Zeitung Heute : Die Universität und die Stadt: Der feine Unterschied: zu Berlin und in Berlin

Laurenz Demps

Die Humboldt-Universität Unter den Linden, die frühere Friedrich-Wilhelms-Universität, führt in ihrem Namen den Zusatz "zu Berlin." Man hat sich daran gewöhnt und findet es in gewisser Weise sympathisch altmodisch. Der Begriff wird heute kaum noch hinterfragt; der Ursprung liegt irgendwo im Dunkeln und hat wohl etwas mit heute "verstaubten" akademischen Traditionen zu tun.

Immerhin gibt es eine Reihe von Einrichtungen in der Nähe der Universität, die ebenfalls diesen Zusatz tragen: so die "Staatlichen Museen zu Berlin", die "Staatsoper zu Berlin" oder die "Staatsbibliothek zu Berlin". Nun kann man denken, dass dies wohl irgendwie mit der Wissenschaft zu tun hatte und hat. Der heute harmlos freundlich klingende Zusatz hat aber einen ganz anderen Ursprung, der in der Auseinandersetzung zwischen der Stadt und dem Hof zu Berlin stand.

In einem langsamen Emanzipationsprozess haben sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die Stadt, und hier insbesondere die bürgerlichen Kräfte, vom Hof getrennt. Einer der Höhepunkte stellte die Städteordnung von 1808 dar, die den Städten in Preußen eine begrenzte Selbstständigkeit brachte. Sie war vom Staat verordnet worden, um nach der Niederlage des Alt-preußischen Staates bei Jena und Auerstädt im Jahre 1806 inneren Auseinandersetzungen den Boden zu entziehen. Während in fast allen Städten des Königreichs Preußen diese neuen Freiheiten mehr oder weniger freundlich bis begeistert begrüßt wurden, hatte man in Berlin damit seine Sorgen, denn im Gegensatz zu den anderen Städten saß in Berlin der Hof, und die Stadt war Teil der Residenzlandschaft geworden.

Was bringt das Neue an Unbequemem? Aber auch der Hof hatte seine Sorgen mit Berlin, denn das Schloss lag inmitten dieser Stadt. Der König und der Hof konnten, wollten und durften nicht Teil der Stadt werden, denn sie gehörten einer übergeordneten Instanz an. Also schuf man innerhalb der Stadt einen Gutsbezirk mit unsichtbaren, rechtlichen Grenzen. Den Bezirk konnte jeder betreten und verlassen. Es gab keine Kontrollen, nur unterschiedliche Rechtsverhältnisse in der Stadt und im Schlossbezirk. Dieser bestand im Übrigen bis zum Oktober 1920, bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Gesetz über die neue Stadtgemeinde Berlin in Kraft trat.

Um die unterschiedlichen Rechtsbezirke von einander zu trennen, erhielten alle Einrichtungen des Gutsbezirks den Zusatz "zu Berlin", während alle kommunalen Besitzstände "in Berlin" lagen. Im Alltag hatte das wenig Bedeutung, wies aber auf die feinen Unterschiede zwischen Stadt und Regierung hin. Als 1920 diese Festlegungen fielen, behielt man diese Unterschiede in der Namensgebung aber bei. Bei einem Teil der Bevölkerung, um auf die monarchistische Tradition hinzuweisen, bei den anderen, dem größten Teil der Bevölkerung aber, um zu zeigen, dass das, was einst die Residenz ausgemacht hatte und drückend auf der Kommune lag, nun überwunden war.

Universität als Teil der Stadt

Im Bewusstsein der Öffentlichkeit war die Universität aber immer Teil der Stadt und mit ihr durch Tausende von Fasern verbunden. Wer sich das Vergnügen macht und um das Gelände der Universität streift, wird nicht nur die Staatlichen Museen und andere Stätten der Hochkultur finden, die das Ziel in- und ausländischer Touristen sind und waren, sondern eben diese "Fasern", mit denen die Stadt und die Universität vereinigt waren und sind. Zu verweisen ist auf die Charité, die Medizinische Fakultät der Universität.

Um nur auf einen Teil einzugehen: Als Geburthilfliche Klinik unterhielt die Charité ein eigenes Standesamt, das im Vergleich zu anderen Standesämtern eines der größten in Berlin war, denn viele Tausende Berliner erblickten und erblicken hier das "Licht der Welt". In der Ziegelstraße befinden sich die Gebäude, die einst der Chirurgie und der Augenheilkunde dienten. Neben der Ausbildung der Studenten war die medizinische Behandlung der Bevölkerung Berlins entscheidender Bestandteil der Tätigkeit. Hier gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die erste Poliklinik Preußens und Deutschlands, die auf eine Verkürzung der Behandlungszeit der Patienten zielte.

Erinnert sei an die öffentlichen Vorlesungen, die, von namhaften Professoren abgehalten, sonntags ein interessiertes Publikum in Menge anzog. Der erste, der diese Vorlesungen hielt, war kein geringerer als Alexander von Humboldt, dessen berühmte "Kosmos-Vorlesungen" entscheidend auf das Verständnis wissenschaftlicher Fragen in der Stadt wirkten. Erinnert sei an die zahlreichen Sammlungen und Museen, die zur Universität gehören und gehörten. An der Spitze das Museum für Naturkunde, dessen Besuch einst Pflicht im Biologieunterricht aller Berliner Schulen war.

Stellvertretend für das Engagement der Professoren der Berliner Universität für die Stadt sei auf Rudolf Virchow hingewiesen, der als Stadtverordneter im Stadtparlament entscheidend in die hygienische Modernisierung der Stadt eingriff und dem die Stadt u.a. die Kanalisation verdankt, deren Bau er im Verein mit anderen durchsetzen konnte.

Zwar war das Verhältnis Stadt und Universität nicht immer ungetrübt, und es gab auch komplizierte Auseinandersetzungen, aber das Beiwort "zu Berlin" hat zu keiner Zeit die Abgrenzung zwischen beiden befördert, sondern wurde eher als eine Arabeske verstanden. Auch gegenwärtig ist dies nicht anders und trotz aller Auseinandersetzungen, es muss und wird immer ein Weg gefunden, der die Verhältnisse beider Institutionen in das richtige Lot zu bringen hat.

Ein Studiengang für die Region

Gegenwärtig wird langsam wieder begriffen, was alte Berliner Eigenart ist: Berlins Herz und Verstand schlägt in einem anderen Takt als die Bundesrepublik. Hier gelten - schon wegen der Größe der Stadt - andere Regeln. Berlin ist gerade wieder auf dem Wege, die unterbrochene Tradition als Ort der Innovation wieder zu gewinnen. Auch die Universität ist Teil dieses Vorgangs. Zu den Schritten, in denen sich die Humboldt-Universität als Dienstleister für die Stadt versteht, gehört der Beschluss des Akademischen Senats der Humboldt-Universität zu Berlin über die Einrichtung eines Ergänzungsstudiengangs zur "Berlin-Brandenburgischen Kulturgeschichte". Er soll der Weiterbildung von Architekten, Garten- und Grünflächenplanern, Ingenieuren, Historikern, Archivaren, Bau- und Kunsthistorikern dienen, die in Berlin tätig sind, aber mit der konkreten Überlieferung nicht vertraut sind.

Die Einrichtung des Studiengangs verfolgt drei Ziele: Zunächst soll im Vergleich zu anderen Bundesländern, wie beispielsweise den Freistaaten Sachsen und Bayern, die kulturgeschichtliche Eigenart und Besonderheit des Berlin-Brandenburgischen Raumes als Teil des ehemaligen Landes Preußen in das öffentliche Bewusstsein gebracht werden. Zudem wird den im öffentlichen Dienst oder freiberuflich tätigen Fachdisziplinen, die mit dem Kulturgut dieser Region verantwortlich umzugehen haben, ein Grundlagenwissen vermittelt. Und schließlich soll der Studiengang einerseits Studierenden der Berliner Universitäten Anregungen zur anwendungsbezogenen Kulturlandschaftsforschung geben. Anderseits kann er zur Erhaltung der überkommenen Elemente der Kulturlandschaft beitragen. Mit den Zielen verbindet sich die Hoffnung, dass sich Berlin-Brandenburg im Konkurrenzverhalten der deutschen und europäischen Regionen untereinander stärker als bisher mit seinem kulturgeschichtlichen Erbe profilieren kann.

Der Studiengang sollte neben den oben genannten Berufsgruppen für arbeitslose Absolventen der Fachdisziplinen wie auch ganz allgemein Studenten der Berliner Universitäten offen sein. Es ist zu überlegen, ob zusätzlich zur Semesterplanung eine Reihe öffentlicher Abendvorträge, die auch den interessierten Bürgern zugänglich sind, angeboten werden soll. Mit derartigen Vorträgen könnten Sachbereiche behandelt werden, die innerhalb der Semesterplanung nicht untergebracht werden können. Zertifikate über den Besuch des Gesamtlehrgangs bzw. einzelner Teile werden erteilt, und es ist vorgesehen, für die Teilnehmer, die alle Kurse besuchen, Abschlussprüfungen vorzunehmen. Auf Grund der bestandenen Abschlussprüfung wird der Hochschulgrad "Master of Art" verliehen.

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