Zeitung Heute : Die Uni sieht doppelt

Doppelte Abitur-Jahrgänge in Berlin und Brandenburg: Die HU ist auf einen möglichen Ansturm vorbereitet.

Ein Platz zum Lernen und Leben. Abiturienten des aktuellen Doppeljahrgangs berät die HU in diesem Frühjahr mit einem speziellen Angebot. Der Titel der Veranstaltungsreihe: „Don’t Panic!“. Foto: Matthias Heyde
Ein Platz zum Lernen und Leben. Abiturienten des aktuellen Doppeljahrgangs berät die HU in diesem Frühjahr mit einem speziellen...Foto: alle Rechte

Anna lernt. Umgeben von Büchern sitzt sie mit ihrem Laptop in einer Fensternische des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität. „Die Bibliothek ist überfüllt“, begründet die 20-jährige Jura-Studentin ihre Platzwahl. „Klar, jetzt sind ja auch Prüfungen“, ergänzt ihr Kommilitone Oliver. Auf den Gängen der Uni ist Ende März wenig los, aber während des Semesters findet man hier kaum ein ruhiges Eckchen. Und wenn demnächst die doppelten Abiturjahrgänge in Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg die Schulen verlassen, sind die Hochschulen bundesweit auf einen möglichen Bewerberrekord vorbereitet.

Muss auch die Humboldt-Uni mit einem großen Ansturm rechnen? Steffan Baron, Leiter der Studienabteilung, bleibt gelassen: Schon seit der Bildungsexpansion der 1960er Jahre sei die Rede vom „Studentenberg“, den es abzutragen gelte. Im vergangenen Jahr sei angesichts der Abschaffung der Wehrpflicht und der ersten Doppeljahrgänge in Bayern und Niedersachsen nahezu Panik aufgekommen.

Doch abgesehen von einigen Fachhochschulen sei von echter Überfüllung nichts zu spüren gewesen, sagt Baron. „Teilweise gingen die Zahlen sogar zurück.“ Er glaube auch nicht, dass die Situation dieses Jahr dramatischer werde: „Ich denke, das wird sich über die Republik verteilen.“ Dementsprechend sieht Baron die Chance, einen Studienplatz an der HU zu bekommen, eher positiv. Allerdings gilt an der Hochschule – wie an allen Berliner Unis – ein nahezu flächendeckender Numerus Clausus. In den meisten Fächern muss man einen sehr guten bis guten Notenschnitt mitbringen.

Gleichwohl ist die Humboldt-Uni für steigende Bewerberzahlen gewappnet. Im Fall einer Überlast hat die HU den Fakultäten Mittel aus dem Hochschulpakt 2020 in Aussicht gestellt, erklärt Baron. Durch das zusätzliche Lehrpersonal, das dadurch finanziert werden kann, könnten insgesamt 700 Plätze mehr für Studienanfänger zur Verfügung gestellt werden – zusätzlich zu den 3200 Plätzen für Bachelor-Erstsemestler. „Wir haben im vergangenen Sommer mit den Fakultäten verhandelt und geschaut, wo man neue Plätze aufbauen kann“, sagt Baron. Vor allem besonders nachgefragte Studienfächer könnten befristet mehr Personal bekommen, um mehr Studenten zu betreuen: Dazu zählen unter anderem BWL, VWL, Sozialwissenschaften, Geschichte, Englisch, Kulturwissenschaft und germanistische Studiengänge.

Es werde allerdings nicht überall gelingen, zusätzliche Plätze aufzubauen. So ist etwa auch die Psychologie stark nachgefragt. Im Schnitt kommen hier rund 3500 Bewerbungen auf 90 Studienanfängerplätze. Aber da Psychologie kein typisches „Massenfach“ mit vielen großen Vorlesungen ist, sondern häufig in kleineren Gruppen gearbeitet wird, müsse die HU hier auf einen Aufbau verzichten.

Unter den Studierenden glauben viele, dass es im Wintersemester noch voller wird in Hörsälen und Bibliotheken. Herrscht Angst vor chaotischen Zuständen? Nein, sagt Sarah, eine 20-jährige Studentin der Sozialwissenschaften. „Die Uni ist so riesig, da werden ein paar hundert Studierende mehr kaum auffallen.“ Derzeit sind 30 241 Studenten an der HU eingeschrieben.

Die Studienberatung der Universität hat denn auch das Motto „Don’t Panic!“ ausgerufen. So lautet der übergeordnete Titel einer Veranstaltungsreihe für Studienbewerber, die Ende April beginnt. Die Angebote konzentrieren sich auf alle Stationen zwischen Schule und Uni – von der Wahl der Hochschule über die Suche nach dem richtigen Studienfach bis zur Bewerbung. Die zehnteilige Veranstaltungsreihe wurde eigens mit Hinblick auf die doppelten Abiturjahrgänge angesetzt. Nicht nur, um das Informationsbedürfnis potenzieller Bewerber zu stillen, sondern auch, um ein Zeichen der Beruhigung zu setzen.

Hat man erst einmal einen Studienplatz ergattert, kommen jedoch ganz andere Fragen: Wie erstelle ich einen Stundenplan? Wo fährt der Bus? Wo kann man Sport machen? Wie funktioniert Moodle, die Online-Lernplattform der Universität? Hilfe bei so handfesten Problemen können die „Compass-Tutoren“ geben. Die fünf Tutoren – einer pro Fachbereich – sind selbst erfahrene Studenten und werden die Neustudenten über das ganze erste Semester begleiten, unter anderem mit Campus-Führungen, Veranstaltungen und Sprechstunden.

Solche Erstsemester-Tutorien gab es bundesweit bislang nur an der Uni Bochum. „In Berlin ist es das erste Projekt, das explizit auf Betreuung wert legt, nicht auf reine Information“, sagt Jochen O. Ley, Leiter des Studierenden-Service-Centers. Auch Studierende schätzen die Beratung von Kommilitone zu Kommilitone: „Am wichtigsten waren für mich am Anfang die Kennenlern-Treffen der Fachschaftsräte, da habe ich eigentlich die wichtigsten Infos bekommen“, sagt Anna, für die jetzt das zweite Semester beginnt. Die Tutorien sind Teil des HU-Projekts „Übergänge“, das Schülern und Studienanfängern den Weg in die Universität erleichtern soll. Das Programm, das durch den Hochschulpakt 2020 mit 13 Millionen Euro bis 2016 gefördert wird, beinhaltet auch den Ausbau der schulischen Kooperationen.

Die Doppel-Jahrgänge bringen auch mit sich, dass etliche der künftigen Erstsemestler bei Studieneintritt noch minderjährig sein werden. Das Problem werde allerdings überschätzt, meint Baron. „Eine Berufsausbildung beginnt man ja auch bevor man 18 ist.“ Dennoch: Wenn studienrelevante Formulare von den Eltern unterzeichnet werden müssen, erhöht das den Aufwand für alle Beteiligten. Ein weiteres Problem ist die Wohnungssuche. Die gestaltet sich bereits für Volljährige nicht einfach: „Ich muss bei jeder Bewerbung eine Schufa- Auskunft und eine Einkommensbestätigung der Eltern vorweisen“, sagt Anna. Den Studierenden werde einfach nicht vertraut. Zurzeit wohnt die Jurastudentin in Charlottenburg. Das dürfte aber eher die Ausnahme sein, denn viele müssen auf Randbezirke ausweichen: „Ich komme jeden Tag aus Spandau“, sagt Oliver, „eine preiswerte Wohnung im Zentrum wäre echt schön.“

Studentische Wohnheimplätze sind schon jetzt knapp: Von 9693 Plätzen in 36 Wohnheimen waren Anfang März gerade einmal acht frei. Kein Grund zur Verunsicherung, meint Jürgen Morgenstern, Sprecher des Studentenwerks Berlin. Im Herbst 2011 etwa seien 2026 neue Plätze vergeben worden. Wer sich für das kommende Wintersemester bewirbt, habe also realistische Chancen, vorausgesetzt, „dass man die Unterlagen rechtzeitig zusammen hat und nicht nur Plätze in speziellen Lagen erwartet“, betont Morgenstern. Auch auf die Doppel-Jahrgänge habe das Studentenwerk reagiert: „Seit Juli 2011 ist es ausschließlich online möglich, sich um einen Wohnheimplatz zu bewerben. Damit sind Doppel- oder Fehlbewerbungen ausgeschlossen.“

Nicht nur bei der Wohnungssuche, sondern auch bei vielen anderen Fragen lohnt sich zudem ein Gang in das Studierenden-Service-Center (SSC) im Hauptgebäude der HU, das im April 2011 eröffnet wurde und mittlerweile fast alle Beratungsstellen – etwa das Career Center oder die Bafög-Beratung des Studentenwerks – an einem zentralen Ort vereint.

Wo man einst in langen Schlangen stehen musste, kann man nun eine Nummer ziehen. „Wenn man früher Pech hatte, stand man vor der falschen Tür und bekam gesagt: Da müssen sie zu einem anderen Schalter, der macht aber in zehn Minuten zu“, erinnert sich Jochen O. Ley. „Das mit dem Nummern-Ziehen ist wirklich gut“, findet auch Studentin Sarah, weist aber auch auf eine andere, unverzichtbare Form der „Beratung“ hin: „Viele wichtige Infos bekommt man oft durch Mundpropaganda – wir beraten uns quasi selber.“

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