Ramahe sich später geschmeidig um die Frauenrechtefrage herumwinden, aber ausgerechnet vor seinem Büro sitzt die einzige vollverschleierte Frau, die im Ramallah-Politzirkus dieser Tage zu sehen ist. Ganz in Weiß, hochgewachsen, sehr aufrecht und selbstbewusst vor einem Computer – auf den sie aus einem winzigen Schlitz für die Augen guckt.

Warum man Hamas wählen soll? „Weil die Leute seit langen Jahren gute Erfahrungen mit uns gemacht haben im Erziehungswesen, auf dem sozialen Sektor“, sagt Ramahe, der um die 50 ist, eine gepflegte Erscheinung, wortgewandt, in Italien ausgebildet. „Weil wir saubere Hände haben. Wir haben gut ausgebildete Leute an der Spitze: Akademiker, Spezialisten auf allen Gebieten.“ Tatsächlich stehen für die Hamas besonders viele Akademiker auf den Listen. Auch er sagt: Die Programme von Fatah und Hamas seien fast gleich. „Der Unterschied sind die Personen.“

Mahmud Ramahe wiederholt gerne, was der Hamas-Gründer Scheich Ahmed Yassin 1988, 1997 und zuletzt 2002 gefordert habe. „Ein palästinensischer Staat in den seit 1967 besetzten Gebieten. Jerusalem als Hauptstadt. Zerstörung der jüdischen Siedlungen. Freilassung aller Häftlinge. Rückkehrrecht für alle Flüchtlinge.“ Ob die Hamas denn auch zum Frieden mit Israel bereit sei, als Gegenleistung? Mahmud Ramahe sagt: „Wir sind zu zwei Staaten bereit, also Palästina neben Israel. Aber nur im Rahmen eines lang anhaltenden Waffenstillstands – nicht für Frieden!“ Würden diese Bedingungen erfüllt, so könne Hamas den Krieg gegen Israel stoppen. Letztlich aber müssten alle Gebiete, die Israel seit 1967 und 1948 „besetzt“ hält, befreit werden.

Für den heutigen Wahltag gilt in Israel übrigens eine erhöhte Alarmstufe. Der israelische Geheimdienst hat Hinweise darauf, das die radikale Gruppe Islamischer Dschihad Anschläge plant.

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